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Nr. 94.

Montag. 23. April 1923.

71. Jahrgang.

Die -ritte Devisenordnung..

Das deutsche Wirtschaftsleben wird in den nächsten Tagen wieder cknmal unter den Druck einer neuen Devisenordnung gesetzt. Die Bestimmungen erfolgen durch einen Erlaß des Reichspräsidenten. Sie Haben den Zweck, der Stützungsaktion der Reichsbank einen stärkeren Rückhalt zu geben. Da man aus dem Wege zur Stabilisierung der Mark bisher mit den rein währungstechnifchen Mitteln der Reichsbank nicht durchgedrungen ist, soll die deutsche Handelsbilanz — leider sehr verspätet — durch Beschränkungen der Ein­fuhr beeinflußt werden. Das Kabinett Cuno ist zu der Überzeugung gekommen, daß auf diesem Gebiet eine ganze Reihe von Maßnahmen ohne Schädigung der Wirtschaft durchgesührt werden können. Es soll alles getan werden, um die passive Handelsbilanz zu ver­mindern, und zwar nicht nur negativ durch Beschrän­kung der Einfuhr, sondern auch positiv durch Verstär­kung der industriellen und landwirtschaftlichen Pro­duktion.

Im Rahmen der neuen Devisenoerordnung lassen sich allerdings zunächst nur finanztechnische Maßnahmen versuchen. Beschlossen wurde die Anzeigepflicht für den Besitz von Devisen. In Erwägung gezogen wurden schärfere Sperrmaßnahmen gegen Lombardierung von Devisen oder auch Effekten, was dem Devisenmarkt sicher wieder etwas Luft verschaffen würde. Die be­stehenden Reichsbankkredite müssen nachgeprüft und eingeschränkt werden. Dabei will aber die Regierung eine gewisse Vorsicht walten lasten. Denn es ist klar, daß die jetzigen Verhältniste in manchen Füllen, be­sonders in der Ruhrindustrie, dazu zwingen, weit­herziger Kredit zu gewähren, als es unter anderen Verhältnissen notwendig wäre. Der Kredit auf Effekten soll also nicht mehr erschwert werden, da er zum Teil Aufgaben erfüllt, die sonst nur unter Zuhilfenahme der Notenpresse geleistet werden könnten. Allerdings liegen zahlreiche Klagen vor, daß die gerade nach dem Ruhrgebiet und nach dem Rheinland gegebenen um­fangreichen Kredite zur Hinterlegung von Devisen­beständen benutzt worden seien. Diesen Klagen wird nachgeyangen. Die Mißstände sollen nach Möglichkeit abgestellt werden. Der Apparat der Kreditgewährung ist aber so verwickelt, daß neue Riesenbehörden not­wendig wären, um ihn in allen Verzweigungen zu überwachen. Das ist natürlich nicht möglich.

Wie steht es aber mit der von verschiedenen Seiten gewünschten Zentralisierung des Dovisenhandels? Reichswirtschaftsminister Dr. Becker hat im Reichstag auf die schlechten Erfahrungen htngewiesen, die man in Deutschland während des Krieges sowie in Österreich und in der Tschechoslowakei ngch dem Krieg mit den Devisenzentralen gemacht hat. Dieser Hinweis war ganz gewiß berechtigt. Man hat z. 23. in Österreich eine Devisenzentrale eingerichtet, ohne die Devisen zu besitzen, um bei starken Bedarf der Wirtschaft vorüber­gehend größere Beträge von fremden Wechseln auf den Markt zu werfen. Im reichsdeutschen Falle ist aber doch gerade für die Schaffung eines großen Devisen­fonds vorgearbeitet worden. Nämlich durch die Dollaranleihe. Durch sie sollte die Reichsbank in die Möglichkeit versetzt sein, eine Zentralisierung des Devi,enverkehrs durchzuführen. So groß war doch das

Vor einem neuen deutschen Angebot? I

Berlin, 22. April. Wie wir hören, betrachtet die Reichsregierung die Rede Lord Curzons als eine wichtige politische Tatsache, die die bisherige Situation nicht unwesentlich beeinflusse. Die Reichsregierung ist in Erwägungen darüber ein- getreten, welche Folgerungen sich hieraus ergeben.

