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Nr. i.
Dienstag, 2. Januar 1923.
71. Jahrgang.
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Das Labyrinth.
Diese Überschrift hat eine der führenden deutschen Großbanken, die Darmstädler und Nationalbank, über ihren Wirtschaftsbericht für das vergangene Jahr gefetzt. Schon die nächsten Tage werden uns zeigen, ob das neubegonnene Jahr uns endlich aus diesem Labyrinth herausführen wird. Oft genug hat uns das Jahr 1922 mit Konferenzen, Lösungsprogrammen und Einigungsplänen geäfft. Von der Konferenz von Cannes im Januar hat es uns bis zur Konferenz von London geführt, und nach dieser unabreißbaron Kette von internationalen Konferenzen ist schließlich kein anderes Ergebnis herausgekommen als die Aussicht auf eine neue Konferenz, die nun am heutigen 2. Januar in Paris mit ihren Beratungen beginnen soll.
Werden wir uns nun im neuen Jahre endlich aus dem Labyrinth der Konferenzen, der Provisorien und Moratorien Heraustasten? Wird in Paris eine endgültige Lösung des Reparvtionsproblems gefunden werden, die dem deutschen Volke Raum und Kraft zur Erholung und zum langsamen Wiederaufstieg läßt? Spenn man die Dinge weder im Siloesterrausch noch in d«r Kater stzimmung des Neujahrsmorgens betrachtet sr'ndern in nüchternen Alltagsgedanken prüfend ab- wagt, so muß man sagen, daß die Pariser Konferenz mit recht ungünstigen Vorzeichen begonnen hat. Gewiß fehlt es dem leidenden Europa weder an Ärzten noch ®|! "ipySf" Diagnosen noch gar an Heilungsmethoden. Are Gefahr liegt vielmehr gerade in d-r allzu großen -chaht von Gesundungsprogrammen. Alle Teilnehmer am der Pariser Konferenz kommen mit einem eigenen Men Programm nach Paris, das natürlich in erster Linie ihre eigenen Jnteresien entspricht und dcrs ste möglichst restlos durchzudrücken bemüht sind. Poincarö hat seinen Plan, der ihm die endgültige Unterdrückung Deutschlands sichern soll, längst fertig. -Sonar Law bringt ein englisches Programm mit, des in wesentlichen Punkten die Deutschland auferlrgte Last beseitigen, zugleich aber auch die deutsche industrielle Koifturrenz auf dem Weltmarkt möglichst schwächen und Mlsjchalten soll. Ein mehr vermittelndes Programm hat Musiokini ausgearbeitet, und er ist. wie berichtet wird, höchst oerstim int darüber, daß sich die anderen nicht langst auf seine Vorschläge geeinigt haben. Die Deigier haben natürlich auch wieder ihre eigenen Gedanken und Abfichten. r
r , Deutschland, dessen Vertreter bis jetzt nicht entgeh wen find, hat sich dennoch vorbereitet und Staats- P“?™ 1 ^Ergmann nach Paris entsandt, um dort einen ^ittschenReparattonsvorfchlag vorzulegen. Die Rede, die Reichskanzler Dr. E u n o am Silvestersonntag vor der Efammlung des „Ehrbaren Kaufmanns" in Ham- Wv Irl’ einige Aufklärungen über die Absichten Regierung, die sich ehrlich auf den Boden «r Wirklichkeit stellen will, und über die Bereitschafts- k^N^unsen der Industrie gegeben. Insbesondere be- ein cvV Cuno Notwendigkeit des Verhandelnd, da ne Losung der Revarationsfrage nur in Brfprechun- gm von Mann zu Mann gefunden werden könne. Nach i-en neuesten Meldungen aus Paris scheint inan dort ^" wenig Lust zu einer offenen Aussprache mit dem oeutschen Vertreter zu haben. Die deutsche Reg-erung s* das Bedürfnis Frankreichs an. alsbald mit dem ^-mpfmig einer bestimmten Summe rechnen zu können, uro ist entschlossen. eine vorwiegend mit Hilfe eines Finanzkonsortiums aufzu bringende
'inif-ftS x bumme auf sich zu nehmen. Tritt nach der 7 ^ de^ngt erforderlichen Erholungspause etwa ein Auf- Ichwung Deutschlands ein, so soll dieser mich der Gegen- /"mmen. Spätere Anleihen bis zu' begrenzter Hobe sollen di« finanzielle Regelung vollenden ri* n damit zugleich den Weg für die wirtschaft- uchen Notwendigkeiten ebnen. Die deutschen Wirt- erflaren sich zur Zusammenarbeit mit den aufeinander angewiesenen Industrien Europas, befon- rs Frankreichs, zum Zwecke des Ausqleichs der geaen- Interessen bereit, und Deutschlands Jndusttte- E,^kwelt ist entschlossen, die Regierung bei der Durchführung ihres Vorschlages zu unterstützen. Die daher, wie der Reichskanzler versicherte, dem Anleihekonsortium jede vernünftige Sicherheit einzuräumen, und die deutsche Wirtschaft ist oereit' wegen einer Garantie in Verhandlungen zu ^"en. einen Erfolg ihrer Vorschläge vermöchte -r deutsche Regierung selbst nur zu glauben, wenn in endgültig« Regelung der Reparationen alle Neben
