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Nr. 11.

Samstag, 13. Januar 1923.

71. Jahrgang.

Kohlenchaos.

Der französische Befehlshaber im Ruhrgebiet hat bei dem Einzug seiner Truppen eine Proklamation er­lassen, in der er befahl, daß die Arbeit und das Wirt­schaftliche Leben überall ohne Unterbrechung und ohne Störung seinen Fortgang zu nehmen habe. Unglück­licherweise, nicht nur für Frankreich, sondern auch für uns, kann sich die Sache nicht so einfach vollziehen. Unter dem Belagerungszustand werden vielleicht die Arbeitsstunden eingehalten, die Arbeitsintensität aber pflegt nicht zu wachsen. Ein Transportsystem, das für Truppen- und Munitionsbeförderungen sehr stark in Anspruch genommen wird, pflegt für den Abtransport von Gütern nicht leistungsfähiger zu werden.

Aber ganz abgesehen davon, droht namentlich in der ganzen Kohlenbelieferung und -besörderung aus dem Ruhrgebiet eine starke Verwirrung einzutrrten. Jener feingliedrige und in jahrzehntelanger Organi- sationsarbeiit eingespielte Verteilungsapparat, das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat, ist nicht nur.aus . dein Ruhrgebiet nach Hamburg verlegt worden, es 'hat auch seine Tätigkeit im Ruhrgebiet aller Wahrschein­lichkeit nach beendigt. Die Desatzungsbehörden dürften wohl nicht gestatten, daß es von Hamburg aus noch Befehle ins Ruhrgebiet schickt. Andererseits wird der von den Franzosen beabsichtigte Ersatzapparat bis zu seiner Funktionssähigkeit monatelanger Vorarbeit be­dürfen. Infolgedessen wird aus dem zentralen Be- stellungs-, Lieferungs- und Transportwesen ein Neben­einander von vielen hundert Zechen- und Erubenver- waltungen. Daß sich dadurch ein Derangement ergeben mutz, unterliegt kaum noch irgendwelchem Zweifel.

Das ist aber nicht einmal die schwerste Komplika­tion. Diese scheint sich aus der Reparationskohlen- ueferung ergeben zu wollen. Dis Reichsregierung hat nmdgetan, daß sie während der Dauer der französischen Besetzung keinerlei Leistung auf Reparationskonto mehr ausführen werde. Und sie hat ausdrücklich hinzu­gefügt. datz. wenn die Gruben im besetzten Gebiet Re- varationskohlen liefern würden, die Regierung ihrer­seits das nicht anerkennen werde und insbesondere da­für keine Zahlung leiste. Andererseits ist anzunehmen, datz die französische Besatzung sich die von ihr bean­spruchten Reparationskohlen zwangsweise nehmen wird. Es erhebt sich mm allo die Frage: Wer wird dafür zahlen? Die französische Regierung, die es bisher nicht getan hat (es fand bisher ja nur eine Gutschrift auf Reparationskonto, keine Bezahlung statt), wird sicher auch jetzt nicht geneigt sein, plötzlich Geld für die Kohlen hinzugeben. Die deutsche Regierung, die bis­her zahlte, erklärt, datz sie nicht mehr zahlen werde. Wer also soll für diese Kohlen aufkommen? Woher sollen die Milliarden kommen, die für die Entlohnung der Arbeiter notwendig sind? Und wenn sie nicht aus­getrieben werden, wie soll vermieden werden, datz die Produktion mangels Geldmitteln in ganz kurzer Zeit eingestellt werden mutz?

- Das sind Fragen von autzerordentlüchem Gewicht. Ob sie in einer Frist gelöst werden, die es noch möglich macht, empfindliche Stockungen zu vermeiden, ist zwei- lelhaft, ja fast unwahrscheinlich. Gelingt das aber sllcht. so droht das Chaos, das ohnehin schon zu erwar- «n ist, in einer Weise vermehrt zu werden, die ernsteste Besorgnis erwecken mutz. Vielleicht gehen wir einer Periode unerhörtester Kohlenknappheit entgegen, die : jowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft,

: ganz zu schweigen vom Hausbrand, von ernstesten Fol­gen begleitet sein mutz!

