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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf,
Dienstag, 9. Januar 1923.
71. Jahrgang.
Tragische Tage.
Am Sonntag hat der frühere Reichskanzler Dr. Wirth eine Rede in Köln gehalten, in der er berichtete, Lloyd George habe ihm in Genua gesagt, nur durch seine Politik sei die Zertrümmerung Deutschlands verhindert worden. Hätte er sich nicht im Mai 1921 in die Bresche geworfen, so wäre Deutschland heute ein Scherbenhaufen von Einzelstaaten.
Und wo stehen wir heute? Es hat keinen Sinn, die Perspektiven, die sich auftun, mit rosigen Schleiern des Optimismus zu verhüllen: Wir stehen heute offenbar direkt vor der Verwirklichung jener Politik, deren Verhinderung das mühselige Werk der letzten anderthalb Jahre war. Herr P o i n c a r 6 ist im Begriff, auf den Zündungsknopf der Mne zu drücken. Marschall F o ch, der Gewaltige, hat seine Heere bereitgestellt, um mit „vollkommen fertigen Plänen" ins Lebensmark der deutschen Wirtschaft vorzustoßen. Am Mittwoch, nach der nicht mehr zweifelhaften -Feststellung einer Verfehlung Deutschlands bezüglich der Kohlenlieserungen, sollen Esten und Bochum besetzt werden; und wenn dieser Termin schon so ausgewählt wird, daß er vor dem 15. Januar, vor der Fälligkeit der ersten halben Goldmilliarde pro 1923 liegt, so kann vielleicht angenommen werden, daß an diesem 15. Januar noch weitere. Maßnahmen folgen werden, seien !ie nun als Sanktionen, als Strafexpeditionen oder als Besitzergreifung von produktiven Pfändern bezeichnet. Was dieser Vorstoß bedeutet, ist wohl jedem geläufig. Im Ruhrgebiet liegt das ganze Fundament der auf Kohle und Eisen aufgebauten deutschen Industrie. Hier sind die Hochöfen, deren Produkt allen Maschinen, allen Transportmitteln Eisen und Stahl liefert. Hier sind vor allen Dingen die Kohlenschächte, aus denen, nach dem Verlust Oberschlesiens, die ganze Kohlenversorgung Deutschlands guillt. In Esten liegt das Kohlen- lyndikat, diese Zentrale der gesamten Kohlenverteilung, und es sind nicht einmal hunderttausend Mann und nicht vierzig Ingenieure notwendig, um aus diesem Zentrum heraus die gesamte deutsche Kohlen Wirtschaft zu beherrschen und mit ihr in Händen auch auf politischem Gebiet schließlich alles Gewünschte durchsetzen zu können.
Es gibt keine Hoffnung mehr, daß das Schlimmste noch vermieden werden könnte. Grollend hat sich zwar England zurückgezogen, aber es hat keine Machtmittel. dem Alliierten in die Arme zu fallen. Wohlwollend und zuredend klingt zwar die Stimme der Union über den Ozean, aber auch sie ist ein Faktor, den man in Frankreich offenbar vernachlässigen zu können glaubt.
Niemals war Deutschland in einer tragischeren Lage. Wenn je. so heißt es jetzt, ruhig Blut und kühlen Kopf bewahren. Deutschland ist allein aus sich selbst gestellt Auch die Reichsregierung ist machtlos. Sie will erst das aktive Vorgehen Frankreichs abwarten. Aber auch ©emt Frankreich marschiert, wird ihr nichts anderes uorigbleiben, als sich mit einem feierlichen Protest an das Gewissen der zivilisierten Welt zu wenden. Es Mbt jetzt für uns nur eines: Die Einigkeit der Geister! Im Bewußtsein unseres Rechts und unseres guten Gewissens müssen wir uns zusammenschließen und Frankreich ein einiges geschlossenes Volk entgegenstellen. Mit Recht hat der frühere Reichs- ranzler Dr. W i r t h in feiner Kölner Rede darauf hingewiesen, daß. während die Anteilnahme Amerikas an »en europäischen Fragen im Schneckentempo wachse, Europa im Eilzugstempo der Verelendung entgegengehe. Schon hat der Dollarkurs in Deutschland eine bisher noch nicht dagewesene Rekordhöhe erreicht und der Franken einen noch nicht erlebten Tiefstand. Wenn es Frankreich erst an seiner eigenen Wirtschaft verspürt. daß jeder weitere Schlag gegen Deutschland auch ein Schlag gegen den Franken ist, wenn es die Geldentwertung auch nur einigermaßen in dem gleichen Umfange zu spüren bekommt wie wir, dann werden dem französischen Volke die Augen aufgehen. Vielleicht wird diese Kur rascher vor sich gehen, als man glaubt, denn alle Welt ist sich darüber einig, daß die Ruhraktion Frankreich nicht die erhofften Reichtümer bringen, sondern es nur schweres Geld kosten wird!
