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Ne. 508.
Mittwoch, 29. November 1922.
70. Jahrgang.
Die französische Aktivität.
Die Meldungen aus Paris haben am Dienstag an den deutschen Börsen den Dollar bis hart an die 9000- Markgrenze emporgetrieben. Das ist wenig verwunderlich, denn die Aktivität der französischen Politik, die sich in der montäglichen Sitzung im Elys^e mit so großer Energie angekündigt hat, mutz auf das wirtschaftlich« Leben Deutschlands einen neuen außerordentlichen schweren Druck legen. Auch wenn man dabei nicht übersieht, daß die Besprechungen, die jetzt in Paris stattfinden, nur ein? mittelbare Vorbereitung besonderer französischer Maßnahmen sind, darf man doch keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß es sich bei diesen Vorbereitungen nicht um die Absicht eines Bluffs im Hinblick auf die bevorstehende Brüsieler Konferenz handelt, sondern daß es der französischen Regierung mit ihrem neuen Aktionsprogramm durchaus ernst ist.
Die Stimmung in Frankreich ist durch die verschiedenen von außen kommenden Eindrücke sehr stark erregt und verbittert. Die Haltung Italiens, das unter Mussolini auf eine ganz neue Bcchn getrieben wird, ist durchaus geeignet, auch die französischen Reparationsansprüche zu verschärfen, denn die Art, wie Mussolini das Anrecht Italiens auf Reparationsleistungen auszudehnen strebt, muß in Paris dahin wirken, daß man dort nun erst recht auf seinem Schein besteht. Auf der anderen Seite ist man über die Haltung Englands, das sich nach wie vor bemüht, äußerlich korrekt zu erscheinen, in Frankreich zwar äußerlich verstimmt, weiß aber im Grunde doch wohl genau genug, daß die englische Politik hinlängliche Gründe hat, Frankreich in seiner Reparationspolitik zum mindesten passiv zu unterstützen. Was Belgien angeht, so waren die Besprechungen. die in den letzten Tagen mit den Verrre- tern der belgischen Regierung in Paris stattgefunden haben, deshalb für Frankreich nicht befriedigend, weil die belgischen Minister sich nicht entschließen konnten, den weitgehenden Absichten der französischen Regierung, von denen fie vor den übrigen Verbündeten in Kenntnis gesetzt worden sind, rückhaltlos zuzustimmen. Die ■ Erfahrung veranlaßt die Leiter der französischen Politik scheinbar zu gewissen Rückschlüssen über di« Bereitwilligkeit der anderen Verbündeten, ihnen aktiv auf der Bahn zu folgen, die sie gehen wollen, und aus diesem Grunde treffen sie alle erforderlichen Vorbereitungen stir eine französische Sonderaktion, zu der sie sich im DFalle einer Lockerung der interalliierten Solidarität berechtigt fühlen.
„ Die französische Sonderaktion ist gedacht für den hall, daß die Brüsseler Konferenz nicht zustande kommen oder nicht das Ergebnis haben sollte, das man in Paris von ihr erwartet. Bedenken in dieser Richtung bestehen, wie jeder Beobachter der internationalen Zusammenhänge in letzter Zeit erkennen konnte, aus den verschiedensten Ursachen. Es ist vom französischen vnmdpunkt aus verständlich, daß man in der öffent- ttchen Diskussion sich darauf beschränkt. Deutschland als oen Sündenbock schon im voraus anzuschwärzen. Es wird behauptet, die neue Regierung und der Reichstag jeisn sich darin einig, daß Deutschland seinen Rspara- nonsverpslichtungen nicht Nachkommen solle, und es »erden besonders schwere Vorwürfe gegen die deutsche Industrie erhoben. Man spricht von Vorschlägen, die -o a r t tj o u während seiner Anwesenheit in Berlin von ^ohmdustrieller Seite angeblich gemacht worden sind «s soll sich dabei um ein allerdings an die Bedingung »er Räumung des Rheinlandes geknüpftes Angebot der deutschen Großindustrie zur Übernahme «er Garantie für eine Reparationsanleih« im Betrage von 20 Milliarden