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Nr. 42.
Montag, 19. Februar 1923.
71. Jahrgang.
Aktive Währungspolitik?
Die augenblicklichen Vorgänge auf dem internationalen Devisenmarkt haben in Deutschland erneut eine Erörterung über währungspolltische Fragen aufgerollt. Die gleichen Kreise, die im Herbst v. I. eine attive Währungspolitik forderten, stellen jetzt die Behauptung aus, datz Interventionen der Reichsbank zur Senkung des Dollarkurses auch schon früher mit dem gleichen Erfolg hätten durchgeführt werden können. Dabei ubersehen aber diese Kreise völlig, datz der Devisenmarkt und vor allen Dingen die Einstellung des internationalen Finanzmarktes gegenüber der deutschen Mark nicht durch irgendwelche bestimmten gesetzmäßigen Leitsätze beherrscht werden. Der bedeutende Erfolg, den die augenblickliche Interventionspolitik der Reichsbank erreicht hat, ist gar nicht losgelöst von zahlreichen anderen Nebenaktionen zu bewerten. Man mutz sich darüber klar sein, datz die derzeitige Haltung der deutschen Neichsregierung, die politische Geschlossenheit der staatsverantwortlichen Parteien und die Opferwilligkeit der gesamten deutschen Wirtschaft in allen ihren Teilen starke Stimmungsmomente zugunsten der deutschen Mark ausgelöst haben, die das von der Amsterdamer Börse im Januar ausgehende überstürzen der Baisie- bewegung gegenüber der Mark sehr schnell zusammen mit einer zielbewutzten Bankpolitik ijberwinden konnten.
Wenn gerade in den Tagen dieser Jnterventions- politik der vorläufige Reichswirtschaftsrat ein wahrungspolitisches Gutachten seiner Ausschüsse vorlegt, in dem eine ganze Reihe von Forderungen wieder ausgenommen werden, die die Auseinandersetzungen im vorigen Herbst beherrscht haben, so darf man vielleicht daraus aufmerksam machen, datz bei einer etwaigen Durchführung aktiver währungspolitischer Maßnahmen von deutscl>er Seite das politische Bild sich zwischen Deutschland und Frankreich nach keiner Richtung hin verändert hätte, datz also alle in den letzten Wochen und Monaten sich abspielenden außenpolitischen Ereignisse in der Grundlinie genau den gleichen Verlauf genommen hätten. Angenommen, das Reich hätte im Oktober der sehr lebhft erhobenen Forderung nach Ausnahme von Goldmarkanleihen durch Ausgabe von 1 Milliarde Evldschatzwechssl 'stattgegeben, so hätte es bei einem durchschnittlichen Dollarstand von 3000 etwa 700 Milliarden Papiermark erhalten, deren Verzinsung bei einem Stabilbleiben der Devisenkurse mindestens 35 Milliarden Mark jährlich, also etwa 9 Milliarden Mark pro Quartal, erfordert hätte. Da es sich aber eben nicbt um eine Schuld des Reiches ron 700 Milliarden Papiermark, sondern um eine solche von einer Milliarde Goldmark handeln würde, wären für das letzte Vierteljahr 1922 bei einem durchschnittlichen Dollarstand von etwa 6000 M. nunmehr 18 Milliarden, d. h. für das Jahr 72 Milliarden an Zinsen aufzubringen: bei einem Dollarstand von 20000 M. würden sich die jährlichen Zinsen auf 250 Milliarden Papiermark belaufen. Mit jedem Marksturz müßten sie weiter zunehmen, außer jedem Verhältnis zu der Summe von 700 Milliarden Papiermark, die bei Ausgabe der Goldschatzwechsel den Gegenwert der einen Milliarde Eoldmark bildeten.
