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Nr. 39.

Donnerstag, 15. Februar 1923. 71. Jahrgang.

Amerika und Europa.

Als im Oktober v. I. die amerikanische Bankier- Vereinigung zu ihrer Iahrestegung zusammentrat und hierbei sich etwa 10 060 amerikanische Bankiers ver­einigten, waren die weltpolitischen und weltwirtschaft­lichen Zusammenhänge, wie sie die Nachkriegszeit ge­schaffen hat. noch nicht erneut durch den französisch- belgischen Einmarsch im Ruhrgebiet verwirrt. Die Be­deutung der amerikanischen Stellungnahme für die mit ungeheuerlicher Eindringlichkeit schnellster Lösung zu- prebenden internationalen Probleme, die von Mittel­europa über die ganze Welt ausstrahlen, läßt es auch jetzt noch wertvoll erscheinen, einiges ans den damali­gen Verhandlungen auf Grund der jetzt vorliegenden ausführlichen Berichte zu registrieren und der deutschen Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Erundnote der ganzen damaligen New Parker Verhandlungen wurde durch die Begrüßungsansprache vcn Thomas W. L a m o n t. Teilhaber der Firma

I. P. Morgan u. Co., mit den Worten gegeben: „Die Herabsetzung der deutschen Reparationslast ist wohl von großer Bedeutung für den wirffchaftlichen Wieder­aufbau Europas, wenngleich sie innerhalb des wichti­geren und allgemeineren Problems der interalliierten Verschuldung nur eine sekundäre Rolle spielt." Man muß diesen Satz in allen seinen Auswirkungen durch­denken, um zu einem Verständnis der Politik zu ge­langen, die unter dem wesentlichen Einfluß der Finanz­kreise unabhängig von sonstigen innerpolitischen Diffe­renzen seit Ende des Weltkrieges von den Vereinigten Staaten. verfolgt worden ist. Man wird diese Auf­fassung im Äuge behalten muffen, um unbegründeten Optimismus und unbegründete Hoffnungen auf ame­rikanische Hilfe, die schwere und schmerzliche Ent­täuschungen bringen müßten, zu vermeiden.

Was die deutschen Reparationsverpflichtungen be­trifft. so wurde einmütig von den amerikanischen Red­nern, wie auch von R. McKenna (Aufstchtsratvorsitzen- den der London Joint City u. Midland Dank, Ltd., London und früheren Chancellor of the Exchequer Groß­britanniens) hervorgehoben, daß die Engländer schon seit August 1921 erkannt hätten, daß Deutschland nie­mals eine Summe zahlen wird oder zahlen kann, die der im Londoner Ultimatum festgesetzten nahekommt. Auch die französische Regierung habe diffe Über­zeugung gewonnen. Und im Oktober 1922 war es auch die Auffaffung der mit dem französischen Finanzmarkt in engem Zusammenhang stehenden Kreise, daß selbst in Frankreich diese Erkenntnis mit aller Gewalt zum Durchbruch kommt. Nur nehme die französische Regie­rung den Standpunkt ein. daß sie diese Tatsache so lange nicht offiziell zugeben dürfe, als ihr nicht für die aesamte Verschuldungsfrage eine angemessene Lösung geboten wird.

Für alles das. was in den nächsten Wochen und Monaten cm inoffiziellen und offiziellen Beratungen zur Lösung des europäischen Konflikts und zur Durch­setzung der wirffchaftlichen Vernunft in Betracht kommt, find die Leiffätze der Bankierkonferenz in New Pork von besonderer Bedeutung, die hier grundsätzlich über die Wege aufgestellt wurden, auf denen Schuldner­staaten die erforderlichen ausländischen Zahlungs­mittel zur Bezahlung ihrer Schulden beschaffen können. Diese Leitsätze lauten:

1. Aus einem eventuellen Aktivsaldo der Handelsbilanz.

2. Durch den Auslandsverkauf der ausländischen Wert­papiere, (Afften und Obligationen), die die Sämldner- vativn im Eigentum bat.

3. Durch den Auslandsverkauf von Juwelen. Kunstgeaen- nanden und anderem Eiaentnm. Bankguthaben „iw., über die die Burger des betreffenden Staates verfügen.

4 . Durch den Auslandsverkauf von Banknoten lind andern gesct-l'chcn Zallungsmttteln des Staates und der Ge­meinen des Schi'ldnefftaates.

