Verlag Langgasse 21
^ragblaitha«»-.
GeschZftszelt: 8 Uhr morgen« bt« 6 Ubr abend«, äuget Sonntags. P-NichetNont»! Frankfurt «. W. Kt. 7405.
Wöchentlich
SejagsptetSe: 3m Verlag abgeholt: Btt. 850.-, in den Ausgabestellen: Mk. «60.—, durch die Träger MI. 900.— nwnallich. — Bezugsbeste^Iunge» nehmen an: der Verlag, die
Ausgabestellen, die Träger und alle Postanstalien. — In Fällen höherer Gewalt, 'Betriebs. Körungen oder Streits haben die Bezieher leinen Anlpruch auf Lieferung de« Blattes oder Erstattung des enllorechenden Entgelts. -
6 Ausgaben.
Fernruf:
„ragdlatthatts" «kr. 8850-5«.
von 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, anher Sonntag». Posttcheckionlo: Frankfurt a. M. Nr. 7405.
Auzeigenprelse: örtliche Anzeigen Mt. 60.—. Finanz-und Lnstbarteits-Anteigen Mt.SO.—. auswärtige Anzeigen Btt. SO.-, örtliche Reklamen MH t7«.—, auswärtige Reklamen Btt. 268.- für die eintpastige jiolonelzeue oder deren Raum. — Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen entlvrechender Nachlag. — Echlutz der Anzeigen - Annahme: 10 Uhr vormittags. — Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgelchrtedenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr llbernommen
Nr. 17.
Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf, Laubach erskatze 35, Fernsprecher: Uhland 3186.
Samstag, 20. Januar 1923.
71. Jahrgrmg.
Deutschland im Wirtschaftskrieg.
Die Beurteilung aller Maßnahmen der deutschen Regierung und der deutschen Wirtschaft, die der Ab» Wehr des französisch-belgischen Einmarsches ins Ruhr- gebiel dienen, müssen wir ganz bewußt und offen darauf einstellen, daß Frankreich und Belgien Deutschland mit wirtschaftskriegerischen Maßnahmen überzogen haben. Wenn wir die Einzelheiten des Notgesetzes, das dem Reichstag am 25. d. M. bei seinem Wieder- zusammentritt von der Reichsregierung vorgelegt werden wird, auch noch nicht kennen, so glauben wir doch sagen zu dürfen, daß die Grundlinie der derzeitigen Wirtschaftspolitik unsere vollste Unterstützung finden muß. Es darf vorausgesetzt werden, daß ohne Nervosität in klarem Überschauen der wirtschaftlichen Zusammenhänge und der Notwendigkeit der Stärkung aller deutschen Produktivkräfte die Regierung alles tun wird, um eine Einengung der privatwirtschaftlichen Schafsensmöglichkeit zu vermeiden. Wir dürfen wohl davon überzeugt sein, daß sich nach der starken Einmütigkeit, die die Kundgebung des Reichswirtfchafts- rates. als des Repräsentanten aller deutschen Wirtschaftsorganisationen. beherrschte, auch eine starke Geschlossenheit innerhalb des Wirtschaftslebens bei den praktisck>en Folgerungen dieser Kundgebung erhalten wird, die sich den Notwendigkeiten des Augenblicks beugt, ohne in diesem Zeitpunkt dogmatischer engerer Zielsetzung nachgehen zu wollen.
Die oberste Verpflichtung für die Regierung ist im Augenblick die Erhaltung der Wirtschaftskraft des besetzten Gebietes. Sie mnß dafür sorgen, daß das besetzte Gebiet in ausreichendem Umfange vor allem mit Lebensmitteln ausgerüstet wird. Sie muß weiterhin dafür sorgen, daß den Unternehmungen im besetzten Gebiet ausreichende Mittel für Lohnzahlungen und dergleichen stets zur Verfügung stehen.
