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Samstag, 25. November 1922.

Wiesbadener Tagblatt.

Nr. 585. Sette 17.

Untczßaftungä s&eUage

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5um Totenfest.

. Unter allen im Kreislauf der christlichen Feste periodisch wrederkekrenden bewahrt der den Toten gewidmete Tag. uneniweiht durch 'rgendwelclre profane Beimischung, seinen eigentümlichen rührenden Zauber. Er hat nicht unter störenden materialistischen Bräuchen zu leiden und erinnert -n kliner Weise an weltliche Veranstaltungen. Aus dem Geräusch der brandenden Wogen des Lebens, der beständigen Aufregung, die der Kampf ums Dasein mit sich bringt, führt er. zu innerer Einkehr, zu beschaulichen Betrachtungen und prüfendem Gedenken. l

Mit der ihr eigenen Schärfe psychologischer Beobach- tung hat die Krrche dieses schwermütige Fest an die Schwelle des Winters, gestellt, in diese unbestimmte Jahreszeit. wo der eiste Rer* Wald und Flur versilbert, der Wind ächzend dre Schornsteine durckcheulr, der farbenleuchtende Schmuck des Herbstes allmählich unter dem frostigen Lebewohl der verblassenden Sonn« düsterer und düsterer wird, und das Gemüt „ganz besonders dazu stimmt, kleinliche Regungen zu unterdrücken. Die Erinnerung an die teuren Verstorbenen erfüllt die Seele. Ihre Gestalten steigen vor ihr auf. aber auch dre /schatten der verschwundenen Jllustonen. geschei­terter Plane, getauschter Hoffnungen umwogen sie. und der Gedanke an die Vergänglichkeit alles Irdischen drängt sich ihr auf.

Vielleicht war es der Anblick des Todes, der in dem Menschen zuerst dre Vorstellung des übernatürlichen in ibm erweckte, den trostlrchen Glauben, in einem Jenseits wieder- zufrnden. was er binisden verloren hatte. Manchen Seelen scheint es grausam und unmöglich, anzunebmen. daß die. welche uns liebten und von uns geliebt wurden und vor uns hingegaugen und. uns für immer entrückt sein sollen. In unseren Träumen fahren sie fort, für uns zu leben, stnd sie uns gegenwärtig wie zuvor, stnd sie unsere Berater, wenn unser Gewruen eines Führers bedarf. Diese Zuneigung über dos Grab hinaus ist die innigste und dauerndste der menschlichen Empfindungen. Diese fernen Stimmen, die in einsamen Stunden ganz leise zu uns sprechen, hören wir am liebsten. Für uns stnd die Entschlnienen wiedererstanden, dre teuren Geister umgeben uns — jeder von uns hat die ieinigen — ste sind die Hüter der Familienzusammeng-börig- kert. wie dre Götter des häuslichen Herdes der Alten.

Alle Klaffen und alle Stände wandern an diesem Tage strll und bewegt den Friedhöfen zu. Reiche und Arme schreiten denselben Weg entlang, um den gleichen Pflichten des Herzens zu genügen. Mit reinerem Begriff und einrr besseren Idee von dem Wert und der Bedeutung des Lebens rehreu ste wieder heim. Dichter und Moralisten werden uns nie so viel Lehrreiches über das Leben und die Gefühle der Menschen zu sagen willen wie ein kurzer Besuch auf der Ruhestätte der Toten an dem ihrem Gedächtnis geweihten Tage. ,

Nichts ist rührender als stch inmitten dieser Menge zu beweaen. Sie ist nicht gerade düster und niedergeschlagen, mit Ausnahme derjenigen, di« erst vor kurzem ein teures Wesen verloren.haben, ste ist mehr ernst und gesammelt. Älle Klnllen. reich vnd arm. finden sich bei dieser schmerz­lichen Wallfahrt zusammen, all« Unterschiede scheinen ver­wischt. um e'nem gemeinsamem Gefühl Raum zu geben. Die Reichen bringen in ihren Wagen die kostbarsten Blumen- spenden mit. die Armen und Mühseligen begnügen sich mit einem bescheidenen Sträublein, einem unscheinbaren Kranz.

