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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf, Laubacherstratze 35, Fernsprecher: Uhland 3188.

Nr. 13.

Dienstag, 16. Januar 1923.

71. Jahrgang.

Die MWeblinz Des KHIungstttmins.

Die Pariser Blätter hatten sich schon den Kopf darüber zerbrochen, was an dem kritischen 15. Januar, dem Tage, an dem nach dem Londoner Zahlungsplan die erste deutsche Zahlung wieder fällig geworden wäre, geschehen würde, und sie waren zum Teil sogar bemüht. Deutschland gut zuzureden, da man zweifellos die Sanktionen mildern werde, wenn Deutschland jetzt seinen guten Willen beweise. Die Kopfschmerzen der französischen Blätter waren unnötig. Die Reparations­kommission Hut. wie schon gemeldet wurde, die Kriegs­lastenkommission davon in Kenntnis gesetzt, daß der Zahlungstermin provisorisch auf den 31. Januar ver­schoben sei. Damit ist eigentlich Herr Poincarö schon sich selbst ungetreu geworden, denn es ist hier, streng genommen, ein Moratorium ohne Pfänder bewilligt worden, wenn es sich dabei freilich auch nur um vierzehn Tage handelt. Offiziell wird die Ver­schiebung des Berfalltages damit begründet, daß der französische Plan für ein Moratorium noch nicht fertig gestellt sei, und daß man überdies den Alliierten Ee- legenl)eit geben müsse, diesen Plan zunächst eingehend zu prüfen. Aber selbst die Pariser Blätter verschweigen nicht, daß das nichts anderes als ein Borwand ist, und daß der eigentliche Grund für die Verschiebung des Zahlungstermins der ist, daß es nach dem Abbruch der Pariser Konferenz noch nicht gelungen ist. die Mei­nungsverschiedenheiten zwischen den Alliierten zu über­brücken, obwohl es an Vermittlungsversuchen nicht ge­fehlt hat. Bonar Law scheint durchaus nicht ge­willt zu sein, seinen Standvunkt aufzugeben.

Es wäre durchaus falsch, aus der passiven Haltung Englands gegenüber der Ruhraktion etwa den Schluß zu ziehen, daß das englische Kabinett jetzt nachgiebiger gestimmt sei. Zunächst zieht England den Vorteil aus dem französtfchen Vorgehen dadurch, daß ssch die Be­stellungen auf englische Kohle häufen. Die Lage des englischen Kohlenmarkts habe ssch. so erklärt man in den Kreisen der englischen Kohleirinidustrie. durch die französische Rubrbesetzung in ..dramatischer Weise" ver­ändert. Dabei dürfte man aber in London klug genug sein, um nicht zu übersehen, daß es sich hier nur um ein recht kurzes Geschäft handeln kann, und daß wich­tigere Dinge als ein kurzes Geschäft englischer Kohlen­interessenten auf dem Spiele stehen. Zunächst freilich dürfte die englische Regierung durch das Kohlen­geschäft in ihrer abwartenden Haltung bestärkt werden.

Vor allem aber bestehen — und französische Blätter machen auch keinen Hehl daraus -r- noch recht große Meinungsverschiedenheiten zwischen Italien und Frank­reich. Man wollte ja ohnehin in Paris in diesen Tagen wissen, daß Mussolini in einer Rote, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ, gegen die militärische Aktion im Ruhrgebiet protestiert habe und sich lehr lebhaft gegen eine weitere Ausdehnung der Besetzung gewandt habe. Eine Bestätigung dieser Ge­rüchte war freilich weder in Paris noch in Rom zu erlangen, ab-r es ist ja kein Geheimnis, daß zwischen Paris und Rom sehr eifrig verhandelt wird un>d auch Mussokini bat das in seiner Kammerrede am Mon'ag bestätigt. Diese Verhandlungen gehen allem Anschein nach nicht so flott vor sich, wie man das in Paris für wünschenswert hält, und die französische Presse stellt denn auch mit Bedauern fest, daß Italien keine fran- zosenfreundliche. sondern eine sehr selbständige Politik betreibe. Run bat aber Mull--lini selbst früher er­klärt. daß ein Leiisatz seiner Politik sei. nichts ohne Gegenleistung und man darf daber wobl annshmen, daß eine Einigung erzielt werden wird, sobald Klarheit über die Zugeständnisse besteht. Italienische Blätter wollten ohnehin schon wissen, daß ein französisch-italienisches Ori-ntabkonnnen vor dem Abschluß ste^e. doch eilen diese Nachrichten offenbar den Tatsachen voraus. Immerhin erscheint es wünschenswert, zunächst Zeit für weitere Verhandlungen zu gewinnen.

