Verlag Langgasse 21
Schaürr-Halle oeBffnet von 8 Uhr morgen» bi, 8 Uhr abend». P»stsch««ont,: gralltfiirt a. M. Nr. 71M.
Wöchentlich
störungen. oder Streiks haben dir Bezieher keinen Anspruch auf Lieferung des Biokies oder Erstattung des entlprechenden Entgelt». ~™-----—, 1cr
6 Ausgaben.
Fernruf:
^regblatthan," Nr. 8830-53.
Don 8 Uhr morgens bis r Uhr abend», anher Sonntag«. Vestscheckionto: Frankfurt a. M. Nr. 7W5,
Anzeigenpreise: örtliche Anzeigen Mk. SV.—, sfinan;-und Lustbarkeits-Anteigen Mk.«S.—. auswärtige Anzeigen Akk. 45.—, örtliche Reklamen Mk. 88.—. auswärtige Reklamen Mk. 130.— für die einspaltige Kolonelzeile oder deren Raum. — Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen entsprechender Nachlatz. — Schluß der Anzeigen - Annahme: lg Uhr vormittags. — Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen
Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatt,: Berlin-Wilmersdorf, Laubacherstratze 35, Fernsprecher: Uhland 3186
Nr. 599.
Donnerstag, 30. November 1922.
70. Jahrgang»
Die Gefahren des Winters.
Die aufregenden Geschehnisse in der äußeren und inneren Politik der letzten Wochen haben uns nicht zu ruhiger Betrachtung unserer nächsten Zukunst kommen lassen. Die jetzt eingetretene kurze Pause vor der Brüsseler Konferenz und nach der Bildung des neuen deutschen Kabinerts sollte deshalb ausgenutzt werden, um in aller Ruhe die unzweifelhaft starken Gefahren der nächsten Wintermonate nicht nur ins Auge zu fassen, sondern auch rechtzeitig abzuwehren zu versuchen.
Es sind zunächst außenpolitische Gefahren. Die Antwort der Reparationskommisiion auf die letzte Note Dr. Wirths vom 13. November, die bekanntlich in aller Form vom neuen Kanzler Enno anerkannt worden ist, steht noch aus. Nach allem, was man hört, wird sie nicht sehr günstig ausfallen. Das hängt zusammen mit dem Stimmungsumschwung in Frankreich, der wieder einmal ganz auf die Zwangs- und Pfänderpolitik Poincar^s hinausläuft und Programme vorbereitet, die in London und Brüste! den Alliierten zur Beratung und Billigung vorgelegt werden sollen. Ob der Stimmungsumschwung tatsächlich auf Enttäuschungen darüber zurückzuführen ist. daß der neue Reichskanzler die Politik nicht in neuen Bahnen, sondern auf den Wegen Dr. Wirths weitsrführen will und ob wirklich dem französischen Vorsitzenden der Reparations- kommistion Barthou bei seiner Anwesenheit in Berlin von unverantwortlichen Stellen weitgehende Versprechungen gemacht worden sind, die sich nun nicht erfüllen, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls wehte selten ein so scharfer Wind in Frankreich als gegenwärtig. Und mich in England ist durch den Wahlausfall und die neue Regierung keine günstigere Stimmung für Deutschland hochgekommen. Es ist bezeichnend. daß sich der englische Ministerpräsident ausdrücklich volle Freiheit in den Reparationsfragen Vorbehalten hat und damit auch die Möglichkeit, in den schwierigen Orientverhandlungen mit Frankreich und Italien das Reparationsproblem als Handelsobiekt zu benutzen. Nimmt man hinzu, daß verschiedene Äußerungen des neuen italienischen Ministerpräsidenten Mussolini die Leistungsfähigkeit Deutschlands stark betonen und den festen Vorsatz bekunden, auch für Italien möglichst viel aus den Reparationen herauszuschlagen, so ergibt sich eine allgemeine Verschärfung der außenpolitischen Lage für Deutschland, die die neue Reichsregierung nicht nur zu vorsichtigem, sondern auch zu energischem und schnellem Handeln antreiben muß. Nichts wäre gefährlicher, als die alte Politik des Gehen- und Ge- schehenlastens, wie sie unter Wirth üblich geworden war, jetzt weiter zu betreiben.