lasten und -leistungen ausgenommen werden, und das bedeutet: Wiederherstellung der wirtschaftlichen Gleichberechtigung Deutschlands, Abbau der Besatzung am Rhein, Räumung von Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort, Verzicht auf Zwangsmaßnochmen. Mit starken Worten wies der Reichskanzler jede Pfänderpolitik zurück. Höchstes Aufsehen muß seine Mitteilung von der sriedfertigen Bereitschaft Deutschlands, um der Volksgenossen am Rhein willen sich mit Franreich für ein Menschenalter zu verpflichten, keinen Krieg gegeneinander zu führen, erregen. Leider hat Frankreich dieses Anerbieten abgelehnt, was indessen nach der ganzen bisherigen Politik des Kabinetts Poincar4 nicht überraschen kann.
Auch Amettka scheint diesmal, wie aus den neuesten Erklärungen des Staatssekretärs Hughes in New- haven in Connecticut hervorgeht, ernstlich gewillt zu sein, ein gewichtiges Wörtchen in der Reparationsfrage mitzureden. Hughes schlug nämlich vor, die Frage einem aus Sachverständigen aller Nationen zusammengesetzten Gerichtshof zu übettragen. Di« von diesem Gerichtshof zusammengestellten Berichte sollten dann der Prüfung der interessierten Länder vorgelegt werden. Amerika scheint also bereit zu sein, die Initiative zu ergreifen. Die Frage ist nur, ob das schon auf der Pariser Konferenz geschehen soll, oder ob man im Weißen Haus abwatten will, bis sich herausgestellt hat, daß man in Paris wiederum zu keiner Einigung gelangen kann.
Diese letzte Vermutung hat viel Wahrscheinlichkeit für sich. Mam.ist in WoFrnaton y.ber die vielen ein- lm>et widersprechende» bleparationspläne gut unterrichtet und kennt auch dort die ungeheuren Schwierigkeiten, vor denen die Pariser Konferenz steht, wenn sie sich aus dem Labyttnth der viel zu vielen Programme herauswinden will. Bleibt die Ententediplomatie auch diesmal in dem Labyttnth stecken, wie die kundigen Thebaner es der Pariser Konferenz prophezeien, bann :st vielleicht Amerika bereit, den Verirrten endlich den Ariadnefaden zu reichen. Man darf sich also immerhin zunächst auf einen Mißerfolg der Pariser Konferenz vorbereiten, ohne deshalb gleich daran zu verzweifeln, daß uns das neue Jahr schließlich doch eine Besserung unserer traurigen Lage bringt!
Eine Wichtige Rede in Hamburg.
£ ur ,° Silvester eine Rede, in der er u. a. sagte: v* Rrende vom alten »um neuen Jahre benune ich gerne ötc mir freundlich geboten« Gelegenheit. in diesem ebrwurdigen Hause, über die groben Sorgen, die uns aller-
iv einem Kreise, dessen Arbeit der Wirtschaft eutschlands und ihrer Verbindung mit der Welt gewidmet ist. Aus berufenem Munde haben wir vor einigen Tagen gebott. daß Hamburg di« Brücke sei »wischen Amerika und Deutschland. Ick, nebme dieses Wort sern* auf. aber was am stärksten diese Verbindung trägt, nicht mir mit den Bereinigten Staaten, sondern mit der ganzen Erde, das ist nach dem Sinne lenes Wortes nickt die Stadt. Indern -br Geist der Geist des ..Ehrbaren Kaufmanns". Diesen Gent zeigen die Verbandlungen. die die Wirtschaftler biet J. n . Hamburg pflegen nack den Methoden, di« aus ibm fliesten und. die durch fünf, barte und doch glückliche und wertmAe Lchriastre ^s, Wiederaufbaus Hamburg beherrschten. In diesem Geist« gedenke ich
die Verhandlungen des Reiches zu führen, um dem Reich und unserem Volke zu dienen und zugleich der Anbahnung eines wahren Friedens der Völk-r zu dem bitter Vorabend eines neuen Jabros besonders mahnt. ..Dieser Friede kann nur erreicht werden, wenn die Volker nch entschlossen auf den Boden der Wirklichkeit stellen. Das gilt vor allem auck für das Revarationsoro- blem. M«in hauptsächlicher Standpunkt »u diesem Problem ist Ihnen ans meiner Rede im Reichstag bekannt. Wir stehen vor einem Problem, das unendlich und nur lösbar ist, wenn alle Beteiligten sich entschliesten. diel
Dinge so zu nehmen und zu sehen, wie sie sind.
