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Nr. 3.

Donnerstag, 4 . Januar 1923.

71. Jahrgang.

Die Krise der Konferenz.

Die Pariser Konferenz der Ententsminister hat erst zwei Atzungen abgehalten und schon kriselt es stark. Das kann nach den Vorgefechten, die vor Beginn der Konferenz zwischen England und Frankreich stattgefun­den haben, und erst recht, nachdem die französischen, englischen und italienischen Pläne bekannt geworden sind, den nüchternen Beurteiler der Dinge nicht wunder- nshmen. Alle Nationen, mit Ausnahme der Fran­zosen find sich unter dem Druck der wirtschaftlichen Lege völlig klar darüber, daß die Reparationsfrage nur eilte wirtschaftliche Lösung und nicht eine politische finden darf, wenn aus ihr nicht weiteres Unheil erwachsen soll. Ließe sich diese Frage einfach mit Stimmenmehr­heit lösen, so wäre die Lösung sehr einfach, denn Frankreich würde überstimmt werden. Aber die fran­zösische Regierung hat oft genug erklärt, daß sie sich einem Mehrheitsbeschluß nicht fügen und gegebenen­falls mit einer Sonderaktion vorgehen würde. So droht auch bei dieser Konferenz, wie bisher stets, die Gefahr eines Bruches, falls die anderen Alliierten Frankreich nicht entgegenkommen, oder die Gefahr eines Kom­promisses. Beides ist gleich unzuträglich und bitter für uns.

Auch diesmal stnd die schärfsten Gegensätze zwischen dem englischen und dem französischen Reparationsplan aufgetaucht, so daß die Pariser Presse schon mit dem Abbruch der Verhandlungen droht, falls die französi­schen Vorschläge nicht als Grundlage für die weiteren Verhandlungen angenommen werden. Und schon sind auch eifrige Vermittler am Werke, um ein Kompromiß zwischen dem englischen und dem französischen Stand­punkte anzubahnen. Ob und wie weit dies möglich fein wird, bleibt abzuwarten. In den meisten Punkten stehen sich der französische und der englische Plan grundsätzlich fast wie Feupr und Wasser gegenüber. Der französische Plan zeigt eine klare Einheitlichkeit der Linie. Zwar ist man etwas vorsichtiger geworden und verschleiert die politischen Absichten hinter wirtschaft­lichen Formulierungen. Als Gegenleistung für ein Moratorium von zwei Jahren das aber nicht ein­mal den Namen eines solchen verdient, weil nicht nur die Besatzungskosten weitergezahlt, sondern auch die Sachlieferungen weiter geleistet werden sollen ver­langt Poinocrrck eine ganze Reihe von undurchführbaren Maßnahmen und Pfändern, zn deren Krönung am Ende die unvermeidlichen Sanktionen in Aussicht ge­stellt sind. Es ist im Laufe der Monate schon manch­mal von einer Finanzkontrolle Deutschlands die Rede gerwksen. Aber die von Herrn PoincarS vorgeschlagene Kontrolle geht fast noch über die hinaus, die sich Öster­reich gefallen lassen mußte. Danach könnte die Regie-- rung einfach abdcmken und an ihre Stelle den Garan­tie-Ausschuß setzen, der ja dann ohnehin seinen Sitz in Berlin bekommen sollte. Dieser Garantie-Ausschuß würde zu jedem Eingriff berechtigt sein, könnte jede Ausgabe untersagen und jede Erhöhung der Einnahmen vorschreiben. Im Falle die deutsche Regierung irgend­einer der zahllosen Anordnungen dieses Ausschusses oder der Reparationskommission, der Rheinland­kommission oder der alliierten Jngenieurkommission nicht nachkäme, würden sofort und automatisch Sank­tionen in Kraft treten, nämlich die militärische Be­setzung der Bezirke von Essen und Bochum und eines -^eils des Ruhrbeckens und die Errichtung einer Zoll­linie östlich der gesamten besetzten^ Gebiete. Auf das umfangreiche System der vorgesehenen Pfandmaß- ' nahmen einzugehen, ist hier nicht möglich. Die zahl­reichen Kontrollen für die Lieferungen von Kohle, Holz, die Abgabe ausländischer Devisen, die Kohlen­steuer usw. würden das Wirtschaftsleben Deutschlands vollends ersticken. Besonders schwierig ist der Gedanke der Beschlagnahme. der Kohlensteuer im besetzten Ge­biet und im Rubrbecken. Diese Steuer ist nur möglich, solange die Differenz zwischen dem äußeren und inneren Geldwerte der Mark so groß wie heute ist. Sie wird sich in dem Augenblick ändern, wo die Mark stabilisiert wird. Die Stabilisierung der Mark und die gleichzeitige Beschlagnahme der Kohlensteuer sind also eine vollkommen entgegengesetzte Politik. In Wirk­lichkeit ist damit auch nur' eine politische Maß rahme beabsichtigt, nämlich die Kohlenvrodukiion und die von ihr abbängiae gesamte deutsche Wirtschaft unter die. französische Kontrolle zu bringen.

