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Nr- 76,

Samstag, 31. Marz 1823.

71. Jahrgang.

$5ÜT Wegen des Osterfestes erscheint die nächste «Tagblatt"-Ausgabe am Dienstagnachmittag.

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Osterglaube ist Lebensglaube.

Von Lic. Dr. Kurt Kesseler.

Vom Ausersteheu redet in diesen Tagen der junge Frühling, vom Auferstehen redet in einem viel tieferen Sinne das Osterfest. Wenn jener uns eine ewige Rhythmik des natürlichen Lebens erfassen lehrt, >o läßt dieses uns ein Gesetz alles geistigen Lebens er­kennen. Beide aber reden von der unüberwindlichen Macht des Lebens wie jenes Eleichniswort des Johannes-Evangeliums:Es sei denn, daß das Weizen­korn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt's allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte."

Jenes Eleichniswort wollte das Geheimnis der wunderbaren Geschichte deuten, die zur Grundlage un­seres christlichen Glaubens geworden ist. Der Stifter der christlichen Religion mutzte durch den Tod hindurch, damit sein Werk Bestand hatte. Sein ganzes Leben war ein großes Sterben gewesen: er starb der Welt: Er mutzte sich lösen von Elternhaus und Freunden, es wurde einsam um ihn. Einsam kämpfte er tn Gethsemane, einsam war es um ihn am Kreuz. Und dieses Sterben, diese Einsamkeit wurde der Sieg des Lebens, wurde der Grund der innigsten Herzens- und Lebensgemeinschaft. Auf Karfreitag folgte Ostern, das erst den tiefsten Sinn dieses Sterbens enthüllte: Durch Sterben zum Leben. Das ist seitdem die Predigt der "christlichen Religion geblieben, eine Predigt, unendlich tief und doch unendlich oft mißverstanden. Nichts ist hier zu spüren von matter und müder Weltverachtung, aber alles redet hier der heroische Glaube, der freudig auch die Güter des Lebens an die höchsten Ideale der geistigen Welt opfert. Nur der bandelt wider den Ostergeift, der nicht für die ewige Welt Opfer bringen

Dies Gesetz des Sterbens und Auferftehens, es gilt durch alle Zeiten, es gilt auch in unserer Zeit. Wer älter geworden ist und dem Sinne des Lebens, seiner Rhythmik, seinen Gesetzen gelauscht hat, der wird etwas von dieser Wahrheit gespürt haben. Es kommt nt je­dem Menschenleben die Stunde, wo der Mensch vor die Entscheidung gestellt wird, ob er Liebes opfern will, es braucht nicht immer gleich das Größte, das Leben zu fein. Kann er kein Opfer bringen, dann wird er den Geist des Christentums niemals verstehen. denn nur Opfersinn kann das Ostergeheimnis verstehen. Aber wer die Kraft zum Opfer gefunden hat. der wird dann die Wunder Gottes schauen, der erlebt dre große Wahr­heit, daß alles Sterben eigentlich nur die Eeburts- stunde neuen Lebens ist, so wie die Sterbestunde Jesu von Nazareth zur Geburtsstunde des Christentums wurde.

Dies Gesetz gilt auch im Volks- und Völkerleben. Stunden tiefster Erniedrigung und Demütigung wur- den zu Stunden innerer Belebung und. Erneuerung, aus tiefstem Leid wurde Großes und Ewiges geboren. Der Dreißigjährige Krieg hat Deutschland die tiefsten Wunden geschlagen, aber aus dem Leid und den Tranen dieser Jahre wurde das große Ideal der Gswisiens- freiheit geboren. Und so schwer die Hand Napoleons auf Deutschland gelastet hat, auf das Sterben dieser Jahre folgte das Ostern einer vaterländischen Wieder- geburt. So soll der Osterglaube uns beflügeln ,n der schweren Zeit, die wir setzt durchleben muffen. Wer als Christ in unserer Zeit steht, der wird sich nicht Nieder­drücken lassen durch das Leid der Zeit, er wird stark und tatkräftig in die Zukunft schauen, weil er weiß, daß auch hier neues Leben aus den Ruinen blühen wird. Liegt jetzt auch über unserem Vaterland tiefes KarsE- tagedunkel, es kommt die Stunde, wo helles Osterlicht auch über den deutschen Gauen aufftrahlen wird

