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Verl«, Langgafi« 21

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Nr. 20.

Mittwoch, 24. Januar 1923.

71. Jahrgang.

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Marksturz und Spekulation.

Der Wochenbericht der Reichsbank vom 15. Januar wies «ne abermalige Vermehrung des Banknoten­umlaufs um 101 Milliarden Mark auf. Infolgedessen hat sich der deutsche Banknotenumlauf nunmehr bereits auf 1438 Milliarden Mart, das sind fast 1% Billionen Mark gesteigert. Es ist klar, daß diese Entwicklung nicht ohne Einfluh auf die Bewertung der Mark sein kann. Seitdem mit der Ruhrbesetzung ein neuer un­erhörter Marksturz eingesetzt hat, scheint es, als sollte dieser, infolge spekulativer Machenschaften, überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen. Vorübergehend finden wir zwar beträchtliche Steigerungen der Mark, die in der Regel von der New Parker Börse ihren Ausgang nehmen. Aber auch diese sind nur geeignet, die für die deutsche Wirtschaft so überaus schädlichen Schwankun­gen unserer Währung noch zu vermehren. Schon heute kann festgestellt werden, daß die Preisgestaltung in Deutschland sich nach dem allerhöchsten Dollarstande hin orientiert. Fast sämtliche Lebensmittel sowie die wich­tigsten Gegenstände des täglichen Bedarfs haben seit der Ruhrbefetzung eine Preisoerdoppelung erfahren oder die Preise haben sich noch erheblich mehr gesteigert.

Die Aufwärtsentwicklung der Devisenkurse ist im allgemeinen um so bedenklicher, je schneller die Preis­gestaltung im inneren Berkehr sich ihr a-npaßt Das ist aber heute zweifellos in schnellerem Tempo erfolgt als jemals bei früheren Markstürzen. Die Gründe hierfür sind vorwiegend auf moralischem Gebiet zu suchen. Di« Vorgänge im Ruhrgebiet haben einen Pesiimismus großgezüchtet, der geeignet ist, die Lage noch schlimmer zu gestalten, als sie ohnedies schon ist. Mehrfach konnte beobachtet werden, daß bei der Herab­setzung der Mark Berlin die Führung hatte, während aus New Port eine festere Haltung der Mark' gemel­det wurde, Zweifellos haben sich Industrie und Han­del in Deutschland in sehr umfangreichem Maste mit Devisen eingedeckt. Für die Einfuhr englischer Kohlen, die im Falle einer Absperrung des Ruhrgebiets gegen das unbesetzte Deutschland die Aufrechterhaltung un­serer industriellen Produktion ermöglichen sollen, sind ebenfalls erhebliche Devisenbeträge bereitgestellt wor­den. Trotz alledem ist der heutige hohe Dollärstand sicherlich zu eineni erheblichen Teil aus spekulative Vor­gänge und Machenschaften zurückMfiihren. Wie es heißt, wird in Regierungskreisen bereits erwogen, oh gegen diese Ausartungen der Spekulation gesetzliche Maßnahmen oder Verordnungen am Platze find. Wir sind der Meinung, daß sich bisher alle derartigen Maß­regeln als nutzlos erwielen haben oder Schädigungen im Gefolge hatten, die schlimmer waren als die Übel­stande. die durch sie bekämpft werden sollten. Die Ein­wirkungen, die notwendig find, um bedenklich« Über­treibungen der spekulierenden und lediglich dem Ge­winn nachjagenden Kreise hintanzuhalten, müssen in erster Linie aus moralischem Gebiet liegen. An das Publikum ist dis dringende Mahnung zu richten, in Anbetracht der schwierigen Gesamtlaye Deutschlands alles zu Unterlasten, was geeignet ist. die Entwertung der Mark noch zu beschleunigen. Man sollte niemals vergesten, daß es in Deutschland große Volkstetle gibt, die unter der Markentwertung über­aus schwer leiden und durch jede übermäßige, aus spekulativen Rücksichten veranlaßte Verstärkung der Markentwertung ganz besonders schwer geschädigt werden.

ft «mm m innfn».