Die Menschheit wird diesen Kultus der Toten immer bewahren. Er wird nie verschwinden, denn er ist stark wie die Erinnerung wohltuend und notwendig wie die Hoff­nung und b'ldet dar geheimnisvolle und unzerstörbare Band, das die Menschen mit der Idee an eine andere Welt als die. ;n der wir leben, verknüpft. Diese Welt birgt so viel Leid, daß der Gedanke an eine hellere unendlich viel Tröstliches bat. Ob der Mensch in einer bestimmten Religion erzogen, an seinem Glaubensbekenntnis festhaltend, bellen Bor- l-hriftcrr und Bräuche in geweihter UmgebuW erfüllt, oder eb er in dem unsichtbaren Tempel seines Gewissens eine Art schwebender Andacht verrichtet, ist in dieser Stunde gleichgültig. Der Gedanke an ein Jenseits und die darauf mudeutevdev Bräuche gehören zu den ältesten in fast allen Weltteilen und waren am wenigsten dem Wandel unter- uorfen. U. R.

Das Todesproblem im Seelenleben ' unserer Ahnen.

Der Mensch mag er auch noch so abgeschlollen. noch ko karg in seinen Liebesbezeigungen gegen andere sein — dem eben Hingestorbeven gegenüber wird sein Herz weich, und er. irentei ibm an innerer Liebe wie an äußeren Werken. Die Ausbildung dieses sittlichen Gefühls ist offenbar das Verdrcnst der christlichen Religion, aber nur seine Ausbil- Vorhanden war es lange vorher, schon bei unseren heidnischen Vorfahren. Wir stellen ste uns. die alten Ger­manen. immer nur als äußerst robust vor. körverlich wie seelisch, und ahnen nicht, wie bei aller Urkraft, selbst Robert dom recht oft Züge ihres tiefen und warmen Empfindens aufleuchten. ja. welche feinen Regungen bisweilen ihre Seelen durchschwungen haben. Das zeigt sich besonders dem eben Gestorbenen gegenüber.

. Wir wissen, daß nian einen Fürsten, einen Vornehmen, erneu Krieger nichj heller glaubte ehren zu können, als wenn man ihm ins Grab sein Schwert, seine Lanze, seine Streit- art niltgab. Man schmückte seinen Sckeiterbaufen mit pracht­vollen Stoffen aus. die mitverbrannten, und übergoß die flamniende Lohe mit köstlich duftenden 0len. Man legte zu ihm auch kostbore goldene und silberne Geräte in Hülle und Fülle. Vcibarisch war es allerdings, wenn man dem toten Herrn nicht nur sein Lieblingsrost folgen liest, sondern azrcki die Gattin, den Knecht, die Lieblingsmagd, die ganze Dienerschaft. Das Schwaner Kegelgrab z. B. zeigt acht kaucinde Knechte, auf denen der Herr rubt. Solchen Grau- lamkritcu machte die christliche Kirche ein Ende, und st« sind auch nur seltene Ausnahmen. In den bei weitem meisten Fällen, besonders beim einfachen Mann, äustert sich die Liebe der Angehörigen ganz anders, wohltuender, schlichter, herz­licher. Denn kann Liebe stch deutlicher offenbaren, als wenn ste dem Toten für seine Wanderung aus dem langen, dunklen Weg Stab und Leuchter mitnibt oder für die beschwerliche, ungewisse Reise neue derbe Schube oder als ..Fäbrgrofchen eine Münze — oft der gröberen Sicherheit wegen in den Mund £>> legt —. damit er im unbekannten Land einen bclleren Empfang habe? Ist es nickt ein Zug hübscher Pietät, nenn er auch Schüsseln und Teller mitnahm, die­selben. die er hier unten besonders geliebt hatte? Dast dabei manches Komische. unterlief, ist klar. Beim schönen

t loskecher denken wir sofort an den einstigen fröhlichen echor: aber welche Gedanken erweckt uns erst eine mit- grgebene Schastchere oder ein Kamm oder aar ein Rasier- mesoi laus Bronze)?