Das gilt zunächst in staatlich-politischer Hinsicht, es gilt aber noch mebr in rein innerlicher Hinsicht, ja, vornehmlich in dieser, denn sie bildet die Vorcms- sttzuna und die Grundlage einer staatlich-politischen Erneuerilna Wir sind unter dem Druck der Zelt zu Hit in- Materielle und Wirtschaftliche hineingeraten, SU leicht wird verkannt, daß erst der Geist lebendig inacht Nicht im Blut, sondern im Geist gründet das deutsche Volkstum. Die Erklärung des Geistes aus dem Blut ist Materialismus, ist Mangel an Vertrauen aus die Macht des reinen Geistes. Und die Hemmungen, d'e heute das geistige Leben durch die wirtschaftliche Notige erleidet, verführen auch leicht sonst idealistisch Denkende zu der Jrrmeinung, daß das Wirtschaftliche doch der eigentliche Boden des Geistigen sei So sicher das Wirtschaftliche -ine große Bedeutung bat dag «ir das so oft verkannten, haben wir bitter büßen wüsten . ko sicher entscheiden letztlich doch d:e g-isiigen Notwendigkeiten über das Wirtschaftlich« und nickt

umgekehrt. Zu solchem Glauben fehlt uns heute der f Mut. Möchte es Ostern werden, daß wir wieder glau­ben lernen an die Macht des Geistes!

Osterglaube tut nicht zuletzt der Menschheit not. Gewiß sind wir Deutsche, ge- :ß ist unsere erste Aus­gabe, das Wirken und Schaffen im europäischen Kultur­kreise. Aber wie ein stilles Sehnen, gleichsam wie das Abendrot am Horizont steht doch die Sehpsucht, die auch nur aus dem Osterglauben geboren und genährt wird, daß einst eine Herde sein wird und ern Hirt. Weiter freilich denn je scheinen wir heute von der Er- fMung dieser Sehnsucht entfernt. Mehr denn je scheint heute das Wort von Menschheit- und Völkerzrieden em schöner Traum, ja vielleicht eine gefährliche Phrase. Möchte es Ostern werden auf der weiten Welt, daß Deutschland sein Recht werde und der Menschheit Frieden. , ^ .

Ostern ist zunächst immer ein persönliches Erlebnis, abet aus dem persönlichen Erlebnis wird ein großer und kühner Schicksalsglaube. Was Jesu Jünger in jenen Ostertagen in ihrer innersten Seele schauten, die Gewißheit, daß Jesus in der Kraft göttlichen Lebens den Tod überwunden hatte, das gab ihnen helle Augen für die Nöte der Zeit und ein großes Vertrauen auf die künftigen Tage. Wenn wir wirklich Ostern feiern, wenn auch wir die Erfahrung im tiefsten Herzen machen, daß keine Macht der Erde das geistige Leben überwinden kann, ja, daß aus allem Leiden das Wahre und Gute nur geläutert und verklärt hervorgeht, dann werden auch wir eine starke Kraft und einen großen Glauben bekommen, einen Glauben, der durch alles Leid der Gegenwart in eine besiere Zukunft schaut, einen Glauben, der durch Werke tätig ist, zu wirken und zu schaffen, daß diese Zeit, sie fei näher über ferner, über unserer deutschen Erde aufgehe!

Eine neue Erklärung Poincarss über die Ruhrangelegsnheit.

Paris, 30. März. Die Kammer trat gestern in einer Nachtsitzung zu einer Besprechung der Ruhr­kredite zusammen, in deren Verlaus die ganze Ruhrangelegenheit eingehend erörtert wurde. Herriot legte dem Ministerpräsidenten folgende Fragen vor:

1. In der ganzen zivilisierten Weft wird behaup­tet, daß Frankreich an der Ruhr keine wirt­schaftlichen Vorteile. sondern die Annexion verfolge. Diese Propaganda sei aber gefährlich, zumal in Deutschland die republikani­sche Richtung darunter leiden könne.