as. Berlin, 24. Jan. (Drahtmeldung unserer Ber­liner Abteilung.) Aus Luxemburg kommt die Rachricht, daß Mm in den Kreisen der Luxemburger Eisenindustrie ernstlich den baldigen Zusammen­bruch der Koksversorgung und damit die Stillegung der Hochöfen befürchtet. In den benachbarten französisch-lothringischen Gruben, so heißt es in der Meldung weiter, fei die Lage ähnlich. In der Tat macht sich der Vormarsch in das Ruhrgebiet für die Industrie Frankreichs jetzt schon fühlbar. Während nämlich bis jetzt der deutsche Reparationskoks zu einem sehr niedrigen Preis nach Frankreich geliefert wurde, bleiben diese Sendungen jetzt aus. Die Lothringer Hütten dürften daher schon bald zu Einschränkun­gen gezwungen sein, wenn sie nicht in ausreichendem Maße englischen Koks erhalten Ob diese Versorgung praktisch durchführbar ist. bleibt zunächst abzuwarten. Aber selbst, wann es gelingt, rechtzeitig die erforder­lichen Mengen englischen Koks heranzuschaffen, bleibt doch die Frage offen, ob die lothringische Hütten­industrie dann noch konkurrenzfähig bleibt, wenn sie aus England ihren Koks beziehen muß. Ferner machen sich für'die lothringische Hüttenindustrie die Sperr­maßnahmen der deutschen Industrie stark fühlbar.

Der Verein deutscher Eisen- und Stahlindustrieller hat bekanntlich die Abnahme der von den lothringischen Gruben angelieferten Minette-Erze verweigert und die Lieferverträge für diese Erze gekündigt. Ebenso sehen die Ruhrgebietsindustriellen vom Bezug von Roheisen, Halbzeug und Walzfabriken aus Frankreich ab. Es ist begreiflich, daß man unter solchen Umstän­den die Situation in den lothringischen Wirt- schastskreisen mit Besorgnis betrachtet.

Für Deutschland freilich wird man damit rechnen müsten, daß sich

die Teuerungswelle,

die bei der Besetzung des Ruhrgebietes einsetzte, noch weiter und noch schärfer fortsetzen wird, wenn auch ein weiterer Rückgang der Mark in den letzten Tagen nicht mehr zu verzeichnen roat. In Esten sind die Verhand­lungen über die neuen Vergarbeiterlöhne abgeschlossen worden, die eine Anpassung an das neue Preisniveau brachten. Man hat sich diesmal er­freulich schnell geeinigt. Die Verhandlungen haben nämlich nur % Stunde gedauert und das mag ein Be­weis dafür sein, daß die Beteiligten von vornherein mit dem Entschluß in die Verhandlungen eintraten, der Forderung der Stunde gerecht zu werden und alles zu vermeiden, was einen Konflikt in die Einheitsfront der Bevölkerung des Ruhrgebiets tragen könnte.

In volkswirtschaftlicher Hinsicht wiegt der letztere Beschluß allerdings schwer.

Die «ene Kobleupreiserhöhung

wird wieder das Zeichen zu einer allgemeinen Preis­steigerung der lebenswichtigsten Produkte geben und damit der Erweiterung der augenblicklichen Teuerungs­welle ungemein Vorschub leisten. Über die neuen Löhne soll in den nächsten Tagen Beschluß gefaßt werden, doch kann man wohl heute schon annshmen, daß die ent­sprechenden Lohnerhöhungen sich auf etwa 100 Prozent belaufen werden. Diese kleinen Beispiele, die sich noch weiter vermehren ließen, zeigen deutlich, welche Wir­kungen. die Aktion im Ruhrgebiet zeitigt. Sie ruiniert den letzten Rest der deutschen Leistungsfähigkeit, ohne dem Gegner Nutzen zu bringen!

Ei« Oberksmmistar für das Ruhrgebiet?

W. T.-B. Paris, 24. Jan. Wie der „Petit Parisien" mitteilt, setzt sich der Gedanke in alliierten Rsgierungs- kreisen immer mehr durch, im Ruhrgebiet einen Ober- kommistar, der zugleich militärische und zivile Befugnisse erhalten soll, zu schaffen. Als Oberkommissar wird an den Generalstabschef des Marschalls Fach, General W« y g and, gedacht.

Die ZsNinie u« das Rnhrgebiet.

Br. Berlin, 24. Jan. (Etg. Drahtbericht.) Nach einer Meldung des „Berliner Tageblatts" aus Essen bereitet man dort offenbar die Zollinie vor, die u m das gesamte Ruhrgebiet gezogen werden soll. Es finden große Umgruppierungen von Truppen statt. Die Truppen werden aus den Städten gezogen. In Dortmund hat der Abtransport der Truppen bereits begonnen. Das Militär soll offenbar dazu dienen, die Grenze des Ruhrgebietes in ihrem ganzen Umfang zu besetzen, um so dje Durchführung der Zollinie anzu­bahnen.

