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Nr. 28.
Freitag, 2. Februar 1923.
71. Jahrgang.
Der Kampf um das Ruhrgebiet in der entscheidenden Phase.
as. Berlin, 2. Febr. (Drahtmeldung unserer Ber- !mer Abteilung.) In der Presse des Auslandes tauche« immer wieder Nachrichten auf von einer bevorstehenden Intervention im Kampfe um die Ruhr. Jetzt wird sogar eine abenteuerliche Nachricht verbreitet, nach der die Franzosen in London einen inoffiziellen Schritt in der Frage der Ruhraktion unternommen haben sollen. Sie sollen die Behauptung aufgestellt haben. Frankreich könne mit der Regierung Cuno und mit der Schwerindustrie nicht verhandeln, und sollen ähnlich, wie Wilson 1918, es als notwendig bezeichnet haben, datz eine andere deutsche Regierung mit ihnen verhandele. Als Grundlage für eine solche Verhandlung soll dabei der französische Moratoriumsplan genannt worden sein, der bekanntlich die Pfänderpolitik enthält. Unter dieser Bedingung soll Frankreich bereit sein, das Ruhr- gebäet zu räumen, aber Essen und Umgebung würden besetzt bleiben.
Man kann solche Meldungen wohl als einen Versuch bewerten, einen Keil in die geschlossene deutsche Abwehrfront zu treiben. Dieser Gedanke liegt zu nahe, als daß er nicht immer wieder austauchen müßte. Solche Versuche zur Beseitigung des Kabinetts Euno, von welcher Seite sie auch immer kommen mögen, werden die deutsche Abwehrfront nicht erschüttern. Charakteristisch ist es auch, datz eine sozialdemokratische Korrespondenz, die unlängst feststellte, ein Foiedensschlutz sei erwünscht, doch ganz ausdrücklich betont,
es sei an Frankreich, den ersten Schritt zu tun.
Das, was zu diesem Meldungen zu sagen ist, hat der Reichskanzler Dr. Cuno nochmals in einem Interview zusammengefatzt, das er dem Berichterstatter des „Nieuwe Rotterdamsche Courant" ge- wähtte. Der Kanzler betonte darin, Deutschland würde sich keinesfalls dazu verleiten lasten, aktiven Widerstand zu leisten, um keinen Anlatz zur Entfestelung der letzten militärischen Mittel zu geben. Ebensowenig werde sich aber auch Deutschland in seiner pastiven Resistenz erweichen lasten. Den völligen Abbruch der diplomatischen Beziehungen halte er entgegen der Meinung weiterer Volkskreise nicht für unbedingt notwendig. Der Triumph der französischen Preste, datz
bisher keinerlei Streik ausgebrochen
sei, sei darauf zurückzuführen. datz eine solche Weisung ' gar nicht gegeben werde. Die Abwehr hänge von dem : Vorgehen des Gegners ab. Alle inneren Fragen j, seien in Deutschland weit in den Hintergrund gerückt. Deutschland würde Niemand herausfordern,' Poincar6 dürfe aber auch nicht
die goldene Brücke eines Fcheinsieges k bauen, weil sonst der ganze Kampf umsonst gewesen sei.
Diese Worte des Kanzlers dürsten zweifellos der k Zustimmung aller Deutschgestnnten sicher sein. Der I Kampf ist jetzt in eine entscheidende Phase getreten. Es | inutz deshalb auch erwartet werden, datz sich in diesen r Stunden, in denen sich die Entscheidung anbahnt, die l Tätigkeit des Parlaments und der Parteien restlos und | ständig auf die Wirkung auf
die Front au der Ruhr
t einstellt. Gestern hat z. B. im Steuerausschutz des [ Reichstags die Erhöhung der Umsatzsteuer von 2 auf I 214 Prozent zur Erörterung gestanden, die die Regie-
- rung im Interesse der Gemeinden fordert, und die durch j Ablehnung dieser Forderung das Zentrum aus der : Regierungskoalition plötzlich wieder an die Seite
der Sozialdemokraten führte. Dieser Vorfall i ist an sich nicht von entscheidender Bedeutung. Er wäre
- aber im gegenwärtigen Augenblick besser vermieden I worden. Wesentlich ernster zu nehmen ist, wenn auf
der Tagesordnung der heutigen Reichstagssitzung der Antrag der Sozialdemokraten auf sofortige
Aufhebung des Belagerungszustandes in Bayern
I steht. Auch bei dieser Debatte sollte stets auf die Wirkung auf die Front im Ruhrgebiet Rücksicht genommen werden. Der bayerische Ministerpräsident hat ja erklärt, k er werde die Aufhebung des Belagerungszustandes so I schnell wie möglich veranlasten. Man wird es der | bayerischen Regierung nachfühlen können, wenn sie ! eine angemessene Frist verlausen lassen will, damit die i Voraussetzungen, die durch den starken Zustrom von i7 außen zur Fahnenweihe der Nationalsozialisten nach München geschaffen wurde, endgültig beseitigt sind. Im Reiche wird man es sicher begrüßen, wenn die Münche- { ner Regierung in möglichst kurzer Zeit erklärt, ihre I Verordnung sei überilüssig geworden. Eine Ein- I Mischung des Reiches würde aber die Situation zwei
fellos nicht erleichtern. In München sind im Landtag die sozialdemokratischen Anträge abgelehnt worden. Es ist anzunehmen, datz im Reichstag heute Ähnliches geschieht, und man darf hoffen, datz dann auf der Linken dieser Beschluß der Mehrheit respektiert wird. Denn die Parteipolitik bedeutet jetzt nichts, aber die Jnter- esien des Reiches sind alles!
