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Nr. 15.

Donnerstag, 18. Januar 1923.

71. Jahrgang.

Taten!

Wir haben fett Kriegsende schon manchen schweren und trüben Retchsgründungskdg erlebt, aber noch keinen, der so voll Betrübnis und Bitternis war wre^ der heutige. Keinen aber auch, der uns so eindringlich und lebendig ins Bewuhtsein gehämmert Hatte, datz die Tat des 18. Januar 1871. die uns ein einiges Reich schuf, heute von neuem an unsere Herzen, an unser Gewissen klopft und ans über Jahrzehnte hinweg mit eherner Zunge zuruft. datz nur Einigkeit stark macht Diese Mahnung mutz heute durch alle deutsä>en Gaue bis in den letzten Winkel dringen. Schon kundi­gen sich die ersten Auswirkungen der Besetzung des Ruhrgebicts an: der Dollar hat den furchtbaren Stand von LllM« erreicht. Eine neue Teuerungsflut ist im Anrollen, die wiederum Millionen Deutscher m Rot und Verzweiflung stürzen wird.

Reichspräsident und Reichstagspräsident haben schöne und warme Worte für die Rot der Bewohner der neilbesetzten Gebiete gefunden. Nicht weniger wür­dig und erhebend war der Appell, den der Reichs­kanzler an sie gerichtet hat. Er war es auch, der so­fort das Gebot' der Stunde erkannte, und sein ganzes Sinnen und Trachten gilt, wie wir zuverlässig wissen, dem einzigen Gedanken, mit welchen Mitteln der schweren Not des Volkes, die kommen wird, entgegen- gewirkt werden kann. In der Tat. der Worte und der Mahnungen haben wir genng vernommen, jetzt wollen wir Taten sehen! Jetzt heitzt es, rücksichtslos und mit harter Faust überall zugreisen. wo der einzelne wie ganze Oraanisationen ihr Eigemnteresse höher stellen als das Wohl der Gesamtheit. Jeder einzelne mutz es fühlen, datz es der Regierung heiliger Ernst ist. das Parasitentum an unserem Volkskörper auszubrenncn. In der vorigen Woche haben die Spitzenverbände des ganzen deutschen Unternehmertums, geführt vom Reichsvetband der deutschen Industrie,- der Vereini­gung der Arbeitgeberverbände und dem Reichsland­bund. dem Reichskanzler die Versicherung gegeben, datz sie sich mit all ibren Kräften hinter die Regierung stellen' und alle Opfer zu bringen bereit seien, die die Not des Vaterlandes fordert. Nur die Einheitsfront des ganzen deutschen Volkes könne uns fetzt retten. Nun ist die Stunde gekommen, da sie zu beweisen haben, datz dies nicht nur Worte waren, datz sie auch zu Opfern bereit sind. Und es sollte ibnen nicht schwer fällen, wenn sie binblicken in das Land der roten Erde, wo die Bergherren fett eisenhart und trutzig, stolz und stark wie die westfälischen Eichen auftreten, Freiheit und Besitz miss Spiel setzen und sich lieber ins Gefäng­nis stecken lassen, ehe sse von ibrem Worte weichen. Dieses Beispiel deutsclnm Mannestums. deutschen Bekennermutes ist hinreitzend und erbebend und löscht vieles aus. was man der Schwerindustrie so oft vorge­worfen bat. Ebenbürtig zur Seite siebt den Derq- berren die ganze Bergarbeitersckmft mit einem morali­schen Mute, der erschütternd wirkt kn dieser Zeit der Sä,wach? und Verzagtbeit. Die Treuerflicht gegen Staat und Volksgesamtbeit gebt ibnen über alles. Zu diesen herrlichen Deifvielen vaterländischen Ovfermutes mögen alle unsere Wirtschaftsstände emporblicken.

