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Nr 57.
Donnerstag, 8. März 1923.
Ae Ailchrche über die ReiGiuilljlereMrMg
Redner fragte, wo die Garanten der Haaser Konvention, und des Versailler Vertrages bleiben..
Einmütigkeit aller Parteien.
as. Berlin, 8 März. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Der würdige und eindrucksvolle Verlauf, den die gestrige Reichstagssitzung nahm, zeigt er neut, datz das deutsche Volk und der deutsche Reichstag geschlossen hinter den Ruhrkämpscrn stehen. In Deutschland wird man sich darüber wohl nirgends im unklaren gewesen sein, aber es war gut und zweckmäßig, dem Ausland, ganz besonders reich, wo man immer noch auf ein Auseinanderfallen der deutschen Abwehrfront hofft, diese Tatsache wieder einmal in die Erinnerung zurückzurufen. Der Verlaus der ganzen Aussprache im Parlament bestätigte den Eindruck, der nach der Aufnahme, die die Kanzlerrede am Dienstag gefunden hat, bereits feststand, nämlich, datz der Reichstag — die kleine kommunistische Gruppe ausgenommen — die Politik der Reichsregierung billigt, den
passiven Widerstand sortzufuhren, bis Frankreich darauf verzichtet, das Rheinland und das Ruhrgebiet vom Deutschen Reiche abzutrennen und in Verhandlungen über die Reparationsfrage ern- willigt. ' Der Sprecher der Sozialdemokraten hat das folgendermaßen formuliert: „Mit einem Frankreich,
das nur Reparationen will, können wir uns jeden Tag verständigen, mit einem Frankreich, das den Rhein und die Ruhr will, niemals!" Das war das Leitmotiv aller Redner, wenn es auch je nach der Parteistellung mit kleinen Variationen durchgeführt wurde. Bei dieser Einmütigkeit der Anschauungen hatte man davon Abstand genommen, ein besonderes Vertrauensvotum einzubringen, da ein Anlatz hierfür nach der klaren Stellungnahme des Reichstags nicht gegeben schien. So blieb es dem Vizepräsidenten Bell Vorbehalten, die völlige Einmütigkeit des Reichstags und der Regierung in der Politik des passiven Widerstandes bis zur gegnerischen Verhandlungsbereitschaft unter dem stürmischn Beifall des Hauses festzustellen.
Datz man in Frankreich, wo ja gewisse Blatter durch mancherlei Siegesnachrichten aus dem Ruhrgebret ihre Leier beruhigen zu glauben müssen, nicht gerade sehr entzückt ist von der Kanzlerrede und dem Verlaus der Reichstaasdebatte, ist durchaus begreiflich. Die französischen Blätter bemühen sich,
die Zahlen der Passiv-Bilanz,
die der Reichskanzler anfiihrte und die Dr. Sttese- mann noch erweitern konnte, zu entkräften. .^Da es an Tatsachen, aus die man sich stützen kann, fehlt, beruhigt man nch wieder einmal mit Hoffnungsbildern. An amtlicher französischer Stelle erklärte man dem Vertreter der „Dofl. Ztg.", Frankreich bleibe nichts übrig, als davon Kenntnis zu nehmen, datz die deutsche Regierung bei ihrer negativen Haltung zu beharren gedenke
Im übrigen scheint man es in Paris für zrveck- mätzig zu halten, sich wieder einmal Mit dem belgischen Bundesgenossen zu beraten. Poincar^ wird seine angekündigte Reise nach Brüssel anfangs nächster Woche unternehmen. Man versichert Frankreich und Belgien hätten bislang kein gemeinsames Programm für die Regelung der Reparationsfrage und betont, diese Reise diene nicht dem Zweck, ein solches Programm
Wird^demnach die Kanzlerrede und die l^ichstags- debatte an der Haltung der französischen Regierung nichts ändern — was auch kein einsichtiger Mensch annahm —, so gilt das gleiche auch für England.
