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Nr. 83.
Dienstag, 10. April 1923.
Konzentration zur Mitte.
Eine innerpolitische Sammlungspolitik ist die einzig mögliche GmuMage des Abwehrtampfes an der Ruhr, dessen Ende heute noch niemand abzusehen vermag, Je länger aber der Ruhrkampf andauert, desto schwieriger ist es offenbar, die innerpolitische Front fest zusammenzuhalten. Die Gefahr liegt Heute, was den bösen Willen anbetrifft, ebenso bei der äußersten -irnen wie bei der äußersten Rechten. Hier wie dort wird me Neigung immer größer, an dem Ruhrfeuer den eigenen Parteitopf zum Steden zu bringen, und unbekümmert um das Schicksal des deutschen Volkes die Macht rm deutschen Staate rücksichtslos an sich zu reißen. Bei den Kommunisten drängt sich mehr und mehr die radikale, ausgesprochen antivaterländische Richtung m den Vordergrund. Es scheint sogar, als sei von oben her in den kommunistischen Reihen die Parole ausgegeben morden, sich nunmehr ohne Rücksicht gegen die im Ruhr- kampfe stehende innere Abwehrfront zu wenden und an ihrer Zermürbung zu arbeiten. Die unerhörte Kampfesweise, die sich die „Rote Fahne" in der letzten Zeit gegen die Reichsregierung und gegen das deutsche Volk überhaupt herausgenommen hat, ihre Beschimpfungen gegen alle Führer der deutschen Abwehrfront und endlich die offene Aufforderung zur Veseiti- gung der gegenwärtigen Regierung haben, wie wrr bereits gemeldet haben, ein vierzehntägiges Verbot des kommunistischen Hauptorgans und seiner Ableger zur Folge gehabt. Man wird diese Maßnahme, die sicher nicht ohne Einverständnis des preußischen Innenministers S e v e r i n g erfolgt ist, angesichts der gegenwärtigen schwierigen außenvolitischen Lage vollkommen billigen können. Sie beweist aber auch, wie unberechtigt der Vorwurf der Rechten gegen Severing ist, daß er nur gegen rechts kämpfe, alle Ausschreitungen von links aber schweigend dulde. . .
Die radikale Rechte gibt aber zweifellos an Disziplinlosigkeit und an einseitiger Verfolgung der Partei- tnteressen den Kommunisten nicht das geringste nach. Sie unterscheidet sich von ihnen nur durch die größere Macht und darum auch durch die größere Gefährlichkeit ' ihrer die Einheitsfront gefährdenden Wühlarbeit. Auch von nationalistischer Seite ist oft genug betont worden, man wolle von einer Einheitsfront, an der Zontrums- und demokratische Kreise mitwirkten, nichts wissen. Und man hat auch von dieser Seite alles getan, um der vermittelnden und einigenden Innenpolitik der Regierung Cuno Schwierigkeiten zu bereiten.
Eine akute Gefahr bildet diese nationalistische Politik fteilich bis jetzt nur in Bayern. Vielleicht wäre es hier schon zu einem offenen Putsch gegen die Republik gekoimnen, wenn nicht glücklicherweise in den Reihen der Putschisten selbst ein innerer Zwist ausgebrochen wäre, der sich in letzter Zeit noch sehr verschärft zu haben scheint. Zwischen der Bayerischen Volkspartei partikularistischer Richtung und den von Ludendorff und Hittler geführten nationalistischen Gruppen, in deren Gefolgschaft auch die bayerischen Rechtsparteien arbeiten, hat es schon immer Reibungen genug gegeben. Nur die gemeinsame Abneigung gegen die deutsche Republik und gegen die SoziaÜiemokratie hielt sie zusammen. In letzter Zeit ist es aber zu einem nicht mehr vor der Öffentlichkeit zu verbergenden Bruch gekommen. Nachdem bereits der volksparteiliche Führer Held vor einiger Zeit einen Trennungsstrich zwischen seiner Parter und den sich in Bayern politisch betätigen- den Preußenfuhrern Ludendorff und Genossen zu ziehen versucht hatte hat neuerdings Herr Heim, der bekannte bayerische Sonderbündler, die Ludendorff und Hittler in seiner unverblümten Sprache aufgefordert, doch gefälligst endlich den bayerischen Staub von ihren Schuhen abzuschütteln und nach Thüringen und Sachsen zu gehen, allwo sie eine fruchtbare Tätigkeit in der Bekämpfung der Kommunisten entfalten könnten. Da die so apostrophierten Herren aber von jeher vorsichtig genug waren, ihre Gegner hinter der Front zu bekämpfen und ihre eigene Person rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, werden lie den Rat Heims, selbst an die Kommu- nisi-nfront zu gehen, nicht befolgen, sondern in Bayern bleiben, wo sie von Polizei und Behörden den besten Schlitz erfahren.
