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Nr 30.

Montag, 5. Februar 1923.

71. Jahrgang.

üm fmMtzr MM.

as. Berlin, 5. Febr. (Drahtmeümns unserer Ber- 8»er Abteilung.) Das Reichskabinett ist am Sonntag sofort nach dem Bekmintwerden der Besetzung von Offenburg und Appenweier zusammengetreten, und es bedarf kaum einer besonderen Erwähnung, datz dieser neue Einmarsch in friedliches deutsches Land einen er­neuten Protest der deutschen Regierung zur Folge haben wird. Die Heranziehung von Truppen im Brückenkopf Kehl, die bereits am Freitag festgestellt werden konnte, lätzt auch erkennen, datz es sich hier um di« Durch­führung eines alten, auf die Erweiterung des Brücken­kopfes Kehl gerichteten Planes handelt, für den die Einstellung des Transitverkehrs, der lediglich durch die Rückwirkung der Ruhraktion bedingt ist, den Schein des Rechts abgeben mutz. Von seinem letzten grotzen Kohlenrevier abgeschnitten, mutz Deutsch­land ja haushälterisch mit seinen Kohlen umgehen und 'es ist begreiflich, datz im innerdeutschen Verkehr eine protze Anzahl von Zügen ausfallen mutzte. Natürlich konnte unter solchen Umständen auch der Durchgangs­verkehr nicht unberührt bleiben. Wenn die bekannten Züge Paris-Prag, Paris-Warschau undParis-Riga eben­falls gestrichen wurden und die von derTschechoflowakei für die lothringischen Gruben bestimmten Kokszüge nicht übernommen werben konnten, so handelte es sich hier lediglich um

eine Folge der Ruhraktion.

' Wenn diese jetzt zur Verhängung neuer Sank­tionen führt, so dürfte das Urteil der Welt darüber feststehen. Aber die vorübergehende Einstellung der internationalen Züge war ja auch wohl kaum mehr als ein Borwand. In Wirklichkeit erfolgte der Einmarsch, um das fiidwestdeutsche Eisenbahnnetz in französische Hände zu bekommen. Appenweier ist der .Hauptkreuzungspunkt der von Frankfurt über Mann­heim und Karlsruhe nach Freiburg und Basel führen­den Eisenbahnen. Über Offenburg verkehren u. a. die internationalen Züge von Holland nach der Schweiz und nach Italien. Die Franzosen haben also mit der Besetzung dieser Bahnnetze

die KantraSe über sämtliche südwestdeutschen Eisenbahnhauptstrecken.

Im Ruhrgebiet gehen die Franzosen derweilen daran, ihre bisher getroffenen Maßnahmen weiter auszubauen. Französischen Auslastungen zu­folge ist

ein neues Ausfuhrverbot für Kshlenprodukte nach dem unbesetzten Deutschland zu erwarten. In Be­tracht kommen dabei hauptsächlich Benzol und Teer­produkte. Der Dorstotz ins Wuppertal sollte wohl auch vor allen Dingen dazu dienen, die dort gelegenen grotzen Werke mit ihren Teerprodukten in die Hand zu bekommen. Alles das lätzt erkennen, datz di« Fran­zosen mit ihren Plänen noch nicht zum Abschluh gekommen sind. Alles das wird aber auch an der Hal­tung der Reichsrrgierung nichts zu ändern vermögen. Das hat auch der Reichskanzler Dr. C u n o am Sonn­tag in Esten erklärt, als er vor den Vertretern der In­dustrie und Gewerkschaften die Erklärung abgab, datz von Verhandlungen keine Rede sein könnte, solange die Franzosen das Ruhrgobiet besetzt hielten.

Reichskanzler Dr. Enno im RuhrgeSiet.

Br. Esten, 5. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Reichs­kanzler Dr. Enno und Staatssekretär Hamm waren am Sonntag in Esten. Cuno sprach in einer Konferenz mit Vertretern der Behörden, der politischen Parteien, der Gewerkschaften aller Richtungen und dpr Industrie, darunter auch mit Hugo Stinnes. Er gab Er­klärungen über die Haltung der Negierung ab. Deutsch­land sei zu Verhandlungen nur bereit, wenn die Ruhr- bssetzung rückgängig gemacht würde, nicht aber unter der 'französischen Bedingung, wonach das Ruhrgebiet auf 6 Jahre als Pfand von französisch-belgischen Trup­pen besetzt bleiben soll. Die Haltung der Regie­rung wurde einstimmig gebilligt. Es wurde zum Ausdruck gebracht, datz die gesamte Bevölkerung des Ruhrgebietes im Widerstand gegen die französischen Pläne ausharren werde. Nachdem der Reichskanzler noch in Dortmund und Bochum war, ist er am Abend nach Berlin zurückgereist.