Berlin, 22. April. Rach der „Evening News" hat die englische Regierung abermals durch den deutschen Botschafter in London sowohl wie durch den englischen Botschafter in Berlin der deutschen Regierung dringend den Rat erteilen lassen, daß sie sich zur Erfüllung der Reparationen bereit erklären soll, wobei sie jedoch die Versicherung unbe dingt auch durch Garantien decken müsse. Man habe Grund zu der Annahme, daß Deutschland diesem Rat bereits in den nächsten Tagen folgen werde.

Man glaube in gutunterrichteten englischen Kreisen, daß Lord Eurzon den Zeitpunkt für seine Rede wühlte mit Rücksicht auf gewisse diplomatische Schritte, die von seiten der englischen Regierung im Gange sind und als deren. Ergebnis erwartet wird, daß Deutschland mit einem neuen Angebot an die Alliierten herantreten werde.

Im Berliner „V. T." tritt eine Persönlichkeit in hoher amtlicher Stellung in einem Aufsatz „Richtiger Ausgangspunkt" für den Curzonschen Vorschlag ein, die deutsche Reparationsleistung durch eine internatio­nale Kommission festsetzen zu lasten. Die unbedingte Voraussetzung ftir jede Reparationsleistung sei jedoch die Garantie für eine ungestörte Arbeitder deutschen Industrie, da nur so der Dienst der von Deutschland aufzunehmenden internationalen An­leihe aufrechterhalten werden könnte. Überhaupt ist die Anleihefrage jener Punkt, von dem aus die Dauerlofang der Reparationsfrage orientiert werden kann.

Strefemanus Antwort an Lord Cnrzon.

Berlin, 22. April. Auf einer von der Deutschen Volkspartei veranstalteten Kundgebung hielt Abg. Dr. Stresemann eine Rede, in der er u. a. sagte, die r-, 0 ** 1 ^urzonsche Rede im englischen Oberhaus schaffe eine neue politische Sachlage, die auch von der deutschen Regierung entsprechend gewertet werde. Über die Frage der deutschen Repara- tronsanleihe werde man sich verständigen können mit Deutschland. Unser Leben und Sterben hängt nicht davon ab, ob wir eine Gold mark mehr oder weni­ger bezahlen, davon aber, daß Rhein und Ruhr deutsch bleiben, hängt unser Leben und Sterben ab. Uber die Höhe und Modalitäten der deutschen Zahlun­gen werde man sich mit Frankreich verständigen, aber über ein Aufgeben der Rheinlande gibt es für uns kerne DerständiMng. Es g>ibt kerne RheinlandfMae, dw den Völkerbund oder die Alliierten irgend etwas angehe. Auch England möge sich dessen bewußt sein daß es die Pflicht hat, dafür zu sorgen, daß der Ver­sailler Vertrag gegenüber Deutschland in loyaler und gerechter Weste durchgesührt werde.

AußerStresemann sprachen nochReichstagsabgeordneter Pfarrer Lu t h e r, der ausgewiesene Oberbürgermeister netsr^D^^M ^ st ^ 11 c s ’ dkeichstagswbgeord-

Eegen die Ausweisung des Fürsten Hatzfeldt.

- . .v ' • — »*~u —- —. Berlin, 23. April. Den Regierungen in Paris

Fiasko der Goldanleihe nicht, um nicht wenigstens den London und Brüssel ist eine Rote der Reichsreaierunä

Fonds für eine Devstenzentrale zu liefern. Allerdings überwiesen worden, in der gegen die von der Inter

hatten die Banken veranlaßt werden sollen, sofort jene alliierten Rheinlandkommistion verfiigte Ausweisung Devstenbeträge, zu deren Garantie sie sich durch Über- des Reichskommistars ftir die besetzten Gebiete Fürsten nähme der Hälfte der Anleihe verpflichtet hatten, an I D - Hatzfeldt, Verwahrung eingelegt wird dre Reichsbank abzuführen. Das ist im allgemeinen

nicht geschehen. Es kann aber heute noch geschehen und die Devisenzentrale wäre in den Sattel gesetzt' Mit dem Übergang zu einer auf große Devisen- und Goldbestände gestützten internationalen Jnterventions- tatigkcit zugunsten der Mark hat die Reichsbank einen Weg beschritten, der bisher von keiner Zentralbank der Länder des notleidenden Mitteleuropas begangen wor­den ist. In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahr­hunderts war es die Österreich-Ungarische Bank, die auf solche Weise allmählich einen der größten Eold- i'hatze der Welt ansammelte. Sie konnte es damals

msolge oer zunehmenden Besserung der Handelsbilanz des Staates, die schließlich ein Aktivsaldo aufwies. Ge- es, die reichsdeutfche Handelsbilanz durch diplo- akische Erfolge und wirtschaftspolitische Maßnahmen

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°us einer erschreckend passiv gewordenen in eine aktive Zu verwandeln, so ließe sich die Währung vielleicht noch retten. Die kommende Devisenordnung — sie ist die dritte ihrer Art — soll an diesem Rettunaswerk mil­desten!

g eingelegt wird.

