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Nr 32.

Mittwoch, 7. Februar 1923.

71. Jahrgang.

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Die Festmark.

Der Kohlenkrieg an der Ruhr zieht sich hin. Die ganze Haltung Frankreichs zeigt, dass man es hier aus einen Wirtschaftskampf bis zum Weißbluten abgesehen hat Bei diesem Ringen, bei dem der längere Atem zum Erfolge führen mutz, bildet Deutschlands empfind­lichste Stelle die Schwäche seiner Valuta. Die Be­zahlung der an ihrer Tätigkeit verhinderten oder zum Streik "getriebenen Eisenbahner und dazu die anderen Schädigungen des Ruhrgebiets und seiner Bewohner, für die das Reich aufkommen mutz, belasten die Finan­zen des Reichs wieder in gewaltigem Matze. Die An­sprüche, die Industrie und Handel wegen der Mark- entwertnng und der maßlosen Teuerung an die Reichs­bank stellen müssen, wackssen in ungeahntem Matze. Die letzte Januarwoche allein brachte eine Vermehrung des Rotenumlauss um 330 Milliarden Mark, womit ein neuer unerfreulicher Rekord der Notenvermehrung er­reicht ist. Da wir nun glücklich mehr als 2 Billionen Papiergeldzeichen im Umlauf haben, ergibt sich schon hieraus ohne weiteres die Folge, daß die Entwertung unseres Geldes weitere Riesenfortschritte machen mutz. Sie wird noch beschleunigt werden durch die Kohlen­käufe in England. Polen und der Tschechoslowakei, zu denen wir genötigt sein werden, nachdem die Kohlen­blockade östlich der Ruhr im wesentlichen effeftto ge­worden ist. Das bekannte Wort Montecuccolis, datz zum Kriegführen Geld, Geld und nochmals Geld gehört, gilt auch für den Kohlenkrieg, der uns aufgenötigt worden ist. Aber das papierene Geld, das wir haben, hat seine Kaufkraft eingebützt, und die ausländischen Zahlungs­mittel sind infolge der abnormen Kursentwickclung an den Devisenmärkten unerschwinglich teuer geworden.

Unser ganzes Wirtschaftsleben leidet aufs aller­schwerste unter dem Mangel eines kaufkräftigen Geldes. Der Ruf nach einer neuen Währung, nach einer Fest­mark, in welcher Gestalt sie auch immer auftreten möge, ist lauter und lauter geworden, je mehr unsere Papiermark ihre Bedeutung als Wertmesser und als Grundlage für jede Preiskalkulation verloren hat. Zu dem Wirtschaftsprogramm des Ministeriums Wirth gehörte bereits im vorigen Jahre die Ausgabe einer Goldmarkanleihe. Das Reichsbankprästdium bekämpfte dieses Projekt, weil als Garantie' dieser Anleihe das Gold der Reichsbank dienen sollte, für dessen Frei­lassung zugunsten einer späteren gründlichen Wäh­rungsreform Herr Havenstein wie. ein Löwe kämpfte. Das Reich ließ also den Plan fallen und tat in der Währungsfrage überhaupt nichts, obwohl das Bedürf­nis nach irgend einem neuen festen Währungsmaßstab immer grösser wurde. Inzwischen fanden die ersten zaghaften Versuche der Einzelstaaten oder ander»! öffentlich-rechtlicher Körperschaften mit wertbeständi­gen Anleihen Verwirklichung. Sie entstammten im wesentlichen dem Wunsche der Anleibenehmer, Geld zu erhalten, das durch irgend eins Papiermarkanleihe, auch bei hober Verzinsung nicht mehr in genügender Menge zu erhalten war. So entstanden die mecklen­burgische Roggenwertanleihe, die badische Kohlenwert- anleihc, die sächsische Braunkohlenwertanleihe und an­dere mehr. Sie wurden oom kapitalbesitzenden Publi­kum sofort überzeickinet, ein Beweis, wie gross das Be­dürfnis der Bevölkerung nach einer wertbeständigen Anlaaemöglichkeit geworden ist. Die Reichsrsgierung aber sah dieser Entwicklung zu, ohne die Hand zu rühren. Sie führte inzwischen einen Windmühlen- kampf gegen die Devisenspekulation, der leider wenig rühmliche Ergebnisse zeitigte, denn trotz aller behörd­lichen Massnahmen stieg die Nachfrage nach Devisen und stiegen infolgedessen auch die Devisenkurse. Die Flucht nor der entwerteten Mark erwies sich als stärker denn olle Mahnungen und Verordnungen. Da das kapitalbesitze''de. anlagesuchende Publikum eine Mög­lichkeit. sein Geld in einer anderen Weise anWl gen, in der es der Gsfabr der Entwertung entzogen wo'-, nicht befass setzte es sich über alle obrigkeitlichen Veftimmun- gen hinweg und wusste - sich ausländische Zahlungs­mittel zu beschaffen, so dass diese dem Einfuhrhandel entzoaen wurden, det'sie zur Bezahlung dringend not­wendiger Einfuhren brauchte. Heute ist es allen Wirt- schaftssochoerständigen längst klar geworden, dass etz nur einen Weg zur Bekämpfung der Devisenspekulation und der Denisonbamsterei gibt, nämlich den, auf dem dem papi-rnrarkilüchtiaen Kapital eine andere wertbestän­dige Anloge zur Verfügung gestellt wird. Leider nur nicht der Reichsregierung, die noch immer glaubt, durch ein neues Notgesetz gegen die Devisenspekulation einer begreiflichen und notwendigen Entwicklung Dämme entgegensetzen zu können. Gewiss ist es notwendig, die vorhandenen Devisen für dieienigen zu reservieren, die sie f-'-r Einfuhrzwecke benötigen, und alle anderen vom Devisenaufkauf auszuschließen. Aber dieses Ziel kann erst dann erreicht werden und wird dann verhältnis-