Zwei diplomatische Aktionen der Reichsregierung.
Udt. Berlin. 9. Jan.
. ... ». (E:s
Witet. beabsichtigt die Reichsreaiernna.
Drahtberickt.) Wie nei »»««ieruna. zwei divlomaiisch »ftirmm nmzunebmen Die deutschen Vertreter bei de Darantiemachien des Versailler Bertraas, werden im Laus des b«iit-gen Taoes oder morgen beauftragt werden, die b« treffende,: Garant,ersgierungen , um sofortigen Ein >ck re I ten kiegen die Friedens Verletzung aui »ufoidern. Eine zweite diplomatische Note d<« wadr mreinsich heute nbgeht. richtet sich an sämtliche Earar ten des Ve'traaes vom 15 November 191«. burc welcher, der Waffenstillstand festgesetzt wurde, insbesonder also an Amerika, und fordert die Mächte auf. zur Wal rung des Zustandes vom IS. November einzufchreiiten. übe «>e Einzelbeiten wird natürlich Stillschweigen bewahrt.
\ Vor dem Einmarsch ins Ruhrgebiet.
_;,Baris. 9 . Jan. Wie das ..Petit Journass steht die Beschlagnahme von vroduk- L], 0 ? 5-, j d ern im Ruhrgebiet unmittelbar bevor.
tatia6IiÄ, dah die französische Regierung kß&e. ihren Plan unmittelbar, nachdem die Reva- die Verseblungen Deutschlands bei den 4 l^?- nluferungen leitoeltellt habe, also noch heute, zur au i f r m h £ u K, 9 Su bringen.
m.o Jan. Wie die „Ebicago Tribüne"
?’ l „ s tüLl-Ai werden heute eine Anzahl Offiziere
TffiJ, ra ® 1 ' 1 %- n Aelatzungsarmee nach Düsseldorf ab- ft „ i ü m die Vorkehrungen für die Einrichtung des Ea u a r t i e r s dort zu treffen. General Degouttc uon Düsseldorf aus die erforderlichen t b ! r,9, £ Ten - Der Plan der französischen Truvven- ^sU'egungen fei Nestern ausgestellt worden. Es verlaute, dan * i ori -A e .Besetzung deutschen Gebietes 9 k, u r t n iß t einschliehe. sondern sich auf das ^uuiscblet beschranken werde. Die Franzoien seien völlig aller Kurze.. mK ob lenz das Kommando zu und alle für die Übertragung der Vollmachten ? ü ’i c *£L Qm &! fan Üiben au, die französtschen Behörden er- flilerlichen Abmachungen zu treffen.
s ir£- a * b‘;F eu i?- te ‘ schreibt: Donnerstagvormittag L-Er wurde d,e Vorhut des Generals D e g o u t t e die d^^.^^/ieu„tralen Zone von Düsseldorf. Duisburg und . uberschre:ren Zu der Stunde, zu der der svanzoslsche Min.stervrastdent auf die Kammertribüne steigen ^Ean ihre Gewehre auf den öffentlichen Miauen in Essen znsammengestellt. Um die interalliierte AUkusssurimarbeit »» markieren würden belgische Soldaten italienische Ingenieure die französi- ichen und belgischen Ingenieure begleiten.
Essen in Erwartung der Franzosen.
«n™ 4 - Essen, 9 Jan. (Eig. Drabtbericht.) Die Stadt Essen hat die Franzosen bereits heute nackt erwartet. äAun drc Tinvven des Generals Degoutte zu dieser Vornlittagsstrnde auch noch nicht eingezogen lind. so reichen doch die Vortruppen. zumeist technische Bagage, schon seit beute nacht bis an den Vorort von Essen. Kettwig, heran. Chauffeure. die beute nacht dort durchwollten wvr- den ci.ngcbalten und mutzten einen Umweg macken. Ebenso Malmen vor Dusseldeff kommend« Eisenbahner, dah weit alten Wcg nach Essen alles voll von französischen Truppen l^gt. Die Eisenbahndrrektion Essen s&tu r1 ^' 11 8U vermeiden, die Laderampen um
^!E^?u<icht für die erwarteten französtschen Transvorte ^^ 9 sdalten^ Ebenso bat die StHtverwaltmrg dem größten -votel der »ladt. dem ..Kaiserhof . einen Wink zukommen es vsgleicht „noch in der Nacht für die sravzöss- viurde Die Sotelleitun« machte daher die Gaste darauf aufmerksam, dah es möglich wäre, dah ste in der Nacht ihre Zumner raumen muhten.