Severing für eine Berständigung.
Br. Berlin, 2. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Wie die „Vosiische Zeitung" aus Zürich hört, äußerte sich der preußische Minister Severing zu einem Mitarbeiter der Baseler „Rational-Zeitung", die Regierung habe keinerlei Anweisung für einen E e n e r a l st r e i k im Ruhrgebiet gegeben. Es hätte nur eines Fingerzeiges aus Berlin bedurft, um auf einmal 1400 0Ö0 Arbeiter auf die Straße zu setzen. Minister Severing trat für eine Verständigung mit Frankreich ein, sonst würde es eine ungeheure Katastrophe geben. _
Der Eisenbahnerstreik im Direktionsbezirk Mainz geht weiter.
W. T.-B. Mainz, 2. Febr. Die Lage -im Eifen- bahnerstteik hat sich hier nicht geändert. Auch heute früh ruht noch jeglicher Bahnverkehr, der Bahnhof ist noch immer abgesperrt.
Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs in Lndwigshafen, Köln und Düsseldorf.
W. T.-B. Ludwigsbasen, 1. Febr. Die Eisenbabndirektiou L u d w i g s b a f e n teilt mit: Gestern abend wurden einige Züge aus dem Eisenbabndivektionsberirk Mainz durch französisches Personal ebne Mitwirkung deutschen Personals nach Ludwigsbafcn verbracht. Wegen dieses Eingrins m den Eisenbahnbetrieb wurde yon der Reichsbabndirektion Ludwigsbafen mit der französischen llnterkommistion ver- bandelt. Das Personal der biestgen Betriebswerkstätten hatte die Arbeit vorübergehend eingestellt, so datz beute vormittag einige Züge aussallen mutzten. Die Arbeit wutde beute mittag wieder ausgenommen.
IV. T.-B. Köln, 1. Febr. Von unterrichteter Seite wird uns mitgeteilt. datz auf Grund von Verhandlungen der Rc-chsbaÄndirektion Köln mit der französtschen Unter- kcmmi stier. in Köln unter Hinzuziehung der Vertreter der Gewerkschaften und der 'Organisationen des Eilenbabn- verscnals nach Matzgabe bestimmter Richtlinien'der Verkehr am 2. Februar, momens 6 Äbr. wieder ausgenommen wird. Aus den vom Militär besetzten Bahnhöfen und den niilitarisierten Strecken werden die bewaffneten Posten nach Wiederaufnahme des Dienstes zurückgezogen. Das zur Unterweisung auf den Dienststellen befindliche französtsche und belgische Eisenbabnversonal. das nach dem Rbetnkandabkommen geduldet werden mutz, bleibt auf den Dienststellen zurück, jedoch ohne Waffen.
W. T.-B. Köln, 2. Febr. (Drahtbericht.) Der Eisenbahnverkehr im Direktionsbezirk Köln ist den gestern ge- ttoffenen Vereinbarungen gemätz heute allgemein wieder ausgenommen worden. Der Verkehr nach Aachen ist wieder voll im Gange, ebenso der Verkehr nach Neutz. Auch in Richtung Koblenz kommt der Zugverkehr wieder in Gang Die Bahnhöfe und Sttecken stnd vou der militärischen Besatzung geräumt worden.
v. London, 2. Febr» (Ei«. Drahtbericht.) Der Sonderberichterstatter der „Times" in Düsseldorf erfährt aus offizieller Quelle, datz ein Übereinkommen zwischen den Militärbehörden und der Eüenbabndirektion dahin getroffen wurde, datz der normale Zugverkehr von beute ab wieder funktionieren soll. Die französischen Behörden sollen nach dem gleichen Blatt zugestchert haben, datz sie die'T ruppen aus den sämtlichen Bahnhöfen des besetzten Gebietes wieder zurückziehen und die Eisenbahn nicht mehr mit französischem Personal bedienen werden.