Ein Reichskommistar für das Ruhrgebiet?

Br. Berlin. 5. Febr. (Eid. Drahtbericht.) Die Er- ncmuirtfi eines besonderen Reichskommissars für das Rubr- gcbiet wird vcn der Reichsregierung erwogen. In varuv 'nentarili'en Kreisen spricht man davon, dan der vrerisinLe ? Innenminister Severins für diesen Posten ,» Frage - tcmmi So weit wir aber unterrickitet sind, srnd me Er­wägunsen noch keineswegs rum Abschlub gekommen.

%mmm ms LWtzurs seien

Br. Offenburg, 5. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Fran­zösische Kavallerie rückte gestern vormittag 9 Uhr in Appenweier und Offenburg ein und besetzte beide Orte. Zn Appenweier liegen zurzeit etwa 600 bis 800 Mann französische Truppen. Offenburg ist seiner Grütze entsprechend stärker besetzt. Im Bahnhof, Rathaus, Post- und Telegraphenamt befinden sich französische Wachen. Die Franzosen, die Pan- zcrkraftwagen mit sich fiihrten. rückten bis Ottenberg an der Schwarzwald-Kinzigbahn vor. Es scheint sich bei der Besetzung um eine Erweiterung des Brückenkopfes Kehl zu handeln.

Die Interalliierte Rheinlandkommis- s i o n hat dem Reichskommistar für die besetzten Ge­biete in Koblenz eine Note zugeleitet, in der sie Mit­teilung von dem Beschlutz der französischen Regierung macht, Offenburg und Appenweier mit Rücksicht auf die von der deutschen Eisenbahnverwaltung bei der Durchführung der internationalen Züge Prag-Paris bereiteten Schwierigkeiten zu besetzen. Im Anschluß hieran habe die Interalliierte Rheinlandkommission be­schlosten, Offenburg und Appenweier demselben Regime zu unterwerfest wie den Brückenkopf Kehl. Demgemätz habe sie ihren Delegierten in Koblenz Vollmachten auch für diese neue Besetzung gegeben.

Amtlich wird dazu mitgeteilt, datz der Wort­laut der Rote noch nicht vorliegt. Dermutllch wollen die Franzosen die deutschen Kohlentrans­port e auf der wichtigsten Strecke Frankfurt- Basel unter die französische Kontrolle nehmen, auf der Strecke, auf der die K o h l e n z ü g e nach der Schweiz und Italien gefahren werden.

Br. Berlin, 3. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Die Be­setzung der beiden Städte hat Anlah zu einer sofortigen Besprechung der Kabinettsmitglieder ge­geben. Jedenfalls wird nach Kenntnis der französischen Note sofort Einspruch bei allen Signatarmäch­ten erhoben werden.

W.T.-B. Freiburg, 4. Febr. Über die Besetzung von Offenburg und Appenweier erfahren wir von zu- verlästiger Seite folgendes: Auf dem Rathaus in

O f f e n b u r g hat heute vormittag auf Deranlastung der französischen Besatzung eine Konferenz mit Ver­tretern der städtischen und staatlichen Behörden statt­gefunden, in der von französischer Seite mitgeteilt wurde, datz Offenburg und Appenweier in den Brücken­kopf Kehl einbezogen werden sollen als Sanktion für die von deutscher Seite vorgenommene Beschränkung des internationalen Zugverkehrs. Die Gerüchte von einer weiteren Besetzung badischer Orte haben sich bis­her als unrichtig herausgestellt, doch ist auch die Station Ottenberg von französischer Kavallerie besetzt wor­den. Ottenberg ist nach Offenburg Ausgangspunkt für die durch das Kipzigtal fiihrende Schwarzwaldbahn zum Bodcnfeegebiet. Welchen Umfang die Erweiterung des Brückenkopfes haben wird, lätzt sich zurzeit noch nicht nachprüfen. In Offenburg und Appenweier ist die Bevölkerung durch französische Plakate aufgefordert worden, sich ruhig zu perhalten. Es treten für das erweiterte Brückenkopfgebist nach französischer Mit­teilung die für das bisherige Brückenkopfgebiet gelten­den Bestimmungen über die Versorgung der Bevölke­rung mit Pösten und Ausweisen usw. sofort in Kraft. Ferner ist für Offenbnrg ein Dersammlungsverbot er­lasten worden. Zusammenrottungen von mehr als fünf Personen dürfen nicht stattfinden. DiePolizeistunde wurde auf 9 Uhr abends festgesetzt. Nach einer französischen Bekanntmachung handelt es sich um einefriedliche Be­setzung" und nicht um eine militärische.

