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Nr 52.

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Freitag, 2. Marz 1923.

71. Jahrgang.

Verhandlungen?

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Immer wieder tauchen in letzter Zeit Nachrichten vus New dort, London oder Rom über Jnterventwns- abstchten «ruf. Einmal ist es Holland, dann wieder Amerika, das intervenieren soll. Allen drHen Meldun­gen ist das Dementi stets schnell ans dem Fug gefolgt, trotzdem ist anzunehmen, daß noch zahlreiche dieser Enten aufslattern werden. Selbstverständlich liegen die Dinge aber auch nicht so, daß überhaupt Niemand an Interventionen oder Verhandlungen denkt. Viel­mehr läßt sich im Gegenteil sagen, datz man sich natür­lich in allen grotzen Staaten eingehend mit dem Ruhr­problem beschäftigt. Der Kamps um die Ruhr rst ja keineswegs nur eine deutsch-französtsche Angelegenheit, bei der die übrigen Länder uninteressante Zuschauer bleiben könnten, vielmehr berührt dieser Kampf die Lebensinteressen aller Völker Europas. Es ist daher durchaus natürlich, datz man sich in den verschiedenen Kabinetten eingebend mit der Ruhraktion beschäftigt und die Möglichkeiten in Erwägung zieht, die geeignet sein könnte u, den Kamps zu beenden. Wenn dabei immer wieder der Gedanke an den Völkerbund eme Rolle spielt, so braucht kaum betont zu werden, datz Deutschland einer solchen Völkerbundsakfton sehr skep­tisch geqenübersteht. Nach den Erfahrungen, d,e Deutschland mit dieser Institution hat machen müssen, ist diese Skepsis durchaus verständlich.

Voraussetzung für das Gelingen einer jeden Inter­vention aber ist. datz sie nicht vorher mit großen Wor­ten angekündigt wird. Jede derartige Ankündigung verurteilt die Vermittlungsaktion von vornherein zum Scheitern und es wird auch keine Regierung geben, die sich der Gefahr aussetzt, datz eine angekündigte Inter­vention abgelehnt wird. Das gilt auch für die Nach­richten, die von einer Vermittlungsaktion Hardings zu belichten wußten, die aber eine Bestätigung im übrigen Nlcht erfahren haben. Bekannt ist auch, datz die amerikanische Regierung wiederholt betont hat, eine Vermittlungsaktion könne für sie tm Augenblick jedenfalls nicht in Frage kommen. Trotzdem gelten solche Versicherungen natürlich auch nur für eine be­grenzte Zeit und neue Ereignisse machen selbstverständ­lich neue Entschlüsse erforderlich. Fragt man sich, ob tn der Tat derartige Ereignisse eingstreten sind, so konnte man sie vielleicht in dem in der letzten Zeit starker betonten Streben Frankreichs nach Schaffung eines Kontinentalblocks sehen, ein Streben, das es dem angelsächsischen Block zweckmäßig erscheinen lassen könnte, das bedrohte Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Vertagung der Beratung des Hardingschen Vor­schlages auf Ernennung von Mitgliedern zum inter­nationalen Gerichtshof läßt aber deutlich erkennen, wie sehr man im amerikanischen Parlament einer Cm= Mischung in die europäischen Angelegenheiten abgeneigt rst. Auf jeden Fall wird, auch wenn spater die Dinge einmal anders liegen sollten, eine ernsthaft beabsichtigte Intervention Amerikas nicht in Klubreden angekundigt

werden. _ . . .

