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Nr. 29. <
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Samstag, 3. Februar 1923. _ 71. Jahrgang.
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Klaipeda.
Klaipeda) Will man das gute Er deutsche Memel jetzt wirklich litauisch Klaipeda umtaufen, wodurch freilich die Stadt immer noch nicht litauisch wird, sondern weiter gut deutsch bleiben würde? Die litauische Regierung hat das Freikorps „Eiserner Wolf", d. h. entsprechend emgekloidetes litauisches Militär, gegen Memel marschieren lassen, und es bedurfte keiner großen Heldentaten, um sich in den Besitz von Memel-Land und Memel-Stadt zu setzen. Memel-Land war ungeschützt, denn die schwachen Posten der Landespolizei, die in den kleinen Landorten untergebracht waren, * konnten den litauischen Freischärlern keinen Widerstand entgegensetzen. Der Kamps wäre denn doch zu ungleich gewesen. So ging der litauische Siegeszug glatt und ungehindert von statten. Anders Memel-Stadt. Hier regierte im Namen der alliierten und asioziierten Hauptmächte der französische Oberkommissar, Herr Petisnö, und hier verbrachte ein Bataillon französischer Alpenjäger. seine Tage. Als es ernst wurde, erklärte Petisnö, er werde die Stadt bis zum letzten Mann verteidigen. Ein klein wenig später waren die Litauer trotzdem Herren der Stadt.
, Frankreichs Absicht 'ging von jeher dahin, Memel in irgendeiner Form den Polen dienstbar zu machen, einen polnisch-französischen Stützpunkt an der Ostsee zu schaffen. Gewarnt hat man Herrn Petisnö vor den Litauern oft genug, denn über das, was bsvorstand, war man sich nicht im unklaren. So unauffällig läßt sich ein derartiger Einmarsch nicht vorbereiten, und es war charakteristisch, daß aus Kowno sogar Meldungen über einen Ausverkauf von Zivilanzügen kamen. Die litauisch« Regierung mutzte ihre Truppen ja als Freischärler verkleiden. Herr Petisns schlug aber alle Warnungen in den Wind. „Sie werden es nicht wagen", war seine Antwort und als er dann erkannte, daß es doch ernst wurde, war es schon zu spät.
Die von den „Freischärlern" eingesetzte Regierung hat jetzt tatsächlich die Gewalt in Händen. Sie sucht sich beliebt zu machen, sie läßt den Lit rollen, zahlt an Arbeiter und Arbeitslose eine einmalige Staatsbeihilfe von 5 Litas (etwa 13 000 M.), verteilt Mehl an die Armen und unterdrückt im übrigen rücksichtslos jede ihr unbegueme Meinungsäußerung. Weiße Zenfur- lückcn in den Memelländischen Zeitungen zeigen, wie kräftig der Rotstift der Zensur arbeitet. Herr Simonaitis, ein ehemaliger Landessekretär, der schon seit Jahren mit Kowno in Verbindung steht und deshalb sin Mißtrauensvotum des Stcratsrats erhielt, da ihm nachgerviefen wurde, daß er, obwohl Mitglied des Landesdirektoriums, von Kowno aus bezahlt wurde, führt das Szepter. Gegen den Widerstand der Bevölkerung bildet» er einen Staatsrat und gegen den ausgesprochenen Millen der Bevölkerung fordert seine „Regierung" den Anschluß des Mernelgebietes an Litauen als autonomen Teil der litauischen Republik, wobei für kulturelle und religiöse Angelegenheiten, Steuern und einige innere Angelegenheiten Selbstver- i waltung Vorbehalten wird. Ausdrücklich wird die litauische Regierung ersucht, die Durchführung dieses Programms finanziell und militärisch zu unterstützen. Im übrigen ist aber Herr Simonaitis auch bemüht, sich eine eigene „Armee" zu schaffen. May sucht Freiwillige, kleidet sie ein, bildet eine Schwadron „Todes- ' Husaren" und erklärt, daß man auch zwei Batterien schwerer Artillerie angekauft habe. Da es an Geld fehlt, uni diese Truppe zu besolden, so beschlagnahmt Herr Simonaitis einfach dis Zölle des Gebiets. Schon treten die großlitauifchen Blätter gegen die „Germani- sierung" der Schulen auf, und schon regt Herr Simonaitis die Einführung der litauischen Währung im Memelgebiet an. Man sieht also sehr deutlich, wohin der Kurs führt.