W. T.-B. Freiburg, 5. Febr. Die für die Besetzung des Gebiets von Offenburg und Appenweier verwende­ten französischen Truppen sind, wie wir erfahren, be­reits am Donnerstag und Freitag aus der Pfalz von Landau nach dem Brückenkopf Kehl geleitet worden. Es handelt sich bei der Besetzung weiteren badischen Gebietes um einen wohlvorbereiteten fran­zösischen Plan. Es ist möglich gewesen, von Offenburg aus den grötzten Teil der dort vorhandenen Maschinen ans der Schwarzwaldbahn abzubefördern. Die In­dustriefirmen im Kinzigtal beförderten ihre Lastautos und Kraftwagen ab.

Ksddelau besetzt.

Br. Frankfurt a. M.. 5. Febr. tEi«. Drahtbericht.) Gestern beietzttn die Franzosen Goddelau an der Dahn- Iinte Frankfurt-Worms und beschlagnahmten die dort lagernden großen Fouragcvorräte deutscher Firmen. Die haben bereits m't der Verladung der beicklas-

um üe der Besatzungsarmee

Franznien _ . ...

nabinten Vorräte besonnen, zuzufübren. _ .

Ja Höchst erhielten die Farbwerke eine -rranzosische Besatzung. Der Betrieb der Werke wurde daraus still- gelegt.

Sa MnmmsM M Sire!l!«Wr! KM.

Sr. Mainz. 5. Febr. (Ei«. Drahtbericht.) Im Streik der Eisenbahner des Reichsbabndirektionsbezirks Mainz ist bis heute vormittag keine Änderung eim- getreten. Am Samstag bat der Streik ober eine Ver­schärfung erfahren dadurch, daß die seither noch in Be­trieb befindliche, zum Direktionsbezirk Frankfurt a. M. ge­hörige Eisenbahnlinie Sochheim a. M. -Frankfurt st i l l 8 e l e o t wurde. Die Besatzunssbebörden haben für ihre Bedürfnisse eigene Verbindungen eingerichtet.

Der Personen- und Po st verkehr mit Auto­mobillinien ist weiter ausgebaut worden. Zurzeit Und alle Nachbarorte und darüber hinaus durch AnsMub- verbindunLfn auch entfernt liegendere Städte im besetzten Gebiet erreichbar. Trotz des erhöhten Fahaoreiies wird von dieser Reisegelegenhrit ausgiebiger Gebrauch gemacht. Die Postübermittlung erleidet naturgemäß erbebliche Versvätun- gen. was eotf den Geschäftsverkehr nachteilig einwirkt.

W.T-B. Mainz. 3. Febr. Wie wir erfahren, ist in der vergangenen Nacht bei Ingelheim ein von den Fran­zosen geführter Zug entgleist. Menschenleben sollen dabei nicht zu Schaden gekommen sein.

Stillegung des Bahnhofs Höchst.

w. T.-B. Frankfurt a. M.. 3. Febr. Wie bereits be­kannt. haben die Franzosen versucht, in den letzten Tagen die an der Grenze des besetzten und unbesetzten Gebiets gelese­nen Bahnhöfe zu Zollgrenzbabnhöfeu plan­mäßig zu entwickeln. Der Bahnhof Höchst a. M. ist offen­bar ein Glied in dieser Kette. Hier haben die oranrosen. wie wir von unterrichteter Seite erfahren, gestern nach­mittag einen aus dem besetzten Gebiet kommenden und zum Teil für das unbesetzte Gebiet bestimmten Eüterzug an­geb a l t e n und die Herausgabe der Deale itvaoiere von dem Ellenbahnnersonal verlaust. Getreu den Weisungen der Reichsverkebrsministerinms. bei der Einrichtung der Zoll­grenze unter keinen Umständen mitzuwirken, hat das Per­sona! das Ansinnen der Franzosen geschlossen abae lehnt. Diese sind darauf dazu übergegangen. dem leitenden Be­amten in Höchst wie auch in anderen Elleri'bwbnstationen hohe Gold- und Gefängnisstrafen für den Fall anzudrohen. daß sie bei ihrer Weigerung verharren. Das Personal ließ sich indessen nickt einschüchtern, schickte sich pflichtgemäß an. das Verschiebegeschäft auszuführen. sah sich aber bald ge­zwungen. das Rangieren einzustellen, da die Franzosen es mit Waffengewalt verhinderten und das Personal bedroh­ten. Das gesamte Personal des Bahnhofs Höcksst hat gegen dieses Vorgehen Einspruch erhoben.