Sabotage-Akte?
Wd. Bingen, 2. Febr. (Eia. Drahtbericht.) Der Ober- delegierte der Rheinlandkommission für die Provinz Rhein- besten hat bis auf weiteres den Nachtverkehr im Kreiie Bingen für die Zeit von 8 Uhr abends bis 6 Uhr morgens verboten. Als Grund für dieses Verbot werden Sabotageakte angegeben, die innerhalb des Kreises Bingen vorgekommen sein sollen. Das „Echo du Rbin teilt in diesem Zusommenbang mrt. datz am Mittwochabend in der Nähe von Ingelheim ein Zug infolge falscher Weichenstellung auf ein totes Geleis« gefahren sei. Ferner sei am Donner Stagnachmittag eine Lokomotive mrt drei Wagen bei Kilometer 18 zwischen Ingelheim und Gaualgesheim entgleist. Personen seien nicht zu Schaden gekommen. Nach dem gleichen Blatt ist der Präsident der Reichsbabndirektion Mainz sowie der Borsteber des Maschinenhauses in Bingerbrück verhaftet worden.
Wie wir hierzu erfahren, ist diese Nachricht, so wert sie sich aus den Präsidenten der Reichsbahndirektion Mainz bezieht, unrichtig. Dagegen ist nach eine: Nachricht aus Koblenz der Vorstand des Maiännenbauses in Bingerbrück. Schmidt, von der Rheinlandkommission ausgewiesen worden. In B i i ch o f s h e i m . so berichtet das „Echo du Rhin", sei eine Lokomotive derart vor das Maschinenbaus gestellt worden, datz 3 3 Lokomotiven, di« stck im Maschim r.baus befänden, dadurch aktionsunfähig m-- worden seien.
Ein Eisenbahnunfall bei Gau-Algcsheim.
W. T.-B. Frankfurt o. M„ 1. Febr. Wie wir mm zuverlässig erfahren, ist beute nacht bei Gau-Alg«sbeim tRheinhesten) ein mit französischem Personal gefahrener Perscncnzug in eine Stelle geraten, die von unbekannter Stelle beschädigt gewean sein soll. Die Folgen sollen schwer sein. Näberes ist noch nicht bekannt.
Sie Wz«e SetMMe Wer die WmM
W.T-B. Berlin, 1. Febr. Die gestern übergebene Verbalnote der französischen Regierung hat folgenden Wortlaut:
„In der Note vom 17. Januar hat der Minister des Auswärtigen Amtes die Ehre gehabt, den deutschen Geschäftsträger erneut darauf aufmerksam zu machen, datz die Matz nab men. die seitens der französtschen und belgischen Rigiiiiing getroffen worden stnd. um Deutschland zur Lieferung der Frankreich geschuldeten Kohle zu veranlassen. keineswegs den Charakter e t n e s militärischen Unternehmens tragen. Diese Matznahmen stnd. wie der deutschen Regierung durch Mib teilung vom 10. Januar bekanntgegebrn ist. auf Grund des durch die Revarationskommistion festgestellten Versäumnisses Deutschlands bei Ausführung des Revarations- prrgmmms ergriffen worden, so weit sie die Lieferung von Holz und Kohle betreffen. Wie bereits :n der Note vom 17. Januar mitgeteilt wurde, bat die Haltung, die die Industriellen des Rubrgebietes auf Grund der Anweisungen der deutschen Regierung eingenommen haben, die alliierten Behörden nunmehr in die Unmöglichkeit versetzt, auf gütlichem Weg« oorzuaeben. sie vielmehr gezwungen. die zu liefernden Kohlen zu ream- rieren und die notwendigen Umleitungen in dem K'o b l e n t r a >> s v o r t vorzunehmen. Zunächst hat die deutsche Regierung den Zechenbesitzern erklärt, datz die von ihnen auf Reparat-onskanta gelieferten Kohlen von seiten der Regierung keine Bezahlung finden wurden. Nachdem der Leiter der Jngenieurkomnnsnon bekannt- g.