Bor einem allgemeinen Eisenbahnerstreik. -V'

Br. Esse», 24. Jan. (Erg. Drahtoericht.) Voraus­sichtlich wird es, wenn die ftanzösischen Truppen mit der Eisenbahn abtransportiert werden, zn einem all­gemeinen Eisenbahn er streik kommen. Be­reits gestern zeigte der Verkehr auf mehreren Strecken infolge des Streiks des Personals auf den Bahnhöfen von Duisburg, Meiderich, Ruhrort und Oberhausen große Unregelmäßigkeiten. Ein Ver­such der Franzosen, den Eisenbahnverkehr mit französi­schen Beamten und Sonaten durchzuführen, ist ausge­schlossen, da das Derkehrsgelände in seiner feinen Ver­ästelung zu umfangreich ist, als daß es von ein paar hereingeschneiten Technikern und Beamten bewältigt werden könnte.

Streik auf den Thyssen-Werken.

W. T.-B. Snntarn, 23. Jan. Da di- Bemühungen der Thyffen« Betriebsräte um sofortige Freilassung Fritz Thyssens ergebnislos ge­blieben find, ist heute srüh di- gesamte Arbeiter- und Beamtenschaft der Thyssenwerk« in den Streik getreten.

Keine Truppenznsammenziehungen in Deutschland.

Sr. Berlin, 24. Jan. (Eia. Drabtbericht.) Von fran­zösischer Seite wurde in Esten die Nachricht verbreitet, in Deutschland würden wichtige Trunpenbewegungen vergcuommen Hierzu wird von zuständiger Stelle erklärt, dost alle deutschen Truppen in ibren Garnisonen sind unv keinerlei Truppenzusammenzieimnaen irgendwelcher Art ltattneinnden taüen.

Die ZrAmarrkn mr len SrikmenW.

Fe. Mainz. 24. Jan. (Eia. Drabtbericht.) Die am 8 Ubr heute vormittag anberauMe kriegsgerichtliche Ver­handlung gegen die Industriellen bezw. Zechenvertreter aus dem Ruhrrevier findet im geräumigen Schwurgerichts- > a a l des Justizpalastes statt, in dem eine grobe Anzahl von Pressevertretern, namentlich aucki aus dem Ausland und insbesondere aus dem neutralen Ausland, bereits einge- troffen stnd. während andere vergebens auf Zutritt imrrren. da d>er Vresteraum. in dem sich eine grobe Anzahl Preste- oertrcter mit Stehplätzen begmügisu mub. bereits überfüllt ist. Schon von 8 Ubr ab hatten sich zahlreich!« Zuhörer ein gefundei und der Zuhörerraum war in wenigen Sekunden bereits überfüllt, io bab «ln grober Teil nicht mehr »uge- lasten werden konnte. Kurz nach 8 Uhr zog eine kleine Ab­teilung französischer Infanterie mit aufgevflanztem S^iten- gervehr rar dem Justizgebäude aus. in dem sie verteilt auf­gestellt wurde.

Unter dem Vorsitz des Gendarmerieobersten de Peugnn begann dann die Verhandlung gegen die sechs Industriellen des Rutrgebietes. die angeklagt sind, sich am 19. Januar, vormittags, dadurch schuldig gemacht zu haben, dab sie sich weigerten, dem Bcsebl eines Generals nachzuksmmen. die Koblenl'eserungen sür den normalen Betrieb weiter zu sichern, und aus diele Welle die Jnteresten geschädigt zu haben, die die Besitzung des Rubrreoiers begründeten.

Rechtsanwalt Dr. Grimm aus Esten besprach zunächst die Zuständigkeit des Gerichts. Da die Besetzung nur ein« rein wirtschaftliche und keine militärische wäre, sollte sich das Gericht für unzuständig erklären. Nach kurzer Erwide­rung des Militärstaatsanwalts und nach kurzer Beratung erklärte sich das Gericht für zuständig nach 8 122 des fran­zösischen M i! i t ä rstra sgesetzbuche s. Anse klagt sind Fritz Thyssen. Leiter des Thysten-Konzerns. Ernst Pohl- mann. Generaldirektor des Estener Steinkohlenbergwerks. A.-E.. S v i n d l e r, Generaldirektor der Stinmes-Zechen. Hermann Olk«. Direktor der Gellenkirchener Berg/werks- A.-G. Franz Wint« rhofer. Generaldirektor des Estener Bergwerksvereins. Wilbelm Ketten. Generaldirektor der BergwerksgesiMchaft Dahlbruch. A.-E. Als Entlastungs­zeugen sind anwesend 7 Direktor Wegener (Esten). Lob- lam. Direktor Müstenböfer. Sohn des einen Angeklagten. Als Verteidiger fungieren Dr. Grimm (Esten). Dr. Wallach (Esten). Dr. Friedman« (Berlin) und Dr. Reumann