Man mutz sich auch in der jetzigen Situation klar vor Augen hakten, datz die Währungsfrage nicht ftir sich allein beantwortet werden kann. datz es sich hier stets nur für Deutschland um ein Teilproblem seiner gesamten weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Zukunftssorgen handelt. Mit allem Nachdruck ist hervor- zuheben, datz die jetzige erfolgreiche Markbesserungs- politik nur auf der Grundlage eines fest fundierten Goldschatzes der Reichsbank durchaefübrt werden konnte. So wenig man heute über die Einzelheiten der technischen Durcbsübrung des bedeutsamen Vorganges öffentlich auch mitteilen kann, so darf man doch sagen, datz,
- sobald eine derartige Berichterstattung möglich ist, alle dieionipen. die beute bereits wieder mit einer mebr oder weniger leichtfertiaen Kritik bei der Hand sind und auch davon überzeugt sind, datz sie diese Dinge weil besset ?enn->n und weit richtiger gemacht hätten, zu der für sie sebr schmerzlichen, für die deutsche wirtschaftlich» Zukunft aber sebr erfreulichen Erkenntnis kommen nmrden. dab sie sich in ibren Gedankengängen in einer Sackoaffe befunden haben, und datz es sebr gut mar. dob sie in diesen Zeiten keinen ausschlaggebenden Einfluß ans die Gestaltung der Dinge ausüben konnten!
Ma^kb-'s»' und Pre s teiqerrr,io.
| W. T.-B. Berlin, 17. Febr Ein Erlaß des Ha nd c ls m i n i st e r s an sämtliche Handel s kam- metit besagt: Es bat sich gezeigt. datz die erfreulich« Besserung die der Stand der Mark in der letzten Zeit erfahren hat, in den Marenkreisen vielfach noch keinen oder nur ungenügenden Ausdruck gefunden hat. Jedenfalls mutz festgestellt werden, datz die Anpassung
än die Marklage sich beim Sinken der Mark sehr schnell und in erheblich stärkerem Matz zu vollziehen pflegt, als es sich bei der umgekehrten Entwickelung zeigt. Es liegt auf der Hand, datz hierdurch die B e- unruhigung über die ungeheure Preissteigerung, die nach dem vovausgehenden Marksturz eingetreten war, nicht weiter gesteigert wird und datz eine derartige Entwickelung bei der Bevölkerung auf starken Widerstand stoßen werde. So wenig ich die schwierige Lage verkenne, die sich für das gesamte Wirtschaftsleben und im besonderen Matze für den Handel aus dem schnellen Wechsel des Markstandes ergibt, so mutz ich doch der bestimmten Erwartung Ausdruck geben, datz die beteiligten Kreise sich der durch die politischen Verhältnisse verschärften besonderen Verantwortung bewußt sind und den Verbrauchern die gebotenen Rücksichten entgegenbringen. Ich behalte mir vor. auf die Angelegenheit alsbald zurückzukommen, ersuche aber, mit der durch die Umstände gebotenen B e- schleunigung auf die beteiligten Kreise im vorstehenden Sinne einzuwirken.
Br. Berlin, 19. Febr. (Eig. Dvahtbericht.) Die Tatsache, datz, obwohl der Dollarkurs in der letzten Woche um 50 Prozent gesunken ist und eine ganze Reihe von Inlandsprodukten höher im Preise stehen als Auslandsware oder solche, die ausländische Rohstoffe enthalten, gibt dem Präsidenten des Landespolizeiamtes erneut Veranlassung, die Bolizeiverwaltungen dringlichst anzuweisen, diesen Mitz- ständen nachzugehen und überall da, wo die Annahme von wucherischer Preisforderung gerechtfertigt erscheint, sofort Ermittelungen anzustellen und gegebenenfalls die sofortige Einleitung des Strafverfahrens bei den zuständigen Stellen zu veranlassen, und wenn Tatsachen vorliegen, die die Unzuverlässigkeit des Händlers erwiesen, aus Grug^ der Verordnung vom 23. Oktober 1915 rücksichtslos mit der Entziehung der Handelserlaubnis vorzugehen.