Hier aber liegt gerade die ungeheure Gefahr, die der deutschen Einheitsfront droht. Nicht Handlungen einzelner gegen die Gesetze und gegen die Forderung des Tages sind es, die wir zu fürchten haben, sondern die Duldung derartiger Handlungen durch die Behörden und die daraus erwachsende Untergrabung der Rechtssicherheit. Hier muh die Reichsregierung vermittelnd und mit diplomatischer Geschicklichkeit ein- greifen, damit der Herd, von der die gefährlichste Wühlarbeit gegen die deutsche Einheitsfront ausgeht, endlich gereinigt wird. Wenn sogar Herr Heim setzt bereit ist, die rechtsradikalen Wühler fallen zu lassen,
so wird es Aufgabe der Reichsregierung sein. lhren Einfluß auf die Bayerische Volkspartei in der Richtung geltend zu machen, daß sich auch in Bayern lene Konzentration nach der Mitte hin vollzieht, dre allem eine geeignete innerpolitische Basis für unseren Abweyr- rampf abgeben kann. Die Extremen von rechts uns links müssen, wenn sie sich selbst der notwendigen Disziplin nicht unterwerfen wollen, mit starker vano gezwungen werden, sich dem vaterländischen Eesamr- interesse unterzuordnen!
ds Jouvenels RsparationsprVgLamnr.
Paris. S. April. Senator de Iouvenel veröffeni- licht im „Matim" beute Wenfalls ein Revarationsvrogramm folgenden Inhalts: ... ,
1 Jedes Volk zahlt leine eigenen Kriegskosten.
2. Jedes Volk zahlt feine Pensionen. ^rankre.« kann darauf verzichten, von Deutschland die Bezahlung der Reparationen zu verlangen, wenn die BerelMg.en Staaten und England darauf verzichten, die. Rückzahlung der alliierten Schulden zu fordern. Die bewen Summen balancierten sich unaefabr aus..
3. Deutschland zahlt die Reparation der verwüsteten Gebiete. „ , , _
Der belgische Wirtschaftler Bar nick vom Solvaa- Fnstitut hat in seinem Buch bewiesen, datz Deutschland dar., imstande sei. de Louvenel schätzt also nach dieiem Volrs- wirtschaftlrr. daß Deutschland 5 0© ol dm t II tat d en bezahlen könnte, und datz der Ante,! Frankreichs hieran 26 Milliarden ©olümark betragen müsse: das se, realckerba.. gerecht und milde. Um diesen Zablunasvlan auszufuhren. würde es genügen, da« Deutschland nach fünf oder iems Jahren Summen leihe, die kaum höher feien, als die. die der französische Staat feit Beendiaun« des Krieges bei seinen Steuerzahlern geliehen habe. Das gestatte Deutickland. das leine inneren Schulden durch den Marffturz losgeworden je».
vIaEN ünd datz ste auch von Deutschland keine Pensionen scrdern. Wenn das nicht geschehen würde, wurden di« voSe der Pensionen und die interalliierten Schulden notwendigerweise zu dem Forderungen an den ehemaligen -remo hinzru zuschlagen sein. In diesem Falle wurde sich nickt Frankreich der Herabsetzung der deutschen Schuld weder letzen., sondern Enaland und die Vereinigt en Staaten.. Das sei dre nackte Wahrheit. Frankreich werde rm Rudigebtet bleiben so lange, bis ,nan dies geprüft habe.
