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Nr 38.

Mittwoch, 14. Februar 1923.

71. Jahrgang.

Abwehrsront und Teuerung.

Der gcofce ALwehrkampf «n bet Ruhr dauert min bereit» 4 Woche» und wenn man sich in Frankreich ein­mal die Mühe machen würde, eine vorläufige Bilanz zu ziehen, so mutzte man zu dem Schlutz kommen, datz die­ser Abschlutz negativ aasfällt. Einig« französisch« Blätter verweisen daraus, dah es gelungen fei, einig« Kohlenzüge wach Frankreich und Belgien zu bringen. Sie vergessen nur dabei, bah vor dem Einmarsch in das Ruhrgebiet täglich 50 schwer beladene Eüterzüge mit Kohlen und Koks aus dem Ruhrgebiet nach Frankreich rollten, die etwa 40 000 Tonnen Kohlen enthielten und Hatz autzer diesen Zügen noch täglich 20 000 Tonnen auf dem Wasserwege befördert wurden. Auch die französi­schen Sachverständigen sind sich vollkommen einig dar­über. datz es Frankreich nicht möglich ist, auch nur an­nähernd diese Ziffern zu erreichen, und wenn es ge­lingen sollte, so bliebe immer noch zu bedenken, datz Frankreich einen ungeheuer kostspieligen Apparat unter­halten muh, um das zu erreichen, was ihm früher sozu­sagen in den Schotz fiel! Die Aufforderung des Kammer­ausschusses für auswärtige Angelegenheiten an Herrn Poincar.i, Rede und Antwort zu stehen, ist ein Zeichen dafür, datz man sich mit der stereotypen Formel, es geht alles gut. nicht abspeisen lasten will. Nur wäre es falsch, aus diesen Vorgängen etwa den Schluß zu ziehen, diese Diskussionen könnten jetzt bereits mit dem Rücktritt Poincaräs enden. Di« Opposition dürfte keinerlei Gelüste verspüren, in diesem Augenblick di« Regierung und damit die Leitung der Ruhrattion zu übernehmen.

Man muh sich in Deutschland immer wieder vor Augen halten, datz der Kamps um die Ruhr schon zu Beginn von den französischen Blättern mit dem Cchiitzengrabenkrieg verglichen worden ist, d. h. man muh sich auf eine lange Dauer des Kampfes einstellen und man mutz die Abwehr auf lange Sicht organi­sieren, wobei man nicht übersehen darf, datz die schweren Zeiten erst noch kommen werden. Der Kampf geht um Leben und Zukunft Deutschlands und darum mutz alles unterbleiben, was die Abwehrfront cm der Ruhr selbst wie auch im Reich schwächt. Alle Versuche des Geg­ners, einen Keil in diese Abwehrfront — das Wort will uns treffender und bester erscheinen als das Wort Einheitsfront — zu treiben, sind bislang erfolglos ge­blieben. Es scheint fast, als ob gewisse deutsche Blätter das bedauerlich finden und sich nun darum ihrerseits bemühen, durch eine völlig überflüssige Polemik die Reihen zu verwirren. Einige deutfchnattonale Blätter, genannt feien nur die „Deutsche Tageszeitung" und die „Kreuzzeitung". halten es nämlich für angebracht, den Willen der Sozialdemokratie. diesen Kampf durchzu­fechten. in Zweifel zu ziehen und schon jetzt taucht wie­der dos bitterböse Wort vom Dolchstotz aus. Es könnte nun den Anschein erwecken, als ob die Zweifel der deutschncttiovalen Blätter nicht ganz unberechtigt find, denn Herr Dr. B r e i t f ch e i d hot sich in London einem englischen Journalisten gegenüber in einer — vorsichtig au sg «drückt — etwas merkwürdigen Art über die Derhandlungsbereiischaft Deutschlands ge- äutzett. Vorausgesetzt, datz die Breitscheidschen Worte richtig wiedergegeben sind, wird man auch das nicht so tragisch zu nehmen brauchen. Es wäre nämlich ein verhängnisvoller Fehler, wenn man Herrn Dr. Breit- fcheid so wichtig nehmen würde, wie er sich selbst nimmt. Die Stelluitg der Sozialdemokratie ist festgelegt durch die, wie betont sei. vom Parteiau-ckchntz einstimmig an- xenomineneEntschlietzung, die sehr klar besagt. diePartei werde alles tun, um die Abwehr des französisch-belgi- schevEinmarsches in dos Ruhrgebiet durch zweckdienliche Matznahmen zu unterstützen, und alles unterlassen, was geeignet sei, diese Abwehr zu stören und die französi­schen Pläne zum Erfolge zu führen. Das ist. wie ge­sagt. »er W'lle der matzgebevden sozialdemokratischen Kreise, der sich mit dem des Herrn Breitscheid allerdings nicht ganz zu decken scheint. Man ist sich in sozialdemo­kratischen Kreisen nämlich auch nicht im unklaren dar­über, datz man diesen Ab-wehrkamof aus sehr egoisti­schen Gründen durchkämpfen mutz. Sehr tteffend schrieb in diesem Sinne die „Berg-arbeiterzeitung": „Frankreich ist sozialpolitisch rückständiger als Deutsch­land. die französischen Bergleute haben eine drei­viertel Stunde länaere Schichtzeit als die deutschen Ar­beiter. Die französisch" Arbeiterbewegung wird mit Militarismus niederaebalten. Haben wir Sehnsucht danach, ebenso behandelt zu werde"? Wahrlich nicht. Deshalb haben wir auch alle Veranlassung, an unserm Standpunkt vernünftiger und entschlossener Abwehr festzubalten"