Das darf schon darum nicht geschehen, weil auch die innerpolitische Lag erbringend zu schnellen und energischen Maßnahmen der Reichsregierung auffordert. Hier sind Teuerung und Hunger die bedrohlichsten Feinde unserer nächsten Zukunft. Infolge der fortgesetzten Geldentwertung schnellen alle Preise für Lebensmittel und tägliche Bedarfsartikel in eine märchenbafte Höhe und stürzen immer breitere Schichten der Bevölkerung in Sorge und Not. Was zur wirksamen Bekämpfung der gemeingefährlichen Preistreiberei und des verbrecherischen Wuchers gesetzgeberisch und mit Hilfe der Polizei geschehen kann, muß unverzüglich und mit rücksichtsloser Entschiedenheit durchgeführt werden. Aber leider sind die hohen Preise und die allgemeinen Notstände nicht allein durch verbrecherische Preispolitik verursacht, sondern auch durch Knappheit der Vorräte, die preissteigernd wirkt. Die Brotgetreideernie bat gegen das Vorjahr einen Minderertrag von 20 Prozent und mehr erbracht. Die Ablieferung des Umlagegetreides macht deshalb und wegen des Widerstandes regierungsgegnerischer Landwirte große Schwierigkeiten. Noch ist das erste Drittel der ausgeschriebenen Umlage bei weitem nicht herein, und schon wird angekündigt, daß das zweite und das dritte Drittel noch schwerer zur Ablieferung zu bringen sein werde. Und doch hängt davon die Brotversorgung des deutschen Volke? für diesen Winter ab. Denn wenn auch die im Ausland gekauften und bereits bezahlten Getreidemengen von 2 Millionen Tonnen restlos eingeführt werden können, muß doch das Umlagegetreide der heimischen Landwirtschaft in voller Höhe hinzu- kommcn, um die Ernährung sicher zu stellen. Natürlich werden reine Gewaltmaßnahmen die Landwirte nicht ahlieserunasfreudiger machen. Man muß ihnen vielmehr in der Bezahlung und in der Lieferung künstlichen Düngers ein-»n Anreiz geben, der ihnen die Erfüllnngs- bfticht erleichtert. Es ist höchste Zeit, daß das Reich dem Drängen einiger Länder in dieser Richtung nach- Mbt und Anstalten trifft, um das noch ausstshende Umlagegetreide sicher und schnell hereinzubekommen.
Sehr übel sieht es mit der Fleisch- und Milch
versorgung der Bevölkerung aus. 'Durch den Mangel an Krastfuttermitteln sind sowohl die Zahl und Beschaffenheit der Schlachtviehtiere wie auch die , Milcherzeugung ganz erheblich zurückgegangen. Die Einfuhr ausländischen Gefrierfleisches macht durch die fortgesetzte Entwertung der Mark immer größere Schwierigkeiten und hebt heute schon den Prers des Gefrierfleisches ruf dieselbe Höhe, wie den des Frischfleisches. Die Gestehungskosten für Milch aber sind auch nach uninteressierten Sachverständigengutachten aus eine Höhe gestiegen, die dieses für Kinder, Kranke und Greise unentbehrliche Nahrungsmittel unerschwinglich macht. So bleibt als einziger Trost die gute Kar- toffeleernte, die in diesem Jahre mindestens um die Hälfte größer ist als im Vorjahr. Alles kommt darauf an, daß die Möglichkeiten zu rechtzeitiger und ausreichender Eindeckung der Bevölkerung mit Winterkartoffeln geschaffen werden. 85 Prozent der Winterversorgung soll sich bereits in den Händen der Verbraucher befinden: aber die noch fehlenden 15 Prozent müssen schnellstens herbeigrfchafft werden, wenn keine Ernährungskatastrophe eintreten soll.
Zweifellos warten kommunistische und syndikalistische Führer mit Ungeduld auf den Eintritt größerer Ernährungsschwierigkeiten, um durch Putsche die unzufriedenen Massen zu Verzweiflungstaten zu treiben. Der wilde Berliner Vetriebsrätekongreß ließ deutlich erkennen, wo die Reise hingehen soll? Hier ist es notwendig, beizeiten mit allem Nachdruck polizeiliche Vorkehrungen zu treffen, damit die Hetzapostel nicht auf ihre Rechnung kommen. Unberechtigte Nachsicht könnte leicht gefährlich werden!
Tie RheinlandplSns Frankreichs.
v. Baris. 30. Nov. (Eig. Drabtdekich-t.) D-is Üblich ten Frankreichs in der Angelegenheit der a» deuteten Strafmaß nahm en werden vom „Temvs" erörtert. Das Blatt kommt zu dem überraschenden Schluß, daß die Wegnahme deutscher Kohlengruben weder der Weltwirt- ichoft noch der deutschen Wirtschaft irgend welchen Schaden »uiugm werde, da Deutßhland-jetzt seine KobleuureSs« weit hinter dom Weltmarktpreis vevkanfe. und diele Tatsache nur dazu diene, den Engländern auf ganz gefährliche Weise Konkurrenz zu machen und die Kohleiiarbetler. vor allem aber di« deutschen Grubenarbeiter, sehr empfind- stch zu drücken. Das jetzige System der billigen Kohlen käme mx Deutschland nur der Großindustrie zugute. Diesem System wolle Frankreich abhelicu. entweder indem es eine Ausländsanleihe vermittle, die die deutsche Wäh- r vn g st a b il is i e r e. oder, indem es zugunsten der rheiui- ichen Bevölkerung di« rattonelle Ausibeutung des aus dem lenken Rheiuuser liegenden deutschen Jndustrieibesitzes orga° rrMer«.