Nachdem die Botsch-asterkonferenz eine Sonder- kommisiion nach Memel geschickt hatte, die die Aufgabe batte, die Ordnung herzustellen, was ihr aber trotz eines Aufgebots von 7 Kriegsschiffen nicht gelang, hat -! die Entente nunmehr endlich ein Ultimatum an , Litauen geschickt. Darin wird die Räumung Memels durch das. litauische Militär energisch verlangt. Ob aber Herr Simonaitis dieser Forderung entspricht, ist eine andere Frage, ebenso was in diesem Falle bei der Ohnmacht derAllnerten, für die fast jederTag neue Beweise bringt, gescheben wird. So beantwortete beispielsweise Herr Simonaitis die Aufforderung der Alliierten, die Freischärler zurückzuziehen, damit, daß er in den Straßen Memels Maschinengewehre aufstellen - ließ und erklärte, er werde jedem Versuch, Truppen zu landen, mit Waffengewalt entgegentrcten. Großmütig : hat der neue Gewalthaber gestattet, daß auf der Präfektur wieder die Flagge der Alliierten gebißt wurde, großmütig gestattet er auch, daß ein französischer Posten die Präfektur bewacht, nur darf dieser Posten nicht
vom Bürgersteig auf die Straße herunter, denn dort endet das neutrale Gebiet. Und ruhig nehmen bis jetzt die Alliierten jede dieser Herausforderungen hin. Gewiß wäre es eine Kleinigkeit, die Litauer mit Waffengewalt wieder aus dem Memelgebiet herauszuwerfen, nur hätte das zur Voraussetzung, daß man in dieser Frage einig wäre. Da aber die Engländer keinerlei Interesse daran haben, den Polen zu einem Hafen zu verhelfen, wollen sie in Memel nicht eingreisen und Frankreich hat im Augenblick andere Sorgen. Polen aber wird man durch irgend welche Versprechungen im Zaum halten, zumal die Polen auch bei der unsicheren Haltung Rußlands keinerlei Gelüste für ein militärisches Vorgehen zu verspüren scheinen. Rach dem Willen der Bevölkerung fragt niemand. Bis jetzt hat sich die völlige Ohnmacht der Alliierten klar gezeigt, und es ist nicht anzunehmen, daß man im Osten diese Tatsache übersieht!
Ein Ultimatum der Entente an Litauen.
W.T.-B. ftoamo, 3. Fetzr. Die Litauische Tekearavben- ASvMtur meldet' Heute mittag überreichten die Vertreter der französischen!, englischen und italienischen Regieruna dem Minüter des Äußern ein Ultimatum, in dem ne die stkortipe Zuriickzielmn« aller bewaffneten Elemente aus Memel, die Auflösung der bewaffneten Banden in Memel, die Abießung de: Regierung Simonaitis und di« Auflösung des sa»en«nnten Hilfskomitees fordern. Falls innerbalb sieben Tagen diesen Forderungen nickt entlvrocken werde, wollen die alliierten Möchte die divlomatischen Beziehungen zu Litauen abbrechen. em dem Ultimatum wird die biouiicke Regierung anoeklaat. die Ovsank- sierung und Beirafinunn von Banden in Litauen nickt nur NSeloffcn. sondern auch in ftnanrieller und milrtarrlcke: Hinsicht unterstützt zu haben. Es feien reguläre litauische Offiziere und Loldaten nach Memel gesandt worden.
Ein litauischer Handstreich aus Wilna?
D. London, 3. Febr. (Eia. Drabtbericht.) Wie die „Times" aus Riga meldet, beabncktisen die Litauer gegenwärtig nach dem Vorbild Memels einen Handitreich a u f W i l n a. Die litauische Armee, die diese Aktion unterstützen soll, sei zu diesem Zweck schon in Dunuburg konzentriert.
