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Nr 77.

Dienstag, 3. April 1923.

71. Jahrgang.

Weltwirtschaft und Reparationen.

Der Internationale Handelskmnmettougreß in Rom, der in den letzten Wochen stattfand, wurde in erster Lime von dem außerordentlich aktiven Streben der amerikanischen Delegierten nach einer festen, greif­baren, wirtschaftlichen Lösung der die europäische Wirt­schaft dauernd beunruhigenden Reparationsfrage be­herrscht. Es ist vielleicht in den letzten Monaten unter sen weltpolitischen Umgruppierungen die auffallendste Tatsache gewesen, daß die in Rom anwesenden Ver­treter der großen amerikanischen Bankenvereinigung von sich aus die Initiative in die Hand nahmen, um Wege für eine nüchterne kaufmännische Lösung dieses Problems zu finden. Ist auch angesichts der chaotischen weltpolitischen Verwirrungen ein greifbares Resultat ins diesen Bemühungen im Augenblick noch nicht ent­standen, so steht doch fest, daß jetzt der bedeutendste amerikanische Wirtschaftsverband die Führung in dieser Frage an sich genommen hat, und daß Deutschland in seinen nach gleicher Richtung laufenden Bemühungen , nicht mehr gezwungen ist, für die langsame Überwin- ; düng des amerikanischen Desinteressements als erster Voraussetzung erfolgreicher Arbeit wertvollste Kräfte zu opfern.

Es steht fest, daß Amerika zurzeit in einer wirt­schaftlich ausblühenden Konjunkturbewegung steht, die bei flüchtigem Überblick eigentlich alle Voraussetzungen dafür zu schaffen scheint, alle Bestrebungen zu unter­stützen, die aus völlige Loslösung Amerikas von den europäischen Konflikten Hinzielen. Daß gerade in die­ser Periode die amerikanische Initiative einsetzt, ist ein deutlicher Beweis dafür, daß man drüben gerade ange­sichts neuaufblühender Wirtschaftskräfte die unlösbare i,Verknüpfung des Wohlstandes und der Ar'iettsfähig, feit der amerikanischen Wirtschaft mit dem weltwirt- , schaftl'chen Ganzen und insbesondere mit Europa klar erkennt, daß man aus der augenblicklichen Entwicklung keine wirtschaftlich reaktionär merkantilistische Schluß­folgerung. sondern bewußt eine modern privatwirtschaft­liche kapitalistischeSchlußfolgerung zieht. Man mag in un­klarer Begriffsbestimmung teils mit mehr, teils mit » weniger Recht das kapitalistische Wirtschaftssystem mit » starken moralischen Worten bekämpfen und verurteilen. I Man mag in der unnatürlichen Kleichsetzung der Be- w -griffe Ungleichheit und Ungerechtigkeit ein starkes

* Rechtsetbas für die Bekämpfung der kapitalistischen Wirlschaftsform konstruieren, aber die Welt und selbst d'e Gegner' der kapitalistischen Wirtschaft werden an der Erkenntnis nicht vorübergeben können, daß gegen­wärtig nur durch die weltwirtschaftliche Befreiung der kapitalistischen Kräfte die wirtschaftliche und politische Ordnung und die Freiheitsdeale der einzelnen Ratio­nen wieder hergestevt und gesichert werden können.

t Nur durch die Vorherrschaft des Ziels der ökonomischen ' Zweckmäßigkeit und durch die Einstellung aller politi- scheu wirtschaftlichen Kräfte auf die lebenskräftige Aus­gestaltung des verkebrswirtfchaftlichen Prinzips der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung kann und wird das Reparationspr-blem und mit ihm im Zu­sammenhang das gesamte Problem der internationalen Verschuldung und der internationalen Reichtums- Umgruppierung infolge des Weltkrieges einer Lösung ent'egenaefük-rt. die allen Nationen und allen volks- w'rtsck-'ftllGen Gemeinschaften die ihren kulturellen md sozialen Bedürfnissen entsprechende Betätigungs- H'öglickkeit gibt. Diese Erkenntnis wird auch dadurch

* nicht L igen gestraft, daß die bisherigen Vorschläge für »sine Gesamtregelung seit dem Jahre 1921 sich mehr /oder weniger auf der Basis theoretischer Diskussionen

s bewegen.