England behält sich freie Hand »or.
W. T.-B. London. 30. Nov. (Erg. Drahthericht.) Der Londoner Berichterstatter des Wblff-Bureaus erfährt von gut unterrichteter englischer Selite. daß nach wie vor keinerlei Andeutungen der französischen Regierung im Srnne der von der fransösischen Presse befürworteten Zwangsmaßnahmen gegen Deutschland eingc- trosten sind. Es könne daher über die Haltung der britischen Regierung gegenüber derartigen französischen Plänen, die sie nur aus der sransösischen Preise kenne, keinerlei Mitteilungen gemacht werdm. Es wird ich och aus die Haltung der brrtischen Prelle in dieser Frage ausmerKam armacht, i* die brttrsch« Regierung sei vorläufig'- die wichtigste , der Zeitpunkt für die Vorkonferenz zur rüjijeler Konferenz. Rach englischer Ansicht sei die Einigung der Alliierten in der Revarationsfrag« vor der Brüsseler Konferenz sowie auch in der Frage der suteralliierten Schulden unbedingt notwendig. Die Besprechungen während des gestrigen Besuchs des französischen Botschafters be> VonarLaw hätten daher in der Hauptsache dem Zeitpunkt der alliierteu Vorkonferenz gegolten. Von französischer Seite war der 15. Dezember für den Be- ginin der Brülleler Konferenz angeregt worden. Die Überreichung des französischen Reparationsvorischlogs. dem ent- Zegengrfehen werden könne, sei bisher noch nickt erfolgt. Was die Haltung der 'britischen Regierung gegenüber derartigen Vorschlägen betrifft. so hat Re sich vollständig freie Sand für die Behandlung der Reoarationsfrage geilasstn.
Rheinische Treuekundgebungen.
Br. Köln. 30. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Durch die Rdeinlande geht vexen der.rn Paris angekündisten Politik der produktiven Pfänder eine starke Erregung die ihren Niederschlag in einer Reihe von Entschließungen findet. In einer Resolution der christlichen Gewerkschaften beißt es'
Die Zeit ist vorbei, in der über das nationale Schicksal eines Volkes von Macktvolttikern allein entschieden wird. Ohne den Willen des arbeitenden Volkes am Rhein gibt es keine Lösung aller Fragen, die wieder aufgeworfen sind. ...Die sre ren Gewerkscha ften haben ein« Entschließung ähnlichen Inhalts aefoßt.
Die amerikanischen Truppen am Rhein.
O. London. 30 Nov. (Eig. Drahtbericht.) Das amerikanische Staatsdepartement teilt mit. daß die amertlanr- schen Truppen im Rheinland bleiben werden ..wegen wichtiger Gründe, die mit außenpal irischen Angelegenheiten in Verbindung stehen" Diese Mitteilung wird allgemein auf die aus Paris cmgelaufenen Meldungen über die Beschlüsse im Elysöe zurückgeführt.
M Mk« Wer Cie MIM MW«.
as. Berlin, 30. Nov. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Das Schicksal der Brüsseler Konferenz und ihrer Vorkonferenz bleibt nach wie vor im Ungewissen, wenn es jetzt auch festzustehen scheint, daß P o i n c a r 6 Ende nächster Woche sich nach London begibt, um mit Bonar Law über die Brüsseler Konferenz zu verhandeln. Es liegt eine gewisse Ironie darin, daß Poincar^, der bei seinem Amtsantritt Lloyd George mitteilte. er könne die Vorliebe des englischen Ministerpräsidenten für Konferenzen und Mimster- zusammenkünste nicht teilen, sondern er ziehe es vor, laufende Angelegenheiten schriftlich zu erledigen, sich jetzt so eifrig um das Zustandekommen der Brüsseler Vorkonferenz bemüht. Poincar6 hat nämlich in einer Note an die englische Regierung den Wunsch geäußert, daß BonarLaw möglichst bald nach Paris kommen möge, um dort mit Poincar^ sowie Mussolini und Theunis. falls dieser der Einladung Folge leisten wird, über das Programm der Brüsseler Konferenz zu sprechen. Donar Law antwortete darauf, er könne England zu seinem Bedauern nicht vor Mitte Dezember verlassen, würde sich aber freuen, Poincars vorher in London zu sehen, falls Frankreich nicht einen schriftlichen Meinungsaustausch oder eine Zusammenkunft verbündeter Sachverständiger in London vorziehen sollte. Auf diese Mitteilung Bonar Laws hat Poin- car6 nun erwidert, er sei bereit, Ende nächster Woche nach London zu reisen. Jetzt ist es nun Englands Sache, mitzuteilen, ob PoincarSs Besuch auf alle Fälle willkommen ist, auch wenn Mussolini und Theunis nicht nach London kommen sollten. Über die Entschlüsse dieser beiden Männer liegen bis zur Stunde noch keine genauen Nachrichten vor, wenn auch Mussolini MitgeteUt hat, er sei bereit, nach London zu reisen. Er fügte aber hinzu, wenn er Italien verlassen könne.
