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Nr 43.
Dienstag, 20. Februar 1923.
71. Jahrgang.
Newels Msllelm«! on titanen.
Über die Tragikomödie, überschrieben „Memel und die Alliierten", senkt sich der Vorhang. Die Eonder- lommission der Botschasterkonferenz, die nach Memel entsandt wurde, nachdem sich die Litauer zu Herren dieses Gebiets gemacht hatten, hat ihre Arbeit beendet. Aese Arbeit bestand von vornherein eigentlich nur tarin, nach nutzen die Kapitulation der Alliierten vor Litauen zu verbergen und doch gleichzeitig das litauische fiit accoinpli anzuerkennen. Das ist nach heitzem Be- nühen gelungen. Als IhrZiel hatte dieseEonderkommis- svn, die aus demFranzosenClinchant alsBorsitzenden, dem Eigländer Frey und dem Italiener Aloisi bestand, in enem Ausruf an die Bevölkerung bezeichnet: die Wiederherstellung der Ordnung, die Einsetzung einer provisorischen Regierung und Berichterstattung an die Botschafterkonferenz, die dann schnellstens die endgültige Entscheidung über das Gebiet treffen werde. Ausdrücklich erklärte die Sonderkommission, „daß sie keine an der Rechtslage des Memelgebiets getroffene Änderung anerkennen" werde. Tatsächlich hat sie jedoch nie den Versuch gemacht, den Statu« quo wiederherzustellen. Die unter dem Schutz des französischen Ober- kommiffars eingesetzte Regierung Steputat, di« von den Litauern vertrieben wurden, Uetz man von vornherein fallen und unternahm nichts, um diese gesetzmäßige Regierung wieder einzusetzen. Um die Autorität der Sonderkommisfion zu stärken, hatten England und Frankreich mehrere Kriegsschiffe nach Memel entsandt. Die Litauer haben der Sonderkommission die Verhandlungen nicht leicht gemacht. Ein Ultimatum der Sonderkommission. die Waffen niederzulegen, beantworteten die Litauer mit der Verstärkung der Besatzung und Aufstellen von Maschinengewehren in den Straßen. Einen Aufruf der Sonderkommiffion an die Bevölkerung verbot der Führer der Freiwilligen-Memelarmee, da dieser Aufruf die Ruhe und Ordnung störe und der lttauische Zensor ließ in den Blättern von diesem Aufruf gerade noch die Unterschriften stehen. Die Sonderkommiffion hat das alles geduldig hingenommen und sie ist damit dem Beispiel der Botschafterkonferenz gefolgt. Diese hatte bekanntlich an Litauen ein Ultimatum gerichtet, die Aufständischen aus dem Memelgebiet zurückzuziehen. Als die litauische Antwort nicht rechtzeitig eintraf, beeilte man sich, die Frist für dies Ulimatnm zu verlängern. Pro forma erklärte sich die litauische Regierung schließlich zu einem Aufruf bereit, durch den sie die Litauer, die an dem Putsch teilgenommen hatten, zur Rückkehr aufforderte. Es braucht *? um besonders betont zu werden, daß sich niemand um diesen Aufruf kümmerte. Tatsächlich wurden sogar in Den letzten Tagen, als die Verhandlungen sich wieder schwieriger gestalteten, die litauischen Freischärler im Memelgebiet von Litauen her verstärkt. Die litauische Regierung bemühte sich auch nicht einmal den Schein aufrechtzuerhalten, als ob sie an dem Vorgehen gegen Memel unbeteiligt fei. Es ist offenkundig — und die Tatsache, daß das Entente-Ultimatum nach Kowno geriet war, beweist auch, daß die Botschafterkonferenz sich über die Lage der Dinge nicht im Zweifel war —, “fB das ganze Unternehmen mit Wiffen der litauischen Regierung durch die ..Schaulis-Safunga", die anfangs *1.™ „Eilernen Wolf" verwechselt wurde, durch- üeführt wurde, einer freiwilligen militärischen Organisation, die von der litauischen Regierung ursprünglich gegen Polen gegründet war.