handeln. Es scheint uns notwendig S? sein, daß die Reichsregierung der Öffentlichkeit mcrüber Aufklärung gibt. Die Dinge haben doch jeden- P 5 Jo gelegen, daß Herr Barthou gewisse Fragen stellte und seine Gedankengänge entwickelte, nicht aber so. daß M von den deutschen Industriellen bindende Zu- Merungen gegeben worden wären. Im äußersten «.alle dürfte von deutscher Seite die prinzipielle Ve- •Kfiaft bekundet worden sein, unter bestimmten Vornetzungen diese oder jene Mittel und Wege zu ver- »en. Durch den angedrohten Druck neuer Sank- nen, durch die Okkupation des ganzen Rheinlandes dos halben westfälischen Industriegebietes werden ? gewiß die Voraussetzungen für derartige deutsche »neu nicht geschaffen werden. Dadurch wird weder unerläßliche Entlastung Deutschlands von unsrträg- w Druck noch die Steigerung der industriellen atunI. noch auch — was man in Paris ebenfalls zu Weben scheint — die Haltung der deutschen Arbeiter- R Tt in einer Richtung beeinflußt werden, von der ^ sich in Frankreich Gewinn versprechen könnte. Alle "a in den Pariser Konferenzen in Erwägung gezoge- " Zwangsmaßnahmen, wie z. V. die Ersetzung der
»an
deutschen Beamten durch französische, sehen sich — immer vom sranzöstschen Standpunkt betrachtet — aus dem Papier sehr einfach und sehr zwingend an. Zn der Praxis werden sie so außerordentliche Widerstände finden, daß daran der erwartete ©ffelt zunichte werden muß. Ein« derartige gewaltsame Okkupation bringt alles weniger als „produktive Pfänder", denn sie legt sich lähmend auf die Produktionsstätten, auf den Produktionsgang und auf die produzierende Kräfte. Gerade jetzt haben die Bergarbeiter angekündigt, daß sie kern« Überschichten mehr leisten wollen, wenn diese nur zur Schaffung von Reparationskohle dienen sollen. Glaubt man in Paris, sie unter dem Druck der Bajonette zu erhöhter Leistung zwingen zu können, und wie stellt sich die französische Arbeiterschaft zu einem solchen Gedanken?
Man darf bei der Betrachtung der Dinge, die sich jetzt in Paris entwickeln, nicht übersehen, daß allen Alarmmeldungen zum Trotz dabei nicht an eine sofortige Aktion gedacht, daß die Bedrohung also noch keine unmittelbare, sondern erst eine mittelbare für Deutschland ist. Das ändert aber nicht das mindeste an dem Ernst dieser Bedrohung. Ihr gegenüber bleibt Deutschland völlig auf sich gestellt, denn jede Hoffnung auf eine auch nur passive Hilfe von ausländischer Seite würde zu einer bitteren Enttäuschung werden. Mit dieser Erkenntnis wächst die Schwere der Verantwortung für die politische Leitung des Reiches. Damit wächst aber auch zugleich die ernste Pflicht für die Parteien und für jeden einzelnen Bürger, alles Trennende zurückzustellen, alle Kräfte zu sammeln zu kluger und entschlossener Abwehr. Das trifft ganz besonders für die Bevölkerung des Rheinlandes, die während der vier Jahre der Besetzung, schon so viel echte Vaterlandsliebe und so viel Entschlossenheit gezeigt hat. zu. Was auch kommen mag. sie wird auch in den kommenden schweren Wochen beweisen, daß sie deutsch denkt und deutsch fühlt und an der wirtschaftlichen und politischen Einheit mit dem Reich festhält.
Bei dieser Gelegenheit möchten wir an die preußische Regierung das dringende Ersuchen richten, dafür Sorge zu tragen, daß der Posten des Regierungspräsidenten in Wiesbaden möglichst bald besetzt wird, damit bei den kommenden Entscheidungen ein Mann an der Spitze des Verwaltungsapparates steht, in dem das Deutschtum eine Stütze findet. Auch die Parteien sollten endlich in dieser Frage alle kleinlichen Einwände gegen die parteipolitische Äbstempelung der Kandidaten beiseite stellen und sich der Schwere des Augenblicks bewußt sein, denn es kommt nunmehr auf schnelles Handeln an!
