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Nr. 47.
Samstag, 24. Februar 1923.
71. Jahrgang.
esmos
Englands Passivität und Amerikas Zurückhaltung.
«s. Berlin, 24. Fehl. (DrohtmeQmng unserer Berliner Abteilung.) Der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Breitscheid, dessen Londoner Reise in der deutschen Press« viel besprochen wurde, gibt jetzt im „Vorwärts" seine Eindrücke wieder. Er betont in diesem Bericht, daß er sich in London in der Hauptsache darauf beschränkt habe, die englische Arbeiterpartei über die Lage in Deutschland zu unterrichten und sich selbst darüber zu informieren, wie diese Partei und die anderen politischen Gruppen über die Möglichkeit eines irgendwie gearteten
englische» Schrittes zur Unterstützung Deutschlands dächten. Die Eindrücke, di« Breitscheid wiedergibt, bestätigen im wesentlichen das Bild, das sich aus den Reben im englischen Parlament und aus den Äußerungen der englischen Blätter für den aufmerksamen Beobachter ergibt. Vreitscheid betont, daß nicht nur in den Kreisen der Arbeiterparteien und Liberalen, sondern a,lch in den Kreisen der Konservativen das französische Vorgehen s ch a r f e K r i t i k erfahre. Er fährt dann aber fort: Frankreich ist immer noch der Verbündete Englands und man schreckt davor zurück, sich aus dem Verbündeten durch ein von diesem nicht gebilligtes Vorgehen einen Gegner zu machen. Wenn eine englische Intervention in Paris abgelehnt werden sollte, entstände ganz natürlich einetiefeVer st immun g. die auf die Dauer einen Konflikt heraufbeschwören müßte. Einen Konflikt aber will das englische Volk in seiner übergroßen Mehrheit unter allen Umständen vern'.eiden. Denn nirgendwo ist die Abneigung größer gegen einen neuen Krieg als in England. Das ist auch der Grund, aus dem in allen Parteien eine starke Strömung zugunsten der Entfernung der englischen Truppen aus dem Kölner Gebiet besteht. Man fürchtet Reibungen mit den Franzosen und ist eher geneigt, sich einstweilen überhaupt von dem Kontinent zurückzuziehen, als es auf Zusammenstöße ankommen zu lasten!
Run hat ja B o n a r Law bei einem Frühstück der Union der Enlisch-Sprechenden erneut
einen Appell an Amerika gerichtet, wobei er ausführte, er hoffe, die amerikanische Regierung werde, wenn sich Gelegenheit biete, nicht mehr abseits der Schwierigkeiten der ganzen Welt stehen. In Amerika ist man aber offenbar keineswegs gewillt, die pastioe Haltung aufzugeben und eine Vsr- mittelungsaktion zu unternehmen, die durchzuführen England sich weigert. Charakteristisch hierfür sind auch Äußerungen, die der amerikanische Großindustrielle Schwab, der sich auf einer Europareise befindet, englischen Prestevertretern gegenüber getan hat. Schwab erklärt- nämlich, daß er sich die Lösung des Reparationsproblems nur in der Form einer Festsetzung der deutschen Leistungsfähigkeit durch einen kleinen Ausschuß von Diplomaten und Sachverständigen denken könne wobei mich die Vereinigten Staaten Mitwirken müßten Um keinerlei falsche Hoffnungen zu erwecken, betcnte er aber, die Zeit für eine solche Intervention seinochnichtgekommen.
Englands Pastivität und Amerikas ausgesprochene Zurückhaltung bilden natürlich für die französischen Nationalisten eine Ermutigung, die Pariser Regierung aufzufordern, die Rubraktion nicht nur bis zum Abschluß wirtschaftlicher Abmachungen mit Deutschland zu treiben, sondern ihr
neue Ziele
zu geben. Der Pariser Berichtersiatter der „Times" weist daraufhin, bei der Besprechung zwischen Theunis und Poincarö leien diese neuen Ziele erörtert worden. Der Berichterstatter meldet, in französischen und belgischen Kreise erwäge man, im Falle Deutschland nachgeben sollte.
den Friedensvertrag zu ersetzen durch ein Dokument, das die Schäden des alten Ti.rtrages vermeiden müste. Beachtenswert ist hierbei, daß dieser neue Vertrag ohne England geschlossen werden soll, und aus den Ausführungen der .Times" geht hervor, daß dabei die alte Forderung der französischen Rationalisten, die Rheingrenze, die Hauptrolle spielt! ^
Keine Intervention Amerikas.