2. Alle vernünftigen Männer wissen, daß diese ganze Angelegenheft sobald als möglich beendet werden muß. Natürlich muffe über die Reparationen verhandelt werden. Aber an dem Tag, an dem Deutschland an alle Alliierten Vorschläge mache, dürfe nicht gesagt werden, daß Frankreich im Gefühl seiner Gerechtigkeit sich nicht mehr damit befaffen wolle.

Poincarä antwortete:Ich habe bereits gesagt, daß an dom Tage, wo die deutsche Regierung die Nutz­losigkeit ihres weiteren Widerstandes einsehen und an alle alliierten Regierungen konkrete Vorschläge machen wird, diese Vorschläge von uns mit größter Gerechtigkeit und Loyalität geprüft werden würden. Ich habe hinzugefügt, daß es absurd und geradezu abscheulich wäre, den. Franzosen den Gedanken einer Annexion der Rheinlands oder des Ruhrgebietes zuzuschreiben. Ich habe immer gesagt, daß wir ins Ruhrgebiet gegangen sind, um dort wirtschaftliche Ziele zu verfolgen. Wir haben niemals die Absicht gehabt, uns auch nur einen Zoll deutschen Bodens anzueignen, aber wir werden unsere Pfänder nur gegen Realitäten wieder her­geben. Wir werden uns aus dem Kuhrgobiet nur nach > Maßgabe der Zahlungen, die wir bekommen werden, zurückziehen. Deutschland hat heute keine auswärtigen Schulden mehr und hat infolge des Zusammenbruchs der Mark auch kaum noch innere Schullien. Es ist also weniger belastet wie Frankreich und muß unbedingt den gesamten Schäden, den es angerichtet hat, wieder gutmachen."

Die Rede wurde wiederholt durch Beifallsäußerun- i aen unterbrochen. Gegen 2 Uhr morgens wurde die Sitzung geschloffen und die Kammer auf den 8. Mai vertagt.

Eine Ruhrkonferenz zwischen Poincarch Mussolini und Theunis?

Paris, 31. März. I a s p a r wird heute abend nach seiner Rückkehr aus Mailand eine Besprechung mit Poincarä haben, die den Zweck einer Zu- sammenkunft zwischen Poincarä, Theunis und i Mussolini zur Lösung des Ruhrkonflikts haben soll.

Eil, msm MMlllM»« W SM?

Paris, 30. März. Das Käblogramm bezeichnet als eines der wichtigsten Ereignisse der zahlreichen rom^ schon Besprechungen zwischen politischen uns finanziellen Persönlichkeiten den Entschluß' des Papstes, zu Ostern einen Hirtenbrief zu ver­öffentlichen. Die Kurie schlage den Abschluß eines Ver­trages zwischen Deutschland und F r a n k t c i□} vor. in dem sich beide Staaten verpflichten, sich nicht anzugreifen. Sämtliche Völker der Erde sollen sich weiter verpflichten, die Durchführung dieses Ver­trages zu garantieren. Die Funktionen des Völkerbundes sollen nicht beeinträchtigt werden, da dieser ohnehin erst nach zahlreichen Verhandlungen in Konflikte Eingreifen kann, während in diesem Falle die Garant)emächte im Falle eines Angriffes auto­matisch einzugreifen hätten.

Paris, 31. März. Rach einer Meldung desNew York Herald" herrscht in französischen Kreisen starkes Interesse für eine Nachricht, derzusolge der Papst beabsichtige, eine Intervention m der Ruhrfrage in Gestalt einer Osterbotschaft zu unter­nehmen. die einen Plan hinsichtlich der Wiederher­stellung freundschaftlicher politischer Beziehungen tn Europa, namentlich zwischen Frankreich und Dsutscylami, auseinandersetzen werde. Es verlautet nach dein daß dieser Entschluß in Paris auf Grund der Zusiche­rung des deutschen Vertreters gefaßt worden fei, daß Deutsckland bereit sei, im voraus jeder Rege­lung der' wirtschaftlichen Seite der Reparationssrage stimmen. Die Regelung laste sich vielleicht durch eine internationale Konferenz er­zielen wie sie die Internationale Handelskammer auf ihrem' Kongreß in Rom vorgeschlagen habe. Allerdings soll der Vatikan sich dafür entschieden haben, die wirt­schaftliche Seite nicht in den Bereich der Intervention der katholischen Kirche hineinzubeziehen. und alle Vor­schläge in der päpstlichen Botschaft würden ausschlteßlrch auf die für die Aufrechterhaltung des Friedens m Be­tracht kommenden Punkte beschränkt bleiben. Auf einen einfachen Ausdruck zurückgefuhrt. sehe der Plan vor, daß Deutschland und Frankreich einen gegenseitigen Sicherheitspakt unterzeichnen. Dieser würde von allen übrigen europäischen Staaten gebilligt wer­den