Schliek-lich dürfte für die Verschiebung des Verfall­tages auch nock ausschlagaebend gewesen sein, daß man zunächst einmal ahzuwarten wünschte, welche Erfolae man Nl!t d»r Ruhrbesetzung erzielen würde. Inzwi­schen hat sich die Lage im Ruhrgebiet weiter verschärft Iw Laufe des Sonntaos ist die Besetzung non Gelsen­kirchen und Bochum vorbereitet worden, die am Montag dann vollzogen wurde, und die französischen Truppen sind bereits im weiteren Vormarsch. so daß sie in Kürze das gesamte rbeinilch-westfälische Industriegebiet um­schlossen und okkupiert haben werden. Leider kam es in einigen Städten auch zu Zusammenstößen und in Bockninl ist sogar Blut aeflollen

Neben den gesteigerten militärischen Druck tritt jetzt auch die V-rschnrfung der wirtschaftlichen Zwangsmaß­nahmen. Alled-»m gegenüber gilt es für Deutschland, den Willen zum Ausharren zu bewahren und zu stärken!

| Weitere Ausdshnunq der Ruhrbesetzung

Bochum besetzt. "X

Essen. 15. San. Der Vormarsch der fran­zösischen Truppen gebt ununterbrochen weiter. 2m Norden fuhren Radsabrertruvos über Werden und Reck­st n 6 Hausen nach Datteln vor. Im Süden sind grobe Massen auf dcm Weg von Werden über Kuoserdreb und Hattingen im Vordringen. Hattingen und Blanken- st c l n sind b« letzt. Die Verbindungslinie Dcttteln-Blanken- stein schließt Bochum bereits ein. Eine dritte Diomon. die d:e Btstimmung bat. Bochum zu besetzen, ist von Gerres­heim aus in Vormarsch ^setzt. Mettmann. Wülf­rath. Neviges. Velbert und Langender» sind bere'ts von starken Kavallerie- und Intanteriekrüften besetzt.

.Br. Esten. 16. Jan. (Ci«. Dratttberickt.) Böckum Ist am Montagmittag von den Franzosen besetzt worden, Nach­dem um 12 Ubr der Babnbos durch eine mit der Eüenbabn von auswärts ankommende Abteilung besetzt worden war, erlo-lgte später der Einzug weiterer Truvven. die das Rathaus. Post und Telearavbenamt besetzten. .

Während des Einmarsches der Truppen fand im Rat­haus eine außerordentliche Sitzung der städti­schen Körnersckrnften statt in der folgende Entschließung ge­faßt wurde, die den ausländischen Regierunsen übermittelt tverdcn soll:

Magistrat und Stadtverordnete von Bochum legen ein­hellig und seitlich Einsvruch gegen das beute er­folgende Einrücken französischer Truvven in die Stadt ein. Mit der Reicks- und den Landesresiernnsen und den arteien erklären sie die Besetzung tür den schwersten rchts- und Friedens brück, der die Lebens- fr-ift chrer Industrie unterbindet und die Steigerung des Wobnunastlents fonre die iorunnhaste Erhöhung der bisher ickcn kaum erkchwinalicken Preise der notwendigen Lebensmittel im Gefolge haben wird und schwere Nach­teile stir die Bevölkerung mit ssch bringt. Wir machen die Gewalibaber für alle Leiden und Schäden unserer Bevölketurg .verantwortlich. Namens der ganzen Ein­wohnerschaft der Stadt Bochum bekennen wir in dieser schwersten Stunde mtter treues Fest halten am Deutschen Reick. Mir werden beute die Besonnenheft wahren, abe/r keinen Angekbhlck vergessen. daß wir nur der Gewalt weichen.

Weiter wird gemeldet: Gegen 12.30 Ubr setzten ssch französssche Truopcn in der Ricktting Witten in Be- u egun«. Die Truvven. di« den Hauvtbabnbof besetzt kalten, sind Belwer. die aus der Ricktting Linden kamen.

Br. Essen. 16. Jan. (Ein. Drahtbericht.) Hier rechnet man mit einer weiteren Ausdehnung der Besetzung bis Hamm und auck in das Wuvvertal. Die Besetzung von Dortmund wird für heute erwartet. — Nack einer weiteten Meldung haben die Franzosen gestern nachmittag Vorhalle einen Vorort von Hagen, sowie I o o u m und A. a n » e ltesetzt.

