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Verlag Langgasse 21

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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf, Laubacherstrahe 35, Fernsprecher: Uhlanv 3186.

Nr. 23.

Samstag, 27. Januar 1923.

71. Jahrgang.

Die zweite Phase. I

Der Triumphzug, zu dem die Bevölkerung des alt» und des neubesetzten Gebiets die Heimkehr der tn Mainz verurteilten Zechendesitzcr gestaltete, sollte di« Fraiuosen und Belgier nachdenklich machen. Daß trotz aller gerade im Ruhrgebict vorhandenen Gegensätze arm und reich, hoch und niedrig, vor allem aber die ge­samte Bergarbeiterscl-aft diesen Herren zujubelte, ge­schah viel weniger aus perfönlick>er Sympathie für sie, als aus dem Gefühl heraus, daß sie als Symbol des putschen Volkes erschienen. Aber so erhebend diese Kundoebungen des rheinischen Temperaments sind, so sehr muh im übrigen vor allem Überschwang gewarnt werden. Unsere Situation verlangt nüchternste Ruhe, kaltblütige Besonnenheit, unbeugsame Entschlossenheit von Volk und Regierung. Denn wir stehen erst am Anfang einer Leidenszeit, von der niemand Voraus­sagen kann, welches Matz an Rot sie uns bringen wird. Keine noch so echte Begeisterring Vars dazu verleiten, davor die Augen zu verschließen

Nachdem der erste Teil der Ruhraktion Frankreich keinen Erfolg gebracht hat. beginnt letzt die zweite Phase. W'rd sie für die Franzosen erfolgreicher sein als die erste? Die Zollabsperrung des Ruhrgebietes gegen das unbesetzte Deutschland, die Unterbindung aller Kohlentransporte in östlicher Richtung, die Ein­führung einer besonderen rheinischen Währung sind die Mittel, die erwogen werden. Das besetzte Gebiet soll mit einer französischen SWrwaltungsorganisation versehen werden, die von den Finanzen und dem Ver­kehr zu Lande und zu Wasier ebenso Besitz ergreift wie von den Produktionsstütten. Aus deutscher Seite war man sich von vornherein klar, datz dieser grotze Kampf nicht In wenigen Tagen entschieden werden könne, sondern datz es eines längeren Ausharrens be- dürse und man bot danach seine Vorbereitungen ge­troffen. Die zweite Phase des Kampfes findet Volk und Reaierung geeint. Unzerstörbar ist die Kraft un­seres Volkstums, unverbrüchlich unsere Treue zu Reich und Land, unüberwindlich unsere Liebe zur Heimat. Das sind die starken Wurzeln unserer Kraft. Sie müssen uns das Schwerste tragen lassen!

Die ZoMnie um das ^uhrqcbiit.

W. T.-B. Ellen. 27. Jan. Die Zollime um das Ru-brg«- biet bezw. die Ab'ckwünmg vesiclben vcm dem übrigen Reick, wird aller WahrWt-einllckÄeit nach beute nacht 12 Ufir v o l I- zogen Win. Darüber erlabren wir folgendes: In nörd­licher Richtung baden di« Franzosen folgend Linie mit star­ken Truoven adgelnerrt' Düsseldorf über Grimcnbanin nach Duisburg - OborhauWn - Dotrov - Gladbeck - Welt 2-Reckli' g- bau'Ien. Don bier aus geben die Operationen nach Südwessten weiter. Im Süden ist lolgende Linie besetzt: Düsleldorf- KettwlgEerden-Kupferdreb noch Steel« umd in nordöst­licher Richtung weiter In Derchindung mit diesen Overatto- nan wurden im weiteren Verlauf des Tanes die Dabndöle Gladbeck-West. Recklingbau!on-Olt. Aplerbeck und ApWnbcck- Süd, ferner im Süden Werden. Eüen-Stadtwald. Heiü-tgen und Kupferdrob non sranzöstschrn Truppen besitzt. Di« D e - amten und Arbeiter wurden teil? nach Sause ge­schickt. teils bcrben sie wegen der Eingriffe der französischen Truppen in ibren Betrieb die Arbeit n i e d e r g e l e g t. Aul der Strecke Düsi«sdort-OberbanWn fahren bei gewalt­samer llmleonna der Weichen die Trunpentransnortzüae mit fronzöüs^'-er Bedienuna. da bekanntlich die deutschen Gilen- babner die Arbeit in den Stellwerken vernxwert baben und die frarzösckck-en EiWnbnbner mit der deutickn-n Einrjcht'.ing nicht vertraut lind. Die Z " llinie ist bereits ge- zogen im Süden über Wachrop-Düren nach Dortmund Hörde auf Haoen-Vonball«. Den ganzen Tan boweqten sich unaelieur« Truvve-mnasien mit Tanks und Geschützen an die Grenze des Ruhrgebiets.

