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Berlag Langpass« 21

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Nr. 507.

Dienstag, 28. November 1922.

70. JkhrgÄNH.

Der Endkampf.

Jedesmal, wenn in den Ländern feierlich zur Ein­heit aufgeiufen wird, ist das ein Zeichen, daß die Schicksalsuhr zum Schlag aushebt; Entscheidungen stehen bevor oder es wird doch an sie geglaubt. Dies­mal wird die Einheit gleichzeitig auf drei Gebieten heftiger Auseinandersetzungen gefordert. Der neue deutsche Reichskanzler verlangt sie für die Parteien als Notgemeinschaft des deutschen Volkes. In Frankreich rief Poincars zur Rückkehr der entschlossenen Stim­mung von 191-1 auf, denn doch vor Ende des Jahres werde man „vor den schwersten Problemen" stehen. Im ElysZe fand am Montag unter dem Vorsitz des Präsidenten M i l l e r a n d ein« Beratung statt, die sich mit verschärften Zwangsmaßnahmen gegen Deutsch­land beschäftigte. Und oon Italien aus wirbt Musso­lini für eine neue Festigung der „Entente". In allen drei Fällen ist die Mahnung durch das Gefühl gesteigert, man dürfe keine Zeit mehr verlieren. Überall handelt es sich um die sachlich gleichen Aufgaben. Wenn nicht dar Kernstück der Weltpolitik, so doch mindestens der Schnittpunkt ihrer verschiedenen Willenslinien sind die Reparations- und Währungsfragen.

Für Deutschland, das nur über einen bestimmten, von ihm selbst zu unternehmendem Versuch nicht über die Voraussetzungen des Gelingens entscheiden kann, liegen die Dinye ziemlich einfach. Es gilt, die Papier- mark auf der setzigen oder einer etwas höheren Stufe wenigstens solange zu halten, bis die entscheidenden Beschlüsse des Auslandes gefaßt sind. Daß eine solche (vorläufige) Hemmung des Marksturzes möglich ist, weiß man jetzt. Schon die Erörterung der Stabilisie- rungspläne hat genügt, ein sonst unvermeidbares Wei- terstnkcn um Wochen zu verzögern. Es ist freilich rich­tig. daß die „Anpassung" der deutschen Wirtschaft (an die Goldpreise und Eoldlöhne) unter allen Umständen, und zwar bald, erfolgen wird. Aber es ist doch nicht so gleichgültig, wie mancher bebauptet, auf welcher Stufe des Markwertes sie erfolgt. Denn wenn die Mark, was ohne Anwendung hemmender Maßregeln unfehlbar binnen zwei bis drei Monaten geschehen würde, den jetzigen Stand der österreichischen Krone erreicht, so be­deutet das die Steigerung der Preise. Löhne, Lebens­kosten nicht etwa, dem Dollarkurs entsprechend, auf das Zehnfache, sondern auf das Dreißig- bis Dierzigfache. Vorläufig ist. wie jeder Vergleich mit Österreich zeigt, di« deutsche Lebensbaltung noch drei- bis viermal billiaer. als der Dollarkurs anzeigt. Das würde sich jedoch gerade dann sebr schnell ändern, wenn die Mark in weiten Sprüngen siele. Das Papier wäre dann kein Maßstab mehr, die Goldmarkrechnung in irgendeiner Form würde sich durchsetzen. '

viel weiter auseinan^ergehend sind die Fraaen natürlich vom Standpunkt der Mächte, die. zwischen Lausanne und Brüssel, so ziemlich alle großpolitischen Angelegenheiten des Erdballes neu zu ordnen trachten. Immerhin berühren sich die verschiedenen Provlem« doch irgendwie in der Räbe der einen Frage: Wie