W-.'"N also die Franzosen meinen sollten, die deut­sche Abwehr wanke, weil einiae weniger disziplinierte -Leute auch heute um jeden Preis ihr Licht leuchten

lassen möchten, so «erden sie bald erkennen, datz der»

arttge. gewitz nicht sonderlich erfreuliche Presseäutzerun- gen nicht überschätzt werden dürfen. Gefährlicher könnten der deutschen Abwehrsront schon die Leute werden, die auch jetzt in der Stunde der höchsten Not und Gefahr aus dem Elend des Volkes Nutzen zu ziehen versuchen. Leider lätzt sich nicht leugnen, datz Wucher- und Schiebertum auch heute noch in Blüte steht. Es ist ganz selbstverständlich, datz bei einer Steigerung des Dollarkurses, wie ihn Deutschland im Anschlutz an die Ruhrbesetzung erlebt hat, die Preise nicht gleich bleiben können. Man hat sich auch längst daran gewöhnt, datz die Preise mit dem Dollar steigen, aber gegen besonders krasse Auswüchse mutz doch ganz entschieden vorgegangen werden.

Wir möchten diese Eelegenhet benutzen, um im An­schlutz an unseren Leitartikel „Der Kamps gegen Teue­rung und Wucher" in der Nummer des Wiesbadener Tagblatts vom 10. Februar festzustellen, datz es uns fernlag, dem hiesigen reellen Butter- und Eierhandel irgend einen Vorwurf über die hohen Preise zu machen. Vertreter der Wiesbadener Butter- und Eierhändler haben uns durch Vorlage der Rechnungen ihrer Liefe­ranten überzeugt, daß sie sich mit dem denkbar kleinsten Gewinn begnügen und datz sie an den hohen Butter­und Eierpreisen keinerlei Schuld tragen. Es wurde ganz besonders darauf hingewiesen, datz die unge­heueren Frachtkosten die z. B. für ein Ei jetzt allein 100 M. betragen, die hohen Preise mitverschulden. Da­her mutz die Frage erneut aufgeworfen werden, ob es wirklich nötig war, dieGütertarife abermals zu erhöhen. Es kommt in diesem Augenblick wirklich nicht darauf an, den Etat ausznbalancieren. Darüber wird zu an­deren Zeiten zu reden fein. Heute "kommt es darauf an, die Versorgung der Bevölkerung mit den lebens­notwendigen Dingen sicherzustellen, und zwar zu er­träglichen Preisen. Immer noch besser ein Loch im Etat, als datz die Bevölkerung verhungert!

Ein Monat Ruhrbesetzung.

V. T-B. Baris. 14. Febr. Der halbamtliche ..Petit

Parisien verestentlicht beule folgende Bilanz nach einem Monat Rubrbesttzu-r«' Frankreich und Belgien seien dort- diu gegangen mit dem ausschließlichen Gedanken, non der K o b l e n p r o d u k t i o n des Ruhrgebietes di« durch den Versailler Vertrag festgesetzten Lieterungen und von den voll- und Cteuereingängen das zu entnebmen. was nätis lei. um einen Teil der Reparationen zu decken. Der offene W:deuiand der Berliner Regierung, die im Namen der Großindustriellen rorgegaugen sei. welche im Rubrgebiet den firmen Teil :bres Vermögens liegen hätten, habe fämt- I'che lokalen Beamten, von den Oberoräsidevten. Präsidenten und Bürgermeistern an bis zu den unteren Bolireibeamten. mitsamt Öen Zolldeamren. den Eisenbahnern und den Post­beamten. gcgrn die Besatzungsorgane aufgebracht. Dieser W'-derftund habe ^aus dem Ruhrgebiet nach dem keil dem Wafrenst-llstand besetzten Rheinland übergeairiffen. Über sie Beamten hinaus hätten jedoch die Kauileute. di« Sand- werter und die Bauern — abgesehen von einigen Aus­nahmen — bis ietzt sich der Bewegung nicht anseichlosien. Angesichts dieses Widerstandes der Beamten sei die Be­setz»»« in..Begriff, ihren Charakter zu w« a i e l n. Man habe das gesamte Rheinland, sowohl das links- wie das rechtsrheinische. mit einem fvanzösisch- belp'schen Zollvostenkordon umgeben: innerhalb