6. Durch den Verkauf van Immobilien jeder Art an Aus- lanl^er gegen Auslandskredtte.

6. Aus Beträgen, welche für Fracht- und Paffacnettahtten vom Ausland bei Benutzunri der Schiffe des Schuldner- noatcs enmeden.

ff. Ans „ Nettoverficherungsvrämien oder Gewinnen in ausländischer Wäbrung aus irgendwelchen anderen Diensten. die Ausländem geleistet werden, einschließlich der Einnahmen aus dem Tmiristenverkebr,

8. Aus Beträgen fremder Währung, die Ausländer an Burger des Scbv.ldnerstaates überweisen.

9 . Durch die Lieferung von Gütern (aus Landwirtschaft. Bergbau und Industrie), die im Schuldnerstaate er­zeugt wurden.

W. Durch Ausführung von - öffentlichen oder privaten Arleiten innerhalb des Gläubiaerlandes durch Ange- hör-.ge des Schuldncrftartes. die von diesem unter­halten werden.

11. Durch Ausfuhr edler Metalle.

Mr werden in Deutschland gut daran tun. uns der Durchdenkung aller hier angegebenen Möglichkeiten auf das eingehendste zu widmen. Wir müffen bei allen uns jetzt gestellten Aufgaben besonders darauf achten, daß wir an .derartige internationale Vorarbeiten unsere rijMKB Pläae *»d Zielsetzungen anlehneu. Die seiner-

zerttgen Gutachten des Bundes der englischen Industriel­len, die Verhandlungen dieser Dankierkonferenz, die in den letzten Wochen stattgehabte bedeutsame Tagung der -amerikanischen Baumwollindustrien geben in ihren wirtschaftspolitischen Richtlinien den wesentlichen Kern der Politik ihrer Länder wieder. Nicht die deklamato­rische Leistung von der Tribüne der Parlamente, son­dern die frei von Taktik und diplomatischen Erwägun­gen ausgestellten internationalen wirtschaftlichen Mei- rmngsäußerungen müffen wir gerade jetzt in unserem Wirtschaftskampf auf einen Generalnenner zu bringen versuchen, um aus einer weltwirffchaftspolitischen Ein­heit heraus eine stabile, zielsichere Grundlage aller Aufbaupolitik zu gewinnen!

«cuuiai Voran jar

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W-T.-B Baris, 15. Febr. Wie her „New Bork Harald' aus Wall.', ginn berichtet, erklärte'Senator Bor ah. er fl, Anhänger der Streichung der Schulden wenn hierdurch die Nuhe ,n Europa wiederhergestellt werden konnte.