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Die allgemeine Kohlenlage.

Br. Berlin. 13. Jan. sEiq. Drahtbericht.) über mc durch die Besetzung des Ruhrgebiets geschaffene l gemeine Kohlenlage äußerte sich der Keichskohlenkom m i s s a r einem Vertreter des --Verl Tageblatt" gegenüber: Ich bin der Aufastung, »atz. solange die Lieferungen für Reparationskohle ein­gestellt bleiben, wir vielleicht so viel Kohlen bekommen werden wie vorher. Dies würde sich natürlich ändern, wenn die Franzosen versuchen sollten, durch einen dwang cmf die Zechen diese zur Lieferung von Re- ^arationskohlen zu veranlasten. Datz die' Franzosen °urch etwaigen Druck mehr Reparationskohlen bekom­men konnten, als sie von uns bisher freiwillig erhalten gaben, ist kaum anzunehmen. Die Abtransportstrecken !fnd schon heute vollkommen überfüllt. Aus diesem Grunde schon wird es nicht möglich sein, größere Men- Zen als bisher abzutrcmsportisren.

i |, Zur Einstellung der Reparationskohlenlieferungen.

BL w. T.-B. Paris, 12. Jan. Havas erfährt von seinem k Sonderberichterstatter in Düsseldorf. der französische W^berkoinmistar in den Rheinlanden, T i r a r d, habe, Müemeinsain mit seinem belgischen Kollegen, auf die Er-

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klärungen des Reichskohlenkommissars, betreffend E i n-

stellung der Reparationskohlenliefe­rungen, bestimmt, datz die deutsche Anweisung an die Beamten, da sie dem rheinischen Oberkomnristariat nicht zur Genehmigung Vorgelegen habe, im besetz ten Gebiet nicht auszuführen sei. (Gemeint kann nur das linksrheinische Gebiet sein. Anm. des W. T.-B.-Berichterstatters.) Die Beamten, die der deutschen Anweisung entsprechen sollten, würden , in­folgedessen alle in die durch die Ordonnanz der Rhein» landkommistion vorgesehenen Verwaltungs- und gericht­lichen Strafen genommen werden.

Die Fortführung des Archivs des Kohleirsyndkkats.

Sr. Berlin. 13. Jan. (Eia: Drahtbericht.) In der vor- gcstrigen Sitzung der französischen Kammer stellte Poin- c a r ,6 in' seiner Rede die Behauptung auf. die deutsche Regierung habe die Fortführung des Archivs des Koblen- mnd'kats aus Eisen begünstigt, weil sie Beweise für die Verfehlungen des Deutschen Reiches enthalten hatten. Nach einer Meldung des ..B. T." aus Hamburg, dem neuen Sitz des Kobleniundikats. sind aber gerade die Akten der Abteilung für di« Bearbeitung der Kohlei.lieferungen in Esten zurückgeblieben.

Eelsenkirchen besetzt.

vckt. Essen. ,13. 3tsn. (Gig. Drahtbericht.) Gestern ist auch Gelsenkirchen besetzt worden. Die Besatzung be­steht aus Kavallerie in Stärke von 380 Mann. Jetzt ist noch die Besetzung der staatlichen Kohlenzechen in Reck­linghausen in Aussicht genommen.

50 Prozent des Kohlengebiets besetzt.

Br. Berlin, 13. Jan. (Eig. Drahtbericht.) Rach einer Meldung des „Vorwärts" aus Essen liegen bis zu 50 Prozent der rheinisch-wefffälifchen Steinkohlen- bergwMe in dem von den Franzosen und Belgiern neubesetzten Gebiet.

, . X Y- T- ; B -. Berts. 13. Jan. Das „Oeuvre" meldet, es sei möglich, bah die Besetzung des Ruhraebietes heute noch eine Austuehnung erfahre infolge oes Beschlusses der deutichen Regierung. die Reparationszahlungen und -liest- ruugen für Frankreich und Belgien auf die Dauer der Be­setzung einrustellen. In diesem Fall« würden die franaßfi« swen Truoven. dl« bereits in Gelsenkirchen seien. Bochum heset-en und entlang Wm Nordufer der Ruhr die Linie W e rd e n - Hattingen - Witten nehmen.

