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Verlag Langgaff» 21

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60.

Montag, 12. Marz 1923.

71. Jahrgang.

Das Brachliegen der Arbeitskraft.

Der dem Reichstag vorliegende Gesetzentwurf zur Schaffung einer Arbeitslosenversicherung lenkt die Aus- uerksamkeit wieder einmal auf die Frage, was mit >enen geschehen soll, die durch eine der zahlreichen chwankungen unserer Wirtschaftskonjunktur von ihrem Arbeitsplatz fortgeschleudert werden, deren Arbeit plötzlich volkswirtschaftlich überflüssig geworden ist. Das Problem ist um so aktueller, als gegenwärtig die Zahl der Arbeitslosen wieder in starker Zunahme begriffen ist. Die Frage ist nun die: Ist es volkswirtschaftlich richtiger, die entbehrlich gewordenen Arbeitskräfte im Produktionsprozeß zu belassen und sie durch Streckung der Arbeit weiter zu beschäftigen oder sollen sie ent­lasten und durch eine öffentlich-rechtliche Arbeitslosen- fürscrge bezw. Arbeitslosenversicherung über Wasser gehalten werden, bis sie wieder volkswirtschaftlich pro­duktiv beschäftigt werden können. Der bekannte Sozialpolitiker,Dr. Potthoff, der bekanntlich früher längere Zeit als freisinniger Abgeordneter dem Reichs­tag avgehört hat. hat kürzlich in derSozialen Praxis" mit großer Schärfe den Standpunkt vertreten, daß jeder, der in der Produktion nicht mehr volkswirtschaftlich nutzbringend mit seiner ganzen Arbeitskraft beschäftigt werden könne, zunächst ausgeschaltet und als Arbeits­loser geführt werden sollte. Potthof prägte geradezu das Schlagwort von derproduktiven Arbeitslosigkeit", womit er sagen wollte, daß falsch verwendete oder un­produktiv tätige Arbeitskräfte nur durch das Druck­mittel der Arbeitslosigkeit auf den rechten Weg der wirklich produktiven d. h. volkswirtschaftlich Ertrag bringenden Arbeit geleitet werden können. Die Ber- wirklichnng dieser Forderung würde natürlich das Be­stehen einer großzügigen staatlichen Fürsorge für alle Beschäftigungslosen voraussetzen.

Gegen diesen radikalen Standpunkt der Produk­tion sverbillignng um jeden Preis sind aber mit Recht in der Öffentlichkeit starke Bedenken geltend gemacht worden. Die Ersparniste, die durch Ausschaltung der brachliegenden und nicht voll ausgenutzten Arbeits­kräfte in der Produktion erzielt werden könnten, wür­den durch die notwendig werdende Erhaltung aller Ar­beitslosen wieder aufgebraucht werden, denn diese Ar- beitslosenfiirsorge würde doch letzten Endes nur zu Lasten der volkswirtschaftlichen Produktion durchge­führt werden können. Hierzu kommt aber, daß über die Frage, westen Tätigkeit in der Wirtschaft entbehr­lich gemocht werden kann, durchaus nicht leicht Über­einstimmung herzustellen fein wird. Potthoff beklagt sich z. B. über langsame Abwicklung der Geschäfte cin den Schaltern der Post, der Banken wie in den Ämtern überhaupt, und er verlangt Anwendung der zeit­ersparenden Arbeitsmethode, weil nur durch diese die Produktion verbilligt werden könne. Mit Recht hat Dr. I o d I e d e r, ebenfalls in derSozialen Praxis", hiergegen eingewendet, die Spannkraft und Leistungs­fähigkeit der einzelnen Personen sei eben verschieden. Man müste sich daher bei der Maste mit einer mittel­mäßigen Leistung begnügen. Vollends abwegig ist es, wenn Potthoff gerade in den freien Berufen zahllose Existenzen zu finden glaubt, deren Arbeit volkswirt­schaftlich mehr als unnütz, vielmehr direkt schädlich sei, obwohl sie manchmal sebr angestrengt arbeiten und auf ehrliche Weise ihr Brot zu verdienen glauben. Richtig ist. daß infolge der Verarmung die Veschäfti- gungsknöglichkeiten in vielen Berufen geringer gewor­den sind. Aber hier schafft die wirtschaftliche Entwicke­lung schon selbst den Ausgleich. Es gibt zurzeit Luxus­gewerbe, die Rohstoffe der Allgemeinheit entziehen und brachliegen lasten, weil unser verarmtes Volk diese Luxuserzeugniste nicht wehr verbrauchen kann. Aber -as sind Übergangszustände, aus denen man keine so weitgehenden Schlüffe ziehen sollte. Hätte Potthoff -echt, so müste der Staat alle brachliegenden und im volkswirtschaftlichen Sinne entbehrlichen Arbeitskräfte auf Worteaeld setzen, bis sie einem anderen Berufe zu- aefübrt werden können Dann würde sogar die Ver­pflichtung, für eine Arbeitslosenversicherung Beiträge ^ zahlen. einer moralischen Grundlage entbehren. Ein -olick aus die heutige Finanzlage des Staates genügt, um zu zeigen, daß hier unmögliche Forderungen er­hoben werden. Es gilt vielmehr umgekehrt, den '2tnat von der Fürforas für die brachliegenden Arbeits- iräft° möglichst zu entlasten und diese der Selbstverant- wortstchkeft der Beteiligten, der Arbeitnehmer wie der Arbeitgeber, zu übertragen. Das ist auch der Grund­gedanke des neuen Arbeitslosenverstcherungsgesetzes. Alenu schon das Problem der Arbeitslosenfürsorge heute nicht mebr vom Staate gelöst werden kann, so mub^das viel schwierigere der arößtmöalichen Produk- «vitöt und Rentabilität der Volkswirtschaft erst recht r Privatwirschaft und dem freien Spiel der Kräfte ^ur allmählichen Lösung überlasten werden!