Der sozialistische Reparatioasplau.
Paris, 9. April. Der Abgeordnete Vincent Au r i e l, der als Vertreter der alliierten Sozialisten vor etwa zehn Tagen mit den deutschen Sozialdemokraten in Berlin über die Reparationsfrage und das Ruhrunternehmen verhandelte, erklärte gestern einem Redakteur der „Ere Rouvelle" den sozialistischen Repara- tionsplan und sagte, er könne nach ernsten Auskünften, die ihm zuverlässig zugekommen seien, bestätigen. daß die deutschen Industriellen rn ihrer großen Mehrheit bereit seien, stärkere Garantien zu leisten, die es wohl wert seien, ge- prüft zu werden. Er habe die sehr begründete Überzeugung gewonnen, daß die deutsche Regierung schon jetzt bereit sei, mit den alliierten Regierungen z u v e r h a n d e I rt.
Eine neue Zusammenkunft der alliierten Ministe»- Präsidenten.
Paris. 9. April. Der ..Petit Puristen" schreibt: Man darf erwarten,, datz Ministerpräsident PorncarS sehr bald mit den alliierten Mmistervrästdenten zulammenkomm-'' wird. Die erste Kulcumnenkun^t tonnte Kon in bett nctttnU.» Tagen -wischen Doincarö und den belecken Minern Tbc« u i s und I a > p a r stattfinden. Ponicard legt Wert darauf, zuerst den belgischen Verbündeten, über die. Lage zu unterrichten. Auch di«, iüllwnische Regierung wird dem Blatt zufolge auf dem laufenden gehalten. Sie wexde auch ausgefordert werden, an den Vorbereitungen für die Ausarbeitung emes gemeinsamen Rev.arations- vlanes auf der von der französischen Regierung vorgeschlagenen Grundlage teilzunebmen. Erst nachher würden Verhandlungen zwischen den französischen, den belgischen und den italienischen Ministern einerseits und den Engländern andererseits eingeleitet werden. , . , . . ...
Paris 9 Avril, vavas berichtet, die belgischen Minister t f> c u n i s und Iasvar würden bald, spätestens am kommenden Jreitag oder Samstag, nach P a r i s kommen, um mit Poincars über dre Lage..,m Ruhr gebiet zu verhandeln Diese Zusammenkunft wurde zu einer Aussprache über verschiedene Fragen. , wie die Verteilung der b e - kchlagnabmten Kob len. die Besatzungskosten usw.. führen. Sehr wahrscheinlich werde Loucheur von Poincars auigesordert werden, den belgischen Ministern über d'.e Eindrücke zu berichten, die er während seiner Verhandlungen mit politischen Persönlichkeiten in England gewonnen babe
Dr. Dorten in Paris.
Paris, 9. April. Dr. Dorten, der Führer der rheinischen Separatisten, ist in einem kleinen Hotel der Avenue de Champs Elyfäe unter einem Decknamen abgestiegen. Er hatte in den letzten Tagen eine Reihe von Unterredungen, soll aber bis jetzt wenig Erfolg gehabt haben. Man habe ihm zu verstehen gegeben, daß die Schöpfung einer rheinischen Republik vor drei Jahren von Interesse gewesen wäre, daß es aber unklug wäre, gegenwärtig ein neues Elsaß- Lothringen zu schaffen.
Die Londoner Reise Loucheurs.
Eine französische Erklärung.
Paris» 8. April. Havas veröffentlicht über dis Londoner Reise Loucheurs folgende, offenbar in» pirierte Erklärung: In den Wandelgangen
der Kammer fanden sich gestern, trotz der Femen zahlreiche Deputierte zusammen, um sich über die Londoner Reise Loucheurs zu unterhalten. Seine Initiative wurde durchaus gebilligt; man kritisierte jedoch allgemein den Besuch bei Lloyd George, dessen frankreich- eindliche Artikel die französische öffentliche Meinung in den letzten Monaten lebhaft erregten. Immerhin war es für Loucheur schwierig gewesen, den englischen Staatsmann, mit dem er während des Krieges jahre- ang zusammengearbeitet hatte, völlig zu ignotteietu !)ie Aussprache bewies Lloyd George jedenfalls, daß Frankreich geschlossen hinter der Ruhraktion siche. Auch mit den Mitgliedern der jetzigen englischen Regierung hatte Loucheur sich über diese Frage ausgesprochen. Die Herzlichkeit der Ausnahme, die er dort fand, bezeugt, daß die Gesinnung der englischen Regierung gegenüber Frankreich nach wie vor freundlich ist. Mit Beftiedigung kann man eine Tendenz feststellen, den französischen und den englischen Standpunkt einander anzunähern. !