Während die Einheitsfront der politischen Parteien im Reichstag nicht ohne einige Mühe und nicht ganz lückenlos hergestellt werden konnte, hat der Einmarsch ins Ruhrgebiet die dortigen Unternehmer und Arbeiter sofort fest aneinander geschmiedet Zechen- besttzer und organisierte Bergarbeiter aller Richtungen arbeiten in der Abwehr nach einem einheitlichen Plan, der beiden Gruppen bestimmte Aufgaben und ein für jeden Moment vereinbartes Auftreten zumeist. Es ist zweifellos, daß die Bergarbeiter im Ruhrgebiet alle anderen Wünsche und Bestrebungen zurückgestellt haben Hintes der großen Aufoabe. die drohende wirtschaftliche Katastrophe nom Ruhrbergbau und damit auch von der deutschen Volk<-.rvirts<bnft so lange als irgend möglich lernzuhalten. Dieser Entschluß ist um so wertvoller als dabei nicht nur harte Kämpfe zu führen, sondern unter Umständen auch sehr schwierige soziale Aufgaben zu' tofenjefn werden. Die Bergarbeiter sin-d bereit, für ocn Aall, daß die Zechen zur Herausgabe der Kohlen an die Franzosen mit Gewalt gezwunaen werden die Arbeit einzustellen, wie auch die Eisenbahner den Transport der Kohle abgelebnt haben. Im Falle eines solchen Streiks muß natürlich die Weiterzahlung der Löhne nnd Gebäkter gesichert sein. Hierbei rechnen die Bergarbeiter wieder auf die Mitwirkung und auf weitgehendes Entgegenkommen der Bergwerksbeötzer und der Reichsreoierung. Bon dieser Seite sind schon jetzt besondere Besatzunaszulagen bewilligt worden, so daß alle Lobnfragen vollkommen ausgeschaltet bleiben können. Man darf aber die soziale Aufgabe, die hier unter Umständen gelöst werden muß, nicht unterschätzen. Es handelt sich darum, mebr als eine halbe Million Bergarbeiter und ibre Familien im Streikfalle über Master zu halten. Aber Verawerksbesitzer und Arbeiterorganisationen sind entschlossen, nötigenfalls auch dieseRiesonaUfgabe zu übernehmen, und man darf zu der westfälischen Zähigkeit und Willensstärke das Vertrauen haben, daß sie gemeinsam ihr auch gewachsen sein werden.
Die Ruhrzechenbesitzer und Ruhrbergleute haben dem übriocn Deutschland den Weg aewiesen, der auch dort beschritten werden muß. Die Rubrbvsetzung gefährdet das nicht besetzte Deutschland mindestens ebenso sehr als die besetzten Gebiete. Schon jetzt zeigen sich die wirtschaftlichen Folgeerscheinungen in Gestalt ungeheuer verslbärfter Teuerung auf allen Gebieten. Die Eroßhandelslndexziffer ist bereits in der Zeit vom 5 bis zum 15. Januar um 27 R Prozent gestiegen. Seitdem hat die Teuerung entsprechend der Dollarsteigerung einen noch weit rapideren Verlauf genommen. Tritt im Rubrgebi»t die gefürchtete Katastrophe ein. so werden Betriebsstillegungen. Arbeitslosigkeit und dis Hungersnot in ihrer nacktesten Gestalt ganz Deutschland treffen. Darunter werden Unternehmer und Arbeiter in gleicher Weise aufs furchtbarste zu leiden habe-. Was lieot also näher, als der gleichen Not dieselbe innere Einheitsfront entgegenzusetzen wie im Ruhrgebiet!
I Die Lags im Ruhrgebiet.
‘ . W. T.-B. Paris, 20. Jan. Die Lage im Ruhrgebiet wird vom „Petit Parisien" wie folgt gekennzeichnet: Die Zwangsmaßnahmen, die Frankreich und Belgien e^rifsen hätten, seien gestern auf einen heftigeren Wider st and gestoßen als an den voraufgehenden Tagen. Man wisse, daß beschlossen worden sei, die dem preußischen Staate gehörigen Gruben nördlich von Essen zu beschlagnahmen. Die Operation, die gestern hätte durchgeführt werden sotten, hätte darin bestanden, sich der vier Kokereien der Minen, die bei Recklinghausen gelegen sind, zu bemächtigen. Es scheine jedoch, daß angesichts der Haltung eines Teiles der Bergarbeiter, die mit Streik gedroht hätten, man es vorgezogen habe, diese Operation nicht auf ein-
Der Generaldirektor der Staatsgruben, der diesen Widerstand offenbar herbeigeführt habe,, sei übrigens zu gleicher Zeit mit einem der hauptsächlichsten Cteuerbeamten im Ruhrgebiet verhaftet worden. Diese Ungelegenheit scheine jedoch das Vertrauen, das man in den Ausgang des Kampfes gegen die Beharrlichkeit der deutschen Negierung habe, nicht gemindert zu haben. Die Requirierung, die gestern in den Staatsbergwerken nicht hätte durchgeführt werden können, habe sich tatsächlich auf anderem Wege, nämlich durch das Abdrängen von Kohlentransporten zu Wasser und zu Lande nach Frankreich und Belgien durchführen lasten. Frankreich und Belgien würden andererseits die Organisation der Pfänder vervollständigen. Von beute ab würde die Ordonnanz der Rheinland- kommistion über die Zolleinnahmen es gestatten, außer den normalen Zolleinnahmen auch die Devisen aus der Ausfuhr der besetzten Gebiete zu beschlagnahmen. Diese Summen würden von den Alliierten selbst verwaltet. Gestern abend habe man auch in französischen und belgischen Kreisen die Ansicht vertreten, daß die Marknoten, über die man verfüge, allen finanziellen Bediirfnisten im Rubraebiet für einige Wochen genügen könnten. Unter diesen Bedingungen scheine jede Hast ungerechtfertigt
Arbeitsniederlegung.
