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Nr. 510.

Freitag» 1. Dezember 1922.

70. Jahrgang.

Ueber London nach Brüssel.

Das Echo, das die neue Drohung Poincar^s mit Sanktionen gegen Deutschland an Rhein und Ruhr in der ganzen Welt hervorgerufen hat, scheint auf die französische Regierung-nicht ganz ohne Eindruck geblie­ben zu sein. Wenigstens ist die Vorbesprechung der Premierminister Englands. Frankreichs, Belgiens und Italiens für die Brüsieler Konferenz nunmehr gesichert. Sie soll am 7. oder 8. Dezember in London stattfinden und soll die Einigung der vier verbündeten Staats­männer für ihre Stellungnahme in Brüssel sichern. Es handelt sich dabei um drei wesentliche Punkte, unter denen, offenbar auf englisches Verlangen, die Frage des Moratoriums an die Spitze gestellt werden soll, wenn die Berichte der Pariser Presse auf zuverlässigen Informationen beruhen. Entsprechend dem französischen Streben wird damit in Zusammenhang gebracht werden die Frage des Ausgleichs der alliierten Kriegsschulden. Den dritten Punkt wird die Erörterung der Zwangs­maßnahmen bilden, deren Vorbereitung die jüngsten Pariser Konferenzen gegolten haben. Das sind drei Fragen von so weittragender Bedeutung und erfüllt non so starken Gegensätzlichkeiten der Auffassung, daß die erstrebte Einheitsfront der Alliierten diesmal wohl nicht ohne harte Auseinandersetzungen erreicht werden wird. Daß sie Zustandekommen wird, ist wohl schließlich nicht zu bezweifeln, und ebenso wenig wird es aus- bleiben, daß die Konzessionen, die dabei erforderlch sein werden, zum großen Teile auf Kosten Deutschlands gehen werden. So war es bisher immer, und so wird es leider auch diesmal wieder enden.

Auf di« Londoner Vorbesprechung soll dann die Brüsseler Finanzkonferenz folgen, die allerdings nicht, wie es anfangs beabsichtigt war, schon am 15. Dezember beginnen kann, sondern wohl bis Mitte oder Ende Januar vertagt werden wird. Frankreich drängt dar­auf, daß die Reparationsfrage jetzt möglichst schnell er­ledigt wird, damit es im Falle des Scheiterns der Ver­handlungen mit dem Fälligwerden der deutschen Zah­lungsverpflichtungen des Jahres 1923 zu den geplanten Zwangsmaßnahmen übergehen kann. Zweifellos ist die mit so großem Geschick in Szene gesetzte ElysSe-Bespre- chung, die man nur scheinbar geheim hielt, wahrend man unter der Hand für das sofortige Bekanntwerden sorgte, teilweise zu dem Zweck veranstaltet worden, auf England einen Druck zur Beschleunigung der Verhand­lungen auszuüben. Dieses Ziel hat PoincarH auch prompt erreicht. Der sofortige Zusammentritt der Londoner Vorkonferenz ist sein erster Erfolg und als solcher nicht gering einzuschätzen. Infolgedessen halten wir die heute auftauchenden Gerüchte über Rücktritts­absichten Poincar^s und seine Ersetzung durch Loucheur vorläufig für bedeutungslos.

Die Welt hat sich feit der Zeit, da der Gedanke an die Brüsseler Konferenz zum erstenmal auftauchte, ge­wandelt. Lloyd Georges Stern versank und in Italien ergriff Mussolini Besitz von der Macht. Die Frage ist also, wie sich diese neuen Regierungen zu dem Repara­tionsproblem stellen werden. Wenn der englische König in der Thronrede, mit der er das neue Parlament er- öffnete, davon sprach, daß die Lage des Handels und der Industrie andauernd besorgniserregend sei, so wird sich das Kabinett Bonar Law hoffentlich darüber klar sein, daß die Wirtschaftsnöte der Welt, unter denen England mitleidet, sich nicht eher beheben lassen, ehe nicht das Herz Europas, Deutschland, gesundet. Der englische Ministerpräsident scheint die Lage, die durch das neue französische Vorgehen geschaffen worden ist. sehr kühl und ruhig zu betrachten. Er hat auf eine Anfrage im Unterhaus geantwortet, daß ihm von einem französischen Plane zur Besetzung des Ruhr­gebiets nichts bekannt sei.