Von dem ersten Vorschlag von Keynes aus dem Jab re 1921 an bandelt es sich immer wieder um das mns Grumdproblem der Fixierung der deutschen Schuld ' nd der Anpassung der Zinsen und der Amortisation n die tatsächliche deutsche Leistunasfäbiakeit. Keynes rat damals dafür ein, die Reparationsschuld des Lon­doner Zablunisplanes von 132 Milliarden Goldmark auf 96 Milliatt-n Goldmark zu vermindern, da seines Eracktsns eine Überbewertung der Schäden um 22 Mil- .» liard:"'. und ein unrechtmäßiger Ansatz der Pensionen üftr. i Höbe von 74 Milliarden stattaefunden hatte. Er tt' m-it-r^in dafür ein, daß diese verbleibende Resist f s Deutschland um den englischen Anteil gekürzt w Vi und daß England die Revarationsansnrüche Itol-e- -- und anderer Staaten zu erfüllen übernäbme. Deutschland s-sfte den Rest vou IN Milliarden Gold­mark ?°. parationeschld an Frankreich und Belgien auf dem W.-ae ,'ablen daß die Schuld mit 5 Prozent Zinsen und 1 iBrntent Amortisation abgetragen werde. Im Oktober 1922 hat sich dann Keynes für einen neuen Vorschlag im ..Manchester Guardian" ausgesprochen, wobei er grundsätzlich eine Kapitalschuld von 40 Mil­liarden anerkennen wollte, von der alle bis dahin ze-

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leisteten Zahlungen und Sachüberweisungen in Abzug zu bringen waren.

Roben diesen Vorschlägen von Keynes hatten be­sondere Bedeutung die Vorschläge von Sir Robert Harne, von Goodenough, von Mac Kenna, der für Ablieferung der Auslandswette gegen Ent­schädigung an die Privaten durch die deutsche Regierung eintrat, sodann vor allem die Vorschläge von B r a d- b u r y. Sein der Repavationskommission im Oktober 1922 gemachter Vorschlag geht darauf hinaus, daß erst­mals ein zwei, bis oierfähriges volles Moratorium einsch ießlich aller Sachleistungen bewilligt werden muß, daß die deutsche Währung stabilisiert wird und daß die endgültige Regelung der Reparationssrage auf Grund der wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands nach Ab­lauf des Moratoriums getroffen wird. Im November 1922 trat Bradbury dann dafür ein, Deutschland zu­nächst ein Moratottum zu gewähren und nachher erst Iahreszablungen einfetzen zu lasten, die allmählich bis ni /2 Milliarden Goldmark ansteigen sollten. Bei einer Diskontierung der Zahlungen mit 5 Prozent schätzte Bradbury den Gesamtwert dieser Zahlungen auf 45 Milliarden Goldmark. Deutschland sollte das Recht haben, unter Anrechnung eines 8vrozentigen Diskonts die festen Zahlungen sofort zu leisten, also etwa durch eine Anleihe oder Bermögenshergabe im Werte von 25 Milliarden Goldmark sich seiner Reparations-Ver­pflichtungen zu entledigen.

Unter den imManchester Guardian" von Keynes veröffentlichten deutschen Vorschlägen verdient sodann noch der Gedanke besondere Beachtung, Deutschlands Sachleistungen jährlich auf eine bestimmte Höhe, etwa 6 Milliarden Goldmark, festzulegen und hier nickt nur eine Pflichl zur Lieferung, sondern auch einen Zwang zur Abnahme ?estzuleg»n, di> Barzahlungen

von der Goldmarkwertböhe der Ausfuhr etwa in der Form abhängig gemacht werden sollten, daß bis zu einer Iahresausfubr von 4 Milliarden Goldmark Bar­zahlungen nicht geleistet werden, und sodann von 4 bis 5 Milliarden eine lOprozenttge Barzahlung ufw. ein- setzen würde.

Im Rabmen einer so zusammengedrängten kurzen Übersicht lasten sich die Pläne nicht eingehender behan­deln Sie sind hier registriert, weil sie zweifellos bei den künftigen Beratungen erneut besondere aktuelle Bedeutung erhalten werden. Wir sollten setzt bei uns i»ner- und außenpolitisch mit allem Nachdruck eine Politik verfolgen, die die höchste Leistungsfähigkeit und Tragfähigkeit unserer Privatwirtschaft, unserer kapita­listischen Wirtschaftskräfte verbürgt. Nur wenn wir in allen sozial-, finanz- und bandelspolftischen Aktionen diesen Gesichtspunkt nicht außer acht lasten, nur wenn wir hier <ruf politischem Gebiet das wirtschaftliche In- einanderareifen non Unternehmungsgeist. Kapital und Arbeit voll berücksichtige», wird es uns möglich werden, eine brauchbare, vom Ausland anerkannte Zielsetzung der deutschen weiteren Reparationspolitik zu gewinnen?

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U vkranderts deutsche Abw h.