Die Beurteilung, die die Reise Poincaräs nach London in England findet, ist geteilt. Zum Teil sieht man darin eine vernünftige Haltung Frankreichs, zum anderen Teile glaubt man in England, daß Frankreichs Forderung nur ein strategisches Manöver sei, um die Annullierung seiner Schulden an England zu erreichen.
Die Frage des Termins für di« Brüsseler Konferenz bleibt aber trotz alledem offen. England wünscht die Konferenz auf Januar zu verschieben und in Frankreich scheint man sich allmählich aus diese Idee einzustellen. Dann aber bleibt die große Frage, wie werden die im Januar fälligen deutschen Zahlungen geregelt werden. Daß Deutschland sie nicht aufbringen kann, braucht wohl kaum besonders betont zu werden und damit würde die Ge f a h r der Sanktionen wieder akut werden. In Pariser Kreisen scheint man allerdings der Ansicht zu fein, diese Zahlungen könnten durch ein weiteres provisorisches Moratorium gestundet werden. Dann aber ist zu erwägen, womit man sich in Paris eine solche Stundung bezahlen lassen wird, denn es ist nach Poincaräs Worten ja beschlossen worden. daß kein Moratorium ohne besonders neue Schwierigkeiten zugeftanden werde.
T.-B. Paris. 30. Nov. Nach dem „Petit Parissen" st, es letzt ziemlich Rcher. daß die M i n i st e rv r üs i - d euren von Großbritannien. Frankreich. Italien und Belgien., die direkt an der Konferenz von Brüssel interessiert seien, in der kommenden Woche in London eine Vorberatung abhalten würden. Gestern abend habe die enal'sche Regierung Einladungen an Mussolini und Theunis ergehen lallen. Es unterliege keinem Zweckel, daß beide die Einladung annehmen würden. Ter zweite Delegierte Italiens in der Revarationskommission. d A m e l i o. fei rorgeftern bereits nach Rom abgereist. Es scheine, daß di« italienische Regierung den Wunsch habe, einen aktiven Anteil an den neuen Revarationsverhand- lungeri zu nehmen und daß lle an eine Abänderung des Verteilungsschlüssels denke, der seinerzeit in Sva angenommen wurde. Unter diesen Umständen habe man gestern abend in London geglaubt, daß die Vorberatung gegen Ende der kommenden Woche beginnen könnte. ?&«■ werde eine Beratung unter den alliierten Sach- v er st ä n d i g e n folgen, die sich bis zum Beginn der Brülleler Konferenz binauszieben werde. In London werde man vor allem über die Frage des Deutschland zu gewährenden Moratoriums verhandeln, da bis zum 15. Jan. diese Frage entschieden sein müsse. Dann werde es sich darum bandeln, ob man nach Brüssel gehen solle, um über die Gesamtheit der deutschen Schuld zu beraten, uich ob es oovortun sei. dort auch gleichseitig das Problem der inter- all i i e r t e n S ch u l d e n zu orüfen. Schließlich werde die Frage der Zwangsmaßnabmen oder der Pfand- n a h m e besprochen werden, im Falle Deutschland ssch seinen Verpflichtungen entziehe. Über alle diese Fragen habe die tranzoßsch« Regierung noch keine Entscheidung getrosten. Die Zusammenkunft von London werde es zweifellos gestatten. ststzustellen ob ein interalliiertes Abkommen über die Revaratirnsfrose möglich fei oder ob es besser lei. darauf zu verzichten. d,e Konferenz in Brüssel abzubalten.
. 30. Nov. (Eia.-Drabtbsrickit.) Nach Lon
doner Meldungen dürfte dre Ministerzufammenkumt End« nächster Dock« in London stattfinden. Bonar La«