Zeitpunkt für das Unternehmen war zweifellos gluü.ich gewählt. Frankreich war an der Ruhr gebunden. Rußland hatte bereits früher erklärt, daß es sich t UT( ? ein zum französisch-polnischen Stützpunkt ausge- ■•"rt bedroht fühle. Es hatte darüber hinaus
vielleicht noch weitere Zusicherungen in Kowno gemacht, ja dan man sicher sein konnte, daß sich Polen unter die- on Umstanden ruhig verhalten würde. Schließlich rechnete man in Kowno auch auf den englisch-französi- M)en Gegensatz in der Memelfrage. So konnte Herr «imonmtis der Machthaber von eigenen Gnaden, in den Dcrhan, lungen fest und entschleffen anstreten. denn man war sich> auf litauischer Seite vollkommen im Klaren darüber' daß die ganze Frage nur durch Verhandlungen cn -rr? ! f l - en baß die Entente keineswegs ge-
F® ar ll^ .ewzuschreiten. Wenn jetzt dieser
frühere Tiltter Eerichtssekretär die Amtsgeschäfte in Memel an den früber-n litauischen Gesandten in Berlin, Gailius. ahgab. so hat er fast alles erreicht, wo? ibm als Ziel vorsckwebte. Der Beschluß der Btt- chnfterkenferenz. der Litauen die Souveränität über das Gebiet zuspricht, zeigt, wie erfolgreich Litauen gearbeitet bat.
Ei»e Autonomie, die man dem Memelgebiet zu-> vistioen wird, ist nichts me^r als eine Sck>"inautovpmie. Man braucht nur einen Blick in die titanischen Blätter ru tun, um zu erkennen, wie der Kampf gegen die
i „Eermanisieruna" des Memelgebietes geführt werden wird. Die Behandlung der deutschen Minorität in Litauen, die Preffezensur, wie sie unter Simonaitis ge- bandhabt wurde (dabei ist zu bedenken, daß in Litauen heute noch der Ausnahmezustand und Preffezensur bestehen) und manches andere lassen ungefähr erkennen, welches Schicksal dem Gebiet beschieden sein wird. Schließt mit dem Abzug der Franzosen die Tragikomödie, so beginnt mit der endgültigen Auslieferung des Gebietes an Litauen für dieses seit 700 Jahren Preußen-Deutschland zugehörige Land die Tr.gödie. Es ist unnötig zu erwähnen, daß man im Zeitalter des Selbstbestimmungsrechtes die Bevölkerung nicht- gehört hat. Gerade einer Angliederung des Memellandes an Litauen hat die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, mindestens 90 Prozent, stets schroff ablehnend gegenübergestande«. Wieder einmal wird hier Land und Bevölkerung hin und her geschoben, wie die Steine auf dem Schachbrett, um an ein Wilson-Wort zu erinnern.
Es bleiben zwei Fragen offen, nämlich einmal die, bedeutet die Auslieferung Memels an Litauen die Eingliederung Litauens in die franzöüsche Ostbarrierenpolitik, roofiei. England dann wider seinen Willen die von ihm bekämpfte französische Ostpolittk unterstützt botte, und andererseits, wo liegen die Kompensationen für Polen, dem Memel bereits sicher schien? Heißen sie Ostpreußen oder Danzig? Gerade um dieser Fragen willen wird es nötig fein, dem Osten besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden?
Memel von den Franzosen geräumt.
. T.-R Memel, 19. Febr. Die französischen Be- satzungstruppen haben heute morgen Memel in aller Stille geräumt. Die Kaserne wurde von den Litauern bezogen. Die Franzosen hüben sich auf ihre im Hafen liegenden Schiffe begeben.
El ne veMe Me men Sie MmelsWgen.