Die Rheinmark.

Er Berlin, 27. Jan (Eig. Drahtbericht.) Wie die „Dosiischs Zeitung" aus Paris hört, ist die S ch a f- f u n o einer n fu t n Münze für Rheinland und Ruhrgebiet beschlosiene Tatsache. Es soll jedoch die Einführung einer Rheinmark statt eines Rheinfranken beschlosien werden.

Wcirrre Ausweisungen.

Wd. Mainz. 27. Jan. lEig. Drahtbericht.) Nach einer Iu'ammcnstellung im ..Echo du Rbin" wurden in der Zeit vom 20. bi» 2b Januar i6 Reich?-. Staats- und Kowmunalbeami: ans dem besetzten Gebirt aus- a« wiesen Daninter befinden ück von bisher noch nnW reiöffentlichten Namen der des Landrnts Mueier in Kreuznach und der des Oberforstmeisters M e 1 g e in Entcnvkvbl. Kreis Kreuznach.

W. T -B. Dricr. 27. Jan. Die Landräte von Wlttlrch und Dann und der Bürgermeister non Wittlich. N e u - bofer. wurden ausaewiesen. In Wittlich landen lebbafte Etrabenkund ge b unnen Natt.

Verhaftungen.

zv.D.-B. Düsseldorf. 27. Jan. Der Düsseldorfer Poli­zeipräsident. RegWrui'gsrat Ocrle, ist von den Besatzung?- tninvcn verbaslet worden. Weiter wurden von den Beialningsbebörden neuerdings verhaktet die Oberzoll- inlv>ktorcn Nerle. Ufer und Glöckner alle drei in Kaldenkirckren. ferner Oberzolllekretar Der icks in Neu».

Ablehnung des Moratoriums-Gesuchs

Der Beschluß der Reparationskommisiion.

XV-T.-P. Paris, 26. Jan. Haoas teilt mit: Die Reparationskommission ist heute nachmittag 3 Uhr zu­sammengetreten. Die Sitzung war um 4% Uhr beendet. Nach Vorschlag der Delegierten V a r t h o u und Delacroix hat die Kommission Kenntnis von der deutschen Note vom 13. Januar genommen, in der die d-eutsche Regierung mitteilt, datz sie die Sachliefe- r u n g e n an Frankreich und Belgien e i n st e l l t. Die Reparationskommisiion hat entschieden, datz das Verlangen eines Moratoriums, das am 14. No­vember l 922 gestellt wurde, hinfällig und infolge- desien der Zahlungsplan vom 3. Mai 19 2 1 wieder in Kraft z u setzen sei. Die Repara­tionskommisiion habe übrigens Deutschland in seinen Zahlungen bereits einen Aufschub bis zum 31. d. M. bewilligt. Die Reparationskommisiion hat mit drei Stimmen bei einer Stimmenthaltung ktzje des engli­schen Delegierten^ beschlosien, datz Veranlasiung besteht, die allgemeine Verfehlung Deutschlands hin­sichtlich seiner Lieferungen an Frankreich und Belgien auf Grund des § 17 festzustellen. Dieser Beschlutz werde Deutschland alsbald notifiziert werden. Die Kommis­sion l>at sofort beschlosien, im gegenseitigen Einver­nehmen ein Schreiben an die deutsche Regierung zu richten, in dem sie diese von dem Veschlutz der Ab­lehnung des Moratoriums und der Feststellung der allgemeinen Verfehlung in Kenntnis setzt. Anders als bei dem gelegentlich der früberen Entscheidungen be­folgten Verfahren habe die Kommisiion stch darauf be­schränkt. Deutschland dies offiziell mitzuteilen, ohne irgendwelche offiziöse Zusätze zu machen.

Es müsie, so fügt die Havas-Meldung hinzu, daraus hingewiosen werden, datz, wenn bei der Beschlutzfassung auch keine Einstimmigkeit zu erzielen war. die Diskusiion nichtsdestoweniger in freundschaftlicher Weise vor sich ging.