Zarte Empfindung, zarte Liebe löst sich besonders aus. wo d'e Toten Frauen uns Kinder sind. In ihren Gräbern sinde,: n oft Singvögel, offenbar ihre Lieblingstierchen, bei Vornehmeren ihre Beizvögel, und was sonst noch das Leben, der Frau verschönt: Haarnadeln. Ringe. Schnallen, je nach Stand und Reichtum aus feinstem Gold, aber auch aus einfachem Glas. Und beim Kinde alles, was lein junges Heizchcn erfreut batte: kleine Tövfchen mit und ohne Henkel, 'o wie es sie beim Svielen gebraucht hatte. Glas­perlen. Fingerriuglein: unter den Hallstätter Brandgräbern findet sich, sogar ein Kindergrab dem neben Svanaen. Nadeln ulw. auch 4000 kleine K,»Luschen aus Erz beigegeben waren. Und gibt es etwas tiefer Empfundenes als jene Sitten, die fick, noch bis beute in verschiedenen Gegenden erhalten, dast. wenn ein junges unverlobtes Mädchen im Dorfe gestorben. man. ste noch im Grabe mit einem gleich­falls gmstoibcnen jungen Mann verlobt und nun für das junge Paar Hochzeitsgeschenke sammelt und diese dann zum Totensonntag unter Preisung aller Tugenden der beiden verbrennt? _

Auf dein Friedhof.

Der Tag ein« regenschwer und sturmbewegt.

Ich war an manch' vergeß'nem Grab gewesen. Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt.

Die Namen überwachsen, kaum zu lesen.

Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer.

Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen.

Wie sturmestot die Särge schlummerten. —

Auf allen Gräbern taute still: Genesen.

Detlev v. Liliencron +.

Arän;e.

Eine kulturgeschichtliche Studie zum Totenfest.