- In einem sicher nicht zufälligen zeitlichen Zu­sammentreffen mit den Pariser Erörterungen über französische Rheinlandpläne und die Möglichkeit einer Besetzung des Ruhrgebietes kommt die Mitteilung des amerikanischen Staatsdepartements, daß die Washing­toner Regierung aus wichtigen außenpolitischen Grün­den die ursprünglich von ihr beabsichtigte Zurückziehung der amerikanischen Besatzungstruppen aus dem Rhein­land nicht durchführen werde. Die Amerikaner bleiben also in ihrem Abschnitt des besetzten rheinischen Gebietes, ^rotzdem aber wäre es verfehlt, aus dem Berbleiben »er amerikanischen Besatzung weitgehende Hoffnungen t"r den Schutz der deutschen Interessen zu ziehen. Wir daben von niemand Unterstützung und Hilfe zu er­warten und sind ganz auf uns selbst gestellt. Die neue putsche Regierung sieht sich also einer überaus fchwie- ^gen Situation gegenüber. Sie wird in den Äorbe- Mungen' für Brüssel ein« ihrer wichtigsten Aufgaben sehen müssen!

Die Londoner Vorkonferenz.

W.T.-B. London. 1. Der. Die Presse weist daraus bin. daß Bonar, Law bei der bevorstehenden Londoner Kon­ferenz der alliierten Premierminister zum erstenmal als vauvt der Regierung auswärtige Angelegenheiten zu be­handeln haben werde. Alles in London sei für die Zu- amm«nkiu>ft der alliierten Premierminister bereit, di« dre Politik erwägen würden, die auf der Revarcrtionskonferenz verfelgt-werden solle. Die Londoner Erörterungen, die den Blattern zufolg« nur «ine Art formeller Unter­redung sein scllen. batten den Zweck, eine gemein­sam e Re p a r a t i o n Sv o l i t i k zu erzielen. Sie wer­den sich tn der Hauptsache mit den neuen Reoarationsvor- schlogen Frankreichs und dem Zeitpunkt der Brüsseler Kon­ferenz befassen. Ferner werden auch Vorschläge über die n terallnerten Schulden zur'Erörterung kommen.

. Wie verlautet, ist der britische Standpunkt der. oatz in Anbetracht der Tatsache. Lab der französische Reva- rationsplan weiter fortgeschritten ist als der britische, ab- kevartet weiden müsse, welch« Vorschläge Poincarö in der Revurationsfraae machen werde. In London wird die Er­klärung Bonar Lows. daß die Regierung sich für frei er­achtet. die Rerarvtionsfrage in jeder Hinsicht zu erwägen, dahin aueselcgt. daß er zu einer Änderung der Balfouc- Note bereit ist

W.T.-B. 3?nrts, 1 . Dez. Der Londoner Berichterstatter des „Petit Parisien" schreibt über die bevorstehende Lon­doner Konferenz zur Vorbereitung der Regelung der Reva- rationofrage. B o n a r L a w iei bekanntlich ein ent- lchlolsenec Gegner improvisierter Lösungen Es würde des­halb nickt überraschend sein, wenn er ein Moratorium von kurzer Dauer vorschlage, damit die alliierten Sachvcistandiaen zu einem neuen Studium der Reva- ratiousfrage schreiten und ihren Regierungen die Grund­lage,.für ein« solide Erörterung liefern könnten, bevor die e-dgulfioe Emtscknidnng getroffen werde Wenn der Be­richterstatter einigen Auskünften, die er in politischen autori­sierten Kreisen erbalten habe. Glauben schenken könne, hätte das bi'tssche Kabinett schon an ein Moratorium von zwei Monaten gedacht.

W.T.-B. Paris, 1. Dez. Der Stand der inter­alliierten Politik in der Revarationsfrase un­mittelbar vor Beginn der Londoner Vorverhandlungen zur Brüsseler Konferenz wird von der „Journöe industrielle" wie folgt beirrte' lt: Die Haltung der englischen Regierung gegenüber der Revarationsfrage und dem franzölstchrn Plan, der den alliierten Ministern unter­breitet werden solle, kündige in reckt einfacher Form an: Aucgcsprochtner Wunsch, stck praktisch zu verstän­digen aber Ablehnung jeder umsonst gewährten Groß­mut. Unter diesen Umständen werde Frankreich vor den- selbei Hindernissen wie zuvor stehen. Was die Streichung der Sä,u Iden anlang«, werde England ibm noch einmal antworten: ..Ja. cber unter der Bedingung, daß die Ber­einigten Staaten mrine Schulden beseitigen." In der An­lei befrage desgleichen: „Ja. aber unter der Bedingung noch einmal, daß die Veremigten Staaten den Hauvtanteil der Operation auf ihre Kappe nehmen", was auf dasselbe binausläuft. als ob man uns sagte: „Ich bin nicht in der Lage, großmütige Geschenke zu machen, aber was ich mit eurer Hilfe bei Amerika gewinne, das will ich euch auf der deutschen Seite wiedererstalten." Können unsere beiden anderen Verbündeten. Italien und Belgien, uns wirksame Hilfe leisten, die uns aus dieser Sackgasse binausfiibrt? Belgien kann nnr als Zünglein an der Mage fungieren. Italien wird sich vielleicht mit Sille greifbarer Komven- sationen mit uns lolidarüch erklären aber weder der ein« noch der andere dieser beiden Verbündeten kann uns eine zunckentirrechende Unterstützung leisten, um die Einzelheiten einer Regelung festzusetzen. Sie haben beide nicht di« Mög­lichkeit. die Frage an und für stch zu lösen, die eine Geld­frage ist. eine Frag« finanzieller Solidarität.