macht man es. zugleich „Reparationen" zu erhalten und die weltwirtschaftlichen Folgen eines deutschen Zu­sammenbruches zu vermeiden? Hier trennen sich vor. läufig die Wege der drei verhandelnden Hauptmächte. England dürfte über dieFrage grundsätzlich kaum anders denken, als die Sachverständigen seit Jahren sich äußer­ten. Ihm find die Reparationen als solche eine Ange­legenheit zweiter Ordnung, viel weniger wichtig als der Verfall der deutschen Währung, den es durch Herab­setzung der Schuldsumme, durch Zahlungsruhe und durch zweckmäßig verteilte Anleihen aufzuhalten wünscht. Was es in Wirklichkeit tut. hängt natürlich von vieler­lei anderen Erwägungen ab. Mussolini, der Italiener, hat in dieser Frage vorerst überhaupt nur ein Amt (das felbstübernommene des Entente-Neubegründers) und keine Meinung. Und Poincar^? Er hat seinen Zuhörern gesagt. Entscheidungen stünden noch in diesem Jahre bevor. Er denkt also den Reparationsstreit (möglichst in Verbindung mit der Angelegenheit der Amerikaschulden) zu seinem Ende zu bringen. Aber auf welche Weise? Siebt man von der Regelung der ..interalliierten" Schulden und von gewissen politischen Verrechnungen ab. so gibt es nach französischer Auf­fassung zwei Möglichkeiten. Entweder, Frankreich ver­zichtet auf den Versuch. Deutschland für die Zukunft zahlungsfähiger zu machen, und holt sich feine „Pfän­der" selbst: oder es setzt sich für Anleihen größten Etiles ein. deren Zwo-* dann freilich nicht der Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft oder die Stabilisierung der Mark, sondern die unmittelbare Reparationszahlung wäre. Mit dieser Einstellung Frankreichs muß Deutsch­land und müssen die Großmächte rechnen. Poincar^ rüstet zum Kamps; und fordert darum die „heilige Einheit"!

Das Kabinett Cuno an der Arbeit.

3,8. Berlin, 28. Nov. (Drahtmeldüng unserer Ber­liner Abteilung.) Nach der Rückkehr des Reichskanzlers, der über Sonntag nach Hamburg gefahren war, trat das Reichskabinett gestern nachmittag zu einer Sitzung zusammen, die der Erledigung der laufenden Ange­legenheiten gewidmet war. Das Kabinett stimmte da­bei einem Gesetzentwurf über die Erhöhung der Wohnungsbauabgabe zur Sicherstellung des Wohnungsbaues im Jahre 1923 zu. Schon in seiner Programmrede ist der Kanzler auf den tieftrauriaen Stand unseres Wohnungswesens eingegangen und hat die Forderung erhoben, daß durch Ausnahme größerer Geldmittel, wie auch durch Verbilligung des Bauens wenigstens ein beschränktes Bauprogramm durchge­führt wird. Ein weiterer Gesetzentwurf, dem das Kabinett zustimmte, bezweckte die Abänderung des Ge­setzes über die Zwangsanleihen. Dieser Ent­wurf dürfte nach unserer Information eine Anpassung an die veränderten Geldverhältnisse bedeuten. Die Zwangsanleihe wurde ja seinerzeit bekanntlich in Papiermark festgesetzt, so daß man sich jetzt gezwungen sieht, die Anleihe den veränderten Verhältnissen anzu­passen.

Jedenfalls hat das Kabinett Euno seine positive Arbeit nun ausgenommen. Unerledigt bleibt vorläufig noch die Frage der Neubesetzung des Ernährungs­mini st eriums und auch der Posten eines Staats» sekretärs im Reichswirtschaftsmini st e- r i u m ist noch unbesetzt. Wenn wir recht unterrichtet sind, legt man in Regierungskreifen größten Wert dar­auf, diesen Posten durch einen Industriellen zu besetzen, und ?s scheint hier eine ähnlich« Scheu vor Verantwortung zu bestehen wie bei der Besetzung der Ministersessel. In der volksparteilichen Kreisen nahe­stehenden „Zeit" klagt Stresemann über diese Er­scheinung und stellt erneut fest, daß Euno bei der Re­gierungsbildung die größten Schwierigkeiten nicht durch die Fraktionen erwachsen seien, sondern durch das Versagen derjenigen, an die der Kanzler als Mit­arbeiter dachte, und die nicht den Fraktionen ange- HLrten.

Daß im übrigen innerhalb des Kabinetts der Re­st a r a t i o n s f r a g e die größte Aufmerksamkeit ge­widmet wird, ist selbstverständlich. Die neue Negierung hat gestern in Paris eine Note überreichen lassen, in der sie mitteilt, daß ste auf dem Boden der Repara­tionsnote vom 13. November tritt und in der ste um eine recht baldige Prüfung der deutschen Vorschläge bittet. Es scheint nun fast, als ob man sich in P a r i s bereits eingehend mit der Reparationsfrage beschäftigt hat. denn es wird gemeldet, daß gestern im E l y s << c unter dem Vorsitz M i l l e r a n d s eine Kon­ferenz über die Reparafionsfrage stattgefunden bat, der außerordentliche Bedeutung beigemessen werden muß. Außer dem Ministerprästdenten Poincars waren der Präsident der Revarationskommiision Barthou. der Kriegsminister. Marschall Fach, der Finanzminister und der Minister für die befreiten Ge­biete anwesend. Die Beteiligung des Kriegsministers hat in Paris den Grund zu entsprechenden Rückschlüssen gegeben. An amtlichen Pariser Stellen wurde sede Auskunft über diese Beratung, die das größte Auf­sehen erregte, verweigert Die Teilnahme Fachs braucht nicht gerade zu überraschen, da eine eingehende Aus- fvrach« über die Reparationspolitik bei den bekannten Eventualitäten Poivrar^s auch eine Aussprache mit ihm notwendig macht, sowie auch die Anhörung mili­tärischer Sachverständiger einschließen mußte. Es liegt also durchaus keine Notwendigkeit vor, daraus vor­schnelle Folgerungen zu ziehen und zu denken, daß man vor irgendwelchen folgenschweren Entschlüssen gestanden bat. Charakteristisch ist aber jedenfalls, daß die Pariser Börse sofort auf diese Konferenz reagierte. Die Mark fiel bis auf 0.017 und erreichte damit den tiefsten Stand, den ste bis jetzt überhaupt batte. Das gibt bei der guten Witterung, die die Börse im allgemeinen hat, zu denken. _