W. t.-B. Paris, 24. gebt. Havas meldet aus London: Nachrichten anscheinend deutschen Ursprungs oder deutscher Inspiration hätten aus eine etwaige Intervention der Vereinigten Staaten m der Ruhrfrage angespielt. Die Hwvas-Agentur glaubt erklären zu können, daß nichts falscher sei. Die amerikanische Regierung sei der Ansicht, daß der
Augenblick einer Vermittlungsaktion noch nicht s gekommen sei. Man dürfe feststellen, daß nach Mitteilungen aus offizieller Washingtoner Quelle die Regierung der Vereinigten Staaten sich zurzeit abseits zu verhalten beabsichtige mit Rücksicht darauf, daß Frankreich souverän sei und man sich in einen derartigen Konflikt nicht eimnischen dürfe.
Die Verkshrslage irr Mainz.
Wd. Main,. 24. F-.br. (Eig. Drabtbericht.) Der Vost- verkedr rubt in Mainz noch. Verhandlungen mrt.den Besatzunssbibörden schweben. Die La« ist im übrigen noch unverändert. Der Versuch, die Strecke von Euren- drei ist-in nach Rüdesbeim zu betreiben., ist wieder gescheitert. da cus Bahnbof Niederlabnstein Schwierigkeiten mit den Besatzungsbebörden eingetteten sind. Dagemn.ist der Betrieb von Alzen nach GaublickofsbeiM wieder ausgenommen.
Wd. Mainz. 24. Febr. (Eig. .Drabtbericht.) Das .^EÄo du Rbin" teilt mit: Da der Streiks der Post- . und -rele- gravbenbeam.ten von längerer Dauer lern .konnie. baden die französischen BeböÄ>en einen televboni! wen Feuermeldedientt eingerichtet, der die televbonische Erreichung der Feuerwache und sämtlicher Polizetbezirte und Polizeiwachen im Stadtbezirk sichern soll.
Wd. Mainz, 24. Febr. (Eig. Drabtbericht.) Die Franzosen. handhaben die Nacktverkehrsiverre febr schart. Am ersten Tag der Sperre wurden vom Truvvenübunasmatz Grotzer Sand 22 Patrouillen, bestehend aus em«m deutschen "olizeibeo.mten. einem französischen Gendarmen und einigen Soldaten au-geschickt, die alle nach 9 llbr ohne Erlaubnisschein aus der Strobe befindliche Passanten aufgriffen. Die Festgenommenen mutzten zuerst den Mündigen Patrouillensang mitmachen, um dann, nach Feststellung ihrer Personalien. wieder entlasten zu werden.
Der frmzzösrsch-delgrschs Plan.
W. T.-B. Paris, 24. Febr. Derr Brüsseler Berichterstatter des „Oeuvre" will von einer »ochstebenven Persönlichkeit erfahren haben, man werde erst dann dr« grotze Linie der sranzösisch - belg.iscken Vorschla .flo bekanntgeben, wenn die deutsche Regierung selbst Vorschläge macke. Eine Vrrm'ttlung. werde man nt rot a n- nehmen Der fiamrsisch-belanche Plan enthalte folgende 5->auvtprinkte: Zunächst werde man von Deutschland verlangen. datz es Ordnung in ferne Finanzen bringe und die Kontrolle des Garvntkkomftees oder einer, anderen internationalen Organisation annebme. Das Veisviel Österreichs beweise was sich in dieser Hinsicht tun laue. Sei das ge- schelxn. so werde man Deutschland ein Moratorium für die Barzahlungen gewähren und dann sich mrt der allons einen Zurückziehung der Veiatzunqsttuvven aus dem .lubrgebtet cirrerstanden erklären in dem Matze, in dem Deutschland die Sachlieienmsen aussühre. Das sei der Plan den Poincarö bereits auseinandergesetzt habe. Einen anderen gebe cs nicht. Man letze den Betrag der Sachliefe- rungen. ton denen die Zurückziehung aus dem Ruhrgebiet abbäug«. nicht ietzt schon genau fest, weil Deutschland derartige Äußerungen als eine Schwäche auslegen wurde. Man lei aber fest entschlossen. nicht nachzugeben. Er sei Deutschlands Sacke, die ersten Schritte zu tun.