W. T.-B. Paris, 30. Rov. Nach einer Havas-Mel- dung aus Brüssel werden der Ministerpräsident T h e u n i s und der Minister des Äußern Jasper zur Londoner Konferenz der Premierminister gehen, die am 9. und 10. Dezember stattfinden wird.

v. Rom. 1. Dez. (Eia. Drabtbericht.1 Mussolini Vak die Einladung Bonar Laws angenommen und wird am Sonntag nach London abreifen.

Reparationen und interalliierte Verschuldung.

W. T.-B. London, 30. Nov. Die „Times" schreibt: Wenn di« britische Regierung die Lage richtig versiebe und den Mut habe, ihr gereckt zu werden, so werde sie sich be­reit erklären, die Anleihen, die die Alliierten bei England ausgenommen hätten, insgesamt oder größtenteils zu erlassen sowie di« Revarationen. die Deutsch­land England schulde, in ihrer Eeiamtbeit oder zum großen Teil zu st reichen, falls eine solche Politik zu einer be­friedigenden internationalen Regelung für Europa beitragen könne. Die Anleihen seien vom finanziellen Standpunkt io gut wie wertlos. Englands Anteil an den Revarationen sei für England unvergleichlich viel weniger wert als die Verteile, die es aus einer baldigen Wiederherstellung der politischen und wirtschaftlichen Stabilität in Westeuropa ziehen würde.

Das deutsche Moratoriumsgesuch.

D. Paris. 1. Dez. ^(Eig.. Drahtbericht. 1 In politischen Kreisen wird erklärt, daß die Reparationskommission ihre Entscheidung über das deutsche Moratoriumsgesuch erst nach der Konierenz der M i n i st erp r ä sid enten in London treffen wird. Dreier Beschluß der Revarations- kommission soll der deutschen Regierung in einer Rote mit­geteilt werden. _

Kapitänleutnant Ehrhardt verhaftet.

„Br- München. 1 Dez. ..(Eig. Drabtbericht.1 Wie die yMVnchen-Augsb. Abendztg. erfahrt, wurde der Aufent­halt des Kapitänleutnants Ehrhardt gestern abend in der Nähe von München ermittelt. Ehrhardt wurde darauf­hin. auf Antrag des Untersuchungsrichters des Reichs­gerichts. der die Untersuchung wegen des Kapp-Unter- nrhmens führt, verhaftet und »ach Leivrig verbracht.

Neue Gerüchte über eine französische Negierungskris-?.

v. Paris. 1. Dez. (Eis. Drabtbericht.1 Die Gerüchte über eine bevorstehende Regierungskrise haben neu« Nab­rung durch einen angeblich in der letzten Ministerberwtung zutagegetretenen Gegensatz zwischen Poincarö und M'llerand erhalten.

v. Paris. 1. Dez. (Eig. Drabtbericht.1 In französtschen amtlichen Kreisen hält man es für wahrscheinlich. daß Poincarö im Falle eines negativen Ausganges de: Lii-drner Besprechungen freiwillig durücktreteu würde, um Loucheur Gelegenbtit »u geben, auf neuer Grundlage die Lösung des Revarationsvroblems durch eine Verständigung mit den Verbündeten und mit Deutschland zu suchen. Man versichert. daß Prästdent Millerand für die Pläne Louchrurs gewonnen sei.

Die Sozialdemokratie und die Rheinlandfrage.