W. T.-B. Berlin, 18.Febr. Anläßlich der in den letzten Wochen eingettetenen scharfen Pr eis st ei gerungen für Schlachtvieh hat der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft die Landesregierungen dringend ersucht, für jeden Schlachtviehmarkt eine besondere Üderwachungskommis- sion aus je einem Viehhändler, einem Fleischer und einem Vertreter der Verbraucherkreise zu bilden, damit unberechtigten Preissteigerungen sogleich an Ort und Stelle entgegengetreten werden kann. Durch ein enges Zusammenarbeiten dieser Kommission mit den zuständigen Polizeibehörden wird in vielen Fällen die Beschlagnahme des Diebes und das Fernhalten unlauterer Elemente von dem Viehmarkt möglich sein.
Die französischen Finanzen.
D. Paris, 19. Febr. sEig. Drahtbericht.) Zur selben Zeit, in der die Besserung der deutschen Währung Frankreich beunruhigt, bieten die finanziellen Verhältnisse Frankreichs ein Bild der Verwirrung. Das Finanzministerium, das seit Monaten den Kamps um die restlose Eintreibung der Steuereingänge führt, ohne zu einer Entscheidung in der Kammer zu kommen, vergrößert in der Zwischenzeit die Zahl der inneren Anleihen ins Ungeheure und damit nicht zufrieden, fleht es sich gezwungen, den Zinssatz auf die Bonds der^ nationalen Verteidigung, der vor etwa einem Jahr um Vz Prozent herabgesetzt wurde, wieder auf die alte Höbe zu bringen. Der Zweck dieses Opfers, das auf 3 Milliarden pro Jahr angeschlagen wird, ist der: Es handelt sich darum, diese Bonds solange wie möglich in Privatbesitz zu erhalten und ihre Rückkehr in die Staatskasse hinauszuschieben. Ob dieser Zweck erreicht wird, ist eine andere Frage.
Das „Journal des Dillmts", welches heute in einem bemerkenswerten Leitartikel dazu Stellung nimmt, macht jetzt auch darauf aufmerksam, datz die Frage des Geldbedarfs nicht allein von der Regierung geregelt werden könnte, sondern daß die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes dafür mitbestimmend seien. Wenn die französische Industrie mit dem fortschreitenden Fallen des Franken in die Lage komme, ihre Geschäftsverbindungen auszudehnen, und wenn sie infolgedessen sogar größere Mengen an Bargeld brauche, würde sie die Staatskasse in Anspruch nehmen müssen. Die Jnflationsvolitik, gegen die sich Frankreich sträubt, miisie notgedrungen noch kommen und die bisherigen Kursschwankungen des Franken seien erst die Anfänge des Rückganges der französischen Währung.
Auch Jülich besetzt.
ür. Berlin. 19 . Fibr. (Ein. Drahtberickst.) Bon zuständiger Seite wird mitneteilt. da« Jülich von den belgischen Truooen bcletzt wurde.
sie rannt m\t m »Wz«.
as. Berlin, 19. Febr. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Die Besuche des Reichspostministers und des preußischen Kultusministers im Ruhrgebiet, die vor wenigen Tagen erfolgten, sind in Paris natürlich nicht gerade angenehm empfunden worden. Man erklärte in einer halbamtlichen französischen Verlautbarung, datz die französischen Behörden z u s p ä t b e« n a ch r i ch t i g t worden seien, um die Einreise verhindern zu können. Es sei auch unmöglich, jeden der 45 Wege zu bewachen, die durch dah Ruhrgebiet führen. Die Hauptrouten seien besetzt. Man müsse aber über einen kräftigeren Mannschaftsbestand verfügen, wenn man jede Seitenstraße sichern sollte. Die deutschen Minister, so hieß es weiter, können in das Ruhrgebiet kommen trotz des Verbots, das ihnen zur Kenntnis gebracht worden ist, aber sie machten diese Versuche auf ihr eigenes Risiko. Es ist klar, daß ein Minister, der auf Agitationsreisen dieser Art ertappt wird, dazu beiträgt, daß
stärkere Sanktionen
verhängt werden, da es sich um formelle Verbote im besetzten Gebiet handelt. Datz die Reichsregierung ebensowenig wie die preußische Regierung gewillt ist, vor solchen Drohungen zu kapitulieren, zeigt die Tatsache, datz nunmehr auch der Reichsverkehrsminister Grüner im Einmarschgebiet weilte, um mit den Eisenbahnern über die Lage zu konferieren. Er konnte ihnen die Zusicherung geben, daß die französisch?" Befehle an die Reichsbankkassen, keine Gehälter an Eisenbahnbedienstete auszuzahlen, durch wirksame Gegenmaßnahmen illusorisch gemacht werden würden. Auch der preußische Innenminister Severing weilte am Samstag in Dortmund, wo er mit Berttetern der Industrie der Gewerkschaften und der Behörden Beratungen abhielt.