, mäßig leicht erreicht werden, wenn jenen anderen eben durch Schaffung wertbeständiger Anleihen die Möglich­keit gegeben ist, ihren Besitz an flüssigen Mitteln vor der Markentwertung zu schützen, ohne ausländische Zah­lungsmittel kaufen zu müssen.

Zu alledem macht sich auch in der innerdeutschen Wirtschaft das Fehlen eines festen Wertmessers immer stärker fühlbar, in je höherem Matze die Papiermark hierzu unbrauchbar wird. Der Zentralverband des deutschen Großhandels hat in einer Eingabe an das Roichswirtfchaftsministerium soeben die Einrichtung von Koldmarkkonten bei der Reiclisbank für harüiels- gerichtlich eingetragene Firmen gefordert. Auf diese Weise sollen Handel und Industrie die Möglichkeit haben, sich Eoldmarkguthaben zu verschaffen. Die Kon­sequenz dieser Einrichtung würde dann die Schaffung des Goldmarkwechfels fein. Wie sehr die Eoldmark oder Festmark bereits im Begriffe steht, die Papier­mark in ihren wichtigsten volkswirtschaftlichen Funk­tionen zu verdrängen, beweist auch der Beschluss eines Teiles der deutschen Feuerversicherungen, Festmarkver­sicherungen auf Dollarbasis einzuführen. Es bat keinen Zweck mehr, sich dieser notwendigen Entwicklung, die zunächst zu einer Doppelwährung, später aber zu einer neuen wertbeständigen Einbeitswährung führt, ent­gegenzustemmen. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem auch Reichsremerung und Reichsbcmk sich der neuen Parole der Wirtschaftsträger anschlietzen müssen: Die Papiermark ist tot, es lebe die Festmark!

Der Bericht des Reichskanzlers über feine Reife ins Ruhrgebiet.

W. T.-B. Berlin, 7. Febr. Der Reichskanzler machte in der gestrigen Kabinettssitzung Mitteilungen über seine Reise in das Ruhrgebiet. Als Ergebnis seiner Besprechung mit Vertretern aller Bevölkerungskreise stellte der Kanzler den festen Willen zum Be­harren im Wider st and fest. Er wies unter Zu­stimmung des Kabinetts eindringlich auf die Notwen­digkeit hin, die im Kampfe stehende Bevölkerung mit allen wirtschaftlichen Mitteln zu stützen und insbeson­dere der Ernährungsfrage grösste Umsicht und Energie zuzuwenden. Die weitere Beratung des Kabi­netts galt, von laufenden Fragen abgesehen, der neuen französischen Besetzung von Offenburg und Appenweier.