Br. Dortmund. 16. Jan. (Cm. Drahtbericht.) Wenn auch bislann keine bestimmte Nachrickt über eine levor- stebende Besetzung von Dortmund vorfteat. so haben di« Behörden iedock bereits alte.Vorkehrungen für den Empfang der Franzoten getroffen. Die Sckntzoolnei ist augenblicklich mit der Räumung der Kreuz^ckule beschäftigt.

>V. T.-B. Dortmund, 15. Jan. Im Stadtteil Dorst­feld sind 2 sronzössscke Offiziere, 2 Unterosfizi"re und 2 Mann einoetrollen. Der Ort Ren ged. 15 Kilometer von Dorimund. ist non einer starken Abteilung Franzosen besetzt mifVr, ebento Marten.

Br. Duisburg. 16 Fan. (Ein. Drahtbericht.) Auch nach Neiden di" ist d'e mitttämicke Besetzung weiter gnsnebaut tu rden. So wurde F r i e d r i •* s f e (b bei Wesel "on franznsslkber Kavallerie be'etzt. Die Mittelbriicke vor Wille! ist mtt em-m belgk'chen Panzerwagen und einem belgischen Trrtppcnvosten verleben worden.

Ausschreitungen in Bochum.

Br. Bochum. 16. Jan. (Eig. Drahtbericht.) Gestern abend ist es in Böckum zu Ausschreitungen ge­kommen. Vor dem Eiienbabnbettiebsamt bildeten sich ganze Versammlungen. Weitere Auilausc entstanden vor dem Ratbaus, was die sranzössicben Truvven veranlaßte unter Gewcbr zu treten. Kur, vor 8 Uhr kam es zu Zuiammen- rottuitgen rsr der Handelsschule. Es zog ein Tnivv von etwa fünfhundert Leuten die Bbönipallee entlang mit dem Eeiang patriotischer Lieder. Die Franzoien schossen, zuerst mit Gewehren, dann mit Maschiuen- Gcn t hren. wobei ein Mann gelötet und zwei s ch w er verletzt wurden. Während die Schüsse fielen, ließ eine Tlunve von Kommunisten, die vorher den Gelang der 3. Internationale angestimmt batte, die französischen Sol­daten am Dabnhof hochleben mit dem Ruf: ..Es leben unsere französischen Brüder!"

Zusammenstöße.

Br. Steele (Ruhr). 16. Inn (Eia Drahtberickt.) In Steele ist es zwilchen der Bevölkerung und den Be- fotzui sst'u.pncn zu Zusammenstößen gekommen. Dort vutde die von den iranzösilchen Besatzungstruppen aus>ie- acRtne Fahne berabaeriisen und zerfetzt. Der Bürgetmeister der Stadt hatte sich deswegen bei dem Kom- maisdanten der sranrüssichen Truvven ,u verantworten. Der Kommandant ermahnt die Bevölkerung. Rübe und Ordnung »u bewahten.

Auch in einem Wirtshaus in dem Essener Vorort Sicvvenberz kam es zu einem Zwischenfall und zu einer Schlägerei zwischen Zivilisten und franröss!a>eii Soldaten

Ein Zwischenfall in Essen.

W. T.-B. Essen. 15. Jan. Heute nachmittag zog nach Ablauf der lialben Traueritunde eine größere Menge vor dos Holet Kaiierbof das von der Deiatzungsbehörd« regmriert ist. und stimmte dort das Deutichland-Lied und andere patr'otilche Lieder an. Es ereigneten ssch keiner­lei Zwischenfälle. Die Beätztingsbebörde stellte jetzt c.n die dtutsche Polizei dos Ersuthen die Täter dteser Demonstration ausfindig zu machen und »u verbasten.