Voraussetzung für das Gelingen einer jeden Ver- miitlungsaktion ist aber auch die Verhandlungsbereit­schaft der beiden in Frage kommenden Parteien. Was nun Frankreich betrifft, so bringt der Draht täglich Auszüge aus neuen kritischen Presseautzerungen zur Ruhraktion und besonders die..der französischen Schwerindustrie nahestehenden Blatter haben kein Hehl darails gemacht, datz man Berhandlungen mcht ungern sehen würde. Cbarakteristlsch ist auch, datz ein Mann wie Pbilipp Millet erst in diesen Tagen schrieb: „Wir müssen mit den _ Industriellen zu Ver­handlungen kommen. Wir sind im Begriff, den gleichen Fehler zu begehen, den wir 1919 begangen haben, als wir erklärten, datz unsere Würde es Gegner zu verhandeln. Es hat sich herausgestellt, daß ein Friedensvertrag nicht brauchbar ist, wenn er. nicht zwischen den Hauptinteresienten verhandelt und ver­einbart worden ist." Gewiß ließen sich solche Stimmen ohne Schwierigkeit in „größerer Zahl anfuhren doch wäre es falsch, sie zu überschätzen Man braucht sich nur einmal die Mühe zu machen, die Reden Porncar<-s und Millerands zum Vergleich beranzuzreben und man wird von einer solchen Verhandlungsbereitschaft m den Reden bei französischen Staatsmänner nichts finden. Erst icin bat Herr Porncar^ wieder einmal versichert, daß Frankreich „bis ans Ende geben" würde. Die Nolle von Verdun wftd zum Vergleich herangszog-n, die die fronzö'-schen Rernen überstanden hätten, wob'i man freilich übersiebt. deß damals die Hoffnung auf Amerika nickt unwesentlich dazu beitrug, die Zuver­sicht in Frankreich aufrechtzuerbalten. Das eine ist aber jedenfalls sicher, daß das offizielle Frankreich vor- noch ment an Verhandlungen denkt.

Der Standpunkt der deutschen Regierung zur Zkx*

handlungsfrage ist bekannt. Der Reichspräsident hat seinerzeit in Karlsruhe betont, man wurde Berha d- lungsmöglichkeiren in Erwägung ziehen, sobald solche Möglichleiten vorhanden wären. Es ist selbstverständ­lich, datz kein vernünftiger Mensch Verhandlungen ab­leb ncn wird, wenn sie möglich sind. Auch Eeheimrat Dr. Bücher, der Vorsitzende des Reichsverbandes der deutschen Industrie, betonte aus einer Versammlung des Verbandes mitteldeutscher Industrieller, das Ziel des deutschen Widerstandes sei, als Gleichberechtigter mit Frankreich über eine vernünftige wirtschaftliche Lösung des Reparationsproblems zu verhandeln, wo­bei man fich darüber klar sein müsse, datz Deutschland sicherlich schwere wirtschaftliche Lasten aus sich nehmen müßte. Vorerst sind aber die Dinge noch nicht soweit gediehen und auch auf dem Berliner Bezirksparteitag der Sozialdemokraten, auf dem die Verhandlungsfrage eins große Rolle spielte, hat der Referent Abgeordneter Wels, wie auch Robert Schmidt, mit Reckt betont, datz zum Verhandeln eben zwei gehören. In der Ent­schließung, die dort gefaßt wurde, wird im übrigen mit Nachdruck betont, die Regierung müsie jede Gelegen­heit ergreifen, „um mit den Reparationsgläubigern Deutschlands zu einem gerechten Ausgleich zu kommen, der die besetzten Gebiete von der Geisel des Militaris­mus befreit und der ausgeplünderten Arbeiterschaft wieder ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht." In Paris scheint man indessen noch keineswegs gewillt zu sein, die besetzten Gebiete freizugeben. Für Deutsch­land kann daher die Verhandlungsfrage vorerst nur eine untergeordnete Rolle spielen. Gerade weil das Endziel schließlich Verhandlungen sein müsien, ist es erforderlich, den passiven Widerstand fortzusetzen und fortzusühren, denn er ist die Waffe, die schließlich den Gegner verhrndlungsbereit machen wird!

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Die Möglichkeit einer englisch-amerikanischen Vermittlung.