Br. Köln. 1. Dez. (Eig. DrahtbericktZ Die rheini­schen Sozialdemokraten haben sich an den franzö­sischen Abgeordneten Leo Blum und an den englischen Arbeiterführer M a c v o n a l d gewandt und sie gebeten, ihren Einfluß gegen di« Verwirklichung der fransMckrii Rheinlandpläne geltend zu machen.

Protest der Mainzer Gewerkschaften und Angestellten- Bcrbände.

W. T.-B. Mainz, 30. Rov. Die Vetreter der Freien Gewerkschaften und der Freien An- gestellten-Verbände des Mainzer Wirtschafts­gebietes, die etwa 43 000 Mitglieder vertreten, beschäf­tigten sich am Donnerstag mit der gegenwärtigen Wirt­schaftslage, die sich besonders durch die Meldung über die Beschlagnahme des besetzten Gebietes und andere Maßnahmen von Tag zu Tag unsicherer ge­stalte. Es wurde eine Entschließung angenommen, in der unter Hinweis auf die unheilvolle Wirkung der von der französischen Regierung geplanten Maßnahmen, die auch im Widerspruch mit demFriedensvertrag stehen, betont wird, daß die Lösung der schwebenden Fragen nur durch Verständigung, niemals aber durch Gewalt erfolgen könne. Die Resolution be­sagt weiter, die Gewerkschaften erachteten es nach wie vor. besonders aus moralischen Gründen, für ihre Pflicht, an dem Wiederaufbau der zerstörten Gebiete mitzuarbeiten. Die fortgesetzten Drohungen aber bräch­ten die Völker immer mehr von dem Ziel, eine fried­liche Menschbeilsgemeinde zu werden, ab und erzeugten auf beiden Seiten nur Haß und Erbitterung. In'der Entschließung wird besonders betont, daß alle Bestre­bung auf Löslösung rheinischer Gebietsteile vom Reich mit Entrüstung zurückgewiesen würden. Die Reichsregierung, der A. D. E.-B., der Afa-Bund sowie die Verbände der politischen Parteien werden er­sucht, alles zu tun. um die Einheit der deutschen Republik zu sichern.

Eine Anfrage im englischen Unterhaus.

W.T.-B. London. 1 Dez. Gestern wurde im Unterhaus vn. Bonar Law wieder dre Anfrage gerichtet, ob Groß­britannien stck einem Versuch Frankreichs, das Rhein- land von Deutschland loszureißen, widersetzen wurde Der Premierminister erwiderte, die Frage sei ganz bnvothetisch: es s« ihm daher nicht möglich sie zu beant­worten.

Die Aufhebung der Militärkontrolle.

, .P; Paris. 1. Dez. (Eig. Drabtbericht.1 Reuter ner­vtet eine tangere Note, in der gesagt wird, daß stck die Votschaftcrkoustrenz sert langem mit der Frage beschäftigt habe, ob die alliierte Militärkontrollkommission durch ein gleichartiges Mi litärgarantiekomitee ersetzt werden tonne.. Die Hindernisse für eine derartige Maß­nahme sinn indessen bedeutend. Die deutsche Regierung bab- die Erledigung der Geschäfte mit den alliierten Olli- zlcren sabotiert. indem ste dies« in der Ausübung ihrer Tätigten bedeutend hinderten. Dazu kämen die Zwischen­falle von Stettin. Passau und Ingolstadt Eine Aufhebung der militärischen Kontrollkommission könne erst in Frage kommen wenn die Umwandlung der Munitions- J a b r iken erfolgt sei. die Auslieferungen des über­schüssigen Krngsmaterials vollendet, di« Statistik über das bestehende Kriegsmaterial eingereichit. die Verhinderung der Ein- und Ausfuhr von Kriegsmaterial gesetzlich festge­legt. die Rekrutierungsordnung für die Armee laut Frie- densveitrag gemackt. die Sicherheiten, betr. die Polizei- orgainsationen. geleistet und die notwendigen Erleichterun- gen mr die Kontur llkommission in der Ausübung ihrer amt­lichen Tätigkeit gewahrt worden seien.

Empfänge bei Dr. Enno.

- Aerttn. 1 De-U (Eig. Drabtbericht.1 Halbamtlich wird berichtet- Der R e i ch s k a n z l e r hat gestern den großbritanni'chen und den italienischen Botschafter sowie den englischen Rechtsg« ehrten Sir Thomas Bare lay emp­fangen, Auch der spanische Botschafter, der Volkskommissar des. Auswärtigen der Sowjetrepublik T i ck i t s ch e r i n sowie der amerikanische Senator Mac Cormick waren bei Dr. Euno.