Am späten Abend nach Abgang des letzten Zuges besetz­ten französische Wacken die Stellwerke des Bahnhofs und sperrten den Zugang zu den Bahnsteigen und entsandten Wacken mit aufgepflanztem Seitengewehr nach dem Stell­werk und anderen Betriebsstellen. Heute früh wurde dein Personal der Zutritt zu den besetzten Diensträumen von -den Franzosen untersagt. Im Lauf des heutigen Vormittags hat deshalb das Personal des Bahnhass Höchst a. M. beschlossen, den Bahnhos um 1 Uhr stillzulegen. Ein Verkehr von Höchst nach Hochheim ist damit unmöglich ge­worden. Wie sich der Verkehr weiterhin abivielt. ist noch nicht zu Lberlehen. Voraussichtlich wird der Betrieb Frank- furt-Nied und von Kriftel in Richtung Limburg aufrecht erhalten.

Der Streik in Koblenz geht weiter.

W. T.-B. Koblenz. 5. Febr. Nachdem nach der Zurück­ziehung der französischen Posten aus dem Hauptbahnbof die Arbeit teilweise wieder ausgenommen worden war. ist gestern der Hauptbahnbof neuerdings besetzt worden. Der Betrieb wurde daraufhin vollständig wieder stillgelest.

W, T. B. Koblenz. 5. Febr. Als die Eisenbahner gestern erfuhren, daß die Arbeit unter der Bedin-wng wieder aufge­nommen werden sollte, daß französisches und belgi­sches Eisenbahn personal auf dem Bahnhof bleib«, bemächtigte sich ihrer eine ungeheure Erregung. Einmütst erklärten sie. daß sie die Arbeit nicht eher wieder aufnehmeii würden, bis die Franzosen und Belgier vollkommen ans dem Betrieb heransgezooen worden seien. Der Streik geht alle weiter.

Der Delegierte der Hoben Interalliierten Rheinland- kommission im Stadtkreis > Wiesbaden ersucht uns um Auf­nahme der folgenden

Amtlichen Bekanntmächung.

Im Anschluß an gewisse Weisungen der deutschen Regierung haben die in den besetzten Gebieten mit Aus­fertigung der Ein- und Ausfuhrbewilligungen betrauten Beamten und Angestellten den Dienst verlassen.

Die Hobe Kommission nimmt sofort die Reorganisation des Amtes in Bad Ems vor. um in höchstmöglichstem Maße die ernsten Störungen. die sich für Handel rmd Industrie der besetzten Gebiete aus der Haltung dieser Beamten und Angestellten ergeben, zu beschränken.

Andererseits wird die Bevölkerung daran erinnert, daß allein die vom Amt« in Bad Ems ausgestellten Be­willigungen für Waren, die aus den. besetzten Gebieten kommen oder für diese bestimmt und. gültig ,sind: die Ein- und Ausstibihöndler sind al>o gewarnt, daß die Waren ohne regelmäßige Bewilligungsbescheiniming beschlagnahmt werden, und daß sie sich selbst durch N'chtbeobachtung de: Brrschristen der Hoben Kommission Geldstrafen und Straf­verfolgungen aussttzen. . _. ^ .

Die Stellcngeiuche für das Ein- und Ausfuhramt kn Bad Ems sind au den ..Interalliierten Unterausschuß mr Ein- und Ausfuhrbewilligungen . Hotel Gutenberg. Bad Ems. oder an das Generalsekretariat der Rbeinlandkom- mission. Obewräs.dium. in Koblenz, zu richten, wo zweck­dienliche Auskunft, betr. Anitellungs- und Gehaltsbedinau» gen. erteilt wird.