dieier Znllinie nehme man den Eisenbahnbetrieb selbst in die Sand und ucrde sämtliche deutschen Eisenbahner ent­lassen. die sich mit dieser Beschlagnahme nicht abfinden. Man Hab. die Abiuhr von Kohle nach dem übrigen Deutich- land verboten, man lasie die Fabrikate des Ruhrgebietes, die für das Ausland bestimmt seien, nur durch, nachdem nian die Ausiukratgabe erhoben babe. und man werde ge- uisie für das nichlbesetzte Deutschland bestimmte Waren nur aus Grund von Ausfuhrbewilligungen herauslasien. für die ein« Akgabe entiichte: werden müsse. Die Logik des Systems führe unvcimcidlich zur Schaffung einer rheini­schen Währung, einer ttxinischen Polizei, einer rheini­schen Bc,mallung deren Mitglieder sämtlich aus dem v.hcii lande selbst stammten.

Und nun versucht der ..Petit Parisien" — man darf wohl anuclm.en. nicht im amtlichen Auftrag — einen reli­giösen Zwiespalt innerhalb der Bevölkerung der be­setzten Gebiete brraufzubeschwören. Er sagt nämlich zum Schluß, im Grunde genommen unterziehe sich die rheinische Bevölkerung, die kaibolisch sei. ohne Begeisterung der tzerr- i.l'öfi des protestantischen Preußen, das sie 1815 annektiert baber und es sei nicht sicher, datz sie nicht, wenn sie dazu er­mutigt würde, bereit wäre zur Bildung eines militärisch ncutralisiertrn. zugleich von Frankreich und von Deutschland unabhängigen Rheinlands in der Grobe Belgiens mit 10 Millionen Einwohnern. Sei dies das Ergebnis, das Reichskanzler Euno wolle? .

Bemerkenswert und bez-nchnend ist. datz auch das ..Echo de Paris" eine Art Rückblick über die Ruhrbefetzun« oer- öffenllickst. „ , _

W. T.-B. Paris. 14. Febr. Der Führer der gemätzlgten Sozialisten. Leon Blum, kommt im „Poonlaire" zu fol- «cNider Bilanz übcr d'e bisherigen Ergebnisse der Besetzung des Rubrgebictes: Alle Tage wachsen unsere direkten und indi"ekten Ausgaben für das Abenteuer. Unst'e Transvort- ki'sis beginnt sich z» erneuern weil wir Tausende von Eisenbahnern hergebcn müssen für das Rubraebiet. für ein Gebiet, das uns früber monatlich eine Million Tonnen Kobl« und jctzi nichts mehr liefert. Wenn wir einmal einen armseligen Koblenz»« im Rnhrgebiet zusammenstellen lönnen. io wird das von den offiziösen Blättern zu einem groben Sieg gemacht. Die französischen Sozialisten können ihren auslänojicheu Genossen keine Aufklärung darüber leben, ob d.r Franzosen im Rnhrgebiet bleiben, und die runzösisch« Regierung. die die Welt ausklären könnte, hüllt ich tn Schweigen.

Der Sinn der englischen Thronrede

.ns. Berlin, 14. Febr. sDrahtmeldung unserer Ber­liner Abteilung.) Die englische Thronrede hat in Berliner politischen Kreisen keinerlei Aufsehen er­regt. Man hatte von ihr, da die Thronreden meist mehr oder weniger farblos sind, von vornherein keinerlei Sensationen erwartet. Die Rede bewegt sich denn durchaus auch in den Bahnen der eng­lischen Politik in der letzten Zeit, die ja daraus hinaus- lief, sich in keinerlei. Form an der Ruhraktion Frank­reichs zu beteiligen, aber auch nichts zu unternehmen, wodurch Frankreich und Belgien Schwierigkeiten ent­stehen könnten. So ist auch diese amtliche Kundgebung wieder einmal ein Zeichen für die Unentschlossen­heit der englischen Regierung, wobei aller­dings dahingestellt bleiben mutz, welcher Zusammen­hang zwischen dieser scheinbaren Untentschlossenheit und den Orientfragen, die in der Thronrede nur kurz gestreift wurden, besteht. Für einen etwas fernen Zeitpunkt scheint Bonar Law denn doch gewisse Znterventionsmöglichkeiten

zu setzen, wenn er davon spricht, er hoffe noch immer, datz irgend etwas geschehen werde, was es England er­möglichen würde, mit Aussicht auf Erfolg zu inter­venieren. Um aber keinerlei Mitzverständnisse auf- kommen zu lassen, sei ausdrücklich betont, datz im Augenblick eine Intervention nicht beabsichtigt ist und Reuter dementiert auch erneut alle Gerüchte über eine bevorstehende Intervention Englands.