Nach altem Brauch schmücken wir am Fest der Toten die Grabhügel unserer Entschlafenen mit Kränzen aus Tannen. Zypressen, Efeu. Lorbeer oder anderem Grün, wie man sie einst (seit Beginn des Mittalters) mit Rosmarin ickmuckte. aus dem lange Zeit auch der Brautkranz gewun­den wurde, bis di« Myrte, der Baum der Venus. an die Stelle trat. Rosmarin war in germanisch-heidnischer Zeit Freyr und Holla geweiht, die die Geister der Verstorbenen in die Unterwelt geleiteten. Von unseren Urahnen ist es nicht bekannt, daß sie den Toten Kränze weihten: wir willen aber, dast das alte Kulturvolk der Bgyvter ihnen solche mit in den Sarg gab. Bei Königsmumien bat man ihre Über­reste gefunden. In diesen Kränzen herrscht die heilige Lotosblume vor. die den Ägyptern das war. was uns die Rose ist: man bot ste den Freunden als Wrllkommen- rnvß dar Bon den Ägyptern lernten die Griechen die Sitte des Blumenschmuckes kennen. Man wand Kränze aus Blumen, namentlich Rosen, wohlriechenden Kräutern, wie Majoran. Salbei und Tnmian. sowie aus Lorbeer- und Mnrtenrveigen. Kränze wurden den stegreichen Feldherrn und den Siegern im Wettkampf verlieben, man brachte sie auch len Göttern als Ovfergabe dar und schmückte ihre Statuen damit Apollo gebührte der Lorbeer. Jupiter das Eichenlaub. Bacchus Weinlaub. Juno weihte man Früchte und Blätter des Granatbaums und Minverva Llbaum- zwcige. Bei feierlichen Gelegenheiten. Gastmäblern ulw.. trug man m^t Vorliebe goldene Kränze. Von den Griechen übernahmen lie Römer die Sitte der Kränze: wie Plenius berichtet, kannte man im alten Rom anfänglich nur durck Kriegsinten erworbene Kränze, später wurden sie allgemein und galten lediglich als Schmuck bei Männern und Frauen. Plinius erzählt auch, dast man den Verstorbenen Blumen darbrachle. desgleichen Plutarch. klm die Mchenurnen be­rühmter Toten schlangen sich bei der Bestattung manchmal Kränze in so großer Zahl, dast die Urne völlig darunter verschwand Als Gräbschmuck fanden Blumen und Kränze bereits im Altertum ebenfalls Verwendung. Wie im Mittel- alter ein Strohkranz als Zeichen höchster Schmach, so galt bei den Römern neben dem Lorbeerkranz ein Kranz aus Gras als größte Auszeichnung für Kriegsruhm: er wurde nur auf Ceuatskeichlutz verliehen wenn ein Feldherr einen vollkommenen Sieg über den Feind davongetragen hatte. Obwohl ohne materiellen Wert, war der Graskranz den kostbarsten goldenen, juwelenge!chmiickten Kränzen als Ebtenzeichen weit überlegen. Er entstand aus dem Brauch, daß der Besiegte dem Sieger ein Stück Grasboden des er­oberten Gebietes überreichen mußte als Symbol der Ab- tretting desselben. Erschien der Besitzer eines Graskranzes in der L-stcntlichkert. so jubelte man ihm zu. Im Tbeater erhoben sich alle, selbst die höchsten Würdenttäser. ihm zu Ehren von ihren Sitzen. Im alten Rom war mit den Kränzen ein gewisser Aberglaube verknüpft. So brachten Krokuskränze angeblich gesunden Schlas. während Efeu­kränze Schutz vor Trunkenheit gewähren tollten. — Bei den alten Germanen ivar der Kranz aus Eichenlaub das Zeichen des freien Mannes. .Das Christentum übernahm die Sitte der Kränze, sie waren ihm im Anfang ein Symbol des Märtyrertums. Aus edlem Metall, me'st Gold, geformt, hing man ste in den Kirchen auf. deren Altäre und Heiligen­bilder man mit Blumen und Kränzen schmückte. Im Mittelalter trugen Männer und Frauen bei festlichen Ge­legenheiten neben Kränzen aus Blumen häufig solche aus Edelmetall, mit Steinen verziert im Haar. Um dem Luxus zu steuern und den Standesunterschied zu wahren, wurve den Bürgern und Bürgerinnen in manchen Städten da» Tragen kostbarer Kränze verboten. Aus dem Schlachtfeld und beim Turnier empfing der Sieger einen Ebvenkranr. auch dem Meistersinger wurde im gesanglichen Wettstreit ein grüner Kranz als Lohn überreicht. In sväterer Zeit verschwand der Kranz als festlicher Schmuck für Männer und Frauen völlig, nur der Braut- und Totenkranz blieb übrig. In der Kunst aber hat der Kranz vom Quattro­cento an bis zum Empire, das den antiken Kranz überall an Bauwerken. Möbeln ufw. anbrachte, eine wichtige Rolle gespielr. __E. E. R.

Das Tal der Seelen.

Bon Artur Sikbergleit.

Ich kam ins Tal der abgeschied'nen Seelen.

Die Winkel rauschten seliges Vergessen.

Die Vögel' sangen vunkle Trauermellen.

Die Bäche strömten über von Cborälen.

Versunkene Glocken buben an zu läute».

Der Wind Ii-cK ihre Weisen weich verschwimmen.

Ich hörte in des Abends Flüstorstimmen,

Das Wort von Brüdern. Schwestern. Müttern. Bräuten.

Und ich vernahm verscholl'ner Seelen Ode:

Sie klang mir wie rin vriesterlickes Trösten:

»W:r stnd die Seligen und Leiderlösten.

Wir sterben für euch tausend Oviertode!"

Gestärkt vor dem Gesänge dieser Stund«.

Schied ick vom Tal. das Efeu grün umsvannte.

^rdes wie eine rote Heilandswünde

Mond an Gottes Himmeln purpurn bramrt».

3m Krankenhaus.