Der Mannhriwsr Bahnhof besstzt.

Mannheim. 31. März. Heute vormittag 8 Uhr kamen etwa 3 Kompanien französischer Lnsanterre mit Maschinengewehren über die Rheinbrücke durch de« Luisenrina zur Friedrichsbrücke, auf der sie den Neckar überschritten und sodann in die Waldhofsiraße zum allen Benz werk einbogen, dessen Eingänge mit einem Zug Fußtruypen besetzt wurde«. Ein anderer Teil marschierte bis zur Humboldtstraße. wo sie Halt machten Von dort aus rückte ein Zug nm %7 Uhr nach dem hiesigen Bahnhof, den sie besetzten.

Dollarschatzanweifungen «nd Stützung der Mark.

Berlin, og März. Me auf die D ollarschatzanweisungen des T^utkchen Reiches einsogaugenen Zeichnungen liegen zwar nech nicht fünEch vor. dock üt Kreits Wd« Lik der non ben Vanlen garantierte Betrug aut öaljte gezeichnet wuiche Gemäß dem mit den Bcucken abge­schlagenen Garantieverttag bat die Ausfüllung dW Zeich- i-unasbetraaes bis auf 100 Millionen Goldmatt zu ettolgen.

Resultat entsvttcht dem. was unter den gegenwärtigen äieikältnisien ermattet werden durfte und kann als durch­aus befriedigend angesehen werden Ems-br erheb- lilber Betrag (in 3$cu>icTiJt<ttf ausgedrüÄ bbr

BankgmarMen 500 Milliarden) gebt aus.der^Vrrvatwrrt- sci alt mif die Reüdsdanl üder and lvmint dem & t ü & V ^

1« « h « f ii r d i e Mark zugute. In Verbindung mit den Maßn-bmen der Reichsbank, insbesondere mit der ^ erföiniett Übertragung erheblicher unbelasteter Eoldbeiräge nach dem Ausland wird bje Stützungsaktion der Mark aus eine bedeutend breitere Grundlage gestellt als " Die Re-ichsregreruna und die Ret-chsbank werden dÄrck in die Stützung kraftvoll fort- ru5etzen.

Die Entscheidung der Reparationskommiffion Mr Goldanleihe.

4 iaris °9 März. Das ..Journal" nennt die Entscheid duoa d-rbRevarationskommission über die Goldanleih« v e - unruhigend. Die französischen Interessen wuroen ge- oofett Das Blatt ist über die Auslmung des 8.12. Annex L Alttmitt 8. beunruhigt, und schreibt, man wurde sich nicht habt n zu fasen, daß das Beichlagnabms- rechtens den voliigen oder teilweisen Ertrag der Anleihe sich aus den angeführten Daragravhen verleiten mnen und von dem Vertreter Englands und Llmerikas anerkannt wor­den sei aber man sei erstaunt und sihmerzlich berührt ,n ettchren, daß diese These dank der Textstellung des belÄ- kchen unb italienischen Dal^nerten nicht trcumvlnert habe. Das Blatt bedauert auch, daß der RcchtsatzSschnß erklärt bat. daß die Re'cksbank feit dem 25. Mai 1922 ein van der deutschen Rcsierunq unabhängiges Fnianzinstitut ist und daß von nun ab die RevarationLkommission nicht mehr das Reckt habe, ihre Ooerationen zu kvstrolliereu