Der Prozeß gegen die Krupp-Direktoren.

Esten. 22. April. Der Prozeß gegen die Krupp- Direktoren wird voraussichtlich Ende der nächsten Woche zur Verhandlung gelangen. Die Verhandlung soll in Werden stattfinden, und Mar wegen des zu erwar­tenden großen Andranges der internationalen Presse nicht in dem dortigen Amtsgericht, dessen Räumlich­keiten beschränkt sind, sondern in dem größten Eesell- schastsfaal, den der Ort besitzt. ‘

Eine Verordnung über die Einfuhr von Alkohol.

Essen. SS. Avril. Der Kommandierende General Te- gvutte veröffentlicht durch Maueranschlag eine Verord­nung. betr. die E'nfubr von Alkobol in oas besetzte Ruhr- ocbiet. Danach bängt die Einfuhr über die Westgrenze und auch über den Rhein von der Bewilligung des Ein- und Äusfuhrdlenstes der I. A. H E. T. und der Zahlung eures Eingangs- und Ansgleichszolles ad. Die Einfuhr über die Ostsrenze des besetzten Gebietes ist grundsätzlich verboten ausgenommen für den naturierten Alkobol zu gerwerblichea Zwecken., Überschreitungen,werden mit Geldstrafe bis zu 100 Millionen und Gefängnis bis zu 5 Jahren oder mit einer von beiden Strafen geahndet. Dr« Waren werden befchlag- TM&ttlt.

Eine neue Rede Poincarss.

. Paris. 22. Avril. Poincar 4 hielt heute in der Ge­meinde Void im Maas-Departement anläßlich der Ein­weihung eines Kriegerdenkmals eine Rede, in der er u. a. sagte:

Deutschland sucht heute weit zurückliegende, unmittel­bare Ursachen der Katastrophe, in die es die Welt gestürzt hat. vergessen zu macken. Es bemüht sich, nicht etwa durch Reue, sondern durch Lüge die Erinnerung an die Oiewalt­taten zu verwischen. die es im Laufe der Feindseligkeiten begangen habe. Wenn die Franzosen im Ruhrgebiet ange­griffen worden sind und. um sich zu verteidigen, von der Waffe Gebrauch machen müssen, sofort umstellt die deutsche Propaganda die Tatsachen und schreibt in veriider Weise unseren Truppen die Gewaltakte zu. die gegen sie begangen wurden. Wenn ein Mitglied der Reichsregierung den trau­rigen Mut bat. die Bevölkerung als unglückliches Opfer. wie er sich ansdrvckt des irauzöiiichen Militarismus hinzu- stellen. so zeigt dies, was derartige Reden Lächerliches und Odioses an sich haben, wenn man sich erinnert, was die Kommunen des Maas-Departements in den Monaten August und September 1914 ausgestanden haben. Als wir ins Rubrgebiet ecnmarschierten. um das Pfand für eine Forderung zu nehmen, deren sich Deutschland zu entledigen suchte, erschienen wir nicht in feindlicher Absicht oder mit drohenden Gebärden. Mr hätten gewünscht, und wir sagten es. um an Ort und Stelle mit den Industriellen zu verständigen, damit die Kohlengruben unter der Kontrolle der Alliierten' zu Nutzen der Reparationen aus­gebeutet werden könnten. Wer die Order, dis die deutsche Regierung ausgegeben hat. ist überall der organisierte Widerstand und der systenmtifche Stteik der Beamten, die uns vcranlastten. der Operation er neu ausgesprochen militärischen Tbarakter zu geben und Deutschland gegenüber eine Serie von Druckmitteln anzuwenden. um es zu Respekt vor der Ausführung des Versailler Ver- ttages und der Verpflichtungen, die es übernommen bat. zu zwingen. Am 14. Januar verständigten uns die Industriellen davon, die Regierung habe sie aufgefordert. kein«: Repa- rattonskchle mehr zu liefern: am 26. Januar stellte die

Revaratttmskommiflisn krait ihrer Machtbefugnisse die all­gemeine Verfehlung der Verpflichtungen Deutschlands fest. Vir waren also durch den Vertrag selbst berechtigt, alle Sanktionen zu ergreifen, die wir als nötig erachteten, ohne dost die deutsche Regierung diese als feindselige Haltung aufsalsen kann. Wenn alle diese Wahrheiten Deutschland ar.s/olrch nicht wissen will, dann betrachtet es wieder ein­mal diplomatische Akten als einen Fetzen Papier.