Die französische Auffassung.

W. T.-B. Paris, 7. Febr. Ein Berichterstatter des „Echo de Paris" hat sich höheren Ortes nach der Auf­fassung erkundigt, die man über die Reise des Reichs­kanzlers habe. ' Man habe ihm erklärt, man glaube infolge von Andeutungen, die man erhalten habe, zu wissen, daß der Reichskanzler von den Gewerkschafts­führern und selbst von den Industriellen des Ruhr- gcbietes vertrauliche Mitteilungen über die Lage in-den Gruben und in der Industrie erhalten habe, die nicht vollkommen mit dem übereinstimmten, was angenommen werde. Die Leute, mit denen er ver- bandelt habe, hätten ihm nicht verheimlicht, datz das Ruhrgebiet seinem Ruin entgegengehe, wenn nicht eine Änderung eintrete, und die Maßnahmen der Franzosen und Belgier seien nicht so. um der Poli­tik der Sabotage und der Rebellion große Ermutigung zu geben.

Die Ansicht der euglischen Presse.

W. T.-B. London. 0. Febr. Der Berliner Bericht­erstatter der „Westminster Gazette" hebt hervor, datz der Besuch des Reichskanzlers im Ruhrgebiet dort die herrschende Entschlossenheit zum Durchhal- t e n aestärkt habe. Die Anwesenheit des Reichskanzlers im Ruhrgebiet habe der dortigen Bevölkerung gezeigt, dass auch die deutsche Negierung in ihrem Widerstand entschlossen und die Anstrengungen der Bevölkerung nachhaltig unterstützen werde. — Auch der Berliner Berichterstatter der „Daily Mail" gibt zu, daß die Reise Cunos in das Ruhrgebiet den Einfluss des Reichskanzlers auf das Volk gestärkt hätte. — Der Düsseldorfer Sonderberichterstatter des ..Daily Ehronicle" schreibt, Cuno habe den klarsten Be­weis erhalten, dass die gesamte Bevölkerung hinter der deutschen Regierung und ihrer Politik stehe und von der Negierung jede Unterstützung in ihrem hartnäckigen Widerstand gegen die Franzosen erwarte.

Bürgermeister Adelung in Mainz ausgewiefen.

Wd. Mainz. 7. Febr. (Gia. Drahtbericht.1 Der Prä­sident des hessischen Landtags und Erste Bürgermeister der Stadt Mam». Adelung. der in Vertretung des ausge- n bienen Oberbüreei Meisters Dr. Külb die Geschäfte der Stadt führt ist heute von der Rheinlandkommission aus- gewiesen worden. Seine Familie muss innerhalb 4 Tagen das besetzte Gebiet verlassen.

Der Kleinkrieg im Ruhrgebiet.

38 . Berlin, 7. Febr. (Drahtmeldung unserer Ber­liner Abteilung.) Für die aus Essen kommende Mel­dung. datz die italienischen Ingenieure das Ruhrgebiet verlassen haben, lag in den Vor­mittagsstunden in Berlin von anderen Stellen n o ch keine Bestätigung vor. Lediglich der römische Berichterstatter des „Berliner Tageblatts" drahtet, was man in gewissem Sinne als Bestätigung auffassen könnte, seinem Blatt. Italien werde die französische Ruhraktion auch nicht im geringsten Matze fördern. Es sei unwahr, daß Italien an der Aus­beutung der deutschen Waldungen teilnehmen oder irgendwelche andere französische Maßnahmen unter­stützen wolle. Trotz der wiederholten dringenden Ver­suche Frankreichs, Italien weiter in die Ruhraktion zu verwickeln, verharre Italien energisch auf seinem bis­herigen Standpunkt, dass es einzig und allein an der Sicherstellung der Kohlenlieferung interessiert sei. Überhaupt stehe Italien der französischen Politik ab lehnend gegenüber und trete nach wie vor dafür ein.