rj ...W-T-'5 Pan«. 15. gebt. Der ..Petit Parisien" be- sck'.astlgt sich mit der Stellung Englands zu Frankreich in der qifise des Ruhrebenteuers. Der offenbar be­einflußte Artikel hat folgenden Wortlaut: Wenn die In­te rv ent ton, an die der englisch« Premierminister denkt, darin bestehen sollte, daß dem Vorgehen Frankreichs und Bel«,ens Unterstützung zuteil werden soll, so würde sie selbst­verständlich willkommen sein. Denkt er dagegen an eine Vermittlung, so ist es sicher besser, man warnt ihn. da« er die Psychologie Frankreichs ebenso wie die Belgiens verkennt. Kern unterrichteter Engländer kann künftighin übersehen, daß der franzöliich-deutswe Konflikt anläßlich der Rubrbesi'tzung den Charakter eines Kampfes bis zum Au bersten angenommen hat. In diesem Kampfe, von dem ncchi allein das Schicksal ?er Reou:'-tronen. sondern auch dasienige des Versailler Vertrages abbängt, können Frankreich und Belgie, nur auf den Erfolg zählen, wenn he mit der Zeit rechnen können. Ein englisches Vermitt­ln rasa „gebot uv mehr oder minder kurzer Frist erwarten zu lallen würde alio schon jetzt eine Behinderung aus dcvvelte Art bedeuten Einerseits würden die Blockade- und Reorgan'sationsmabnab me n. die im Nbeinlnn-d jetzr geh offen wurden, nickt die Zeit haben, ihre volle, Wirkung auf Deutschland sowohl wie auch aus den auslandilchen Markt auszuüben' auf der anderen Seite konnte die Aussicht auf etwaige Hilfe von außen her Deutschland dazu ermutigen, in seinem Widerstande zu be­harren.. Wie skeptisch auch die öffentliche Meinung Eng­lands ingeiamt mit Donar Law über die Wirksamkeit der französisch-belgischen Methode denken möge, das min­deste, was man von ihr verlangen kann. ist. dab sie nicht durch einen unbedachten Rettungseifer eine Operation be- h'Ndcrt. be> der es um die Zukunft ihrer beiden ehemaligen All eierten auf dem Kontinent geht. Vom französisch-belgi­schen Standpunkt günstiger wäre gewiß eine Politik des Zusammenwirkens, die cs gestatten würde. Frankreich wirk­samer zu unterstützen, ohne dab sie England in die Verant­wortung für das Rhein landunternehmen verwickelte. In d'-ffer öinstchr scheint man in der Tat in London geneigt, den Miistster für östentliche Arbeiten Le Troauer günstig aufzunebmer., der über den Kanal gegangen ist. um über die heikle Frage der Eisenbahnen inder englisch en Zone von Köln zu verhandeln. Obwohl die englische Regierung au' der Rat des Generals G o d l e v die Schienen­wege dieser Zone den französisch-belgischen Organen nickt zur Verküpung glaubt stellen zu können, daff man nichtsdesto­weniger annebmen. dab sie zu G r e n z b e r i ch t i g u n g e n bereit kein wird die für den interalliierten Verkehr eine wicht'ge. nördlich -von Köln gelegene Ader freimachen wür­den. Durch diese Art Zugeständnis, wie übrigens auch durch die wohlwollende Neutralität, die die englischen Behörden im Rheinland wahrten, würde Frank­reich eine indirekte Unterstützung geboten, denen Bedeu­tung zu verkennen ungerecht wäre. Was man in der Rede Bonar Laws mit einem alles übrige übersteigenden Be­dauern vermißt, ist eine Warnung an die Adresse Deutschlands. Anstatt daß der cnttische Premier­minister ungewollt die Illusion einer Vermittlung entstehen läßt, wäre es Heller gewesen, wenn er klar und unwider­ruflich geäußert hätte, dab Deutschland in keinem Falle darauf zählen könne, daß England es vor der Gefahr des Ertrinkens retten tt«¥be. der es sich hartnäckig aussetze. Eine derartige Erklärnv« sei für alle Fälle di« einzige Formel für eine englücke Intervention, wie ste Frankreich und Belgien zur Stunde zu wünschen in ver Lage seien. Viel­leicht sei es nicht zu spät für die Hoffnung, daß es noch dazu kcmnien werde.

Eine Konferenz zwischen französischen nnd belgischen Industriellen.

W.T.-B. Paris. 15. Febr. Wie der ..Petit Varisten" mitteilt, wird eine Anzahl bclqischer Industrieller beute in

S aris erwartet, wo ste mit Persönlichkeiten der französtschen ndustrie über Fragen im Zusammenhang mit der B e - setzung des Ruhrgebietes verhandeln sollen. Das Blatt erinnert in seiner Erläuterung zu dieser Nachricht an die neuerliche Verschärfung der Ansfubrsperre im Ruhr gebiet. Eine der von beiden Regierungen ins Auge gefaßten Maßnahmen bestehe in der Organisation des Absatzes der Fabrikate des Ruhrgebietes durch die Be- satzuugsniächte. Zunächst habe man an die Bildung von staatlichen Kontoren gedacht. Darauf scheine man iedoch «ui Einwendungen von erfahrenen Leuten bin. wie des Ministerpräsidenten Tbeunrs. verzichtet zu haben. Zurzeit erwarteten die beiden Regierungen von dieser in­dustriellen Kc-r.fe'enz. daß ste d'e verwickelte Frage von kanfmännischcm Standpunkt einer Prüfung unterziehe und vvaktische Lcsungcn verschlafe, oer deren Ausarbeitung ste sich, wenn nötig, der bereits bestehenden sranzösisch-belgi- schen öanit-elgMßanifotionen bedienen können.