Man zweifelt in englischen Kreisen nicht daß alles das. was über die Ereignisse rm besetzten Gebiet berichtet wurde zutreffend ist, aber man will, auch wenn man mit der Haltung der Franzosen keineswegs zufrieden ist. von allen diesen Dingen möglichst wenig wißen. Bouar Law hat erneut betont, eine Intervention komme nicht in Frage. Je geringer die Interventions- Möglichkeiten sistd. um so lieber mochte man. datz dout- scherseits Äoch noch Überganßspuukte zur
Eröffnung einer internationalen Erörterung für die Reparationsfrage geliefert werden. Man ver- L nf it1 England nicht, datz Deutschland in Anbetracht des' Vorrückens der Franzosen keine Vorschläge machen kann da sie wie eine Ankündigung des Zusammenbruches aussähen. Aber man hält es doch für möglich, ba'fe Deutschland eine Form finden könnte, um dre Diskussion über die Ruhrfragc in Flutz zu bringen. Das itt ein sehr bequemer Standpunkt, mit dem man , die eigene Schwäche zu verteidigen sucht. Zu irgend einer
Tat kann man sich nicht anfrafsen. Deshalb setzt man die Hoffnung auf eine internationale Diskussion, mit der nichts gebessert würde. In Deutschland wird das niemand täuschen. Man ist sich über die Stellung der Welt Wr Ruhraktion vollkommen klar und man hat die Konsequenz daraus, wie die Kanzlerrede und dre große politische Aussprache bewiesen, längst gezogen.
Sitzungsbericht.
Br Berlin, 8. März. tEig. Drahtbericht.) Die Reicks- tayssitzung am Mittwoch, in der die. Aussprache über die Erklärung der Reichsregierung stattfand. wurde vom brnn- denten Lobe mit der Mitteilung eröffnet, dah dem Reicks- kommisiar für die besetzten Gebiete bezüglich,der Ausweisung des Pfarrers Korell aus Nieder-Ingelbeim von der interalliierten Rbeinlandkommisiion ein Schreiben zugegangen ist. in dem es heitzt: Die Kommission bat erfahren, da» der Pfarrer Korell. der Reickstagsabgeordneter ist. trotz der Verwarnung durch di« Rhemlandkommisiion es man unter-
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Taten. ..
gebäre auch die
Aufhebung des Ausnahmezustandes.
Eine sehr lange Rede hielt die Abg. Krau hetkin als Rednerin der Kommunisten. Das Rubrvrolttariat habe schon einmal die deutsche Republik gegen, den K^v-Putsch
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UW II einmal 114: utuilUJV jviimvn- —,
«ereilet und heute trete es von neuem in dre Schranken. Lebhafte Zustimmung fand sie auf den Banken der Rechiten. als sie erklärte, dah die Illusion endlich aufboren müsse, datz die kapitalistischen Staaten Deutschland anders behandeln würden als ein KoloniallaÄ). o . s . » „ „ v
Jjiii die Unabhängige Partei kam, Abg. L e d e b o u r zu Wort. Er behauptete, datz ln. «rrankreich vor allem die Sozialisten und Kommunisten die Politik Polnrares^ bekämpften und betonte, datz alle Parteien in, Deutschlaich m der Berui teilung des Rubreinmarsches, ernig ieien.^Nei- uungsverschiedenhetten bestunden nur über die Mittel zur Rückgängigmachung dieser Tat. t 0 „ • < .
Seitens der Bayerischen Volksvarter gab Abg. Leicht seiner Genugtuung Ansdruck über die Einmütigkeit, mtt de», die Redner aller Parteien die entschlossen« Abwehr gefordert haben. Nachdem Deurschland im Vertrauen auf che versprochene Weltabrüstung sich vollständig entwaffnet, habe, bliebe ihm kem anderes Mitte! als der v a UJ v e W r d e r lt °n d. der Holm anzuscklagen sti °ls ein akttver. Er wie.
_L__Besatzungstruvven »*>-
einträchtigen Infolgedessen hat die Rbeinlandkommimon beschlossen, die sofortige Ausweisung des Marrers Kottll.zu veranlagen. Die Familie Korell mutzte das besetz teGebiet binnen 4 Tagen verlasien haben ,Unter dem lebhaften Beifall des §>auies dankte der Präsident „dem Abgeordneten Korell für seine Pflichterfüllung gegenüber «einem Wahlkreise und dem deutschen Volke. , , ... .. „
Als erster Redner '.n der Aussprache über die Kanzlerrede erhielt darauf Abg. Dr. David (Soz.1 das Wort. Mit erhobener Stimme erklärte der Redner, datz mtt einem Frankreich, das nur Reparationen und Ruhe wolle, enie Verständigung jeder Zeit möglich sei. mit einem Frankreick aber das den Rhein und ch« Rubr annektteren wolle. ,,ne- mals Der Redner ging bann auf di« Geheimberichte Dariars ein Das denÄcke Volk und. die deuticbe. Sozial- demokratie werden selchen Plänen entschlossenen Widerstand entgegensetzen.