W. T.-R Berlin, 19. Febr. Die deutschen Vertretungen in Paris, London und Druffel wurden angewiesen, den dortigen Regierungen eine Note zu überreichen, in der es u. a. heißt:
„Die Interalliierte Rheinlandkommiffion ist in ihren Maßnahmen gegen die deutsche Verwaltung und gegen deutsche Beamte soweit geaangen, den alten Beamten der preußischen Rheinprovinz, Oberpräsident Fuchs mit Familie, aus dem besetzten Gebiet auszuweisen. Wenn er es ablehnte, sich solchen Anordnungen der Interalliierten Rheinlandkommis- sion, die sich nicht auf das Rheinlandabkommen stützen, zu unterwerfen, so war dies sein Recht und seine Pflicht als preußischer Beamter und als Deutscher, Die deutsche Regierung erbebt gegen die Ausweisung des Oberpräsidenten nachdrücklichsten Protest.
Ferner sieht sich die deutsche Regierung bei dieser Gelegenheit veranlaßt, erneut im allgemeinen auf die Massenausweisungen im besetzten Gebiet zurückzukommen, die die Interalliierte Rhein- landkommiffion offenbar snstematisch betrieben bat Es sind nunmehr der Oberpräsident der Rbein- provinz und mit ihm mit einer Ausnahme sämtliche Regierungspräsidenten der belgischen und französi- schen Zone ausgewiesen worden. Von der gleichen Maßnahme sind alle Oberregierungsräte und mehr als die Hälfte der gesamten höheren Beamten der Wiesbadener Regierung betroffen worden. Die Forstkanrmer bei der Regierung in der Pfalz weist nicht mehr einen einzigen höberen Beamten auf. Im Regierungsbezirk Koblenz sind sämtliche Landräte des Kreises südlich der Mosel entf-rnt worden. Ferner wurden ausgewiesen der Oberbürgermeister der Stadt Mainz und sein Stellvertreter. der Oberbürgermeister von Trier und s->ine beiden Beigeordneten, der Bürgermeister der Stadt Eleve, alle Beigeordneten desgleichen, die Reichs- eisenbahndirektionspräsidenten von Trier. Ludwigshafen und Mainz, In besonders großer Anzahl sind von dieser Maßnahme die Forst- und Zollverwaltungen betroffen, aber auch nicht beamtete Personen sind von dieser Nusweisungspolitik nicht verschont geblieben. Die Ausdehnung der Ausweisung auf die Fomilienangeböriaen ist ein besonders inhumanes Mittel. Die Interalliierte Rheinlandkommiffion ist über die Wobnunasnot in Deutschland genau unterrichtet. Sie bat ibre Anordnung also in voller Kenntnis dessen getroffen, was beute für eine Familie die Aufgabe der Wobnung bedeutet.
Die Hoffnung, durch derartige Mittel deutsche Beamten dazu zu bringen, zur Mitarbeit gegen die deutsche Reaierung und ibr deutsches Vaterland sich bereit zu finden, ist trügerisch,"
Die kosten der Ruhraktion.
as. Berlin, 20. Febr. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Der finanzielle Mißerfolg der Ruhraktion wird am besten illustriert durch den Ee- setzesvorschlaz mit- den Na^chtragsforderungen für die Ruhraktion, der jetzt der französischen Kammer zugegangen ist. Er unterscheidet Ausgaben ziviler Natur, Ausgaben militärischer Natur und Ausgaben für die Eisenbahnverwaltung. Der erste Posten, Ausgaben ziviler Natur, ist klein, was man von den militärischen Ausgaben nicht gerade behaupten kann. Hier sind nämlich für die Monate Januar und Februar 50 Millionen Franken eingesetzt. Erläuternd wird dazu bemerkt, daß Frankreich im Ruhrgehiet sieben Divisionen habe, deren Unterhalt in Frankreich 15 Millionen Franken gekostet hätte, so daß die Mehrkosten für die ersten beiden Monate sich nur auf 35 Millionen belaufen. Für die Organisation und den Betrieb der deutschen Eisenbahnen werden sogar 6 0 Millionen verlangt, wobei man aber erklärt, Laß die Bahnen etwas einbringen würden, sobald sie erst richtig funkttonierten. Da diese ganzen Forderungen kaum besondere Begeisterung bei den französischen Steuerzal)lern anslösen dürften, verweist man darauf, die militärischen Kosten für die nächsten Monate würden unter die nach den Bestimmungen des Friedensvertrages zu setzenden Ausgaben eingestellt werden. Frankreich betrachte sie als einen Teil der Besä tz u n g s k o st e n, die mit Vorrang aus den deutschen Zahlungen zu bestreiten seien.