Die Beschlüsse der Versammlung im Elyfse.
W.T.-B. Baris. 28. Rov. Das amtliche Komin ni au ö über dev bevtisen Mivifterrat belast: Ministerpräsident BcivcarS hat den Mivifterrat über den Verlauf der Beratung. di« gestern im Einige stwttgefuvden bat. in Kenntnis gesetzt, über die die umgenauesten Informationen veröffentlicht worden stnd. Der ..Temvs" glaubt, den sensationellen Charakter dieser Mitteilungen feststellen zu müssen.
W.T.-B. Paris. 29. Ncv. Zu der Beratung im ElysS« schreibt das ..Echo National": Das gestrige Dementi
dementiert nichts. SVenu in den Zeitungen erzählt wurde, daß unrichtige Informationen mitunterlaufen seien, so sei das nicht weiter überraschend angesichts des Umstan- bes .bafe einige Blätter übermäßig viele Einzelheiten hin- stchtl'ch der gesen Deutschland durchzuführenden Maßnahmen gebracht tattcn. Aber es liege auf der Sand, da« das offiziöse Dementi nur die Einzelheiten im Auge habe, dagegennicht die Sache selbst, die sich nicht bestreiten lasse. Gewissen Anzeichen zufolge lollen dre Pfänder nicht rechts des Rheines, sondern nur auf dem linken Ufer mit Beschlag bclegt werden. Aus diesem Grunde wohnte der Konferenz vom Montag der Oberkommissar in den Rbein- landen. Tirard. bei. Die vreubischen und bayerischen Beamten sollten aufgefordert werden, über den Rhein zu- rückzugeben und die Verwaltungen der rheinischen Gebiete würden mit Hilfe von einheimischen Beamten reorganisiert und unter die Kontrolle Frankreichs gestellt werden. Die Z o l l g r e n z s Deutschland gegenüber würde wiederbergestellt werden und der Überschuh der Steuern sowie die Erträgnisse der Domänen und die Zolleinnahmen würden in die Kasse der Revaraticnskommission abgeführt.
Die englische Regierung hat keinerlei Informationen.
W.T.-B. London 29. Nov. Die Berichte der fvanzöst- schen Presse über eine drohende französische Besetzung des Rhein- und Ruhrgebietes finden ln der Abendmesse grobe Beachtung. Bon massgebender Stelle verlautet, bai keinerlei Mitteilung in irgendwelcher Art und Weise seitens der französischen Regierung erfolgt sei.
Im Unterhaus teilte Bonar Law mit. er hätte keinerlei Informationen, die ihn zu der Erklärung ermächtigten, dass die Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzcsen bevorstehe. Das Parlamentsmitglied Wedgewcod fragte hierbei: Wurde die englische Regierung. wenn irgend welche Schritte in dieser Richtung getan werden würden, vorher darüber unterrichtet werden? Bonar Law erwiderte: Natürlich!
A«elA «im mit Smklism.