D. Paris, 2. März. lEig. Drahtbericht.) Pertinax läßt heute im „Echo de Paris" durchblicken, datz Frank­reich einer Vermittlungsaktion nicht mehr so ablehnend gegenüberstehen würde, wie in der letzten Zeit. Man fnllpft die Möglichkeit einer englisch-amerika­nischen Vermittlung an die Bedingung, datz Washington und London ihre Haltung in der Frage der interalliierten Schulden abändern 'und datz sie sich verpflichten, die regelmäßigen Zahlungen der Repara- tionsschulden durch Deutschland zu garantieren. Von einer Vermittlung des Völkerbundes könne keine Rede fein. Die englische und amerikanische Regierung müßten der französischen Regierung schrift­liche Garantien geben. Solange sie sich in dieser Frage noch zögernd verhielten, brauche Frankreich sich um ihre Ratschläge nicht zu kümmern.

W. T.-B. Paris, 2. März. Der „Temps" nimmt heute, erst nach zwei Tagen, Anlatz, die letzte Rede Lord Curzons zu besprechen, die den internatio­nalen Charakter der Reparation? frage klar­stellte. Es ist wohl gestattet, diese verspätete Stellung­nahme darauf zurückzuführen, datz das halbamtliche Blatt eine Polemik gegen den heutigen Leitartikel des „Echo de Paris" zum gleichen Thema für erforderlich bält. Das nationalistische „Echo de Paris" hat in der Tat im Hinblick auf eine endgültige Regelung der durch die Besetzung des Ruhrgebietes geschaffenen Lage Eng­land die einer Großmacht und einem Alliierten gegen­über für würdig angesehene Rolle zugewiesen. Frank­reich und Belgien hätten, nach dem „Echo de Paris", um eine Wiedereröffnung der Krisen und Kompromisse von 1919 zu vermeiden, zunächst ihr Konto mit Deutsch­land zu bereinigen gewünscht. Dann würde aus Ent­gegenkommen England eine Zeitlang der Beitritt zu dem abgeschlossenen französisch-belgisch-deutschen Proto­koll offenstehen. Mache es davon keinen Gebrauch, so würde man mit Bedauern zur Tagesordnung über­gehen. Der „Temps" verwirft diese Stellungnahme ziemlich unzweideutig, indem er schreibt, an dem Tage, an dem Deutschland begriffen haben werde, datz es un­nütz fei, länger Widerstand zu leisten, werde es Vor­schläge machen, die natürlich in England und auch in 'den Vereiniolen Staaten zur Kenntnis gelangen wür­den. Diese Vorschläge würden unannehmbar sein, wenn sie nicht die Möglichkeit oäben, endlich die Interessen aller zu wahren, nicht allein die Interessen oller Gläu­biger. sondern auch die Interessen aller Nationen, die unser der deutschen Politik zu leiden gehabt hätten. Es bestehe also keinerlei Gefahr, wenn man Frankreich, Belgien und Italien. England sich mit Deutschland anseinandersetzen zu lassen, eniaegenwirke. Die denkbar arößte Eefabr würde dann entstehen, wenn man den Gläubiger aufkommen lasse. Eine englische oder eine internationale Intervention werde eines Tages möglich sein.

M St! m® dem denddiea MM.

as. Berlin. 2. März. (Drahtmeldung unserer Be^ liner Abteilung.) Unter der Überschrift „Der Ruf nach dem deutschen Angebot" nimmt das Organ der Deut­schen Volkspartei „Die Zeit" Bezug auf die jüngste Debatte im englischen Unterhaus und auf dre Tatsache, datz in der letzten Zeit in Frankreich und England rn steigendem Umfange die Frage erörtert worden, sei, ob denn Deutschland dem Ruhreinmarsch und der ftan- zösischen Politik nicht durch