Der «letzerzusaMmentritt de» Reichstags.

Bf. Berlin. 28. Nov. (Di«. Drabtbericht.) Der Reichs, tag wird am Montag, den 4. Dezember, nachmittags 2 Ubr. wieder zusammen treten. Aus der Tagesordnung stehen zunächst zwei Interpellationen, die eine des. Zentrums, die andere der Deutschnationalen, dir sich mit dom Kulturkampf belchästigen. den di« Regierungen in Sachsen. Thüringen und Braninischweis durch ihre religiösen Erlass« entfacht haben. Sodann soll di« neu« Beamten- beloldung in erster und »weiter Lesung beraten werden. Dritter und vierter Punkt der Tagesordnung lind die ersten und zweiten Lesungen der Gesetz« über die Erhaltung der Kriegergräber aus dem Weltkrieg und di« Änd«, rung des Lichts viel geletzes. Endlich soll di« neu« Geschäftsordnung für dem Reichst«« weiter besprochen werden.

K»e v« Iln Nzrechm, hier

_ W. T.-B. Paris. 27, Nov. Wie di« tzaoasasentur be­richtet. hat beute vormittag im Einige unter dem Vorsitz des Präsidenten M i l l e r a n d eine wichtig« Konteren« ttattm-sulchen. an der teilgenommen haben' Poincar». Marschall sioch. der Krieasminister Maginot. d»r Fiiian,minister de Lasteyrie. der Minister für die be­freiten Gebiete Neibel. der französische Delegierte bei der Reparetionskcmmission Bartbou. der französisch» Oberkommistar in den Rheinlanden. T i r a r d. der CÄk des Generalstabs Buat und der Generalinlvektor der Bergwerke Toste.

., Aach dem „Matin" batte diele Konferenz »um Gegen­stand die Prüfung der Maßnahmen. die eventuell ergriffen werden sollen, im Falle die Brüsieler Konferenz nicht »ulammevrreten «erde, oder wenn ihr Ergeb- nts von der französischen Regierung nicht als ihren berech­tigten Hoffnungen entsprechend anerkannt würde. Die gestern PW 11 "*" Maßnahmen umfaßten namentlich eine Be- ! ch l a g n a b m e der augenblicklich belebten rheini­schen Gebiete, aus denen sämtliche deutschen Be- amten ausgewielen werden sollten andererseits auch die Besetzung »on etwa zwei Dritteln des Ruhr- 8* d * t er e>nfchltttzljch (flies und Bochum, in dem iJ(oS«. dah Frankreich über di« Revarationsksble und üb« den metallurgisch notwendieen Koks verfügen könne.

Der Petit Parisien" schreibt — offenbar beeinflubt — er glaube zu wissen, daß di« Konferenz der Prüfung der Reoarativnrsrage und der Maßnahmen gewidmet iewelen sei. die die französisch« Regierung eventuell — lei w auf dem linken oder auf dem rechten Rheinufer — zu ergreifen ge»«u»aen sein weide. An einer aiÄderen Stelle erklärt das Blatt: Ohne daß die Lage etwas Tragische», wie im Aunust 1814. har. ist es sicher, daß ernste Stunden heran- li ah e n, Deutschland besitzt seit einigen Tagen eine Reckt«- rraierung. die sich in der absoluten Unmöglichkeit erklärt, ernstlich mit Gcldzablunaen vor drei »d-r vier Jahren zu beamnen uiih dl« außerdem sagt, daß diese Ausführung nur beginnen könne, wenn di« Alliierten ihr 500 Millionen Goldmork zur Stabilisierung der Mark leihen, wenn sie ihre Zollgrenzen nieder reißen. um den deutschen Export zu er- ft'chttrn, und menn sie di« Zahl der deutschen Revaratisn»- kchuld oelentlich herabsetzen. Das Herdt, die deutsche Regie- rung will in einem Mcnat eine letzte Anstrengung mächrn. um sich dem größten Teil ibrer Finanzverpslicktungen aus dem Versailler Friedensvertr«« »u entziehen. Es ist mög- lich.,b«b iv letzter Minute di« deutschen Großindustriellen, oie jetzt die Leitung des Reiches übernehmen, über die un- aii»er.«hmen Folgen ibrer Widerspenstigkeit. auf diesem schleckten Wege zu beharren Nachdenken. Aber es ist doch wohl möglich, »aß ne Frankreich zwingen die im Perttag rorqisrbrnen Sanktionen durckruführen und einige Pfänder, die in Frankreichs Reichweite liegen, m i«6itien. 3m .fnnf)Ii(f auk diele letztere Eventualität hat der Ministernrandent. ckn« di« Stimme mehr als notwendig ,u erbeben dem französischen Volke ein« heillame Warnung zuteu weiden lassen.