Neue Gewitterwolken.

an. Berlin, 16. Jan. (Drahtmeldung unserer Ber­liner Abteilung.) Die Besetzung des Ruhrgebietes ist iin Laufe des gestrigen Tages wesentlich nusgedehni worden. In Paris erklärte man, daß die Ausdehnung bis über Dortmund hrnans beschlossen sei und im Ruhr- gebiet wollte man wissen, daß das nächste Ziel nach der Besetzung Dortmunds Hamm sein werde, wo sich be­kanntlich zahlreiche Schächte befinden, sowie dar Wuppertal. In Paris motiviert man diese Aus­dehnung der Besetzung damit, daß die Reichsregierung dir Aktion im Rührgebiet durchkreuze. Außerdem ist man anscheinend bemüht, eine neue vorsätzliche Ver­fehlung Deutschlands festzustellen, denn die Repara- tionskommissian soll sich jetzt mit der Einstellung der Kohlenlieferungen durch Deutschland beschäftigen, und dabei wird offenbar die französische Delegation die stieststelliing einer neuen vorsätzlichen Nichterfüllung be­antragen An dem Standpunkt der Reichsregierung wird auch diese Ausdehnung der Besetzung nichts än­dern. Man steht in Berlin unverändert auf dem Standpunkt, daß Sonderverhandlungen mit Frankreich und Belgien nicht in Frage kommen, doch schließt das natürlich nicht aus, daß man über eins vernünftige Regelung des Reparationsprvtzlems mit der gesamten Entente verhandeln

würde.

Auch die aus dem Auslände vorliegenden Nachrich­ten lassen erkennen, daß sich in der Beurteilung der Lage nichts geändert hat. In London hat sich gestern ein Kabinettsrat erneut mit der Ruhrfrage beschäftigt, der offenbar die bis jetzt eingenommene Haltung der Regierung bestätigt bat. In einem Telegramm wird berichtet, daß die englische Regierung der Aktion Frank­reichs gegenüber weiter

wohlwollende Neutralität

bewahren wird. Nur wenn die Franzosen die Nuhr- besetzung weit über den ursprünglichien Plan ausdehnen sollten, würde die englische Regierung die Lage einer neuen Prüfung unterziehen müssen. Freilich sei es sehr unwahrscheinlich, daß sie irgend etwas unter­nehmen würde, um die Franzosen an der Ausübung ihrer Absichten zu verhindern. Auch nach New Porker Meldungen deutet nichts darauf hin. daß sich für Amerika ein Umschwung, in der Beurteilung der Lage bemerkbar macht. Mit einem direkten Eingreifen Amerikas ist nicht zu rechnen. Unberührt bleiben freilich die Bemühungen, die Re- paratiansfrage einer vernünftigen Regelung zuzufübren, doch scheint im Augenbk'ck auch hierin ein Stillstand eingetreten zu sein. Offenbar bestebt dafür aber in italienischen Kreisen die Ansicht, das Repara- tionsprrb'tem durch neue Verhandlungen wie­der in Fluß zu bringen und

die Fühlungnahme zwischen Rom und Paris wird allem Anschein nach weiter fortgesetzt werden, ohne daß sie bislier praktische Ergebnisse gezeitigt hätte.

Während die Augen der Welt so auf das Ruhr­gebiet gerichtet sind, türmen sich

im Osten Europas

neue Gewitterwolken. Eine Moskauer Meldung be­stätigt die Gerüchte über einen Protest Rußlands gegen die Ruhrbesetzung durch Frankreich und Belgien, und gleichzeitig berichten Moskauer Blätter, daß für den Fall.' daß Frankreichs Dargehen eine Rückivirkung auf Polen bat, diese Entwickelung Rußland auch direkt in di« zeniraleuropäische Krise hineinziehen könne. Tatsächlich liegen auch aus Polen Nachrichten über militärische Maßnahmen vor. doch er­klärt man an amtlichen polnischen Stellen, daß es sich nur um gewöhnliche Maßnahmen handele. Es wird auch Wert darauf gelegt, festzustellen. daß diese Rüstungen Polens nicht durch das Vorgeben Frankreichs veranlaßt wurden, zumal die polnische Re- oieruna offiziell hat erklären lallen, daß für sie eine Teilnahme an der französischen Aktion nicht in Frage kommt.

Für Polen tritt aber ohne Zweifel jetzt

die Memelfrage

in den Vordergrund des. Jtiteresses. Es ist ja bekannt, daß Polens Bestreben seit langem darauf hinausläuft, sich in Memel einen zweiten Zugang zur Ostsee zu sichern. Infolgedessen hat die Besetzung Memels durch die litauischen Freischärler große Beunrubionng hervorgernfen. So wurde dann auch in einer Kanferenz mit den Botschaftern Englands, Frankreichs. Japans >imd Italiens im polnischen Außen- Ministerium die Stellung Polens zu deni litauischen Einfall ins Meinelgebiet dargelegt und erklärt, Polen müsse eine sofortige Liquidierung des litauischen Untrernehmens durch die Entente