ein klar umrissenes Angebot ein Ende machen könne. So habe erst am letzten Mitt­woch wieder der englische Ministerpräsident aus die Frage, ob Deutschland in der letzten Zeit Borschlage ge­macht hat, mit einem glatten Rein geantwortet ZN der französischen Presse trete gleichzeitig das Bestreben zutage, die Tatsache des letzten autzerordenftich weit­gehenden deutschen Angebots während der -age der Pariser Konferenz vollständig aus der Welt zu disku­tieren. Man stehe also vor der seltsamen Erscheinung, datz die öffentliche Meinung in England Volmer mehr von der Gegnerschaft gegen die französische Poftftk er­griffen werde, daß aber in der Frage des deutschen An- aebots England und Frankreich in der gleichen Weise erklären, man stehe vor einem Nichts. Aus alledem ergibt sich für „Die Zeit" mit zwingender Folgerichtig­keit. datz die internationale Lage r e t f fei für die restlose Bekanntgabe des deutschen Angebotes

für die Pariser Konferenz. Das Blatt fährt dann fort: „Unter diesen Umständen ist zweifellos jetzt der Augenblick gekommen, in dem durch Bekanntgabe des deutschen Angebotes ein kräftiges und wir­kungsvolles Echo erweckt werden mutz, nicht nur in Deutschland, sondern erst recht im gesamten Aus­land. Um dieses Echo zu wecken, mutz die de^sche Re- gieri'ng jetzt sprechen und sie wird wohl auch m der nächsten Zeit das Wort ergreifen."

Es dürfte auch nach unseren Feststellungen zutres- fen daß man in führenden Kreisen die Bekanntgabe der Pariser deutschen Vorschläge für einen zwar noch nicht iestsiebenden. aber doch nahen Zeitpunkt für wün­schenswert hält. Inwiefern sich die Reichsregierung diesen Standpunkt bereits zu eigen gemacht hat. rst allerdings im Augenblick schwer zu sagen. Man mutz sich dabei erinnern, datz

der deutsche Pla«

in seinen maßgebenden Einzelheiten den ausschlag­gebenden Stellen sowohl in London wie rn Paris seinerzeit bekannt gewesen ist. Dr. Stresemann bat z V wiederholt daraus hrngewiesen, datz der Ein­druck des in der Tat sehr weitgehenden Angebotes un­bestreitbar und unzweideutig gewesen sein mutz, weil sonst Poincar^ in der Zwischenzeit gewiß nicht ver­fehlt baben würde, die deutschen Vorschläge mit einer überbeblichen Geste abzutun.

Falls die Reichsregierung sich nun wirklich zu einem Sckrift entschließt, wie ibn das volksparteiliche Organ ant'"'ndiot, so wäre es allerdings vielleicht wünschens­wert, wenn von dieser Absicht vorderhand nichts ver­lautet. Vielmehr mutz man fordern, datz die Form der Veröffentlichung mit der größten Sorgfalt, erwogen wird. Es mutz unter allen Umständen vermieden wer­den, daß daraus ein Abweichen von der bisherigen Linie oder gar eine Bestätigung der vom Ausland, insbesondere von Paris, in letzter Zeit veröffentlichten Gerüchte von einer angeblichen Verhandlungs­bereitschaft

gefoloert werden kann. Don einer Änderung in der bisberigen Haltung der Reichsregierung ist nämlich so wmig 'die Rede, daß es bedauerlich wäre, wenn das nicht auch' in Zukunft nor aller Welt klargestellt bliebe. Aber viele unerfreuliche Erfahrungen der letzten Zeit baben erwiesen, daß man nicht vorsichtig genug sein kann. Und es wäre für die deutsche Sache so schädlich, wie nur denkbar, wenn Millerand oder PoincarS eine Handbabe geboten würde, um das französische Volk von neuem in ihrem Sinne zu bearbeiten. Es wäre ferner bernorzuheben. daß durch den Ruhreinmarsch die entscheidenden Voraussetzungen des Ende vorigen Jahres aufgestellten

Zahlungsplanes

binfällig geworden sind, da dis deutsche Leistungs- fähigkeit seither in schwerwiegender Weise beeinträch­tigt worden ist. Auch darauf mutzte unsererseits natür­lich pflichtgemäß hingewiesen werden. Aus alledem geht hervor, datz der gesamte in Frage kommende Plan genau geprüft werden mutz, ehe der entscheidende Schritt getan wird, für den an sich manche gute Gründe