Berlin, 31. Mürz. In der Hanzölllchen Kammer »ab V o i n r a r 6 eine Erklärung ab hinsichtlich der Räumung des Rbeinlsndes. die besagt' Wir werden uns aus den belebten Geoieten nur »- dem Maße und De'bal'nis dir e-kangten 3«Miinaew zurückzießen. und diese muhten um de' Eelombaßl >er Schäden an-mNen. Vvincarä wiederholt hnni* nur den Inhalt des Brüstet" Kommuttmes. zu dem der Reichskanzler i» keiner Münchener Rede Stellung genommen batte. Der Reichskanzler sagte damals, rede Disk- slsan zur Beend'kmng des aegenwamigen Kon­fliktes miill? van der vorbehaltlosen Räumung des Einbrnchgebieles an-'-aeden. Sa la".ae das Regime der Geaalt und der Rechtlosigkeit endn"'fta auigeneben i,t. W das Reaime der nertragsm^nigen Erfüllung undenkbar. Darum kann iG an* in dem Brüller Kommumlane n!»t irgend einen Esrilchritt erhlj^en. Es lieat k e i n A n l a ß vor. somit die . Lage nach den E'.klau,,ng«n Pg,vra'^ anders z» beurteilen, und es rolat daraus, daß d t deutsche R-aierung die Politik der Abwehr unver­ändert fartfübrt.

Einige Blätter glauben in der von uns gebrachten Rich- tiostellung aeaeniiber den Au-rübrunmn des englilmen Urterstaats»rkrelä's Mac Reill eine Abweichung von der h-uzertrierten Linie sebk" zu wollen. Diel- »lsleg,-nq ist irrig Die notweudiae Berichtinnga der Sachlage r>ch-tete slch lediglich geo-n die falsche Ausdeutung de« deutschen Sch'itte« in der Richtung der konseauenten Durchfübruna der deutschen Abwebrvolitik.

Ein Dementi des Batilans.

Poris. 31. Mär». Nack einer Sanas-Meldung aus Rom wird in den Kreisen des Vatikans das Gerücht, der Pavst habe d>e Absicht, demnächst eine Enzoklika über die Rubr- Auaelegenheit zu veröffentlichen, als V Han lasiere i be- zeihuet.

Weitere Ausweisungen.

Binnen. 1. Avril. Ausgewiesen wurden Stadt­verordneter Rechtsanwalt Weber. Redakteur Timmermann. Geschäftsführer Sosbach. Zollbeamter Krammag Von Bingerbrück wurden ausgewieien dre Zollbeamten Mevrotü und Raickdamm.

Ein blutiger Zwischenfall in Essen.

Esten, 31. März. Heute ftüb wurde die Kraft- wagenballe 1 der Kruvoicken Gußstablfabrik von oran- zascn besetzt und die anwesenden Arbeiter vertrieben. Vor der Halle hatten sich infolge de» Sirenengeheuls bald die Werr- ungeLörigen angekammelt und umstanden rn dichten ^iaiieir die Franzosen. Diese. 1 Offizier und 10 Mann stark, maällen ein Maschineugewebr schuhfertia und verhielten tick zunaclnt rub-ig. Da sie sich bei ihrem Abzug aber von ben. tmmec üutlreiifer werdenden Arbeitern bedroht glaubten, eronnelea' ne plönlich dos Feuer. Einige Tote und mehrere Schwer- rerletzte blieben am Platz«. Darauf zogen die Franzosen ad. Tin von den Franzosen besetzter Luruskrastwagen,. wurde von der erregten Menge angehalten und völlig zertrümmert. Die Insasten wurden verprügelt. .

Bis Samstagabend 6 Uhr wurden elf Personen als tot fcstgestelll' 38 Verwundete wurden in die Kruvolche Krankennbteilnng eingeliefert, davon ringen noch 3 rnu dem Tode. Sämtliche Betriebe der Firma Krmvv wurden gegen

^^nzerautos an und nahm den Brandinsvektor Jgn» '.b der neben her Autoballe befindlichen Feuerwache fest.

Der franzsfische Bettcht.