Der englische Standpunkt.
London. 9. April. Der Besuch Loucheurs in Eng« land, bei dem dieser Unterredungen mit B o n a r L a w und anderen hervorragenden Persönlichkeiten hatte, hat in politischen Kreisen zu politischen Mutmaßungen Anlaß gegeben. Man glaubt allgemein, daß trotz der gegenteiligen Erklärungen Loucheur als offizieller Vertreter der französischen Regierung gehandelt hat, und daß die ihm anvertraute Aufgabe darin bestand, die Frage der Reparationen und der englisch-französischen Beziehungen zu erörtern. Diese Auffassung wird durch den gestrigen BesuchLoucheurs beim Präsidenten M i! l e r a n d bestätigt. Es verlautet, daß die englischen Staatsmänner Loucheur davon verständigt haben, daß England jederzeit berett fei, die Erörterungen, die infolge der Ruhrbesetzung aufgeschoben worden seien, wieder zu eröffnen. Es wurde betont, daß England die Organisation eines von Deutschland abzutrennenden Rhein! and staates in welcher Form auch immer nicht dulden könne. Die Hauptsache, dre sich aus dem Besuch Loucheurs ergeben hat, ist, daß er sich bereit erklärt hat, einer Summe zuzustimmen, die sich der (im Januar von den Franzosen abgelehnten) im englischen Repara- tionsplän genannten Summe annähert. In Erwiderung dieses Zugeständnisses wird England — wie man glaubt —- wahrscheinlich irgend einer Form von Neutralität des Rheinlandes, die aber keine LoSlösung mit sich bringt, zustimmen, damit Frankreich gegen einen Angriff geschützt ist.
Der „Vorwärts" fordert zur Aktivität auf.
Berlin, 9. April. Angesichts der Londoner Reife Loucheurs und des englisch-französischen Meinungsaustausches fordert der „Vorwärts" die Reichsregierung zur Aktivität auf. Das Blatt schreibt: „Wenn die deutsche Regierung bei ihrer bisherigen Passivität verharrt und nicht klar und deutlich ihren Standpunkt zu den jetzt er- örterten Problemen kundgtbt, so besteht die Gefahr, daß das deutsche Volk abermals vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Gegenüber dem Optimismus, der anscheinend in amtlichen Kreisen vorherrscht, möchten wir der dringenden Mahnung Ausdruck geben, datz die Regierung sich nicht auf den „natürlichen Gang der Entwickelung verlassen, sondern durch eigene Aktivität den weiteren Verlauf der Ereignisse fordern möge.
Berlin. 10. Avril. Zu der h e u t i gen» e d e des Reichskanzlers im Reichstag anläßlich der Beisetzung der getöteten Krupparbeiter in Esten spricht der „Vorwärts" die Hoffnung aus. daß der Reichskanzler nicht etwa Türen Zuschlägen werde, die sich zu öffnen beginnen. So begreiflich die Stimmung nicht nur der Trauer, sondern auch des Zornes sei. so wäre es doch unverzeihlich, das Schicksal von Millionen einzig und allein von dieser Stimmung abhängig zu machen.
Kein Gegensatz zwischen dem Reichskanzler und dem Reichsaußenminister.
Berlin, 9. April. Ein Berliner Montagsblatt berichtet von Unstimmigkeiten in der Auffastuna des Reichskanzlers und des Reichsaußenministers in der Reparationsfrage und über die Beendigung des Ruhrkonflikts. In maßgebenden Kreisen wird auf das bestimmteste versichert, daß alle derartigen Gereichte jeder Grundlage entbehren