Was wir vom Standountt des ..Ehrbaren Kauimairns" bieten können, läuft Gefahr, von der Gegenseite als unzureichend zurückgewiesen »u werden, und was weit genug ginge, um das Wohlgefallen der Welt zu finden, entfernt sich im gleichen Maste von der Grundlage kaufmännischer
die Lösung nicht lediglich ein« bank- und finanztecknische sein, sondern nur in einem woblabgestimmten Zusammenklang sinauzieller Leistungsfähigkeit und wirtschaftlichen Auskiangs bestehen. Rechtlich und tatsächlich ist die Frage der Leistongsfähigkeit entscheidend. Recktlich stnd nach dem Vertrag von Versailles die rülksmittel und di« Leistungssäbigkeit Deutschlands di« Matzgabe 'iir den Umfang der Verpflichtungen Deutschlands, tatsächlich, weil eine Überschreitung der. Leistungssäbigkeit ur Vernichtung und zur Z e r t r ü--- ^ ‘ " "
zur s sta n
...... „ mmerung der Sub-
z und der künftigen Leiftunasmöglichkeiten führen
must, nie aber mit Steigerung der Leistungen führen kann.
Beim Antritt der Regierung habe ich im Reichstag auf die -oeunntfie hingewiesen, die von unparteiischer ausländischer Seite über die Frage der deutschen Leistungssäbigkeit vorliegen. Nur die wichtigsten dieser Erklärungen beb« ich hervor. Ihnen allen ist das Gutachten bekannt, das das internal.anale Anleihekomitee in Daris nach emer reinen wirtschaftlichen Prüfung der Sachlage im Juni dieses Jahres der Ne na rat ionskomm isslon erstattet bat. Dieses Dokument ist nach meiner Überzeugung das weiseste und mutigste, was über die Reparationsfraae geschrieben nt und sollte die Magna Charta, den Katechismus für alle künftigen Erörterungen und Untersuchungen des Reva- rationspioblems bilden. Der kurze Sinn dieses denkwürdigen Dokumentes ist. dast Deutschland aus eigenen Mitteln die ihm zugemliteten Reparationslasten nicht tragen kann, dast cs dazu vielmehr an den internationalen Kapitalmarkt appellieren must dast' ein so!>cher Appell aber nur dann Erfolg verspricht, wenn die Schuldsumme aus dem Londoner Ultimatum auf ein erträglick>es Mab herabgesetzt wird, die Rcr^rationsfrage geregelt und Europa von dem Damoklesschwert der Zwangs- und Eewaltmastnabmeu. der Sanktionen und Retorsionen befreit wird. Nicht minder bedeutungsvoll stnd die hiermit übereinstimmenden Gedankengange der Gutachten, die Anfang November die beiden Gruppen internationaler Sachverständiger in Berlin nack eingehender Prüfung aller tatsächlichen Verhältnisse erstatten. Sie stnd überdies einig darin, dast jeder Versuch zur
Stabilisierung der Mark
scheitern must, so lange Deutschland nickt für einige Zeit van den, Zahlungen aus dem Pettraa von Verfailles eni- lastet wird. Die Verbindung des Gedankens einer end- gült'gen Lölung mit dem Gedanken von Anleihen regiert auch die Rote der Reichsregierung vom 14. November 1922 und die Vorschläge, die ich dem englischen Ministewräsi- devten. als dem Vorsitzenden der Anfang Dezember in Londrn tagenden Premierministerkonferenz, unterbreitet habe. Diese Vorschläge sind dazu bestimmt, der endgültigen Losung der Reoarationsirage die Wege zu ebnen. Heute handelt es sich darum, auf diesem Wege weiter zu gehen, denn die weiteren Erörterungen und die neuen Untersuchungen haben uns in der Erkenntnis gestärkt: Deutschland braucht, um leisten zu können.
internationale Anleihen.