TV. T.-B- Mainz, 2. Febr. Der Eisenbahnerstreik dauert noch unverändert an; jedoch sind Verhandlungen im Gange, und wenn auch noch erhebliche Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt werden muffen, so besteht doch Aussicht, daß die Sachlage in den nächsten Tagen geklärt ist,
W.T.-B. Mainz, 3. Fehl. Von zuständiger Seite wird uns berichtet: Die seit drei Tagen im Gange befindlichen Verhandlungen über die Wiederaufnahme des deutschen Eisenbahnbetriebes im Direktionsbezirk Mainz haben bisher wegen eines Punktes zu keiner Einigung geführt. Es handelt sich um die Rückgängigmachung von Verhaftungen, die von den französischen Stellen aus Anlaß der Arbeitsniederlegung bei Eisenbahnbediensteten vorgenommen worden sind.
Keine Arbeitseinstellung auf der Strecke Hochheim- Frankfurt.
Wd. Mainz, 3. Febr. (TwaHtbericht.) Die Gerüchte, dah auch aus der bisher durck» Pendelbotvieb aufrecht erhalte- uen Strecke Hochhcim-FranKurt beute die Arbeit eingestellt würde, sind, wie wir erfahren, unrichtig.
Der Dahnhof Koblenz liegt noch still.
W.T.-B. Frankfurt a. M.. 3. Febr. Wie wir von zuständiger Seite erfahren, ist der Verkehr im Bezirk der Eisenbahndirektion Köln auf der linken R y e i n s e i t e von Köln aus nur bis Remagen ausgenommen worden. Der Bahnhof Koblenz liegt noch still.
Verbot des Rachtverkehrs im Kreise Oppenheim.
Wd. Ovuenheim. 3. Febr. (Drahtbericht.) Der Oberdelegierte für die Provinz Rbeinhessen hat numnebr auch ?ür den Kreis Ovvenüeim den Nachtverkehr für die Zeit von 3 Uhr abends bis 6 Uhr morgens untersagt. Als Grund werden Sabotageakte augegeben.
Ausweisung des Oberpräsidenten der Rheinprovinz.
Br. Koblenz. 3. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Der Oberpräsident der Rheinprovinz, Dr. Fuchs, wurde gestern abend aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen und im Auto fortgeschafft. Dr. Fuchs ist Rheinländer.
Oberbürgermeister Zarres nach Duisburg zurückgekehrt.
Br. Duisburg, 3. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Oberbürgermeister Dr. I a r r e s in Duisbug, der von den Franzosen ins unbesetzte Gebiet gebracht worden war, ist gestern wieder im Duisburger Rathaus erschienen, um seine Amtsgcschäfte weiterzuführen, da er seine Ausweisung nicht anerkennt.
Die Kohlenblockade.