Dr. Stresemamr iibZr die Lage. «

. AV.T.-B. Frankfurt a. M.. 11. März. In einer von vielen Tausenden von Personen besuchten ösienllrchen Ber- iummlung sprach beute abend der Führer der Deutschen Velksvartei. Dr. Etresemann. im Saalbau über die ullgemeii e politische Laue und führte dabei u. a. aus: Be: »einem Aufenthalt in England ist der Abgeordnete Erke­lenz auf llarke englische Kritik angesichts.der Leistungsfähigkeit Deutschlands im der Revaratronsiraae gestoßen. Dean hat die englische Leistungsfähigkeit und Steuerfreudigkeit derjenigen der deutschen Wirtschaft gegen- ubergestrllt. Hier liegt ein grober vckckologischer Unter­schied vor. Die Engländer befinden sich in festen Verhält­nissen. Die Engländer willen, ganz genau, was nach der Sieuerlelltung der englischen Wirtschaft für den Wiederauf­bau nach dem Kriege zur Verfügung siebt. Man gebe uns feste Verhältnisse und sage uns. was Deutschland endgültig an Reparationsleistungen amzu- brrngen bat. so daß wir genau willen, was Deutschland danach noch zur Verfügung bleibt, und wir werden ganz andere Möglichkeiten, die Steuern einzuziehen haben, als sie b'Sber vorhanden gewesen llnd. Man übersehe auch nicht, daß die in der deutschen Wirtschaft liegenden Entwicklunas- mbgl'chkeitcn erst voll ausgenützt werden können, wenn die deutsche Wirtschaft mit stetigen Verhältnillen rechnen kann und nichi fortgesetzt vor dem Überraschungen der Beschlulle neuer li tervatianaler Konferenzen, neuer Sanktionen. Ein­brüche in drulsibes Gebiet rüw. siebt. So lange diese festen Dcibältnille nicht geschaffen llnd. wird jede Regierung daran scheitern die legten Wirtschaftsmöglichkeiten und dadurch dre letzton Stenermöglichkeiten ans Deutschland berauszubolen.

In der inneren Politik ftebt das Kabinett Enno heute f-ster da als bei seinem Amtsantritt, wo es sich noch teilweise einer starken Oovosition gegenüber befand. Die letzte Reich-stagssitzuna bat ebenso gezeigt, daß der von- tische A b w e b r w i 11 e bei allen Parteien derselbe llt. wre inzwischen auch die innere Festigkeit der Regierung ge­wachsen ist. Man bat sich auch in den Kreisen der Parteien, die nicht zur Regierung gebären, davon überzeugt daß dre Regierung alles getan bat. um den Rubrkonilikt zu Ver­bindern. und stimmt desbalb um io mebr mit ibr überein in dem moralischen Widerstand, den sie gegen die Rudr- rnvasiov leistet. Man bat gesehen, daß sie auch auf dem Geb et der Wirtschaft nicht untätig gewesen ist und wentg- stens auf Zeit, io weit es überbauvt möglich ist. stabile Wäh-rungsperLältn iie geschaffen bat. Dazu klmnt das große persönliche Ansehen das der Reichskanzler selbst im In- und Ausland befint. Wenn Frankreich deshalb mit einer kurzen Lebensdauer des Kabinetts Euno rechnet, würde es gut tun. diese neue falsche Hoffnung auf einen ir.ne'rol'tlscken Konflikt möglichst bald aus ferner Bilanz zu streichen. In der äußeren Politik vertrat Dr. Streiemann im wesentlichen die Eestchtsounkte feiner Rede am 7. März *

Einmütige Geschlossenheit der Industrie.