Zum Wiederaufbau, zur Wiedergutmach,>n« seien wir bereit. Auch Ruhe und Sicherheit solle Frankreich gegeben werden. Aber dann müsse das ganze beietzte Gebiet geräumt werden. Die franzonicke Politik werde schein tern ar dom Felsen der deutschen Sozialdemokratie.
Für di« Deutschnationalen sprach Abg. Her et. Er wurde öfters durch lärmende Kundgebungen der Kommunisten nnürkrocken. Mit ibenugtuung begrünte er.die Rede des Kanzlers und seine Ausführungen über die vamve Bilanz des französischen Ruhmmternehmens, fi » nx-itir dem Kanzler, datz er der Welt den stifl der Verantwortung norgebalten und einen Avvell an rbr Gewissen gerichtet babe. Mit Recht habe der Kanzler das Wort, geprägt. dah wir allein rieben in.diesem Kampf. Allerding-- bube der Kanzler nicht alle Wunsche einer Partei erfüllt. So hätte sie den Abb ru ch.der d i v l o ma t i s ch en B e - i e b u n g e n zu Frankreim . und Belgien verlangt. Dre Regierung babe dem Gegner fast zu vrel angeboten und lei damit eigenilich schon über das Matz unserer Lei>tungs,abi^ feit lünausgegangen. Dagegen bearutzte er die Erklärung des Kanzlers, datz
keine unerfüllbaren Bedingungen unterschrieben werden sollen. Die Autorität der Resieru.ng niüsse in dieicr schweren Zeit, unter allen Umstanden Äutt werden. Im Zusammenhang damit verlangte der Redner ein scharfes Dcrgehen gege,' alle Landesverräter und Flau-
Marx lZentt.) erklätte. Englaird und Amerika hätten das Reck t und di« Pflicht, jeden Kontrabenttn auf das Unrecht hinzuweisen. das dem wanenlosen deut,chen Volke angetan werde. Als grotzter Erfolg des Ruhreinmarsches fei feitzpstelleii. datz das deut wie Volk sich -n,einer Gesamtheit endlich, wiedergeru'.iden habe. Was von der Bevölkerung am Rhein und an der Ruvr an Dviermut gekeiitei
werde, das fei ^ H,ldentum.
würdig gröberer Taten. Vorbildlich für unser ganzes Volk siebe die Rhein- und Rubrbevolkerung vor uns und babe Anspruch aus de» liefgeiüblten Dank der ganzen Natton. Besonders gedächte Ab«. Marx der Verdienste der A r b e i t'e r f ch a f t. Durch die Fortsetzung des passiven
Midei-stondes werde der Sieg unser sein. __ _
Erikens der Deutschen Volksoartei schloh sich Abg. Dr. S t r e s e m a n n dem Dank an di« Ruhrbevolkerung ,n warmen Aborten an. Er wandte sich dann gegen dre Ver- breilm'g wilder Gerückte und wies vor allem dre Bebauv- tuna des Berliner Korrespondenten der Pariser. Zeitung Le^Journal" zurück, die sächsische Industrie. babe die Regierung um ein Rachgcden gegenüber Enkrerck, ersucht. Diese Behauptung sei von Anfang brs zu Ende erfunden. Vollständig erfunden sei auch .die.Behauptung, datz di« Krrma Kruvv ln Eüen die amerikamiche flagge »ebivt und kick, unter amerikamichen Schutz gestellt baoc; ferner das Vc gerückt kotz er dem Reichskanzler entgegensetreten unter allen Umständen eine Verständigung verlangt habe. Abg. Stresemann ging dann aut den
finanzielle« Miherfol« der französischen RubraktiO« ein und erklärte die Ausgaben des ersten Monats bätten bereits 132 Millionen Franken betragen. Abg. Stresemann schletz mit der Mahnung, in dem furchtbar schweren Kamvi einig r« bleiben. l
denn nur dann könne er Erfolg haben. ^ _ ,
Der Redner der Demokraten. Abg. Dr. Dernburg. 'übmte unter lebhafter Zustimmung des Hauses die -rattg- keit des ausiewieünen Fraktto.nskollegen K o r e 11- Aus- tühclidi besaht« er sich daim mtt dem Zustandekommen des Friedensrertra-es. Van 132 Goldmilliarden, die wir bezahlen iclliN. süde^obsolut nich^in dem Fri^en^ertrag Dieter rede nur davon, bau Deutschland nach Matzgab« seiner Leistungsfähigkeit wiederautmacken solle. Auck dieser
habe, und rief dem Reichskanzler zu:
Reichskanzler, bleibe bartl
Dem deutickken Volke aber: Halte aus im Kamvf für Freibett
U11li> HiMÜf schlotz Vizepräsideirt Dr. Bell die AuLfvra^ mtt der Feststellung, sie habe den Brüdern an Rhem und Ruhr gezeigt, datz der Reichstag und das deutsche Volk hinter ihnen sieben. Rhein mtd Rubr auf ewig deutsches Land und deutsches Gut!, . _, . „ . -
Gegen 7.45 Uhr vertagte sich das Haus cmi Donners-
tagnachmittag 2 Uhr. _
Ai » iet AWlmlmere in Mat.