Daß man deutscherseits diesen Standpunkt nicht teilen wird, braucht wohl kaum betont zu werden. Es ist aber auch sehr zweifelhaft, ob die Alliierten Frankreichs sich zu dieser Anschauung bequemen werden, da diese
neue französische Priorität
ihre Ansprüche auf Reparationszahlungen weiter verkürzen würde. Dabei ist zu berücksichtigen, daß dir deutsche Leistungsfähigkeit durch die Ruhraktion außerordentlich stark beeinträchtigt wird, so daß sich die Aussichten auf Reparationszahlungen für die Alliierter schon ohnehin wesentlich verschlechtert haben und sich dauernd weiter verschlechtern. Wie sehr die ganz« Finanzgebarung des Reiches unter der Ruhraktiop leidet, das zeigt auch ein Ansspruch des Reich s f i n a n z m i n i st e r s. der einem Vertreter de- „Corriere della Sera" u. a. erklärte: „Die Ausweisungen von Finanzbeamten drohen unsere Finanzverwaltung im Westen zum Zusammenbruch zu bringen. Dii Steuererhebung in den wirtschaftlich bedeutungsvollen Provinzen droht zum Stillstand zr kommen und das in einem Augenblick, wo die großen neuen Besitzsteuern, die Vermögenssteuer und Zwangsanleihe erlassen werden sollen. Unsere schwebend« Schuld hat sich seit dem Einmarsch der Franzosen fast um eine Billion vermehrt. Wir haben Mühe, die besetzten Gebiete genügend mit Zahlungsmitteln zu versehen."
Reben den Kreditforderungen des französischer Ministers dürfen aber auch die Kosten nicht übersehen werden, die der Volkswirtschaft Frankreichs entstehen, die sehr bedeutende Einbußen erleidet durch die Stillegung von Hochöfen, Einschränkungen des Expotts der französischen Hütten usw. Das erkennt man natürlich in Paris auch selbst. Man weiß, wie sehr Lloyd George im Recht war, als er im Unterhaus erklärte, der ursprüngliche Plan Frankreichs sei bereits gescheitert. Aber man darf die Rot, die der französische Kleinbürger durch das Steigen der Lebensmittelpreise und durch den Rückgang des Frau- kenkurses erleidet, nicht an der deutschen Rot messen. Trefflich charaktettsiert der Pariser Berichterstatter des „Berliner Tageblattes" die Pariser Stimmung, wenn er u. a. schreibt: ..Der französische Arbeiter entbehtt nicht, wie der deutsche Mittelstand zu entbehren gelernt hat. Der französische Kleinrentner behält trotz aller vergrößerten Ausgaben noch genug übrig, um in seiner behaglichenWohnung leben zu können, während die deutschen Rentner von ehedem ihre silbernen Löffel verkaufen, um für den Erlös Hafersuppe einzuhandeln." Diese Wahrheit, so heißt es dann weiter, muß jeder Deutsche in dieser Zeit sich einprägen, wenn er
die harte Pflicht des Ausharrens
auf sich nimmt. Hier liegt der wunde Punkt für unser Schicksal. Wenn wir die moralische Kraft haben, nach dem ersten über Erwarten schnellen Erfolg kei« Triumphlied anzustimmen, sondern r»it festem Mut und festem Willen uys nicht von unserem Weg abbringen lassen, dann haben wir Hoffnung, das Schicksal z« zwingen?