-geben hatte, datz die alliierten Regierungen bereit wären, diese Kohlen unmittelbar zu bezahlen, verbot die deutsche Regierung den Zeckenbestbern. sogar d'e Lieferungen gegen Bezahlung durchzufübren. Seit diesem Zeitpunkt ist die Obstruktion der. deutschen Regierung dariernd gcwackien., Die Reoa- mlionskcmm'sticn bat am 16. Januar Versäumniste. hinsichtlich der Kohle sowie auch des Viehs fowobl bezüglich der Rerarations- wie auch der Restituti-onsleistungen feststellen müssen. Sie hat am 16. Januar der deutschen Regierung die Feststellung des General Versäumnisses Deutschlands in seinen Verpflichtungen Frankreich und Belgien gegenüber mitgeteilt. Sch.lrehlick gefährdet die deutsche Regierung durch die von ihr erteilten Instruktionen und durch die Erregung. d-re ste unaufhörlich unter die Eisenbahn-. Post-. Telegraphen- und Televhonbeamten sowohl an der Ruhr als auch am dem linken Rheimifer hineinträgt, eme geregelte Ausbeutung der Minen und Zechen an der Ruhr. Unter dreien Umständen und angesichts des durch die Revarattonskom- mistion festgestellten Generalversäumnisses setzt die fwnzö stsche Regieiung. die sich dabei auf 8 18. Anhang 2. Teil 8 des Verlieses von Versailles stützt, dre deutsche Negierung in Kenntnis, datz ste vom 1. Februar ab keine Versendung von Kohle und Koks aus dem b^etzten Gebiet nach dom übrigen Deutschland mehr durchlosten werde. Alle diese Matznahmen werden vorbehaltlich
~ inktionen getroffen, t der belgische Minister des tschen Geschäftsträger
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neuer notwendig werdender
Tine gleichlautende Rote Auswärtigen gestern dem Brüste! überreicht.
Br. Berlin. 2. Febr. lEi«. Drahtbericht.) Zur Verhängung der Köhlens,erre im Ruhrgebiet wird von zuständiger Stelle bemerkt: Da die Durchfübruns der Zollini« im Ruhrgebiet durch die Franzosen und Belgier sich bisher nicht hat ermöglichen lasteii. haben die Franzosen und Bälgier sich einstweilen damit begnügen müsten. die Koblenzusuhi ins unbesetzte Deutschland zu sperren. Die umfangreichen militärischen Matznahmen zur Kohlenblockade stnd so getroffen, datz mit der Blockade in der Nacht vom 31. Januar zum 1. Februar besonnen werden konnte. Nack den vorliegenden Meldungen sind die Eisenbahn an lagen an der willkürlich errichteten Ab- sperrungslini«, so weit das bisher noch nicht geschehen war. in der Nacht »um Donnerstag militärisch besetzt worden. Es ist mit der Zurückhaltung der Kohlen-. Koks- und Leerzüge begonnen worden. Der übrige Güterverkehr ist einstweilen noch unbehindert. Jedoch werden auch Leerzüge, die aus Deutschland ins Ruhrgebiet kommen, von den französischen und belgischen Truppen angeh alten, um für fransöstsche und belgische Zwecke Verwendung zu finden. Matznahmen, datz die Kohlen- und Kokszüge nicht nach Frankreich sehen, sind getroffen worden. Ebenso sind all« Matznahmen für die Lebensmittelversorgung des Ruhrgebiets getroffen für den Fall, datz infolge der etwaigen Verstopfung der Bohnböfe grotze Störungen im Eisenbahnverkehr eintre- ten sollten.
Grotze Verkehrsstockungen.
Br. Berlin, 2. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Die an' den Grenzen des Ruhrgebiets von den Franzosen und Belgiern eingettchtete Kohlen sperre hat, wie die Blätter berichten, bereits grotze Verkehrsstockungen zu, Folge gehabt. Die Bahnhöfe Vorhalle und LLnen-Sijd sind eben jetzt gänzlich verstopft, und auf dem Bahnhof Lünen-Nord stehen die Kohlenzüge in langen Reihen und machen jeden Güterverkehr unmöglich. Der Eingriff in den Verkehr kann, nach der „Deutschen Allgemeinen Zeitung", nach 3 bis 4 Tagen zu einer vollständigen Lahmlegung führen; dann.muh die Lebensmittelversorgung durch andere Verkehrsmittel erfolgen.
Die Kontrollsta'tionen in Betrieb gesetzt.
W\ T.-B. Dortmund, 2. Febr. Die Kontrollstationen in Lünen-Süd, Scharnhorst und Dorsten, Hörde und Lüdinghausen sind seit gestern früh, in Betrieb gesetzt dergestalt, datz die Franzosen keinen Wagen mit Kohle über diese Stationen ins unbesetzte Deutschland hinaus-- lassen. Die Folg« davon wird sein, datz die Bahnhöfe in kurzer Zeit verstopft sein werden^