Als erster der Angeklagte« wurde Fritz Thyssen ver­nommen. Er gab zu. dab er sich geweigert habe, gegen den Befehl des Kohlmikommistars zu. handeln und weiter Kohlen zu liefern. Er sei als Deutscher oervflicktet. den deutschen Gesetzen nachzukommen. da er sich andernfalls strafbar ge­macht hätte. Wenn in der Besprechung gefordert worden sei. die Rrvarationskvblemlieferungen an Frankreich und Belgien gegen Bezahlung fortznfetzen. so sei dieses Abkommen durch den gegenteiligen Befehl des Reichskoblenkommistars hinfällig geworden Er betont zum Scklub nochmals daß man von ihm nicht verlangen könne, dab er als Deutscher seiner Rcgierung in den Rücken falle.

Gleichlautende Erklärungen gaben alle übrigen An«:- klagtcn ab. Sie gaben ein« Schilderung der bekanntest Vorgänge. Sie betonten, unentwegt Mt aller Entschieden­heit van niomaz-den Weisungen anzunehmen oder zu be­folgen. die den Jnteresten des Vaterlandes zuwider laufen. ..Wir werden der deutschen Regierung di« Treue wahren, wir bandeln nie «oen die Jnteresten unseres Vaterlandes, nichts in der Welt kann uns veranlasten. gegen unser Land zu bördeln." Das sind die Worte, die immer und immer wieder ertönten und die trotz der starrenden Bajonett« im Zusfau«rraum mit Beifall begrübt wurden.

Au? Wunich der Verteidigung wurden verschieden: Zeugen vernommen, di« insbesondere befragt wurden, ob Anweisungen bestanden hätten die Kohlenlieferuusen an Frankreich und Belgien gegen Barzahlung wieder auszu­nehmen. und die erklärten, dab sämtliche Lieferungen ein«' stellt t'urbcn. als das Verbot des Reicbskommistars bekannl wurde. Einer der Zeugen Dr. W ü st e n h ö f e r. bat im Au'chlub an lerne Vernehmung, ihn für seinen alten Vater sistzusetzen und stellt« sich dem Gerichtshof zur Beifügung. Die Sitzung wurde kurz nach 11 Ubr auf Antrag der Ver­teidigung aus 2.30 Uhr vertagt.

Ne WIE« in Müßten KfKktf.

Br. Berlin, 24. Jan. ((Eis. Drahtbericht.) Der deutsche Geschäftsträger in Baris ist beauftragt worden, der franzö­sischen Rigicruug folgende Note zu überreichen

„Die französischen Befehlshaber im Ruhrgebiet haben die verbafteten Personen zum Teil nach Mainz verbracht, um sie dort vor ein französisches Militärgericht zu stellen. Die Einleitung eines Verfahr ans vor dem französischen Militägcrickt würde jeder Rechtsgrundlage ent­behren und in keiner Weife geeignet sein, der Verhaf­tung den Charakter der Rechtswidrigkeit und der Willkür zu nehmen. Die deutsch« Regierung stellt deshalb die For­derung. dab ein solches Verfahren nicht stattfindet, die Verbafteten vielmehr sofort in Freiheit gesetzt werden. Im Ruhrgebiet sind übrigens inzwischen noch weitere Beamte verhaftet worden. Es handelt sich um dem Obervostdirektor Junges den Telegravben- direktor Z e b m e . den Präsidenten der Ersenbalmdirektion Jahn und den Oberbaurat Pusch, sämtlich ln Esten. Die Verhaftungen sind erfolgt, weil die Beamten sich der non den französischen Befehlshabern an sie gestellten Zumutung widersetzt habeir. einen vom Reichsverkcbrs- minister erteilten Befehl zu widerrufen. Die deutsche Regierung erbebt auch gegen diele Gewaltakte Protest. Sie verlangt die sofortige Freilassung der Verhafteten, sofern sie nicht inzwischeir bereits erfolgt fein sollte, und bebält sich vor. volle E e n u atu u n g zu fordern."

Br. Mainz. 24. Jan. (Eia. Drabtbericht.) Bei dem gestrigen Rachmitlagsempsang des Regierungspräsidenten Dr. Grützner und der Arbertervertreter im Generaikom- mando der Rbeinarmeee erklärte Generalstabschef Ser- weil. General Degoritte lei nicht anwesend, habe aber m> übrigen seiner vorgestrigen Erklärung nichts kinzmusuaem Der Svrecher der Arbeiter. Debmann. überreichte dann eine Erklärung, in der es beißt: nnnnn

„In letzter Stunde erbeben wir im Namen von 000 ooo Arbeiter« und Aooeüellten des Bergbaus und vvaaxx»