Auch über die in letzter Zeit soviel erörterte Frage der

Zurückziehung der englischen Truppen vom Rhein behielt sich die englische Regierung die Entscheidung noch vor. Diese Abberufung, so meint die Thronrede, würde das Ende der Entente bedeuten. In Deutschland selbst würde man den Abzug der Eng­länder jedenfalls mit sehr gemischten Gefühlen auf­nehmen.

Wenn man in Deutschland aus der englischen Thron­rede überhaupt irgendeine Lehre ziehen kann, so ist es die, wie der „Vorwärts" zufammenfatzt, es sei Sache des deutschen Volkes, durch Forffetzung des passiven Wider st andes die These^konar Laws zu erhärten, datz dieRuhraktion fürFrav.kreich ein Unheil ist, zugleich aber eine Atmosphäre zu schaffen, die das Eingrei­fen Englands zum Zwecke einer Vermittelungs- aktion ermöglicht. An dein passiven Widerstand im Ruhrgebiet fehlt es ja, wie die Nachrichten beweisen, nicht. Wie nötig und wie erforderlich dieser Wider­stand ist. das eben zeigt — die englische Thronrede, deren Sinn, soweit sie an die deutsche Adresse gerichtet ist, in der Forderung gipfelt: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott — und England!"

Ar NW« des esKlgez Mwesks.

W. T.-B. London, 13. Febr. Die Eröffnung des Parla­ments fand heute mit dem üblichen Zeremoniell statt. Ein- groß« Menlschenmenge wohnte der Auffahrt des Königszuss bei und begrützte den Monarchen und die Staatsmänner bei der Ankunft vor dem Parlament mit lauten Beifallsrufen. Die Thronrede ipricht das Bedauern aus. datz auf der Pariser Konferenz kein allgemeines Abkommen erreicht wurde und 'agt. die enPlüche Regierung h^abe in dem Munich die vollstänöiae Reaeluna des Reparationsproblems zu oe- schleunisen. den Alliierten aus dem, Gebiet der alliier­ten Schulden bmreickrende Zuaeständnisse aemacht. Ee sei aber trotzdem nitit 'möglich aewesen, zu einem allae- m.eiuen Abkommen zu gelangen, dafür seien die franzö'i'che und die belgische Regierung mit ihrem eigenen Plan vorge- gang-en und Italien begünstige ihre Aktion. Die britisch« Regierung sei nicht imstande, an der R u hr ov e ra ti o n mitzuwirken oder an ihr teilzunehmen. Sie handle aber in einer solchen Weist, datz sie die Schwierigkeiten der Alliierten nicht vermehr«. Die Rede weist auf die Weigerung der Türken hin. den Lauianner Bertrag zu unterzeichnen-, und svrichi die Hoffnung aus. datz die Türken unte'-zeichncn wer­den. wenn der vollständige Bericht über die Verhandlungen der Ko liier enz in Angora einaetroiren sein werde. Die Rege­lung der englischen Schulden bei Amerika wird mit Be­friedigung verzeichnet, da sie den Entschlutz des britischen Volkes bezeug«, seinen Vervssichtungen gerecht zu werden- Einschränkungen in den öffentlichen Aufgaben seien dringend erforderlich.

W. T.-B. London. 14. Febr. Im Unterhaus sagte

Bonar Law

zur Besetzun« des Ruhrgebietes, er fei davon überzeugt «ro^en. datz Frankreich mit diesem Schritt etwas tun würde was unheilvoll nicht nur für Deutschland, sondern auch für Frankreich selbst sein würde. Was auch geschehen würde, er sei« kein lichtes Mittel in der Zukr:nft. Die iranzösilche Rcgierung habe sich auf einen Plan oer- vfüchtet und sei gebunden, ihn durchzusühren. England habe noch immer seine Trvvven in Köln, aber er (Bonn, Laiwl wisse nicht, ob es möglich lein werde, sie noch lara» dort zu belassen. Die Frage sti noch nickst akut, aber sie werde viclle'cht akut werden.. Die französische oder die deut­sche Rcgierung würden es vielleicht den englischen Truvven unmöglich machen, in Köln zu bleiben. Das würde e i n «rohes Unglück sein. So lange die englischen Truvvea am Rhein belassen würden, habe England Fühlung mit d«