England hat offenbar diese französische Zielsetzung erkannt und setzt ihr den heftigsten Widerstand ent­gegen. Zwar sieht auch der englische Plan gewisse Sanktionen vor. Aber einmal müßten diese ein­stimmig beschlossen werden und kämen erst bei Nicht­erfüllung der neuen Verpflichtungen in Betracht, wie überhaupt die englischen Vorschläge im großen und ganzen aus dar Gedankenwelt eines nüchternen Ee- kchäftsmanus entspringen. Mit Nachdruck wird darin

betont, daß das Verharren bei einer Politik, die un- inögliche Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen sucht, schließlich mit der allgemeinen Zerstörung des deutschen Kredits enden müsse.

Die Lage auf der Pariser Konferenz ist zurzeit kri­tischer denn je. Belgien, das schon des öfteren vermit­telt hat und auf das man auch jetzt wieder hofft, hat vorläufig noch nicht eingsgriffen, die englischen Ver­treter drohen bereits mit ihrer Abreise, falls heute kein Kompromiß zustandekommt, und Frankreich will zur Ruhrbesstzung schreiten, wenn Deutschland die Bedin­gungen eines llltimatmns nicht erfüllt. Nach alledem scheint es ausgeschlossen, daß man in Paris diesmal zu einer endgültigen Einigung kommt. Das äußerste, was noch zu erwarten wäre, könnte ein Kompromiß und eine abermalige vorläufige Lösung sein, womit aber Deutschland ebensowenig geholfen wäre wie der Entente!

Ein Kompromiß?

W T.-B. London. 4. Jan. Die Ablehnung des britischen Wans durch die französische Regierung findet in der Abend- presse von gestern grobe Beachtung. Wie gemeldet wird, wurde m gut unterrichteten Kreisen Londons gestern abend die Ansicht ansgedrückt, daß starke Hoffnung bestehe, daß der drohende Abbruch der Konferenz vermieden werden könne. Die entstandenen Schwierigkeiten könnten überwunden werden mittels eines Kompromisses zwi­schen den Hauvtgrundfätzen des britischen und des französi­schen Plans nach einer eingehenden Prüfung durch Sachver­ständige. um eine Erörterungsgrandlage zu schaffen und es der Konferenz zu ermöglichen, weiter zu tagen.

W. T.-B. London. 4. Jan. Reuter meldet aus Paris: Die englische Regierung ist willens, eine vernünftigerweise mögliche Strecke mit den Alliierten zusammenzugeben, um ein Kompromiß zu finden, indem he hofft. daß Frank­reich die äußersten Bedingungen seines Plans aufgeben werde. Es wird betont, daß die B « l s i e r. die keinen eige­nen Plan vorgelegt haben, in den vorangegaugenen Kon­ferenzen als Vermittler zwischen Großbritannien, und 'Frankreich gewirkt hätten: es sqi zu hoffen, daß die Belgier auch jetzt einen mildernden Einfluß ausüben würden. Die Belgier und Italiener ständen dem englischen Plan weniger abweitend gegenüber als Frankreich. Man glaube, daß aller Takt und jede Geschicklichkeit auf seiten der alliierten Premierminister nötig sein werde, um eine annehmbare Löiung der zwischen England und Frankreich bestehenden «roßen Meinungsverschiedenheit zu finden.

Der Ernst der Lage.

%, ns 4 - ^ 0 "- (Eig. Drabtbericht.) Die aus der Pariser Minister konferenz einsetretene Lage ist noch viel e r n st e r. ,tts au? gewissen französischen Meldungen zu er­sehen ist. Die . Daily Mail" schreibt: Die Pariser Kon­ferenz scheine dazu verurteilt zu sein, ohne irgend eine Einigung absuschjießen. Obwohl gestern nachmittag die Ansprachen von Pcincarö Tbeunis und Vonar La« gehalten wurden, wäre es ganz klar, daß nicht die geringste Aussicht auf eine Versöhnung des britischen Und des französischen Standpunktes miteinander bestehe und da weder Vonar Law noch Poincars von ihrer bisherigen Haltung zurücktreten wollten, gelte es für nutzlos, die Kon­ferenz fortzusetzen. Heute nachmittag um 3 Ubr wird eine formelle Sitzung stattfinden. in der der italienische Ver­treter della Toretta Bemerkungen über die Haltung Italiens wachen wird. Einige technische Erklärungen von englischer und französischer Seite' werden ebenfalls; noch abgegeben werden. Wahrscheinlich werden Vonar Law und der übrige Teil der englischen Abteilung beute abend nach London zurückkehren. Man kann nicht behaupten, daß dieser Abbruch der Konferenz irgend eine Überraschung be­deuten würde. Gestern vormittag, nach dem Kabinettsrat im Elysse. wurde eine Erklärung Poincarö? ver­lesen. daß ein anderes Ergebnis nicht zu erwarten ist. Fernerhin führt das genannte Blatt aus. Poincars fei überzeutzt. daß eine Einigung Tvit England im Augenblick nicht möglich sei und daß er seine Versprechungen an das