Was die Regierung ihrerseits an Matznabmen bis­her angekündigt bat. ist gut. aber nur ein Tropfen auf einem heitzen Stein. Könnte man viell-'icht auf die Pfvchalogie des Volkes noch mehr Rücksicht nehmen? Wäre es trotz aller Schwierigkeiten in vlelfackmr Hin­sicht nicht möolich gemelen. der Stimmung und der ver­bitternden Not der Massen dadurch Rechnung zu traemn. dak> man die Erböhuna der Posttarife noch einige Zeit verschoben batte? Liehe sick, nickt aus dem oleich-m Gedankengana heraus wenigstens die ana>ekLndiate Er- böbnng der Eifonbabntariko noch etwas binauszöaern? Positive Matznabmen der Reamrung wären zweifellos geeignet, die Stimmung im Volke aemoltig zu beben. Und' wenn es wahr ist. datz das Beispiel alles ist so würden durch eine Verbilliaungsaktion der Regierung auch die privaten Wirtschaft-sstände ihrerseits cirtcn starken Änsvorn erhalten. Auch den zahlreichen Rot­leidenden, den Alten und Kranken, mutz viel reickiickmr al- bisher geholfen werden. Sa erst findot d»r Reickm- krönungstan uns seiner würdig in Gemeinsinn und Opferbereitschaft!

Verbot aller Tanzlustbarkelten.

Br. Berlin. iS. Jon. tEiq Drabtberickt.1 Der Ver- liner Polizewräsident bat von beute ab die V o l i z ei- stunde ron 1 Ubr nacbts auf 11 Ubr abends berabae'ekt. sterver loll beute ein oolizeilibes Verbot läm-ilicker Tan zlustbarkelten in Berlin verfügt werden. Wie der ..D. L.-A." hört, dürfte noch beute der vreußssck« Minister des Innern in einem Erlaß an die Obervräst- dtIlten di« gleiche Mabnabme anordn«n.

Frankreichs Absichten.

W.T.-B. Paris. 18. Jan. Der ..Matin" gibt über die Absichten, die die französische Regierung im Rubrgebiet vlane. folgend« Aufklärung: Eine Untersuckung werde schon beute gegen die widersoenktigen In­dustriellen des Rubrgebietes eröffnet werden. Der Brrilbterstaiter des Kriegsgerichts werde si« vorladen. Drc direkte Ausbeutung der Wälder im Rheinland und im Rukrgehiet werde sofort beginnen. Außerdem wurden mtt Zustimmung der italieniiäien Regierung einige ..eng­lische Ingenieure engagiert, um mit den französischen Ingenieuren zulammenzuarbeitcn. Während der gestrigen Ministerkonferenz sei die Laae km einzelnen gevruit wor­den. Die neufestgestelltcn Verfehlungen und der Wider- stand des Deutschen Reiches würden eine Serie von vro- greiiinen Sanktionen nach stcb ziehen, darunter könne man die Konfiszierung der Staatsgrubcn mnuhren. die Ausmessung der oreutziscben Beamten, die Beimlag- nahme aller Steuern, die Aufrichtung eines Zollkordons. Weil die deutlcke Industrie, vertreten durch den Reubs- kanzlcr Ezl o o — Io schließt der ..Matin — den Wirt­schaftskrieg will, wird sie ibn baden, und da sie sick aller ibrer Wakien bedient, werden Frankreich und seine Allrrer- ten keine der ihrigen vergeben. *

Die Ausbeutung der Domanialforsten auf dem linkeu Rheinufer.

W. T.-B. Paris. 18. Jan. Savas berichtet: Die fran­zösische, die belgische 'und die italienische Regierung baden den Bcfebl zur sofortigen Ausbeutung der Domanialforsten ein dem linken Rbeinufer erterlt als Sanktion iiir die am 26. Dezember durch die Reva- raitionskommission iestgestelllen deutschen Verkeblungen bei den Holzlieicrungen.

Beschlagnahme leerer Eisenbahnwagen und Schleppkähne?

W.T.B. Essen. 18. Jan. Von französischer Seite wurde gestern abend mitgeteilt. datz als ein« .der angedrobten Sanktionen in der heutigen Nacht ein« große Anzahl leierer iEijenbvbnwaggons beichlagnabmt werden sollen. Weiter sollen leere Schleovkäbn«. die sich auf dem Rhein sowie put dem Rl^in-Herne-Kanal befinden, ebenfalls be­schlagnahmt werden.

Noch keine Nequisitioasnatznahmen.