>V.3?-S Bans. 12. Jan. Havas meldet aus Düssel­dorf. datz General Degoutte heute vormittag den al.ne.rten Journalisten erklärt habe. Frankreich wünsche nur eines, datz d-e öffentliche Meinung über keine wahrer Absichten ausgeklart werde. Er habe zwei Aufträge auszuinbren, einen militärischen und einen wirtschaftlichen. Der letztere hohe darin bestanden, die französischen In­go ni«uro und Techniker auf thron Posten zu bringen. Beide Aufträge .seien durchgefiikrt. Der militärische stehe im Drenste einer wirtichaftlicben Mistion. General Degoutte scll nt lieblich gesagt lnrben. man müste sich bemühen, die deutschen Finanzen, so wett wie irgend möslich. zu/ schonen. I

Die Maßnahme« im neubesetzte« Gebiet.

_ W.T.-B. Esten, 12. Jan. Heute vormittag wurden vom General Laiguelot in Altenesten die Ob er bürg er. meister der Städte Esten und Recklinghausen sowie die Landräte der Kreis« Esten. Recklinghausen und Dinslaken nach Altenestcn befohlen, wo ihnen die Verordnung, betr. die Maßnahmen im neubesetzten Gebiet und verschiedene Befehle vorgelesen wurden. Namens der deutschen Herren erklärte Oberbürgermeister Sck>aef>er (Esten), daß die Herren sich dem m'litansck^n Zwang fügen müßten, gegen die Be­setzung aber feierlichen Ernsvruch erheben. Der General nahm hiervon Kenntnis.

Ein Aufruf der BergarSeiterverSände.

W- T.-B. Essen, 13. Jan. Die vier Bergarbertrr- verbände wenden sich in einem Aufruf an die Bergarbeiter des Ruhrgebietes, in dem es heißt:

Wir schließen uns dem einmütigen Wider­stande des deutschen Volkes gegen die Besetzung des Ruhrgebiets an. Es ist möglich und sogar wahr­scheinlich, datz die Eingriffe der land- und betriebs- fremden Herren im Leben des Ruhrgebiets Schwie­rigkeiten Hervorrufen werden, von deren Umfang und Folgen wir uns heilte noch keine Vorstellungen machen können. Auch ist vorällszusehen, datz durch den Einzug der Besatzungstruppen d i,e Teuerung und damit die Rot der Bevölkerung gewaltig zu­nehmen wird. In dieser Zeit schwerster Rot ist Ruhe und Besonnenheit die erste Pflicht. Die Arbeitsbedingungen im Ruhrbergbau werden wie bisher auch weiterhin nach Vereinbarungen der Arbeitnebmerorgamsationen mit den Unternehmer­organisationen geregelt. Diese Vereinbarungen müssen in dieser. Zeit der Not mehr denn je Gesetz für jeden organisierten Arbeiter sein. Für ihre Durchführung mutzt Ihr Eure ganze Kraft einsetzen. Schwere Tage und Wochen können für unser Gebiet und für das ganze deutsche Volk kommen. Vorhin- Dert Unbesonnenheiten jeder Art, ob sie aus Unbe­herrschtheit natioanlen Ehrgefühls oder sich inter­national gebärdender Taktik geboren sind! Mehr denn je laßt uns in diesen Tagen zusammen­stehen wie ein einig Volk von schaffen­den Brüdern'

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Europa in der Sackgasse.

an. Berlin, 13. Fan. (Drahtmeldung unserer Ber­liner Abteilung.) Während man gestern die Be­setzung von Bochum und Dortmund als unnrtttÄ- bar bevorstehend ankündigte, find die Besatzungstrup- peu nur unwesentlich vorgeschoben worden und es hat fast den Anschein, als ob die militärische Ak t i o n zunächst abgeschlossen ist. Auch. General Degoutte erklärte einem französischen Bericht­erstatter in Esten, die Operationen der französischen Truppen im Ruhrgebiet würden nicht weiter ausge­dehnt. Der Rest des Planes, den Frankreich vorbe­reitet habe, werde nicht ausgeführt werden, außer für den Fall, daß die deutsche Regierung versuchen sollte, die Bevölkerung zum Widerstand gegen die französi­schen Truppen aufzuhetzen. Der General erklärte aber selbst, er glaube nicht an sine solche Möglichkeit. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, datz die vorläufige Einstellung der Aktion im Zusammenhang mit Schritten der anderen Alliierten er­folgt ist, auch wenn sie formell das Vorgehen Frank­reichs gebilligt haben. „Dqiily Ehronicle" frägt sogar, wie weit Frankreich das Recht habe, die Kosten einer militärischen Operation, die England mißbillige, gegen Englands eigene Reparationsansprüche in Anrechnung zu bringen. In Amerika fordert die „Washington Post", deren Herausgeber ein persönlicher Freund Hardings ist, die R e v i f i o n d e s V e r s a i l l e r Vertrages und meint, dis einzige Möglichkeit hier­zu sei