.. mögt. .....

französische Volk ausführen _ .... __

selbständigen Aktion schreiten müsse. Poincars

und zu einer sofortigen

werde in seiner Haltung durch die Meinungsäußerungen von Senatoren und Abgeordneten sehr bestärkt, da in diesen Kreisen die englischen Vorschläge als voll­komm er: unannehmbar angesehen werden. Im rran- zöstschen Publikum herrsche Bestürzung über das englische Programm, die zu einer hier sonst seltenen Volksstimmun« geführt habt, die dahin gebe: Wir stnd von unseren Freun­den betrogen werden.

v. Paris. 4. Jan (Eia. Drahtbericht.) In framösi- ichren Kreisen glaubt man. daß der Abbruch der Kon­ferenz und ein isoliertes Vorgehen Frank­reichs nock kein Bruck der Entente bedeuten würde, son­dern nur eine Trennung der Politik der beiden Staaten. In den. Blättern wird betrat. Poincars habe der Veröffent­lichung des englischen und französischen Planes nur zu ge­stimmt. weil er überzeugt gewesen sei. daß die Bemühungen, die in scmem Vor'chlag erkennbar wären, die Billigung der ganzen Welt finden müßten.

Noch kein Beschluß über die deutschen Vorschläge.

I). Paris, 4. Jan. (Eig. Drahtbericht.) Die Kon­ferenz hat gestern noch keinen Beschluß in der Frage der deutschen Vorschläge gefaßt. Der frühere deutsche Staatssekretär B erg mann hatte bis gestern abend noch keinerlei Antwort der Verbündeten auf das Ersuchen um seine Anhörung erhalten. Das Inter­esse für die deutschen Vorschläge tritt natürlich gegen­wärtig ganz zurück hinter der Frage, ob die Konferenz an die detaillierte Erörterung der Reparationsfrage überhaupt herangeht oder ob die endgültige Regelung auf unbestimmte Zeit vertagt wird.

Uneinigkeit in Paris.

v. Paris. 4. Jan. (Eis. Drrrhtbericht.) Die Konferenz begann am Mittwoch um 3 Ubr nachmittags. Poincarck sprach zwei Stunden lang und erklärte den englischen Plan, i u r unannehmbar. Frankreich habe nur das eme Ziel, die Rechte zu sichern, die ihm der Vertrag von Versailles gebe. Um 5.18 Ubr nahmen di« Teilnehmer der Konferenz Sen Tee ein. dann wurden die Verhandlungen mit Ausführungen des belgischen M inist e rv r n siden ten wieder ausgenommen Vonar Law sprach eine Stunde: er ver- tew'Ate den britischen Reparationsplan. den er unter keinen Umstanden preiszugeben gedenke. Die nächste Eitzum M am Donnerstagnachmittag 3 Uhr anberaumt.

Boincar^

sprach mit einer gewissen Erregung gegen die A i fickten Englands, das in der Dank von England deponierte französische Gold zu beanspruchen. Er kündigte für heute eine Note an. in welcher der englische Plan ein- gebvud vcn der: französischen Sachverständifteii kritisiert werden soll. Pc incarö gab zu. daß der fremde Finanrrat die Stabilisierung der Mark

innerhalb sechs Monaten durchführen soll: aber kein«

Garantie, kein Pfand gestatte es. an zun eh men. daß Deutsch­land nach dem Moratorium bezahlen werde. Außerdem gingen die Machtbefugnisse des Finanzrates Ende 1928 zu Ende und könnten nur durch einmütigen Beschluß der alliierten Regierungen erneuert werden. Das britische Pro­gramm er scheine abe r noch gefährlicher, wenn man die Er­leichterungen in Betracht ziehe, mit denen Deutschland sich sehr rasch von seiner Schuld befreien könne. Augenblicklich habe Deutschland keine äußere Schuld. Infolge des Zu­sammenbruches der Mark habe es sein« innere Schuld so herabgemindcrt. daß sie m>.r einige Milliarden Goldmark betrage Beim nächsten Marksturz werde sie aus dem Null­punkt anlangen. In einigen Jahren werde Deutsch- tanddaseinzigeLand Europas lein, das kein« innere,Schuld habe. Mit seiner wachsenden Bevölke- ning. mit seiner intakten Industrie, mit seinen großen Bcdcnrc'chtümern an Kohle. Holz und Kali werde es gegen­über einein Frankreich, dessen Bevölkerung halb so stark sei. die Herrschaft Europas