PomearS sagte weiter, der deutsche Austenminifter Rosenberj^^ sacken ins bor von ..

ieies Angebot sei nachträglich erfunden und niemals er­folgt: wenn man dies ausivrecke, io geschehe es zweifels­ohne. um den deutschen Sozialdemokraten zu gefallen die Zahl inzwischen genannt hätten. Aber selbst wenn zug-eben wollte, da st Ro senberg die Wahrheit sagte, wurde sich hieraus -ergeben dast. nachdem sich Deutschland im Mai 1921 formell als Schuldnerin von 132 Milliarden bekannte und dadurch erzieltet dast das Ruhr gebiet nicht be­setzt wurde, es nunmehr im Jahre 1923 den Alliierten weniger als ein Viertel der versprochenen Summe anbietet, damit ihm ein Moratorium von drei oder vier Jahren ohne Garantien bewilligt werde. Wer hätte im übrigen Vertrauen dazu haben können, nachdem die Vrroflichtung des Jahres 1921 verloren fei? Man würde sich nichr wun­dern. daß man im Rubrgebiet unter dem trügerischen Namen Schutzpolizei wahrhaft Truvvenglieder für den Kampr organisiert vorgesunden habe. Man habe sie aber aufgelöst und ansgew'eien. Aber da. wo Frankreich nicht ist. werden sie bewehalten und bedeuten eine Herausforderung nichr i nr der Ruhe der Alliierten sondern der Ruhe der ganzen Welt. Trotzdem gab es großmütige Seelen, die Frankreich anrceten. Deutschland mit Nachsicht zu behandeln: das Deutsche Reich selbst erkläre, dast ohne Verständigung zwischen ihm und Frankreich

der Wiederaufbau Europas

unmöglich bleibe. Als Frankreich im Jahre 1871 die deut­sche Besetzung über stck ergehen lassen mußte, hat sich Thiers nicht nur bemüht, so rasch als möglich alle Klauseln des »rankstirter Vertrages zu erfüllen, et hat auch gegenüber dem Fürsten Bismarck. Grafen Arnim und Manteniiel die Hoilihkei tsbew erfe verdoppelt . Wie bat Bismarck auf diese wiederholter Bewerfe der Höflichkeit geantwortet? Devtlch- land habe keinen anderen Gedanken gehabt, als uns fort­gesetzt das ganze Gewicht unserer Niederlage fühlen zu lassen. frankre:ch sei weit entfernt, heute diese unverschämten Raineren nachzuabmen.

Po'nrar^, schloß, indem er erklärte: ..Nicht nur. weil wir unsere Sprache, unsere Literatur, unsere Kunst, unsere Zcv'lisation und unser nationales Genie zu retten haben, muiien wir an die erste Stelle die Interessen Frankreichs setzen, sondern weil ohne die Garantie unsere Unabhängig keit und ohne den Wiederaufbau unseres verwüsteten Landes weder der Wiederaufbau Europas noch die Auirechterhaf, tun« des Friedens möglich wäre."

von

Loucheur über die wirtschaftliche Lage Europas.

Paris, 22. April. Loucheur hat gestern bei einem Essen des Verbands der französischen Industriel­len und Kaufleute eine Rede über die wirtschaftliche Lage Europas gehalten. Er führte dabei aus vor allem müsse die Währungskrise gelöst werden Sobald Deutschland seine Währung stabilisiert habe werde es jährlich 3 bis 6 Milliarden Goldmark zahlen können. Aber das Problem der Reichtumsübertragung von einem Volk auf ein anderes könne nur durch Zah­lungen in der Form von Barlieferungen gelöst werden. Daher müsse Deutschland Anleihen aur- nehmen können, damit es imstande sei. seine Produk­tion zu steigern.