Interalliierte Ingenieure unterwegs.
v. Paris. 9., Jan. (Eig. Drahtbericht.) Die gestern vbend von Paris, abgereisten französischen Ingenieure bleiben zunächst m Düsseldorf, wo sie weitere Weisungen der französischen Regierung abwarten. Sie werden zusammen mit belgischen und italienischen Inge n re ur« n. die gleichfalls nach Düsseldorf gebracht wnr- Bormaisch in das Rnbrgebiet teilnebmen. Es ist boobstchtigt. dl« deutschen Betriebe von den interalliier- ten Ingenieuren studieren zu lassen, um im Falle einer Rnbestornng oder emer Arbeitsniederlegung von deutscher »eite interalliierte Beamte zur Leitung der deutschen Unter- nehmnngcn emsetzen zu können.
T.-B. Paris. 9. Jan. Ein neues Kontingent von staatlichen Ingenieuren bat gestern abend 9.45 Uhr getretener, ^ Ostbaknhof aus die Reife nach Düsseldorf an-
Der 9. Januar.
W.T.-B. Paris, 9. Jam Der „Petit Paristen" nennt n«» WA?" ?ag den ernstesten den man seit der Besetzung von Frankfurt a. M. gekannt habe. Es sei wahrscheinlich dah die Revaratronskommission heute die de nt- r sslrL.^b^'^ölung ten Koblrn- mtb Kokslieserungien teftrt>nen werde und dah. mit dieser neuen Entscheidung bewaffnet. Frankreich sich zweifellos vollkommen berechtigt glaube, ge«n den wtderwenstigen Schuldner vorzugehen. Der Entschluh der französischen Regierung, der nickt leichtfertig geiaht worden sei gründe stch aur i u r i st i s ch e Argumenre ^eineffelts und auf die moralische Saltung Deutschlands andererseits. Die iuristischea Argumente zieht das Blatt ans der Deutung des § 18. Ännex 2. ;lb!cknitt 8, nick es hofft, dah die Einwendungen gegen die fadenscheinige Auslemmg dieses Paragravben von der Nevarationskommission selbst beseitigt werdem Anläh- n» der So lzverfeblung batte man von gewisser Seiten auf die Zollnvgen zur Vervollständigung der Solz lieferungen h.ingew'csen die in einer Entscheidung der Rena rationskommisslen angeführt seren. Der belgische Delegiert,
D e lac to , r habe darauf hingewiesen, dah Strafmast nacknen dieser Art in keinem Falle die Neqierungen dc- Rechtes berauben konnten, das. ste aus 8 18 berleiteten Mo selbst.wenn dre Revaratronskommission Deutschiant auferlege, eine, gewisse Anzahl Millionen wegen der unbe. sried'Mndm Lieferungen zu zahlen würde es den inten rssiertrn Reglerungen. vor allem Frankreich, vollkommen freist,den. diese odwc jene Zwangsmahnahme zu er- greifen, um Deutschland zu zwingen, seine Zahlungen &\ leisten. Eine zweite Schikane, dre man aber heute nick wieder erwarte, bestehe dann, dah man behauste die Renn- rationskemmisslon selbst habe nur die Qualität, um den Sinn des 8 18 auszulegen.
Die französische Tbele fei. dah diese Auslegung den Regiklui'gen Ielb.it zuftebe. Frankreich halt« eben deu Augenblick für. ge kommen, zum Zwang zu schreiten, da. m,t Ausnahme von den ersten Regierung-Monaten des Reichskanzlers Wirth, Deutschland be- wre.stn habe, dah es nicht zahlen wolle. Selbst diejenigen. die >m vergangenen Safer gehofft hätten, dah man die rerublikanische deutsche Regierung unterstützen müsset und dirrealgen dre aus diesem Grunde die sofortige B-- setzung des. Ruhrgebietes abgeraten hätten, erkannten beute an. Lab dre Geduld Greuzen haben müsse.