W.T.-B. Paris. 7. März. Die ..LibertS" findet datz die Rede des Reichskanzlers und die des englischen Premier- p M inisters genau parallel., nebeneinander be-Mben oder, wenn man wolle, sich ergänzen. Kein« von beiden bringe eine Lösung. Alle beide zeigten sich neaattt,. Reichskanzler babe gegen dre Besetzung des Rubrgebieks protestiert. Bonar Law habe, sie beklagt. Beide, hatten sie nichts vorgeschlagen., was die Grunde hrni all lg machen könnte, deretwegen die Besetzung notwendig gewowen >,«>.
Das ..Journal des Dckbats'' gibt zu. datz di« framosi- schen Au-gaten im Ruhr gebiet die Emnabmen wert »ider- ichreiten. ..Trotzdem", so meint das Blcttt. „bei der. Verschlechterung der Lage ^werde Deutschland zur Nachgiebigkeit gezwungen neiden." w
W.T -B. London. 7. Mar». Die .Tiimes schreibt, di« gestrige Rede des Rei^kamlers babe. ke,nen S i nweis dkruus segeln. welrEre Äorsärlage bte wachen, bereit sein würden, wndern nur angekundlgt. da» der paüive Widerstand iortgeietzt werden konnte bis zu dem Augenblick, wo Deutschland u, der Lage feui^ wtk uirija gleichen Bedingungen zu verbalsten. Ausenbncklick, m>eu« cs daher, als ob der Konflikt sich hins.chlevven werde zum arctzen Schaden der unmtttelbar in Bettachc kommenden Länder und ganz Europas. Trotzdem, einmal mutzten die Vsrhandlungeir über eine Regelung beginnen. Die französischen Publizisten stellten bereits VermumnMN über sie Form dieser Verbandlungen aut. Es scheine dabei das Bestreben vor banden zu sein, für een« Abänderung des Versailler Vertrages rn einem für akrankrerch günstigeren Sinne einzutteten..
Br. Berlin. 8. März. lEm. Drabtbericht.) Die Rede des Reichskanzlers Dr. Cuno witrde. nach einer DrabtUM d-r Vosi Ztg.". erst spät abends in Rom bekannt. Meisagaero" betont, der deutsche Widerstand verfuge an- scheineüd über weitere Reserven. Das Rubivrobl-vn scheine seinen Höhepunkt noch mckt erreicht zu haben.
Der französische Standpunkt, v. Paris, 8. März. (Eig. Drahtbericht.) Im Quai d'Orfap wurde zur Rede des Reichst a n z- l e r s erklärt, die Ruhraktion sei auf Grund des 8 18 des Friedensvertrages wegen der Nichte r f u l l u n g unternommen worden. Ein Verfehlen Frankreichs und Belgiens könne daher nicht in Frage kommen, wenn sie die Deutschen zwängen, wiödergutzumachen. dieser Frage handele es sich um eine Angelegenheit, die zwischen Deutschland und den beiden Staaten direkt zu regeln sei. Frankreich könne nur davon Kenntnis nehmen, datz die deutsche Regierung in ihrem Widerstand zu verharren gedenke.
Der Eindruck der Kanzlerrede in der Berliner Diplomatie.
Kr. Berlin, 8. März. (Eig. Dricchtbericht.) De» Eindruck der Kanzlerrede in der Berliner Diplomatie hebt der diplomatische Mitarbeiter der „B. Z." hervor. Für bedeutsam hält man vor allem den zweiten Teil der Rede Cunos. Es wird besonders begttißt, daß Dr. Cuno nicht auf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen angespielt hat. Man hat mit Genugtuung bemerkt, daß sich der Reichskanzler egen diese nationalistische Richtung gewandt hat. uno habe sich durch seine Rode eine starke Resonanz in der neutralen und angelsächsischen Welt gesichert.