Havas weiß über den Zwischenfall solsendes, ^ richten' Eine Abteiluna von Offizieren und elf Solda^n. die eine Beschlagnahme in den Kruvochen Werken vornehmen wollte, wurde heute morgen um 8 Uhr vo" den Arbeitern aogegriften. die auf das Ertönen brr Srrenen d'e Ttfeit in Tätigkeit traten, herbeigerufen rm.-rden. Die Arbeiter warfen Steine nach den «oldaten und bedrohten >re m.'t Revolvern. Sie versuchten sogar. Wasserdamm ihnen entgege"zntreiben. Darauf bat die französtsche Lbteuung. um stch zu befreien, nachdem sie in die Lust geschossen batte und die realementarisären Aussorderunaen ergeben batte last«n. das Feuer eröffnet. Sechs Arbeiter wurden getötet, an die dreißig verwundet. Französtscher>eits sind kemerrei Verluste zu beklagen. Sväter wurde ein von einem iranzo- fiscke!' Ehanneur geführtes Auto, in dem sich zwei Kohlen­kontrolleure der zerstörten Gebiete befanden, von der Men-e zum Halten gebracht. Der da» Auto fubrende «»:anzo>o wurde verwundet, das Auto'zerstört unv bie Verden In­genieure schwer mißhandelt. Man nahm ihnen ibre Uhr. ihre Brieftcsch« und ihre Papiere ab. Als 5ne Angreifer merkten bah sie es mit Franzosen zu tun batten, wurde ihre Mut noch größer. Sie wurden nach dem Bureau der Kruvo- schei' Werke verbracht. Der erste Ingenieur namens Osnow- den den man keines Namens wegen stir einen Gn«lane'er gehalten hatte, wurde weniger schwer mißhandelt. Der andere Kontrolleur namens Sauvei wurde an den Augen­brauen vermnndct. Man mußte ste. um sie aus den Werken kchakfen zu können, unter Decken in einem Auto verstecken.

Gs scheint, wie wenn diele Zwischenfülle durch eine gewisse Anzahl früherer Schupo die bei Kruvv uckternebracht nnd, bervorgeiufen und eingelertet worden ünd. Dre Direktoren der Werke scheint schwere Verantwortung zu trefsen, ter Tat haben die Angreifer beim Ertönen der Sirenen . ihren Angrist einqeleitet. Zweifelsohne liegt hier «in av- gemochter Versuch vor. um einen Zusammenstoß zwischen den Arbeitern und der Truppe heraufzubeschwören. Dieser Ver­such. den man seit zwei Monaten vergeblich lucht, ist e'.n weiteres Mal an der Ruhe der französischen Soldaten ge­scheitert. Es sind sofort Maschinengewehre und P-'nzer- autos atgegangen. um die Beschlagnahmungen stcherzustellen. Ganz außerordentlich strenge Maßnahmen werden ergriffen werden. . ^ .. .

Von der Firma Krupp wurd mrtgeterltc In dem Havasbericht über die Estener Eueigniste am Ostersamstag, die stch zwst^en einem französtsiben Kommando und den Krnvv'chen Arbeitern abaesvielt haben, wird bebauvtet das Kon-mando sei von der Menge mit Revoivern^beoroht und unmittelbar bevor die Soldaten gelchosten hätteir ange- gristen wo'den Diel« Bebauvtung stebt mit den Tatla-ben in direktem Widersvruch Wie alle Augenzeugea berichten, bat keiner der anwesenden Arbeiter einen Revolver gehabt.

Nerhaftung Kruppscher Direktoren.

Esten. 3. Avril. Am Sonntagmorgen nnd vier Direk­toren der Kruppschen Merke die Herren Brun. Hart­wig Öesterle und Ritter, von den Franzosen ver- hastet worden. Zwei weitere Direkto-en. dir ebenfalls ver­haftet werden lallten, waren nicht in Esten anwesend.

Esten. 3. Avril Das Direktorium de' Firma ll'ruv'-' ldrt an den Kommandirenden General in Ellen ein Drotest- schreiben wegen der Verhaftung einiger Mitglieder des Direktoriums gerichtet.

Protest der Reichsregierung.

Berliu. 8. April. Die R e i ch sre gi erring ist zurzeit mit der Ausarbeitung einer Protestnote an die französische Regierung beschäftigt, in de: Proteij gegen die Effchießung der Krupparbeiter in Esten eD heben wird. Die Rote wird voraussichtlich noch heute abend an die französtsche Regierung abgehen.

Das Direktorium der Kruppschen Werke bat an den Divisionskommandeur in Esten ein Protest­schreiben gerichtet, in dem es heißt! ^

Heute morgen drang ein bewaffnetes französisches Kommando in unsere mitten in der Fabrik gelegene Kraftwagenhalle ein. Gemäß einer zwischen der Werksleitung und dem Detriebsausschuß der Ar­beiter- und Beamtenschaft getroffenen Vereinbarung wurde bas Zeichen de? Sirenenrufs für die Arbeits­einstellung des betreffenden Werkteiles gegeben. Größere Att

Größere Arbeitermasten versammelten stck ^rauf vor dem Eingang der von dem Kommando ^9*^* Halle, um gegen den militärischen Eingpisf zu strieren. Mitglieder des Betriebsau->-!U!!es rrar mit dem Kommando in Verbindvva und aottn^