I'llt. Essen, 18. Jan. sEig. Drahtbericht.) Bisher wurden noch keine Requisitionsmahnahmen getroffen. Die Meldung des Wolfs-Bureaus. wonach als weitere Sanktion im Laufe der Nacht die Beschlagnahme aller Kohlenwaggons und aller Schlepp­kähne auf dem Rhein- und dem Rhein-Hcrne-Kanal stattfinden sollte, hat sich bisher nicht bestätigt. Es haben keinerlei Beschlagnahmen statt- gesunden. Die Kohlensendnngen sind auch gestern un­eingeschränkt durchgeführt worden, und zwar^sind die Transporte in die Berbrancherhände des Jndustric- reviers oder nach dem unbesetzten Deutschland gegan­gen. Die Koblensendungen in das unbe­setzte Deutschland haben bisher keine Ver­minderung erfahren.

Die Ablenkung der Kohlenzüge.

W.T.-B. Paris. 18. Jan. Davas berichtet aus Essen, die Ablenkung der beladeurn Kobkenzüge. die in den Ver- ladebaknhöfen des Bezirks von Essen von gestern an durch- geiiikrt werden sollte, habe sich obne Zwischenfall vollzogen. Das Kcklenbu»enu von Paris habe erfahren, daß gestern abend 6812 Tonnen Koks und 587 Tonnen Kohle aus dem Rubrgcbiet eineetrossrn simd.

Beseitigung der Kohlensteuerlisten durch die deutschen Behörden?

D. Paris, 18. Jan. (Eia. Drabtbericht.) Sicheren Nach­richten aus dem Rubrgebiet zufolge haben nach dem Vorbild des Kokleninndikais dir deutschen Behörden alle Be­lege und Akten über die Erhebung der Kob len st euer aus den Zollämtern kortschaffen lassen. ..Petit Parisien" meldet hier,"., eine V-üfung dieser ver- lMwuvder.en Koblensteuererbebungsluten hätte zweifellos den Umlang der Kohlenförderung im Rubrbccken entbüllt.

Ein Reichskredit au die Zechen?

Br. Berlin. 18. Jan. (Eig. Drabtbericht.) Über die brenvende Frag«, welche Maßnahmen zu ergrelken sind, um die Mittel für d>e Löhnung der Bergarbeiter im Rubrgebiet zu beiclrakfen für dm Fall, daß leßtere sich end- gült-g weigern, für die Franzosen Kohlen »u fördern, baden in ^rlin gestern zwischen Deritretern der Zecken nnv Rogicrungsstellen Bewrrchunoen stattgefunden. Bescklusse wurden noch nickt gefaßt. Wahrscheinlich aber wird die R'gierung dafür Serge tragen, daß den Zechen in dem er­wähnten Falle em größerer Kredit einge'änmt wird, um mit dessen Hilfe die Bergarbeiter über Wasser zu halten. Dem Dedor.ken einer großen Rationalivende für die Bergarbeiter des Rubrgebietes lost, wie ver­lautet. : n Regie-nngskressen zwar nicht nabe'-getreten wor­den Mn. dach wird er von vrivatkaoitalistischer Seite leb- hc.st erörtert

Fortsetzung der Neparationskohlenlirferungea au Italien.

W.T.-B. Berlin. 17. Jan. Italienische Zeitungen veröffentlichen die Nachricht. Reparationskvhle für Italien sei auf Weisung der deutschen Regierung in der Schweiz angehalten worden. — Wir erfahren dem« gegenüber, datz von der deutschen Regierung keiner­lei Beschlagnahme von Reparation s« koblenlieferungen an Italien verfügt, datz vielmehr die Anweisung gegeben wurde, diese Lieferun. gen sortzusetzen.

Der große Abwehrkampf.

as. Berlin. 18. Jan. fDrahtmeldung unserer Ber­liner Abteilung.) Die militärische Aktion im Ruhr­gebiet scheint zunächst abgeschlossen zu sein, und dam» dürste nach französischer Auffassung die Voraussetzung für die Durchführung der wirtschaft­lichen Matz nahmen gekommen sein. Denn auch französische Blätter erklären ja, ncan habe Beispiels-. weise von einer Umleitzlng der Kohlenzüge bisher Ab­stand genommen, um die Truppentransporte nicht zu gefährden. Schon wird die Beschlagnahme der Kohlen-, steuer gemeldet, und schon sind weitere Matznahmen angekündigt D'e nächsten Tage müssen nun zeigen, auf welche Art Frankreich und Belgien ihr Ziel glau­ben erreichen zu können. An der Haltung der Reichs­regierung, der Zechenbesitzer und der Arbeiter werden alle Matz nahmen nichts zu ändern ver­mögen, wobei noch erwähnt fein mag, datz die Organisation der polnisiben Grubenarbeiter im Ruhr- gebiet, auf die die französischen Blätter so grotze Hoff­nungen setzten, für den Fall eines Generalstreiks genau die gleiche Haltung einneh-men wie die deutschen Ar­beiter. Datz die Franzosen sich