Ekisrs von Hugo Lerch/

An ebnem regnerischen Sommertag spielte ich nichts­ahnend mit den Kindern des Grünwaren- und Kohlenhänd­lers Werves in der geräumigen, aber niedrigen Wohnstube, die. wie alle Kellerstuben, nie recht bell wurde, und erzählt« dnen eifrig von in einem Geburtstagsgeschenk. dem Bau» 'Een. als ich plötzlich, mitten im Erzählen, sehr müde wurde und, ohne mit meiner Geschichte ans Ende gekommen zu sein, langsam, zwischendurch nur noch nach der Mutter ver- mnsend. einschief. Ich hatte vordem schon immer besorg- mserregend gehustet, und meine Mutter, die stets sehr für- mrglich und gewillenhaft war. batte einen Rettich aus»-. Avblt und ihn mit dunklem Kandis gefüllt. Den Hißen, schleimigen Saft, der aus dem aui ein Wallerglas gestüloten Aett'ich berouströpfelte. Trovien um Trovirn.,vielleicht in ikder Viertelstunde einen, so daß es ein Teelöffel voll war N jedem. Tag. mußte iw einnebmen. Das sollte nach der -Unsicht meiner Mutter und manch einer anderen Frau, di« um auf ihre großen Kenntnisse in der Krankenpflege etwas ihsute tat. ein fast unfehlbares Mittel gegen Husten und vonerkett iein. Mir konnte der süße Rettichlast nicht mehr E'sen Die Krankheit, die scheinbar schon lange im Körper Bg* unheilvolles Zerstörungswerk begonnen hatte, lieh sich nun durch kein Haus- oder Symvatbiemittel mehr kurieren. Als ich aus einem schweren Schlaf erwacht«, lag uö

weich und warm — eigentlich viel zu warm — in einem von einem blauen Zeugbimmel beschirmten Bett. Tagelang muhte ich liegen bleiben und die unheimlichsten und schmerz­haftesten Prozeduren mit mir vornehmen kaffen. Tag für Tag. fast immer um die Mittagsstunde, wenn ein Sonnen­strahl in der Kammer blitzte, kam ein alter, foitzbärtiger Mann mit einer goldenen Brille auf der Nale. der ..Onkel Doktor" aus der Nachbarschaft, und blickte mich, indem er seine Brille abnahm und die Gläser behutsam vutzte. mit seinen blaffen, rotunterlaufenen' Augen an. die ohne die Brille gar kernen Glanz und Ausdruck besahen. Später redete er ott leise und geheimnisvoll mit meinen Eltern, die. im Hintergrund des kleinen, halbdunklen Zimmers stehend, immer etwas zu fragen hatten und nie eingebend ge­nug von dem Arzt Bericht erhalten konnten. Schließlich hörte ich. wie mein Vater vom Krankenhaus sprach. Meine Mutter nahm nach diesen Worten ihre buntkarierte Küchen- schürze vors Gestckt und wischte stch. stch vom Bett abwen­dend. ein vaar Tränen aus den von vielen Nachtwachen schon entzündeten Augen Trotz ihrer Vorsicht sah ich ihr Weinen und zitterte. Dann trat sie. noch feucht und rot an den Lidern, an mein Betr. küßte mich zärtlich auf die feuchte Stirn und sagte lieben oll:

Teuw man 'n butten, mien lütt gode Jung. Du schaßt wedder gesund warrn. Dorior will ick schon sorgen!"

Ich war von dem hohen Fieber und dem ttaumrefchen, kurzen Krankbeitsschlaf io müde und stumvf geworden, daß ich nicht einmal mehr den Mut fand, meine Mutter als ein« Antwort aus ihre tröstenden Worte stumm zu liebkosen, w'.e ich es 'onst. besonders am Abend, wenn ich im Bett las und mein« Mutter noch einen Augenblick bei mir verweilt« und mir von den hereinblickenden Sternen ein kurzes Märchen erzählte, so gern getan batte. ..Mutter, muß ich nun ster­ben?" Die einz:ge Frage, dir mich schrecklich quälte und die. da das Ja darauf ebenso viel galt wie das Nein, mich auch wieder ein wenig tröstete und aufrichtete.