W.T.-B. Berlin, 12. März. Der ..93. L.-A." meldet: Das Präsidium und der Vorstand des Reichsverbandes der deutschen Industrie waren in den letzten Tagen in Berlin versammelt. um stch mit der durch den Einmarsch der Fran­zosen und Boloicr geschaffenen Lage und mit den notwen­digen wirtschaftlichen Abweb^maßnabmen zu,, beschäftigen. Die Verhandlungen bestätigten die einmütige Ge­schlossenheit oller Telle der deutschen Industrie in diesem Eristenzkamvf festzvsteben und den Gegnern unter Hinkauietzring jegl'cker Sonderinterellen Widerstand zu leistrn. Den beirnderen Anforderungen, welche die Rot der Zeit gerade an die Svitzenorganiiation der deutschen In­dustrie stellt, wurde durch Erweiterung des Präsidiums Rechnung getragen.

Eine Kundgebung der westfälischen Landwirtschaft.

W. T.-B. Dortmund, 10. März. Eine aus Ver­anlassung der Landwirtschaftskammer Westfalen zu­sammengetretene Versammlung, die von rund drei­hundert Abgesandten der landwirtschaftlichen Vereine des besetzten westfälischen Gebietes besucht war, gestal­tete sich zu einer machtvollen Kundgebung des ent­schlossenen Willens der Landwirtschaft, in Treue zum Reiche auszuhalten. Die Erzeugung soll nach Möglich­keit fortgesetzt und dadurch auch die übrige Bevölkerung des Einmarschgebiets im Äbwehrkampf gestärkt werden.

Neue Ausweisungen.

Wd. Koblenz. 12. März. Die Interalliierte Rbeinlarid- kommillinn bat u. a. ausgewiesen: den Pastor Reifen­rath in Simmern. den Zollickretär Scholz in Kreuznack, den Zollinspektor Weber in Kreuznack, den Zollinspektor Weinrick in Krerznack. den Oberzollkallierer Stinner in Kreuznack, den Pclrztiiekretar Hever in Oberstem, den Stadiiekocitär Lebmann in Kaub, den Bürgermeister Sckuh- rick in Brcuboch. die Port- und Tetegravbenbeamren Hannnvel. Sckrödter. Gernet und Zubrod in Mainz, den Praktikanten Äaller in Oppenheim, den Direktor der Teck- niicken Hockickule in Bingem. Adolohke. die Studenren Wackenbruck und Blell'ng in Bingen. den Reaierungsallellor Mettern-ch vcm Kreisamt ,n Bingen, di« Zollbeamten vöiel. Kron-'nberger. Schmidt. Köhler. Elfrick und Ohlif in Dingen sc wie die in den letzten Tagen vom Kriegs- gerickt verurteilten pfälzischen Beamten, den Ersten Staats­anwalt Riffel in Zweibrucken. Oberbürgermeister Strobel in Pirmaiers und den Zweiten Bürgermeister in Pirmasens.

Wd. Mainz. 12. März. Durch die Beiatzungsbebörde ist wiederum eine Reibe von A u s Weisungen erfolgt. Dar­unter befinden sick der Vorsitzende der sozialdemokratischen Stadtverordneten.fraktron Dr. Surenger. der evangelische Pfarrer B e r ck in Momback und Landgerichtsrat Alten- d o r f in Mainz.

Wd. Mainz. 12 Marz. (Erg. Drahtbericht.) Der Hauvt- Ickriitleiicr der ..Mainzer Bolkszertung". G. Ibina. der bekan'itlick vcr emigen Tcikwn vom französischen Militär, ool-zc-geridit in einem Prcllevrozeß im Abwesenheitsver- fabrcn zu 6 Monaten Geiängnrs und einer hoben Geldstrafe verurteilt worden war. ist nunmehr mit keiner Familie aus dem besetzten Erbiet aussewlesen worden

Ein englischer Schuldentilgungsplan.