vor recht grotze Schwierigkeiten

gestellt sehen, verkennt auch die französische Presse nicht. Es sei nur daran erinnert, datz die Frage der V e- zahlung für die Bergarbeiter noch völlig ungeordnet ist und datz ferner die Lebensmittel­vorräte im Rlibrgebiet äutzerst gering sind. Die nächsten Tage müssen nun zeigen, wie die fronzö'ssch- belgifche Kommission und die französischen Generale dieser Schwierigkeiten Herr zu werden gedenken.

Es braucht wotzl kmim besonders betont zu werden, datz die Lage im Ruhraebiet fortgesetzt Gegenstand der Beratungen der Reichsreaierung ist. So bat auch gestern eine gemeinsame Sitzung des Reichs­kabinetts mit dem preutzikchen KabUnett stattge- funden. Wenn Beschlüsse solcher Beratungen bisher nicht veröffentlicht wurden, so ist das darauf zurückzu- fübren, datz man einesteils nicht die Absicht hat. die Karten vorzeitin anfzudecken und datz zum anderen das Vorgeben der Reichsreaierung natürlich abhängig ist non "den Matznahmen, die die Franzosen zur Durch­führung brinoen. Die Reichsregiernna ist aber wie auch die politischen Parteien und die Wirtschaftskreise

auf alle Eventualitäten gerüstet.

So sind auch setzt von biestaen Stellen Verhand­lungen mit den Grubenbesitzern Ost-Ober­schlesiens angeknüpft worden, um dort einen Teil des 2lusinlls der Rubrkohlen zu bekommen. In Ober­schlesien bestebt zurzeit Kohlenüberflutz und man will nun deutsche Wagen zum Abtransport dieser Koblenmengen zur Verfügung stellen. Auch die Be­ratung über innerwirtschaftliche Matz­nahmen nehmen ibren Fortgang, soweit sie sich auf das Gebiet des Ernährung swesens beziehen. Eo hat der Reichscrnährungsminifter Dr. Luther in seiner Besprechung mit den Gewerkschaften, in der er auch mitteilte, datz die Br o t v e r s o r g u n g De u t s ch- lands bis Ende Juni oder bis Mitte Juli gesichert sei. einitze Andeutungen gemacht. Man wird daran denken, die Za h l der Fl e i s ch g e r i ch t e in den Restaurants e i n z u s ch r ä n k e n. den Ver­brauch von Milch in Cafös und Restaurants zu untersagen und mich Verordnungen geaen eine über- mätzioe Verwendung von Mehl zum Kuchenbacken zu erlassen. Gegen Schlemmer-' und Luxus- lokale soll mit aller Schärfe vorgegangen werden. Auf eine Anreaung der Gewerkschaften, die Zwangs­wirtschaft für Milch und Fleisch wieder ein­zuführen. bemerkte der Reichsernäbrungsmivister. datz eins Zwang«bewirtschaftnna gegenwärtig nicht m ö g- l i ch sei. Wie ferner verlautet, erörtert die Reichs­regierung ein

Verbot aller Vergnügungen und Lustbarkeiten.

Auch hier ist eine Entscheidung noch nicht gefallen, doch bat der Berliner Polizeipräsident von sich aus die Polizeistunde bereits auf 1t Uhr berabgefetzt und gleichzeitig ein Verbot bestimmter Tanzlustbarkeiten erlassen. Alles das sind Mittel, die in vernünftigen Kreisen Beifall finden werden und die wobl geeignet sind, die Kräfte des Volkes zu stärken in diesem grotzeü Abwebrkampfe. der freilich auf wirt­schaftlichem Gebiet noch weitergehende Mutznahmen er­fordern wird. , __

Die militärische Aktion vorläufig beendet.

Br Düsseldorf. 18. Jan. (Ei«. Drabtbericht.) Genei-at Des out t e erklärte Pressllvertvetern aogenüber. die mili°

timube Aktion im Richrgebiot iei vorläukig beendet.