.W.T-B. Cladbeck, 19. Jan. Die Belegschaft der Mölser-SchLlbte bat infolge der Besetzung durch französische Truvven und der Derbaftung des Geh. Ober- bergrats v. Raiffeisen die Arbeit niederselest.
Abermalige Borladung deutscher Großindustrieller.
Br. Esten. 20. Jon. (©in. Drabtber'ckt.) Die fünf Herren der Grohindiistne. die gestern von General Fourmer vor geladen werden waren, haben eine neue Vorladung zugestellt erhalten, und zwar für heute vormittag 10 llbr zur Fortsetzung der begonnenen richterlichen Vernehmung.
Der Standpunkt der Reichsrsgisruna.
e .4 Br y B«sm. 20. Jan. (Eiq. Drabtbericht.l Ein Ver- treter des „B. T. . batte mit dem Reichsauhenminister v. Rosenberg eine Unterredung, der den Stand. k..u" k t d e r R e i ch s r e g i e r u n g noch einmal in einer würzen Erklärung zulammenfatzte' Die Reicksregierung p 5* tr T1 i unbeirrt auf der Linie eines zwar nicht aagrcniven. aber entschlossenen moralischen Wider- standes. Deutschland sei von Anfang an von dem Mib- des französischen Unternehmens überzeugt gewesen Mit Daienctten kenne man keine Kohlen fördern, habe einer der Führer der Bergorbelter gesagt. Es werde nicht ^lmgen. den Widerstand der Unternehmer und den Ent- .chlutz der Arbeiter zu brechen. Erzwungene Lieferungen an Kohle wurden nnmerbln nur ern Bruchteil dessen kein, was bte freiwillige deutsche Arbeit den, Franzosen verschafft hatte. Das Svstem der EUenbahnen im Ruhrgebiet »u be- herrsckcn, sei kein geringes Unterfangen. Man drohe mit der Beschlagnahm« der Minen. Eine beschlagnahmte Mine nttbto als cm, Loch oder eine Söhle im Erdboden Voll und Rcs-r rnng seien sich darüber klar, dast ihnen keine Wahl bleibt. Wenn wir uns beugen wurden, wären wir verloren Bringen wir die sittliche Kraft auf. im Widerstand zu beharren, so kommen wir durch!
Verbots der Reichr»regierung.
.Br. Berlin. 20. Jan. (Erg. Drahtbericht.) Die Reichs-
tf*l IItt O llirfl nir» er«. 7s.es _
regle,ung und die Landesreg.erungen Preußens. Bayerns vesiens und Oldenburgs - :c
«w, i/iwi™ haben eine Anweisung an die Beamten erlassen, sich ans'cklieklick an die Anweisungen hier eigenen Regierung zu halten. Der Reicksfinan,- di« ' ' " '
m t n i st e r bat die ihm unterstellten Behörden ebenfalls demgc mast angen n!en Der Reichs verkehrsmini st er bat an dee Hauptbeiriebsleitung West, die von Essen nach
iuti " ' ’
Elberfeld verlegt wurde..Anweisungen gegeben, nach denen es rerboten nt. Kohlen mr Frankreich und Belgien zu befördern. Die Organisationen der Eisenbahnbeamten und Lrheiler in Essen haben belcklassen. sich streng an die Reick- — ' ' '
Weisung des Reichsverkehrsministeriums zu halten.
Ein Oberkommistar für das Ruhrgebiet.
v-it., Paris, 20 Jan. .(Eig. Drahtbericht.) Die ..Chicago Tribüne veröffentlicht eine Mitteilung, wonach dis französische Regierung sich daraus vorbereitet, im Rubraebiet cmen Oberkoni Missar einzusetzen, um die militärische und Zlvilrerwaliung zu leiten. Hierfür ist der General ManatA t» Aussicht genommen.
mal vorzunehmen, und daß man sich damit begnügt habe, die Hand nur auf eine dieser Kokereien zu legen.