aber Deutschland bat nur dann Aussicht ans solche Anleihen, wenn sein« L e i st u n g S o c r o f l i ch t u n g endgültig klar- arjlctlt ist.. Das Ziel unserer Arbeit ist. die L eistungs- fab tnf et t Deutschlands festzustellen und Mittel und Wege zu finden, um diese Leistungsfähigkeit für die endgültige Lösung der Revarationsfrage nutzbar zu machen. Das ist in enger Fühlung mit den Personen und Krusten de; Wirtschaftslebens geschähen. Ohne auf Einzel- beitcu wnzugeben. kann ich Ihnen nickt verschweigen, da» das erneut gewonnene Bild von dem noch verbliebenen Rest unserer Leistungsfähigkeit trübe ist. Das kann die Welt nicht wundern, bat doch die Revarationskommisiion selbst am 31. August 1922 einstimmig die deutsche Zah- lungsunfäblgkcit anettannt. Zur Regelung bedarf es wirklich nicht der Unterstellung, die wir unlänM wieder hören muhten: dast Deutschland sich als Schuldner selbst snste- matlsch ruiniert habe, um sich von der Reparationszahlung zu befreien. Es ist wahr, dast unsere deutsch« Wirtschaft bedenkliche Merkmale des Ruins zeigt. Aber wenn geiagt worden ist. dast ein solcher Ruin von uns angcstrebt worden sei. um Deutschland leistungs- umäbig zu machen, glaubt wirklich jemand im Ernst dah Deutschland nur um seine Gläubiger zu schädigen. Selbstmord begebt? Die Wahrheit siebt anders aus. Der schwerste und unglückseligste Krieg der neueren Geschichte bat uns wertvolle Bestandteile nationalen Gebietes und Dolksvermögens abgcnommen. .Seine Folgen haben eine tiefgehende Zerrüttung unserer Wirtschaft über uns gebracht. Schlimmer noch als dies: der Vertrag von Versaillcs hat Deutschland von der wirtschaftsoolitischen Eleickhercchtigung der Hamdelsvölker ausgeschlossen, seiner Wirtschaft den festen Boden entzogen, unsere Währung zer- iüttct und unseren Wirtschaftlern die Möglichkeit klarer Dispositicnen genommen. Und ttotz alledem haben wir in den letzten Jahren Leitungen an die Gegenseite durchge-
führt. wie sie grober ein Volk in der neueren Geschickte als Kriegsentschädigung je gettagen hat. Aber ttchtia bleibt: unsere Leisttinxsfähigkeit ist im Streik befangen. Mas wir
für ein kaum noch erträgliches Opfer halten, das uns. ent-I gegen dem ungeschriebenen Recht unseres Volkes und nach den Bestimmungen des Vertrages ans Leben gebt, wird hinter den Erwartungen selbst der ehrlich auf ein« orak- ttlche Lösuny Bedachten auf der anderen Seite Zurückbleiben. Wer von beiden bat reckt? Wo ist der unparteiische und un- irügerische Wertmesser der Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft? Im Leben des einzelnen ist das Spiegelbild seiner Leistungsfähigkeit sein Kredit: im Leben der
Völker ist es nickt anders. Unsere Leistungsfähigkeit kann am beiten gemesien werden an dem Kredit, den die Finanzwelt Deutschland zu gewähren bereit ist. und an dem Maste, in dem die interniationalen Sachverständigen die Ernsthaftigkeit ibres Votums durch die Bereitschaft zu bekräftigen entschlosion sind, die von ihnen als aufbrinalich be- zeichnetcn Summen in der Fonn internationaler Anleihen auf. sich zu nehmen und ihrer Kuirdickafi anzubieten. Kem Gläubiger der Welt aber wird Deutschland Kredit ge- wnbren. eh« die Ltisttingssähwkeit Deutschlands so bestimmt umschrieben ist. dast er über die Grundlage seines Kredits em völlig klares Bild Hot. Reben diesen Notwendigkeiten, die für Deutschland wie für seine Gläubiger gelten, steht das Bedürfnis, vor allem Frankreichs, sofort mit einer bestimmten Summe rechnen zu können. Auch dieses Bedürfnis haben wir mit unseren Verttaasgegnern ge- meinlam' denn wir brauck»en gleichfalls bestimmte Grösten für die Gegenwart und zur Berechnung unserer imtionalen Wittschaft. So sind wir entschlosien.
eine feste ernste Summe auf uns ;u nehmen: wir stnd bereit, die!« feste Summe in Anleihen durch Vermittlung eines internationalen Finanzkonsortiums aiifzu- bringen und, lo weit dies im Anl-ibewege nickt gelingt' sind uns Billisungsauoten zu bezahlen. Da nach dem Urteil rer Welt die deutsche Wirbchast zerrüttet, zermürbt und verarmt. für die nächsten Jahre unbedingt der Ruhe bedarf soll der Betrog, der für den Dienst der Anleihe in den ersten