DieIndustrielle Gruppe" von Mitgliedern des eng­lischen Unterhauses hat sich dieser Tage, wie wir be­richtet haben, mit einer Denkschrift über die Frage der Fundierung der internationalen Schulden beschäftigt. Zwar erfährt man nicht, wer ihr Urheber ist, noch welche Stellung dieIndustrielle Gruppe" dazu einge- nommen hat. So viel aber scheint aus der Denkschrift hervorzugehen, daß sie nicht von einem Franzosen­freunde stammt, denn es ist darin die Rede von der Möglichkeit eines Wirtschaftsbündnisses zwi­lchen England, Rußland, Deutschland und den Vereinigten Staaten, demselbst die erste Militärmacht Europas nicht Widerstand leisten können würde". England soll entweder durch den Völ­kerbund oder direkt die Vereinigten Staaten ersuchen, eine Weltkonferenz einzuberufen zur Regelung der internationalen Schulden, an der auch Deutschland und Rußland teilzunehmen hätten. Die internationale Schuldentilgung ist nun so gedacht, daß Deutschland, ausschließlich des festzusetzenden Betrages für den Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete Frankreichs, Belgiens und Italiens, an die Ententestaaten insge­samt 2663 Millionen Pfund Sterling oder über 53 Milliarden Koldmark zu zahlen hätte. Dagegen würde England alle seine Gläubiger aus der Schuld entlassen, ebenso Amerika, das von England die ihm geschuldeten 920 Millionen Pfund zu erhalten hätte. Ebenso wür­den die übrigen Ententestaaten ihre Schulden unter- eirrander streichen. Deutsckland müßte ausreichende Bürgschaften geben, seine Gesamtschuld würde fundiert, und es erbiefte ein Moratorium von wenigstens zwei Iabren. Auf eine kurze Formel gebracht heißt das, daß Deutschland die Schulden der Ententestaaten unter­einander zu übernehmen hätte. Nun aber bat schon Kenne? vor Monaten die Gesamtleistungsfäbigkeit Deutschlands ans höchstens 40 Milliarden Goldmark berechnet. Aber einen Betrog von 53 Milliarden, zu dem außerdem noch rissiae Summen für den Wieder- arrfbau der verwüsteten Gebiete kämen, ist also gar nicht zu debattieren. Außerdem wäre ein Moratorium von 2 Iabren viel zu knapv kemeffen. Immerhin ist der Gedanke einir Weltkonferenz nicht von der Hand zu weisen. Sie würde bei einer gründlichen Unter­suchung der deutschen Leistungsfähigkeit zweifellos zu dem Schluß kommen, daß die hier genannten Summen nicht angem.esien sind.

Zwei französische Offiziere in Buer ermordet.

W.T.-B. Recklinghausen. 12. März. Im benach­barten Buer wurden in der Nacht zum 11. März zwei sranzösische Offiziere ermordet. Die Einzelheiten über die Ermordung liegen noch nicht vor. Nach einer Les­art soll der Mord von zwei Belgiern begangen worden sein, die mit den Offizieren iy Streit geraten waren. Nach anderer Lesart soll der Bursche der bei­den Offiziere den Mord begangen haben.

W. T.-B. Buer, 12. März. Die Franzosen ergreifen die schärfsten Repressalien gegenüber der Be­völkerung. Der Oberbürgermeister wurde aus dem Bett heraus verhaftet. Alle Wirtschaften sind bis auf weiteres geschloffen. Aus den Kirchen kom­mende Bürger wurden von Trupps bewaffneter Fran­zosen auseinandergetrieben.

Kein Bormarsch auf Frankfurt.

W. T.-B. Paris, 10. März. DasEcho de Paris" schreibt, derDaily Telegraph" habe gestern angekün­digt, der nächste Vormarsch der Franzosen werde sich gegen Frankfurt a. M. richten. Das Blatt glaubt Grund zu haben, diese Nachricht für falsch erklären zu dürfen.

Verbot des Nachtverkehrs in Koblenz.

Wd. Koblenz. 12. März. Der Kreisdelegierte der Im- tevalliierten Rbeinlandkommillion bat den Racktver- k e t r für die Stadt Koblenz verboten.

LekMNtWlhMg der 3MIM HMMkölMWöil.

Non der Interalliierten Rbeinlandkommillion gebt uns nachstehende amtliche Bekanntmachung zur Veröftent- lichung auf Grund der Verordnung 97 Art. 15 zu:

Da die Telegraphen- und Teleobonbeamten in Wies­baden sich gewemert haben, gewisse offizielle Telegramme der Beratzuvgstek erden weiterzubefördern und die tele- vh-n'Iche Bc: bin düng mit verkckiedenen Ämtern des besetzten Gebietes berzustellcn. hat der Kommandierende General des 30. Armerkrrps lxichlollen. die Telegraphen- und Telephon- ämter tv Wiesbaden d's aur weiteres »u schließen.

Die Postämter bleiben für den normalen Berketr geöffnet. ^ _

W , »t r ge r Hinweis: Der Kommandierende Gene- rrl des 30. Armeekorps bringt hierdurch in ^Erinnerung, daß die Stadt Wiesbaden für alle Sabotageakte am Tele­graphen. und Televhonnetz verantwortlich gemacht wird.