IV.T.-B. Baris. 27. Jan. Wie der ..Matin" witkell,. >kt im Lauk« der Sitzung der Renaratmnskom-

migion WWens der Mitglieder eine gemiüe Deun- r ii f, i <i u n s über die unangenehmen Ialgen aus- oeivrochen worden. dW für die Komm-ikion ielblt die voll­ständige Einstelluna der deutschen Zahlun­gen haben könnke. GlücklicherweiW Wi aber festaestellt da st die Revarationskommitzson noch genügend Nielbmitiel heütze um den renelmähigen Fortgang der Dienste ?ür lange Monate zu sichern.

Feststellung einer „allgemeinen Verfehlung".

IV. T.-Ii. Paris. 26. Jan. Die Reparationskommis­sion bat heute nachmittag nuf Antrag von B a r t h o u und De l a c r o i x eine allgemeine Verfehlung Deutschlands mit drei Stimmen bei einer Stimm­enthaltung (derjenigen des englischen Delegierten) fest­gestellt.

Der französische Plan nicht zurückgezogen.

W.T.-B. Paris. 27. Jan. Zu dem Beschlich der Reva- ratioriskommiülon schreibt der ..Petit Pariücn :. Der fran- zöstkche Mcratoriumsvlan. wenn er auch provisorisch bereit« geschoben wurde. >st keineswegs zurückgezogen worden. Ganz im GeoenWil ist er öffentlich geworden. Tedermann ncn ouiem Willen, oh er Engländer. Amerikaneikl Neutraler oder selbst Deutscher ist weist nunmehr unter welchen Bedingungen die französtiche Regierung bereit ge­wesen ist und noch immer he'eit ist. Deutschland ein Mora- lorium zn gewähren. Das Blatt glanbt. es Wi schwierig, datz man diele Bedingungen in ihrer Ge'amtbeii. wenn man unparteiisch sein welle, als übertrieben bezeichnen könne. Wenn Deutichland zur gegebenen Zeii die Gelegenheit he- nvtzen wurde, um an? Win« Intranstgenz zu verzichten, dann könnten zweifelsohne auf der Grundlage des franzöü- schcn Plan«? die Verhandlungen wieder aus­genommen werden Wenn aber Deutschland hartnäckig bleib«, dann werde es vielleicht bald erfahren, dast die Zeit gegen es arbeite

Der Versailler Vertrag nicht aufgehoben.

BW Berlin, iß. Jan. Zu der ossenbar van französi- kchen aniilichen Stellen beeinflußten Auslastung des ..VetZ Daiistcn" ist zu bemerken, dast die deutsche Regierung den Versuillcr Friedeusvertran nicht als aniaekoben bet-acklet. In dem Auaenb'ick. In dem di« Franzosen und Belgier von einer zwangswciWn E'ckastnng der deutschen Wiederber- stellungetirWruneen Abstand nehmen, wicko Deutsch­land sofort bereit Win seine i re i w i l,l i g en Lieferungen so wert Deutschlands Lelstunasfabigke't reicht wieder auszunebmen. Di« den Derbands- mäckten in der Note vom 14. November 1922 durch dir dänische NegWrung unterbreitet« Ausfastung bat ihre Eül- tigkeit nickt verloren. __

Eine Kundgebung in Duisburg.

W. T.-B Duisburg. 27. Jan. Im Zusammenhang mit der Derha'tung des städtischen Waldiäaers Berg kam e--. zu c-ncr Kundgebung vor dem Landgerichtsgebäude. Siack einer kurzen Avivrach« und der Abünaung vaterländischer Lieder zog die Menge über di« Diistcldorsrr Strast«. wo ne bei dem f>«nW ler belgischen Kommandantur anaebalten wurde Belgische Offiziere und Beamte griffen dort mehrere Verb neu -- man spricht von 22 — willkürlich aus und ver. brachten üe in di« Kommandantur, wo sie sestgebalten wer- .den. Dann rückte belgisch« Kavallerie vor und zerstreute die Mena«.

Der große Abroehrkamp?.