England doch noch zum Eingreifen zu bewegen.

Sollte die vom W. T.-B. verbreitete Nachricht von der Abreise der italienischen Ingenieure tatsächlich zutres fen, so gäbe es für einen solchen Schritt zwei Lösungen, die eine wäre die. daß die italienischen Ingenieure ein­gesessen haben, dass aus dem Ruhrgebiet mit den jetzt angewandten Mitteln für ihr Land doch keine Koblen herauszubekommen wären und datz sie ein weiteres Ver­bleiben in Essen daher für unzweckmäßig halten. Die andere Erklärung wäre freilich, datz sich Italien überhaupt aus dem Ruhrabenteuer zu­rück z i e h t. an dem es so wie so nicht mit allzu grossem Vergnügen teilgenommen hat. Eine solche Geste wäre natürlich von grosser Tragweite und man würde es dann auch begreifen, datz Frankreich in Appenweier die Rep ar at i ons ko h lenzüge für Italien zu kontrollieren wünscht.

Im Ruhrgebiet selbst geht inzwischen, wenn man so sagen darf, der Kleinkrieg weiter. Wie jetzt bekannt wird, ist es den deutschen Eisenbahnern noch nach dem Einsetzen der Kohlensperre gelungen, etwa 10 0 Kohlenzüge in das unbesetzte Gebiet zu bringen. Jetzt aber haben die Franzosen durch Auf- reitzen der Schienen den hier benützten Weg unfahrbar gemacht. Für das Ruhrgebiet selbst bat die Kohlen­sperre den Erfolg, datz es einen Überschuss an Kohle zu verzeichnen hat. Die Haldenbestände mehren sich tägM und viele Zechen können bereits jetzt keine Kohlen mehr auf Lager nehmen, so datz eine

Einschränkung der Förderung

erfolaen muss. In Frankreich ist man unter solchen Umständen nicht sonderlich zufrieden und diese Unzu­friedenheit entlädt sich u. a. in heftigen Angriffen gegen das Kabinett Cuno, dem man auch die Schuld fiir den Streik im S a a r g « b i e t in die Schuhe zu schieben wünscht. Der „Temps" verlangt heute ziemlich offen den

Rücktritt Cuno»,

der der Verständigung zwischen Frankreich und Deutsch­land im Wege stehe. Die erneute Reise des Ministers Le Troquer und des Generals W e y g a n d muh auch als Beweis dafür gelten, dass die optimistischen Versicherungen über die weitere Entwicklung der Lage an der Ruhr nicht zutreffen. Man sucht nach Mitteln und Wegen, um die ins Stocken geratene Aktion weiter zu führen. Im „Echo de Paris" ist von einem Plan die Rede, der von einer Verstärkung der alten und der

Ergreifung neuer Sanktionen

spricht, und zwar zu dem Zweck, erstens die militärischen Transporte zu sichern, deren Durchführung von den Eisenbahnern entgegen Pariser Meldungen nach wie vor abgelehnt wird, zweitens irgendwie Kohlen nach Frankreich und Belgien zu schaffen und drittens, die immer weiter um sich greifende Lähmung des Wirt­schaftslebens im Industriegebiet aufzuheben!

Der Abtransport der Kohlen nach Frankreich.

Br. Berlin. 7. Febr. (Eia. Drahtbericht.) Entgegen der Behauptung der französischen Preis«, dass die Franzosen bis­her 6t 000 Tonnen Kohle nach Frankreich gesckzasst hätten, stellt der ..V. L.-A." fest, da« seit dem 15. Januar von den Franzosen insgesamt rund 22000 Tonnen Kohle und 17000 Tonnen Koks über die französisch-belgische Grenze gebracht worden sind. Vor der Besetzung des Rubr- gebiels erhielten Frankreich. und Belgien a r bei ts täglich 45 000 Tonnen Kohl«. Das bisheri-ge Ergebnis der Rubr- aktion ist allo. da« die Franzosen im Verlaus eines halben Monats nickt einmal die bälfte der Kohlenmenge erzielten, di« ste von Deutschland freiwillig an einem eingisen Arbeits­tag erhielten.