Der Kampf um das Ruhrgebiet.
as. Berlin, 20. Jan. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Der große Kampf um das Ruhrgebiet wird mit aller Schärfe weitergeführt und es ist 'kaum anzunehmen, daß er seinen Höhepunkt bereits erreicht hat. So wird auch die beabsichtigte Ernennung des Generals W e y g a n d zum Nachfolger des Generals Degoutts, als Oberbefehlshaber für die französische Ruhraktion in den amtlichen Kreisen als eine erneute Bestätigung des militärischen Charakters der Ruhrbesetzung angesehen. General Wengand soll sich durch eine besondere Schärfe auszeichnen, und daß er gerade als oberster Chef des französischen Unternehmens im Ruhrgebiet ausersehen ist, legt man in Berliner politischen Kreisen als eine Verschärfung der Lage aus. Zunächst haben aber jedenfalls die Maßnahmen der Besatzungsbehörde mit einem M i ß- erfolg geendet, was auch von einem kleinen Teil der Pariser Presse nicht bestritten wird. Der Versuch, durch Beschlagnahme der staatlichen Gruben die Kohlen an der Quelle zu fasten, hatte den Erfolg, daß sowohl die Beamtenschaft wie auch die Bergleute einmütig die Befolgung der Anordnungen der Vesatzungsbehörden ab- lebnten. Ebenso bestellt ist es mit dem Versuch, den Kohlentransport nach dem Westen zu lenken. Die Eisenbahner befolgen nur die Anweisungen der Berliner Zentrale. Die Eingriffe in den Zugverkehr erwiesen sich insofern als zwecklos, als die Befrach- rung zu Wasser eingestellt ist und der Abtransport nur noch per Eisenbahn erfolgt. Sechs Eisen bahpzüge, die beschlagnahmt wurden und nach dem Westen weitergeführt werden sollten, stehen heute noch an derselben Stelle, wo sie festgehalten worden waren. Der Kamps um die Kohlen hat also tatsächlich mit einem ,»
Mißerfolg »et Alliierten
begonnen.
Es braucht wohl kaum besonders betont zu werden, daß noch weitere französische und belgische Maßnahmen erfolgen werden. Aber auch die Reichsregierung darf nicht untätig bleiben. Wie es bis jetzt der Fall, werden nach weitere Gegenmaßnahmen erfolgen. Im übrigen bestebt in Reaisrungskreisen die Auffassung, daß d'.e französischen Pläne auf Einführung einer neuen Ru h r w ä h r u n g, der Errichtung der Zo l l g r e n z e, die, wie es heißt, am ZI. Januar erfolgen soll, und der Erhebung der Kohlensteuer durch französische Organe, auf Monate hinaus kaum in Wirksamkeit treten können. da es den Franzosen zur Durchführuna dieser Maßnahmen an Material fehlen wird. Es ist selbstverständlich daß die Reichsregierung eine neue Währung im Ruhrgebiet auch nicht anerkennen würde. Die Errichtung einer Zollgrenze würde
die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung aufs schwerste gefährden und die Franzosen wahrscheinlich zwingen, aus eigenen Beständen für die Ernährung aufzukommen. Man rechnet auch damit, daß die Kohlenausfuhr aus dem Ruhrgebiet nicht völlig aufhört, vielmehr werden immer noch Kohlentransporte in das unbesetzte Gebiet kommen. Es 'sind aber auch Maßnahmen getroffen, um aus Ost-Oberschlesien Kohlen zu erhalten. Sollte Frankreich die nach Deutschland gehenden Nuhrkohlen mit einer besonderen Abgabe belasten, so würde die Regierung auch für diesen Zweck
wirksame Gegenmaßnahmen
ergreifen. Dabei kann die Regierung sich, wie bei allen Abwehrmaßnahmen darauf verlassen, daß sie alle Schichten der Bevölkerung hinter sich hat. So fan» gestern beispielsweise auf Deranlastung des Vorstandes der sozialdemokratischen Partei eine Sitzung der Vorstände der sozialistischen Fraktionen des Reichstags und des preußischen Landtags in Gemeinschaft mit Vertretern des Allgemeinen deutschen Eewerkschaftsbundes und der Afa statt, in der sich vollkommene ll b e r'e i n st i m m u n g über den Ernst de« gegenwärtigen Lage und über die Notwendigkeit, der Regierung jede Unterstützung zu gewähren, ergab. Die Arbeiterschaft wird alles tun. um in Abwebr des französischen Einmarsches alle zweckdienlichen Maßnahmen zu unterstützen. Ebenso war man einer Meinung darüber, daß alles unterbleibe« müsse, was geeignet sei, die gegenwärtige Abwehr- aktion im Ruhrgebiet zu stören!
Italienische Truppen für Koblenz?
D. London. 20. Jan. (Eig. Drahtbericht.) In hiesigen Kreisen verlautet, daß gegenwärtig zwischen Paris und Rom Verhandlungen rin Gang" sind, um die Bedingungen feftzustellen, unter denen die italienischen Truppen die a m e r i t c- nischen in Koblenz ablösen könnten.