ns. Berlin, 27. Jan. (Drahtmeldung unserer Der« liner Abteilung.) Die Lage im Ruhrgebiet bildet naturgemäh fortgesetzt den Gegenstand von Be r a t u n« gen innerhalb der R e i ch s r e g i e r u n g. So haben auch gestern interne Besprechungen stattgefunden, die hauptsächlich der Frage der Lebensmittelver­sorgung gewidmet waren. Inzwischen sind im Ruhrgebiet die Franzosen bemüht, die E i s e n b a h n« linlen in ihre Hände zu bekommen und sie haben nunmehr mit eigenem Personal den Betrieb auf den Strecken Oberhaufen - Düsseldorf und Düsseldorf-Essen aufglenommen. Sie stoßen dabei auf recht beträchtliche Schwierigkeiten. So ist es ihnen bisher nicht gelungen, die Stellwerk« in Betrieb zu nehmen und die Weichen müsisn mit Brecheisen umgelegt werden. Trotzdem werden die Franzosen wohl einige Dnrchgangslinien mit der Zeit befahren können, um Militär und Lebensmittel zu transportieren. An eine Abfuhr von Kohlen dürfte je­doch nicht zu denken sein. Sind erst die Bahnhöfe des Rubraebiets — es sind im ganzen 700 — verstopft, dann ist es selbst für ein eingearbeitetes Personal nur mit größter Mühe möglich, langsam _ wieder Ordnung in dieses Chaos zn bringen. Für die Franzosen^ die diesem Gewirr von Stellwerken, Blockstellen, Weichen usw. technisch und organisatorisch fremd gegenüberstehen, ist das überhaupt unmöglich.

Daneben geht auch

der diplomatische Kampf

weiter. Die Reparationskommisiion hat gestern ge­glaubt. das deutsche Mo r a t o r i u m s g es u ch ab- lehnen zu müsien. Sie ist stch aber wahrscheinlich im klaren darüber, datz dieser Beschluß mehr oder weniger eine leere Formalität bedeutet. Alle Mächte baben eingeselM, datz das Londoner Zahlungsstatut unausführbar und längst revisionsbedürftig ist. Das hat sogar Herr Poincarck zugegeben, indem er der Gewährung eines Moratoriums — allerdings gegen Pfänder — sowie einer Herabsetzung der deutschen Schuld bei gleichzeitiger Kürzung der interalliierten Schulden zustimwen wollte. Jetzt aber erklärt die Re­parationskommission, das Moratorium sei abgelehnt, Deutschland müsie bis zum 31. Januar 500 Millionen Eoldmark, d. h. nach dem letzten Kurs

drei Billionen Papiermark bezahle».

Worauf dieser Bef^lutz praktisch hinauslaufen soll, zeigt eine Pariser Drahtung, in der es heißt:

An amtlichen französischen Stellen erklärt man, die Bedeutung des Beschlusses der Reparationskommisiion sei vor allem darin zu suchen, datz Deutschland durch sein Verhalten die Möglichkeit, seinerseits Anträge bei der Kommission zu stellen, wieder verloren habe. Die Beziehungen zwischen den Berbündeten und Deutsch­land hätten jetzt aufs neue den Charakter der B e- zie Hungen zwischen Siegern und De sie g- t e n. Es könne fortan nicht mehr vonVer- Handlungen die Rede sein, sondern nur noch v o n Derfützungen der Verbündeten, welchen Deutsch­land nachzukommen hätte, falls es nicht die Gefahr weiterer Sanktionsmatznahmen heraufbesckMiören wolle.

In diesem Augenblick, in dem nun so der grotze Abwehrkampf mit Aufbietung aller Kräfte ge­führt wird, glauben

in Bayern die Nationalsozialisten, die Garden des Herrn Hittler, datz für sie die Stunde geschlagen habe, die schon wiederholt angekündigte Fahnenweihe soll nunmehr am Sonntag erfolgen. Es war schon seit einigen Tagen ein Zustrom national­sozialistischer Elemente in München bemerkbar und die bayerische Regierung hatte sich daher, um Störungen der öffentlichen Ordnung zu vermeiden, veranlaßt ge­sehen, Masienkundgebungen unter freiem Himmel zu verbieten. Die Nationalsozialisten haben das nicht nur achgelehnt, sondern sie haben auch gedroht, auf die Ein­setzung staatlicher Machtmittel mit der Anwen­dung von Gewalt zu reagieren. Die bayerische Regierung hat darauf kurz entschlosien den Aus­nahmezustand nerhänat, und man mutz diese feste Haltung der bäuerischen Regierung anerkennen. Sie verdient den Dank ihres Volkes dafür, datz^ sie nun­mehr auch in Taten den Willen bekundet hat, einer etwaigen Ruhestörung g-rötzeren Umfangs mit Nach­druck zu begegnen. In der vorigen Woche war der bayerische Innenminister Dr. S ch w e y e r in Berlin. Dieser Besuch dürfte den schon seit einiger Zeit bestan­denen Wunsch, etwas gegen die nationalsozialistischen Übergriffe zu unternehmen, znm festen Vorsatz verdich­te! und mif die Energie der bayerischen Nogierung günstig eingewirkt haben. Man kann nur wünschen, datz die Haltung der bayerischen Regierung ihren Ein-