d« Paris" werden die verschiedenen Maßluibmen. von denen gestern gesprochen worden sei. beute vormittag dem M int »errat tut Billigung Bettelest werden Ministerpräsident Poincard könne also von jetzt ab von lew ihm zur Dersüguna gestellten Mitteln Gebrauch macken, wenn die Stunde gekommen sei. um — wie er selb» erklärt habe —. die wichtigen Enttcheidirngen zu tteffeu vrn denen zum Teil Frankreichs Zukunft aböänge.

.W- T.-B. Paris. 28. Nov. Ober die «estrige Beratung im Elnsde ist eine offiziöse Note aussegeben worden, de« die gesamte Morgenpress« wieder,ibt und in der « beißt: Dp. .tzi« Brüsseler Konferenz ttotz des Wunsches der frwngoNfchen Regrerung vielleicht nicht stattfinden werde, d, sse möglicherwr is« kein Ergehn!« haben werde, und in»b«° sonder« deshalb, weil der Reich»«-«, dem Reickskan»:«

v o eine Mehrheit »erschafft habe, die einmütiU die R o te Dr, M ' r tb s an die RevarattoneEomm'^on bivias, das heißt dafür ein trete, daß Deutschland sich den Re,», rattonsverpflichtungen entziehe, so begreise men. daß di« framöstsch« Regierung in ibrer festen Abftcht. Bezeck/ue^en zu ,erlangen, Wert darauf ««legt habe. ,u untersuchen, we'ck« Mittet ihr diese Möglichkeit verschaffen könnten. „Wir «lau- ben.zv wissen" letzt dir Note weiter auseinander, .'.dntz di« Maßnahmen, di« in Betracht gezogen wurden — wir ßr«n vumt. beschlossen wurden — und die man kür «eeinnet für die Gaimntwruii« unserer Reckte erachtet, wenn man »wke he. strertzen wurde folgende find:

1. Eine vollstä nd igere Bekchlagnahms der Rheinland«, die Frankreich ckmtt- besetzt Helte ein« Beschlagnahm«» die nam«nttich in der Er­setzung von deutschen durch französisch« Beamte »um Ausdnick kommen könnte.

2. Besetzung von »rot* Dritteln des Ruh» a« b i« t s —einschließlich Eisens ünd Bochums — so daß Frankreich di« von Deutschland auf Reoa- rationskonto zu liefernde Ko bl« und der für die fram zösisch« Industrie erforderliche Sütterikoks gesickert wü'd«.

, Paris, 28. Nov. Ober die gestrige Beratung

im EInlS« äußert lick der größte Teil der Morgen»resl« , u - stimmend Der ..Figaro schreibt: Der Gericbts-

o o N > i e b e r wird diesmal begleitet von Kommissaren und von Gendarmen. Dsändunaen nornebmen. Schon seit vielen Monaten batte die Operation diirckreführt werd-n müssen Aber es ,st bester, daß man aeduldia gewesen ili, Jrtzt ist es aber zu Ende mit dem Lachen über Frankreich und fein« Alliierten.

Der llzialistis.cke Povnkaire" überschreibt seinen Artikrst mit den Werten ,.M a n bereitet D u m m h e i t e tr Blatt bemerkt, b's znm 31. Degember stabe es Drutschland nur mit Belgien tun. und wenn M»ßn»bm»n gegen Tentlckland ergntsen werden müßten. d«nn könne d-e« erst ab Jaruar sein Dielleicht aber habe Poincart in­zwischen seine ministerielle La« dadurch kons»lidreren wollen, dar er den Sckmrfnmchern des nationalen Block, eiue vage Btfiiedrgung gebe.

Die „Err Nouvclle" schreibt: Wir können nur die Hal­tung der deutschen Großindustriellen bedauern, dir im so

KJ