Wahrscheinlich wird nun zum mindesten ein Teil der französischen Blätter nach
neue« Maßnahme«
rufen, obwohl sich ohnehin die Lage im Ruhrgebiet immer mehr zuspitzt, so datz es aller Kräfte und aller Anstrengungen der deutschen Behörden bedarf, um eine gewaltsame Explosion zu verhindern. Jede neue Ausweisung, Verhaftung, Beschlagnahme usw. vermehrt den Zündstoff. Das sollten auch die Anhänger der sogenannten strengen Methode in Frankreich nicht übersehen.
In Frankreich selbst sind im übrigen die Ansichten über die Zweckmäßigkeit des Vorgehens im Ruhrgebiet, wie schon ein flüchtiger Blick in die französische Presse zeigt, geteilt. Sehr klar beleuchtet dies ein Artikel der Wochenschrift „Le Progräs civique", in dem u. a, aus- geführt wird, datz
in der kritischen Phase, der Ruhrbesetzung
Poincarä sich einer Opposition gegenübersehe, während er vom Präsidenten der Republik gedeckt werde. M i l l e r a n d gebe allerdings seinen Vertrauten zu verstehen, dah er die Unternehmung anders eingeleitet haben würde. Er fei enttäuscht, denn er habe auf eine schnelle Kapitulation Deutschlands gerechnet und sehe nun, dah die Deutschen entschlossen seien, srm französischen Willen einen Widerstand zu bereiten, der viel Geld kosten werde. Poincarä sei weniger überrascht. Er habe seinen Freunden erklärt, datz er alles vorausgesehen habe, datz er «ber zu der Expeditton gezwungen sei und nun
nicht mehr zurückkönne.
Seine Unruhe, so meint das Blatt, zeige sich in dem Bemühen, möglichst wenig in der Öffentlichkeit zu erscheinen. In den politischen Kreisen sei eine bemerkenswerte Bewegung zu beobachten. Die Gegner der Ruhraktion — so heißt cs in dem Artikel weiter — zeigen ernste Mienen, beharren aber in schweigsamer Haltung. Die Anbänger der starken Metbode triumphieren öffentlich, obwohl sie durch das Ergebnis erschreckt sind. Sie machen Poincars 'für den Mißerfolg verantwortlich, indem sie ibm vorwerfen, er könne nicht zwei Tage die gleiche Meinung behalten. Sie treiben jetzt den Kriegsmini st er in den Vordergrund. Für die starke Methode seien die nichts Besseres wissen und besonders die Anhänger Elemenceaus bemühen sich, den Ministerpräsidenten wild zu machen. Der große Streit gehe jetzt darum. obdieMeserven unter die Fabcken gerufen werden sollen, wozu der Kriegsminister bereit wäre, oder ob es Poinoar«! gelingen werde, noch länger mit Freirvilliaen-Meldungen auszu- kömmen. wie er vorläufig der Öffentlichkeit glaubhaft zu macken versuche. Danach darf man annebmen. daß die Anbänger der scharfen Tonart Oberwasser bekoiw men können. Am Enderfolg der Aktion würde freili# auch das nichts ändern.