11 Fragen Vanderveldes über die Nuhrbesetzung.
D. Paris, 24. Febr. (Eig. Dvachtbericht.) Der bekannt; Abgeordnete Vandervelde hat der belgischen Regierung wegen der Ruhrbesetzung elf Fragen vorgelegt. U. a. fragt er nach einer Meldung des „Oeuvre" aus Brüste! nach dem genauen bisherigen Ergebnis der Besetzung, der Kohlenverteilung zwischen Frankreich und Belgien, der italienischen Mitwirkung. der Höhe der Besatzungskosten fürBelgien usw. Ferne: sragt er, ob fiir eine Kontrollkommission von 60 Ingenieuren wirklich zwei Armeekorps nötig wären, weiter, welche Folgen die Besetzung für die belgische Industrie habe und was die belgische Regierung getan habe, um das Fallendes belgischen Franken infolge der Ruhrvtsetzung aufzuhalten.
1V Millionen Goldmark an die Reparationskommission gezahlt.
v. Paris. 24. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Die „Chicago Tribüne" meldet, die deutsche Regierung habe an die Reparationskommission einen Betrag von 10 Millionen Goldmark zur Deckung der Kommis ionskosten gesandt. Die Überweisung dieses Betrages erfolgte auf eine Forderung hin, die von der Kommistion nach Berlin gerichtet wurde.' In den Kreisen der Kommistion soll man, wie das genannte Blatt hinzufügt, über die Promptheit dieser Zahlung ein wenig erstaunt gewesen sein.
Beratungen der Reparationslommistion.
W. T.-B. Paris. 24. Febr. Die Revarations- k o m m i ! s i o n bat. wie das ..Journal des Döbats mitteilt gestern einen Bericht des amerikanischen Delegierten Bonden entgegengenommen über die Anteilnahme. bei durch den Friekensverttag in den Besitz deutschen Gebietes gelangten Staaten an den deutschen Schulden. Auf der Tagesordimn« standen ferner .die, Bestellungen von deutschen So. ch l i
L!oyÄ George über die RrrhrrrWor;.
Br. Berlin, 24. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Die „D. A. Z." veröffentlicht einen weiteren Artikel von Lloyd George, der sich mit der Ruhrfrage befaßt. Nachdem der vorläufige Schlag der franzofffchsn Regierung offensichtlich fehlgeschlagen sei, sagt der ehemalige Premierminister, verdoppelte Frankreich du Einsätze bei jeder Niederlage. Wann und wo werde das enden? Mit menschlichen Leidenschaften sei schlecht spielen. Frankreich habe nunmehr alle Hoffnung auf- gegeben, die Bergwerke, Eisenbahnen und Industrieanlagen der Ruhr durch militärische Beauftragte Zu betreiben. Darum habe man eine neue Politi! improvisiert. Sie bestehe in nichts weniger als in der Belagerung Deutschlands. In Deutschland seien alle Kreise im Widerstand einig. Es könne eine Entwicklung eintreten, gegen die die Hilfsmittel der Eindringlinge versagen würden. Bei jeder Nachwahl, die jetzt in Frankreich ausgesochten würde, seien bis Vorkämpfer für den Ruhreinmarsch durch große Mehrheiten besiegt worden. Die französischen Arbeiter seien gegen diese Politik. Die Dauern hätten die militärischen Abenteuer satt.
TäZ englisch-sraNzLMchsn AhmKchrmgsn
über den CrsenLshBvsrkshr.