an, sich reißen, während Frankreich die ungeheure Last des Wrcderausbaues zu tragen habe. Die deutsche Vorherrschaft in Europa, di« der Krieg zerstört babe. würde also auf diese We se von den Alliierten wieder aufgerichtet und befestigt. Poincars kritisierte alsdann die finanziellen Vorschläge des englischen Planes. Schließlich zog Voincarö in Betracht, v is der br-tische Vlan auf die Regelung der interalliierten Schuld wirken werde, namentlich erging er sich in Erörte­rungen darüber, wie Großbritannien und Frankreich sich ihrer Kriegslasten entledigen könnten, indem er dabei auch dw Ansprüche Amerikas in Rechnung stellte.

Der belgische Vertreter. Ministerpräsident Tbeunis, behauptete. Deutschland sei durchaus leistungsfähig. Tbeunis' Rede klang rn der Bitte aus. nicht an Belgiens Priorität zu rühren.

Der italienische Vertreter betonte, er »erde den ttalrenisch.cn Standpunkt erst beute darlegen.

Donar Law >

erklärte. England werde gegen die Auirechterbaltuna der belgischen Priorität nichts einzuwenden haben, falls Frank­reich damit ernverstanden sei. Poincares Red« werde er erst deute eingehend beantworten. Er glaube, daß der franzö­sisch« Plan kein Geld brinsen werde. Die Reparattons- angelegeiiheit habe sich als

schlechtes Geschäft

erwiesen. Mit den gleichen Rechten, mit denen Poincars das von England vorgefchlagene Kontrollkomttee als Ver- letzuirg des Versailler Vertrages bezeichnet habe, könne man das schon bestehende Garantiekomttee als eine Verletzung des Versailler Vertrages bezeichnen, über die Frage, wie der englische Vorschlag mit dem Verttag in Einklang zu brinsen wäre, müßten juriittiche Sachverständige befragt werden. Der von Frankreich gewünschten Einschrän­kung des Moratoriums auf zwei Jahre würde England vielleicht zustimmen. Uber di« Rolle, die der Reichsfinanzmini st er in dem Komitee zu spielen habe, ließe England mit sich reden. England wolle alle Sanktionen gemeinsam mit Frankreich

verhängen, falls das neue Uberwackungskomitee eine sor- iötzllcke Nichterfüllung auf deutscher Sette feststellen sollte. Ohne die Wiederherstellung des deutschen Kredits sei ein« Lösung der Rcparalionsfrage nicht möglich. Auch von fran­zösischer Seite sei anerkannt worden, daß den von Deutsch­land geicrdcrten Sachlieferungen im Interesse der Verkündeten eine Grenze gezogen werden müsse. Zur Frag« des französischen Golddepots bemerkte Vonar Law. dieses Geld fei im Einverständnis mit der Bank von Frankreich nach Amerika geschickt worden. England sei be­reit. es zurückzukaufen, falls Frankreich für diese Operation 50 Millionen Pfund Sterling zur Verfügung stelle. Die von England vorgefchlagene Ziffer für die Festsetzung der deut­schen Schulden rechtfertigte Vonar Law damit, daß dies« Ziffer die Mitte zwischen den in der französischen Kammer ausgesprochenen Höchst- und Mindestziiiern darstelle. Er wünsche eine Verständigung mit Frankreich, er sei aber gegen eine Finanzkontrolle süi Deutschland, tie der Einsetzung einer fremden Uber- rcgierung gleichkomme. Vonar Law wandte sich dann gegen die Besetzung des Ruhrgebietes.

da durch einen Druck auf die Schlagader Deutschlands dessen Wirtschaitsleben gelähmt würde Dre Verbündeten müßten entscheiden. ob sie durch Erfassung von Pfändern sofort kleine Zahlungen eintreiben oder durch Wiederherstellung des deutschen Kredits für spater sich größere Zahlungen sichern wcllten. Die Forderung PoincarSs. daß nur der französische Plan besprochen werde, sei nach englischer Auf­fassung nicht zu rechtfertigen.

W. T.-B. Paris. 4. Jan. Nach demMattn" wird in englischen Kreisen erklärt, daß die heutige Mchmittags- sttzung der interalliierten Premierminister rein forma­ler Art sein werde. Die englische Delegation soll bereits Vorkehrungen getroffen haben, um heut« «den- nach London abzureisen.