as. Berlin, 29. Nov. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Die Pariser alarmierenden Nachrichten, in denen weitere Zwangsmaßnahmen angedroht wurden, werden in Berliner politischen Kreisen natürlich lebhaft kommentiert, und eine Korrespondenz wollte auch gestern abend bereits wissen-, daß in Berlin eine Note eingetroffen sei, in der di« deutsche Regierung daraus hingewiesen werde, daß, falls die Lösung der Reparationsfrage nicht durch schnelle Vorschläge der deutschen Regierung sichergeftellt werde, die französische Regierung gezwungen sei. bestimmte Maßnahmen zu ergreifen, um sich P f ä n d e r zur Sicherung ihrer Ansprüche aus dem Versailler Vertrag zu sichern. An amtlicher Stelle wird aber erklärt, daß eine derartige Note nicht vorliegt. Im ganzen folgen ja auch heute abschwächende Meldungen aus Paris. Trotzdem wäre es natürlich falsch, den Ernst der Lage zu verkennen. In Paris hat man allem Anschein nach von dem Regierungswechsel in Deutschland eine neue Wendung in der Reparationsfrage erhofft. Man hat offenbar damit gerechnet, daß positive Zahlungs- Vorschläge gemacht würden, wenn die Eroß- Industrie Einfluß auf die deutsche Regierung gewinnt, und ist nun enttäuscht darüber, daß der Kanzler lediglich eine Fortsetzung der Politik'des früheren Kabinetts in Aussicht stellt. Mit aller Bestimmtheit wird in Paris behauptet, daß bei der Anwesenheit der Reparationskommission in Berlin Herrn Barthou ganz feste Versprechungen gemacht worden seien. Es wird sogar gesagt, das Angebot von einer Garantie für eine 20-Milliarden-Anleihe solle ein sehr bekannter Bankdirektor erwähnt haben. Über die angebotenen Sicherheiten und die von deutscher Seite geforderten Zugeständnisse existierten angeblich schriftliche Aufzeichnungen. Auch in der deutschen Presse ist bereits von solchen Verhandlungen zwischen den Mitgliedern der Reparationskommission imb führenden deutschen Industriellen di« Rede gewesen. Allerdings ist regelmäßig von der Industrie aus ein Dementi darüber erfolgt, daß bei den Verhandlungen von einer Anleihe gesprochen worden sei. Woraus dies« Mißverständnisse zurückzusühren sind, war bisher noch nicht festzustellen.
Unrichtig scheint aber die Auffassung zu sein, dasi die in den Pariser Meldungen erwähnten Z w a n g s- maßnahmen sofort in die Praxis umgssetzt werden könnten. Das Deutschland gewährte Moratorium läuft bekanntlich bis Ende dieses Jahres. Im Augenblick kann also eine Verfehlung Deutschlands ncht konstatiert werden. Auch französische Blätter betonen daher, daß erst, wenn ein neues Moratorium nicht bewilligt wird und wenn dann Deutschland am 18. Januar seinen Verpflichtungen nicht voll nach- kornmt, eine absichtliche Nichterfüllung des Vertrages festgestellt werden könne, und daß dann die Zeit der Sanktionen gekonnnen sei. Der „Figaro" berechnet die Mindestzeit bis zu diesem Termin auf 6 Wochen und spricht die Hoffnung aus, daß bis dahin diedeut- sche Großindustrie vernünftig wird. Damit ist offenbar ein sehr wesentlicher Beweggrund für die Veröffentlichung der französischen Nachrichten getroffen. Man will auf die deutsche Großindustrie em- wirken und sie durch die Ankündigung von Zwangsmaßnahmen zu Zugeständnissen zwingen. Auf der anderen Seite dürften auch innerpolitische Beweggründe mitgespielt haben. Herrn Poin- carss Mehrheit fängt an. sich zu verflüchtigen. Man sprach sogar, wenn auch etwas voreilig, von einem Meinungsumschwung Poincarös und das läßt es dem französischen Ministerpräsidenten offenbar zweckmäßig erscheinen, als starker Mann auszutreten. Darüber hinaus wollte man offenbar einen neuen Druckauf die Alliierten ausüben. Poincar6 braucht die Konferenz von Brüssel, aus der er noch immer hofft, eine Annullierung der französischen Kriegsschulden zu erreichen. Zweifellos wäre es aber falsch, wenn man nun nur von einem Bluff sprechen wollte. Denn ausdrücklich betont auch der „Temps", es sei „kein Aufschub der Ianuarzahlungen ohne Sicherheiten vereinbart worden." Es wurde ja auch schon unlängst hier daraus hingewiesen, daß gerade diese französische Forderung von Pfändern die Zusammenkunft Poincarös mit Morgan unmöglich gemacht hat und der Aufbringung einer internationalen Anleihe im Wege steht.
Die Frage ist nun nur, wie die Alliierten sich zu dem französischen Plan stellen werden. Bonar Law hat nn Unterhaus erklärt, bisher hätten kein? formellen Erörterungen mit den Alliierten über die Reparationsfrage stattgefunden. Wenn es dazu komme» wolle die Regierung freie Hand haben, die Frage in jeder Hinsicht zu prüfen. Der englische Premier behSS sich also vorläufigoollständiaeLandlungs«