die Einberufung einer zweiten Friedenskonferenz.

Auch in Italien fft man, wie hier schon betont wurde, mit den militärischen Sanktionen nicht ein­verstanden und Pariser Meldungen wollen sogar wisien, datz Mussolini eine Protestnote hat überreichen lasien, worin er seine Mißbilligung über dos militärische Aufgebot im Ruhrgebiet zum Ausdruck bringt und darauf hinweist, datz er sich einer weiteren Ausdehnung der militärischen Aktion entschieden wider­setzen werde. Da auch der italienische Botschafter in Paris eine Unterredung mit PoincarF hatte, so kann man daraus schließen, datz Verhandlungen unter den Alliierten noch im Gange sind. Es ist auch charakteristisch, datz

die Entscheidung über das deutsche Stundungsgesuch

deshalb nicht getroffen werden konnte.

Es ist nun interestant, datz gerade in diesem Augen­blick in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" in der Serie der Artikel von

Lloyd George über die Reparationen erscheint. Lloyd George, selbst einer der Väter- des Versailler Vertrages, kritisiert, datz von dem Versailler Vertrag abgewichen sei. Der Vertrag bestimme, daß zur Entscheidung über die schwebenden Fragen eine Kommission aus Vertretern der Vereinigen Staaten Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Belgiens zusammentreten soll. Großbritannien als Handelsstaat habe auch kein Jnteresie daran, ob Deutschland ein paar Milliarden mehr oder weniger für Entschädigung zahle. In diesem Zusammenhang bedeute die Vertre­tung der Vereinigten Staaten und Großbritanniens in der Reparationskommission eine Garantie für eine maßvolle Auffastung. Nunmehr sei aber die einzige uninteressierte Partei aus dem Tribunal ausgefchieden. In der jetzigen Reparattonskommission führe den Vor­sitz mit entscheidender Stimme bei gewissen Fraaen ein Franzose. Das sei nicht der Vertrag, den Deutschland unterzeichnet habe. Dadurch sei aber das Gleich­gewicht in der Reparationskommission g e st ö r t und Lloyd George fordert, datz dieses Gleich­gewicht durch den Eintritt Amerikas in die Reparationskommission wiederhergestellt werde.

Man braucht gewiß nicht alles zu unterschreiben, was der frühere englischePremier ausführt, aber es ist über­aus charakteristisch, datz auch er nur einen Ausweg steht, nämlich einen Appell an. Amerika. Europa hat sich in eine Sackgasse begeben!

England wartet die Entwicklung ab.

- W.T.-B. London, 13. Jan. Wie verlautet, ist von st'»ei, der brtt.lchen Regierung keinerlei Stellunz- n ab^m e zu dem vorgestern vom deutschen Botschafter beim Foreign Ostice überreichten Protestnote der deutschen Regierung gegen das franzästsch-belaische Vorgehen zu er- warten. D'e Ansicht der britischen Regierung, die Ent­wicklung abzuwarten, bevor sie eine Änderung ihrer Politik eil' äge. bleibe unverändert bestehen.

Keine Antwort Amerikas auf den dentfchen Protest.

W.T.-B. Paris, 13. Jan. Rach einer Havas-Mel- düng aus Washington wurde gestern im Weißen Hause erklärt, die amerikanische Regierung werde auf den Protest Deutschlands gegen die Besetzung des Ruhr­gebietes durch Frankreich keine Antwort er­teilen.