as. Berlin, 3. Febr. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Die entscheidende Phase des Kampfes um,die Ruhr hat mit der Kohlenblockade begonnen. Alles andere war zuerst nur _ ein Vorspiel, ein Versuch, der mit einem Mißerfolg für Frankreich endete. „Deutschland hat die erste Partie an der Ruhr gewonnen", gestand selbst Philipp Milli. Im Laufe des Freitags sind nun die Maßnahmen der Franzosen und Belgier so weit gediehen, daß die Abschnürung des Ruhrgebietes vollständig geworden ist. Auch all« Nebenlinien und Zechengeleise, auf denen es bislang noch möglich war, einige'hundert Wagen nach dem unbesetzten Deutschland zu bringen, sind jetzt abgesperrt. Die Franzosen haben alle Lücken entdeckt und haben einen der Züge, der in voller Fahrt durchschlüpfen wollte, angehaltm. Ebenso find die Straßen gesperrt. Alle Wagen, sowohl Fuhrwerke wie Lastautos, die Kohlen geladen haben, werden festgehalten. Es wurde den Führern ausdrücklich gesagt, daß die Fahrzeuge .das nächste Mal beschlagnahmt würden. Mit dieser völligen Absperrung ist jetzt die Maßnahme durchgeführt, daß
Deutschland für die nächste Zeit ohne Ruhrkohle
bleiben muß. Die Franzosen versuchen im übrigen, sich auf der Ruhrtalbahn häuslich einzurichten. Sie ziehen hier Telephanleitungsn und die französischen Eisenbahn- truppen sind bemüht, die Weichen wieder in Ordnung zu bringen. Es liegt' den Franzosen daran, diese Strecke möglichst bald in vollen Betrieb zu bringen, damit sie nicht nur Lebensmittel und Truppentransports einführen, sondern auch Koks und Kohlen ausführen können. Im gesamten Ruhrgebiet stehen augenblicklich etwa 20 000 geladene Kohlenwagen, d. h. 200 Kilometer Rangiergeleise werden von ihnen- gesperrt. Der Bahnverkehr kommt dadurch immer mehr ins Stocken, zumal sich auch der Mangel an Maschinen fühlbar macht, da von den Maschinen noch im letzten Augenblick ein großer Teil ins unbesetzte Gebiet gebracht wurde. Man wird zunächst versuchen, die Kohlenwagen bei anderen Betrieben innerhalb des Rnhrgebiets auszuladen sowie die Lagerplätze der Häfen zu beschicken. Aber das wird nicht lange möglich sein. Auch die Halden sind nicht mehr aufnahmefähig. Es wird also notwendig werden, daß in der nächsten Zeit
Einschränkungen in der Förderung
eintreten. Die Förderung wird täglich mehr und mehr zusammenschrumpfen: es ist aber geplant, die Arbeiten unter Tage auf Ausbauten und auch Jnstandsetzungs- und Vorarbeiten für die künftige Förderung auszudehnen.
Ob nun diese neue Blockade mehr Erfolg haben wird, als dis bisherigen Maßnahmen, scheint man sogar in Paris zu bezweifeln. Die immer hartnäckiger auftauchenden Meldungen über angebliche Bsrmittlungsaktionen
laffen nicht auf allzugroße Siegeszuversicht schließen. Auch die französische Preffe setzt Zweifel in das Gelingen des-neuen Planes. „Es ist nicht zu hoffen", so schreibt Milli, „daß Deutschland bald verständig wird. Denn der Kohlenmangel, auf den alles vorbereitet ist, wird keinen großen Eindruck machen." Der Erfolg der Aktion wird sich nach diesem Berichterstatter erst dann einstellen, wenn es gelingt, einen größeren Kohlentransport nach Frankreich durchzuführen. Das aber wird, wie schon gemeldet wurde, von französischen Fachleuten bezweffelt. Die französische Preffe meint. Deutschland scheine entschloffen, mindestens zwei Monate auszuhalten, und die schweren Leiden, die dem Volke drohen, willig zu ertragen. Frankreich müsse sich darum auch
auf einen längeren Widerstand einstcllen.
Seine Bestrebungen müßten dahin gehen, in möglichst kurzer Zeit einen möglich st starken Druck auszuüben. In welcher Richtung dieser Druck ausgeübt werden soll, erklärt dann der weitere Satz, daß es möglich wäre, das Ruhrgebiet noch gründlicher abzusperren.
Es braucht wohl kaum besonders betont zu werden, daß die Kohlsnblockade und auch die angekündigten Maßnahmen an der Haltung der Reichsregierung nichts zu ändern vermögen. Gänzlich unbegründet sind auch die Nachrichten ausländischer Pressevertreter von einer Verhandlungsbereitschaft der Reichsregierung. Der Standpunkt der Reichs- regieruna in dieser Frage ist so oft und eindringlich festgestellt. daß auch die französischen Journalisten nun eigentlich im Bilde sein müßten. Im übrigen bildete die Lage im Ruhrgebiet gestern den Gegenstand einer Besprechung zwischen dem Reichskanzler uni den Parteiführern. Der Kanzler erklärte hier-