W. T.-B. Paris, 23. Febr. Suvas berichtet aus London, über die Ergebnisse der Verhandlungen zwimiev General Godley und General Vayat in Köln iei nichts mitgeteilt worden, ebensowerna über die diesbezüglichen endgültigen Absichten der englischen und der französischen Regierung: indcsten gäben die aus London ein««-
troffenen Nachrichten Grund zu der Annabme. datz die Be- müt-ungin der unmittelbar an der Frage mteresiienen Länder zu einer Annäberun g »wischen der..sranzLNiwen Forderung und dem englischen Borschlag Kerubrt bame«. Savas gibt jedoch diese Information nur unter Vvr- b e b a l t wieder. Es werde binruoefügt. datz die Verbandlungen ziemlich weit sortaeschritten seien, und datz mo« sogar daran denke, in die endgültigen Abmachungen zwischen der Pariser und der Londoner Regierung ernste Garnir- t i e n für Frankreich m-ftaufzunebmen. Eine der jMhn*= mnngon dieier Abmachungen solle z. B. vorseben. datz. mm deutsche m'litörische Kräfte d-e Sicherheit der ftanzomchea Trunven im Rubrgebiet in Gesabr brächten — sei es dadurch. datz sie von ihren Verbindungslinien abgefckmtten würden sei es bei einem offenen Angrift —. die Besetzung der Kölner Eiienbabnstrecken durch dr» Franzosen eine weitere Ausdehnung erfahren könnt*. Mit einem Wort, die englische Regierung würde der französischen Regierung gröbere Erleichterungen sc- wäbren. d-e der Lage cntsvrechen würden, wenn geiwiss« Besorgnisse sich verwirklichen sollten. Bis jetzt habe man noch keine Angaben über die Zahl der französischen Zuge, d« uv« Köln geleitet werden könnten, ebensowenig über die Ernzek- beiten des ftanzösischen Verkehrs auf diesen Strecken.
D. London. 24. Febr. (Eig. Drahtberickt.) Der^fran- zösische Botschafter St. Aula ire hatte gestern eine Unterredung mit Lord Curzon über die Frage der rheinischen Eisenbahnen. Das Projekt, das von den Geim- ralen Payot und Godley ausgearbeitet und den Regelungen unterbreitet worden ist. wird wahrscheinlich einige Abänderungen erfahren. Es ist ,zu diesem Zweck eine» Sonderkommission unterbreitet worden. d«e folsMr» Fragen prüfen wird' _ ...»
1. Festsetzung der neuen Grenze im Westen der enÄrswen
Zone, die die Linie Düsseldorf - Duren in das französisch besetzte Gebiet e-nbeziebt. . ,, ,
2. Festsetzung der Zahl der Züge bk Frcmkreich täglich durch die englische Zone befördern darf. Das ProiM sah sechs Züge täglich vor.
3. Festsetzung ‘
aus denen .. ; -
Die belgische Regierung wird über dw Verhandlungen zw'schon den beiden Regierungen am dem lausenden gebalttn weiden. Zu diesem Zweck emo fr na der kranzösische Votsck>aster nach seiner Rückkehr aus dem Au» wärtigen Ami den belgischen Gesandten, dem er dein Inhalt seiner Unterredung mit Lord Eurron mitterlte.
Die Bochumer Stadtverordneten-VersSMmlung aufgehoben.
W. T.-B. Bochum. 24. Febr. Gestern abend 6 Uhr wurde von den Franzosen unter Aufwendung von 10 Tanks und 2 LÄtkraftwage-n die Stad tv« r ord n «t« n-Ve rfamm» lung in Bochum aufgehoben. Festgenomme, wurden der Oberbürgermeister. 4 Beigeordnete rmd 18 Stadttäte. Bei den Stadtverordneten handelt es sich nur um solche, die nickt Vertreter der Arbeitnehmer sind. Ein Osftzier ttat an jeden der anwesenden Herren Hera« mit der Frage, ob sie sich oervftichteten. alles das zu liefern, was die Franzosen durch Reautsition nicht erreichen konnten. Die Gewerkschaften berieten gestern abend svät über eine« etwaigen Generalstreik, der beute mittag 12 Ubr b» ginnen soll.
Die Städte des Rnhrgebiets ohne OberbürgeLyleister.
Br. Düsseldorf, 24. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Runmeb, sind sämtliche Städte des Ruhrgebiets von Dortmund,bio Düsteldorf mit Ausnahme von Hamborn und Mul» heim ohne Oberbürgermeister.
Keine Besetzung Elberfelds.
v. Paris, 24. Febr. (Eig. Drahtbcricht.) Il» Elberfeld war gestern das Gerücht verbreitet, daß die Besetzung der Stadt durch die Franzosen ge»
plant sei. Wie hierzu erklärt wird, ist dieses Gerückt unbegründet.
e'stsckiing der Zahl der Güter- und VersonenzugWMon. sich diese Züge zusammenletzen sollen.