England und Frankreich.

as. Berlin, 15. Febr. (Drahtmeldung unserer Ber­liner Abteilung.) Herr Poincarö, der sich, bevor er Ministerpräsident wurde, sehr energisch gegen das Regieren im Umherziehen ausgesprochen hat, sieht sich jetzt veranlaßt, seine Minister recht häufig auf Reisen zu schicken. Ganz besonders Herr Le Troquer, Minister für öffentliche Arbeiten, reist bald nach Düsseldorf, bald nach Brüssel und seine neueste Reise führt ihn nun jetzt nach London, wo er über die B e- nutznng der Verkehrswege in der engli­schen Zone für den Kohlentransport verhandeln soll. Die Pariser Abendblätter meinen noch, es sei Aussicht vorhanden, daß England das Verlangen Frankreichs erfüllen werde. Aber nach dem Kabinettsrat, der gestern in London stattfand, dürfte der französi­sche Minister kaum irgendwelche Zusagen erhalten, da sich nach Londoner Meldungen die Haltung der briti­schen Regierung zur Frage der Kohlentransporte durch die englische Zone nicht geändert hat. Das Kabinett ist vielmehr der Ansicht, daß das' französische Ersuchen eine wichtige Prinzipienfrage darstelle und daß die anderen Bahnlinien für die Kohlen, die Frank­reich aus dem Ruhrgebiet erhalte, genügten.

. Es ist kaum anzunehmen, daß das

die Stimmung gegen England»

wie sie in den ftanzösischen Blättern zum Ausdruck kommt, verbeffern wird. Man ist in Paris mit der Adreßdebatte des englischen Parlaments nicht zufrieden und der „Temps" beispielsweise fragt, ob ein französi­scher Premierminister etwa ebenso sprechen würde wie Bonar Law. wenn England sich in gleicher Lage be­fände wie Frankreich und auf eine Erklärung der Bundestreue warte. Die Urteile der Pariser Presse gipfeln im allgemeinen in der jetzt wieder vorgebrach­ten Feststellung, daß die Londoner Reden nicht geeignet seien, eine Entspannung zwischen Frankreich und Eng­land herbeizuführen. Das Mißvergnügen der ftanzösi­schen Blätter über die englische Parlamentsdebatte ist durchaus begreiflich, denn tatsächlich hat es ja auch im englischen Parlament nicht an Stimmen der Ver­urteilung für das französische Vorgehen an der Rrchr gefehlt. Es haben franzosenfreundliche Uniomsten, Liberale und Arbeiterparteiler, der Ministerpräsident B o n a r L a w, der Minister des Äußern Lord Eurzon, der Liberale Lord Erey gesprochen, aber alle waren sie einig in der Verurteilung des französi­schen Vorgehens. Immer wieder ertönten die Worte: „Zu gefährlich und unheilvoll" und die scharfen Worte: „Unklug und verhängnisvoll" sind gerade aus dem Mund Lord Greys gefallen. Das Günstigste, was die Franzosen zu hören bekamen, war die Bitte des llnionisten: Man wünsche den Verbündeten Erfolg.

Auf der anderen Seite wird man aber auch nicht verkennen können, daß hinter dieser Verurteilung der Ruhraktton

kein pofittves englisches Programm

steht. Eine Jntervenffon Englands im Ruhrkonflikt liegt in nebelhafter Ferne und man wird deutscher­seits an die englische Darlamentsdebatte mit ihrem — man könnte fast sagen — akademischen Charakter keinerlei Hoffnungen knüpfen, sondern wird aus ibr lediglich den Schluß ziehen, daß Deutschland auch weiterhin auf sich allein angewiesen ist.

Unangenehmer als die englische Verurteilung der Ruhraktion wird in Paris

das wirtschaftliche Berhänanis

wirken. Der Franken ist wieder einmal gefallen. Wur­den vorgestern noch 76 Franken für das englische Pfund ir Patts gezahlt, so waren es gestern bereits 77 und gleichzeitig melden die Pariser Abendblätter eine Ver­teuerung des Zuckers — sie beträgt, dem „Journal" zu­folge, 60 Franken für 100 Kilogramm —, des Mehls und anderer Lebensmittel. Die Mark setzt, dank der aktiven Devisenpolitik der Reichsregierung, ihre Aufwärtsbewegung fort und es ist eine Ironie der Weltgeschichte, daß Frankreich diese Aufwärtsbewegung fördern hilft. Frankreich muß für die Ruhraktin, deren Kosten der französische Finanzminister mit 40 Millionen Franken monatlich beziffert, deutsche Reichsmark kaufen. 40 Millionen Franken entsprechen aber 60 Milliarden Papier.iiark, und nach kompetenterBeurteilung muß hier­von ein Viertel, d. h. 15 Milliarden, in Reichsmark aufgebracht werden. Eo sind französische Markauskäufe an den ausländischen Börsen erforderlich geworden und diese Aufkäufe werden schließlich in der gleichen Rich­tung wie die Iniffative der Reichsbank entgegengesetzte Ziele, aber das gleiche Ergebnis herben!