Bst Den en(fQe!tenten sttiflen.
as - 9. Jan. (Drahtmeldung unserer Ber
liner Abteilung.) Die Reichsregierung hat die Besprechungen über die Lage am Montag fortgesetzt und eingehend alle Möglichkeiten, die sich ergeben könnten, geprüft. Man ist sich in amtlichen Kreisen des Ernstes der Situation voll bewußt und verkennt nicht, datz man es mit einem sehr starken Gegner zu tun hat. Daß an einen aktiven Widerstand nicht zu denken ist, braucht wohl kaum besonders betont zu werden. Die Waffen, über die Deutschland verfügt, sind
das Recht, die Moral und vor allem die Einheit des Volkes.
Gerade jetzt wird es darauf ankommen, zu zeigen, datz das gesamte Volk hinter der Regierung steht und daß die Spekulation, einen Keil in die deutschen Parteien treiben zu können, verfehlt ist. Besonders zu betonen ist, das im Kabinett vollständige Einigkeit über die zu treffenden Maßnahmen besteht. Es ist bekannt, daß die deutsche Regierung den Standpunkt vertritt, daß wir es in der Reparationsfrage nur mit der ganzen Entente zu tun haben und daß Sonderverhandlunaen mit Frankreich daher nicht in Frage kommen. An diesem Stand- punkt wird auch ein etwaiger französischer Vormarsch nichts ändern können. Sollte Frankreich tatsächlich den Einmarsch beginnen, der aber unter keinen Umständen vor Mittwoch zu erwarten ist, da bis heute noch die Reparationskommission tagt, und sollten auch andere Staaten sich diesem Vormarsch anschließen, so würde nach der Auffassung der Reichsregierung eine Verletzung des Versailler Vertrages vorliegen und die Reichsregierung würde mit allen ih» zur Verfügung stehenden Mitteln energisch Protest
erheben. Auch der heutige Tag wird vom Reichs- kabinett dazu benutzt, um sich in eingehenden Befprs. chungen über die Situation klar zu werden. Soweit sich bis jetzt die parlamentarische Lage beurteilen läßt, kann gesagt werden, daß die Pa r t e i e n des Reichstags von rechts bis links, soweit die Abwehraktion gegen das französische Vorgehen in Betracht kommt, einmütig hinter der Regierung stehen werden. Reichskanzler Dr. Euno dürfte in der Mittwochsitzung des Auswärtigen Ausschusses eingehende Mitteilungen über den StcmdMnkt der Regierung machen.
Wenn nun auch eine ganze Reihe von Meldungen über Truppentransporte ufw. vorliegen, so ist man doch in maßgebenden französtschen Kreisen mit Nachrichten über die bevorstehenden Operationen im Ruhrgebiet außerordentlich zurückhaltend. Es wird erklärt, daß eine endgültige Entscheidung über die Form und vor allem auch über den Beginn der Operationen noch nicht getroffen sei. Im großen und ganzen wird diese Entscheidung von dem Spruch der Reparationskommission abhängen. Dabei weist man auf folgenden Unterschied hin. Die Maßnahmen im Ruhrgebiet können entweder eine Sanktion oder eine Ergreifung von Pfändern
ein. Handelt es sich um eine Sanktion, fo kann die Aktion sofort erfolgen. Handelt es sich am dis Ergreifung von Pfändern, so muß erst der 15. Januar abgewartet werden. Augenblicklich werden mehrere Pläne geprüft, darunter einer, in dem die Sanktionen und die Pfandergreisung miteinander verbunden ind. Jedenfalls enffpräche es den bishergen Gepflogenheiten der Reparationskommisson, vor der Entscheidung zunächst einen Meinungsaustausch zwischen der Dollnersammkung der Reparationskommission und den Sachverständigen herbeizusllhren. Von diesem Meinungsaustausch wird es abhängen, ob man sofortige Maßnahmen ergreifen wird oder nicht.
Von besonderem Interesse ist in diesem Augenblick naturgemäß
die Haltung der Alliierte«.
Havas meldet aus London, die englische Rrgierung habe eine bestimmte Erklärung bisher nicht abgegobech da ihr eine amtliche französische Mitteilung über die bevorstehenden Maßnahmen gegen Deutschland nicht vorliege. Es habe jedoch den Anschein, so fügt Havas hinzu, als ob das Londoner Kabinett die französisch« Pläne nicht ohne Vorbehalt aufnehmen würd«. Rach einer unbestätigten Kölner Meldung sollen sedoih die englischen Befatzungsbehörden bereits angefangen haben, den französischen Vorbereitungen innerhalb ihrer Besatzungszone passiven Widerstand dadurch entgegenzusetzen, daß sie sie Durch- iahrt von französischen Truppen ggnz offen abgelehut