Was mir mein« Mutter alles gewesen ist. «ne beili« das Verhältnis zwischen Mutter und Kind, das bah' ich wohl lo reckt erfahren und in lieister Seele gefühlt in jenen schwe­ren. dunklen, umwölkten Tagen. Alle sternenlosen Nächte, während deren das Fieber tobt«, sind mir hell, iveundlich und erttägl'ch gewesen, und niemals bemerkte ich. daß meine Mutter in der Behandlung und Pfleg« gleichgültig oder nach lässt g wurde Keine Nackt ist vergangen, da ste nicht Stunde um Stunde, oft in noch kürzeren Zwischenräumen, an mein Bett gekommen ist und mich befragt bats ob ick etwas wünsche Ich besoß keinen anderen Wunsch, als nur den einen: wieder gesund zu werden: aber ste fragte mich immer wieder, so daß ihr« Fürsorglichkeit mir oft lästig

wurde. Dann hörte ich. wie ste hinter der Tür schluchzte, und sah. wie sie mit dem Taschentuch nervös im Eestcht her­umwischte.

Fünf lange, dunkle, ttostlose Wochen bin ich dann im Krankenhaus gewesen und Hab' in stiller Ergebenheit mein eigenes Leid ertragen und im Ergriffensein manch ein frem­des Leid und Wehe, das noch schwerer war als das mein«, auf mein Kinde'gemüt einwirken lasten. Ich habe während langer, mir endlos nbeinender Tage in. einem weißen. luf­tigen. bochfenstrigen Zimmer gelegen, avatbisch dreingeschaut und mich im st'llen ein wenig gefreut, wenn die weißbe­schürzten Krankm'chwestern milde lächelnd zu mir herein­kamen. um mir das Esten zu bringen und ein bißchen mit mir zu plaudern. Ick Hab' aber auch stundenlang vor« Pavillon, »m umfangreichen Garten ««festen und über dte frechen, freßlustigen Spatzen gelächelt, die in Schaven ber- beiflogen. um die Brotkrumen, die ick ihnen zuwarf, aukzu- vicken. oder, wenn ich ihnen nichts bieten konnte, auf den

Zinndeckeln der zum Abholen ins Freie gestellten Sveise- gefäße nach einem verlorenen Bracken zu suchen- Vor mir schlängelten stch di« schmalen Gartenwege, auf denen, da ste

wem« benutzt wurden, das Unkraut lvrießte. durch d'e grü­nen Flächen der unsvmmetrisch abgegrenzten Raten, und bunte, zierlich gerundete oder oval geformte Rabatten, oft nnt einfarbigen Blumen wie mtt einem Ria« umgebe», brachten die woblerwünschte. lebendige Abwechslung.

Alte, invalide, graubärtige Männer mit schelmisch- gutmütigen Gesichtern und in weißen, abgewaschenen. lange, Kitteln, die wie Mönchskutten aus^ahen. deren Schlichtheit aber durch vier mit Sorgfalt geputzt«, talergroße Mefstna- knöpfe etwas weggedrückt wurde, humpelten zu mir. gäbe, mir dir welke Hand und wünschten mir, dem Jungen, der noch das Leben vor sich lnrbe. wie ste sagten, gurr Desterung.

Und dann — was müßte ich doch für ein dummer, ge­fühlloser Bursche lein, wenn ich das vergcsten hätte — war in der Anstalt ein Mädären. das auf der Scheid« stand »w»- i'chen Kind und Weib. Wir faßen oft in traulichem Beiein- anderfein auf der üherhufchten. niedrigen Fliederbank. und die älteren Wärterinnen. Yie mich unter Seufzen und Stöhnen auf den Armen, in einer wollenen Decke ein«e- wickelt. dorthin gebracht batten. >ab«n es gern, wenn das Mädchen em wenig auf mich achtet«. Ich erzählte ihr mit kindlicher Offenherzigkeit von meinen Soielsacken. insbeson­dere aber von meinem Baukasten und den anderen Gebutts-- tagsgeschenken. und ste. voll einem küßen Verlangen, mir Freude zu bereiten, pflückte heimlich mit ängstlich zitternden Händen. Blumen auf den vielen, reichbcstellten Rabatten, um ste mir zu lckenken Blumen durfte niemand abpflückcn. Aber sie tat «» heimlich, wenn die Wärterinnen beim Kaffe«