Verlag Langgasse 21
^kagblatthiu»".
EchaUrr-HaNe pe!ffn«t von 8 Uhr morgen» bi» 6 Uhr abend». Postschecklonto: Frankfurt a. M. Sir. r»0L.
Wöchentlich
rez«g»Pr«Ife: Im Verlag abgeholt: Mk. 21».—, in den Ausgabestellen: Mk. AS.—, durch die Träger ms Haus aebracht Llt. 22S.— monatlich. — Bezugsbestellungen nehmen an: der Verlag, die Ausgabestellen, die Träger und all- Postanstalten. — In Fällen höherer Gewalt Be'riebs- storungen oder Streiks haben die Bezieher keinen Anspruch auf Lieferung des Biatle» oder Erstattung des entiorechenden Entgelts. -
Ausgaben.
ftvomiT:
.raablatthaus" Ar. mw»-53.
Bott 8 Uhr morgen» bi- 6 Uhr abends, nutzer Sonntags. Aoftscheckkonto: Frankfurt a. M. Ar. 7»m.
Anzeigenpreise: örtliche Anzeigen Mk. 3». -, Finanz, und Lnstbar'eits-An,eigen Mk.4».—. auswärtige Anzeigen Mk. 45.—, örtliche Reklamen Mk. 88.—, auswärtige Reklamen M'. lg».— für die einloaTige Kolonelzeile oder deren Raum. — Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen entsprechender Nachlatz. — Schluß der Anzeigen - Annahme: lg Uhr vormittags. — Für dis Aufnahme von Anzeigen an vorgefchriedenen Tagen und Plätzen wird kchne Gewähr übernommen, aoss-ssss-«,
Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf, Lanbacherftratze 35, Fernsprecher: llhland 3186-
Nr 50V.
Samstag, 18. November 1922.
70. Jahrgang.
Aanzlerrvechsel uvd Außenpolitik.
Die Berufung des Generaldirektors Cuno zum Amt des Kanzlers ist vom Ausland nicht nur darum günstig ausgenommen worden, weil man diePerson und die Beziehungen des neuen Reichskanzlers schätzt; man emp- iiudet die Wahl, die Reichspräsident Ebert getroffen hat, zugleich als den angemessenen Ausdruck einer Sachlage. Europa als Ganzes bat sehr bestimmte Aufgaben, und um sie lösen zu können, bedarf man in den einzelnen Ländern der Stetigkeit. Co töricht der Wunsch aller Aufgeregten war, sich von den Wählern Rats zu holen, so berechtigt war die Sehnsucht nach einer .„Stabilisierung" auch im Politischen: nach Regierungen, die durch eine Parteimehrheit beglaubigt waren oder doch die Aussicht auf solche Beglaubigung hatten. Das erste wurde in England, durch die Neuwahlen erreicht: das zweite wird, hoffentlich, in Deutschland durch zweckmässige Zusammensetzung des neuen Reichsministeriums gelingen.
Cuno ist nicht, wie Bonar Law, der Führer einer Partei, die hoffen könnte, durch Mehrheit zu herrschen, überhaupt kein Parteimann; aber er hat mehr als ein anderer die Anwartschaft darauf, von den Parteien Brief und Siegel einer auf Dauer berechneten Bevoll- nmchtigung zu erhalten. Wenigstens ist das unbedingt erforderlich, und wenigstens hat das Ausland einiges Zutrauen, dass man mit der deutschen Regierung als einer einigermassen „stabilen" Grösse wird rechnen können. Das Gleichgewicht zwischen Politik und Wirtschaft, das in der Person des neuen Kanzlers gegeben ist, wirkt beruhiaend. In den Vereinigten Staaten kennt man den Generaldirektor der Hamburg-Amerika- Linie als ungewöhnlichen Organisator und als sachverständigen Beurteiler amerikanischen Wesens in England fiat man Zutrauen zu seinem Verständnis für kaufmännische Denkart, in Frankreich erwartet man, an ibm einen zwar nicht beguemen aber doch „wertbeständigen" Unterbändler zu finden. Auf diesen gleicUam persönlichen Kredit der neuen Regierung aber kommt es an. Denn in der Sache hat man Plötzlichkeiten des Programmwechsels obnebin nicht zu gewärtigen. Mindestens das deutsche Programm steht fest. Es handelt sich um die politische Zuverlässiakeit der Ausführenden Auf das Programm war schliesslich auch Wirth verpflichtet: aber man sah. mit Recht oder Unrecht, in ihm einen Kanzler, den seine Herkunft nötiate. in jedem Einzelfall zu den Parteien zu aeben. Diesmal ist der Kanzler zuerst am Platze;, die Parteien müssen zu ihm kommen und ihn mitsamt dem Reaierungsvrogramm bestätigen; und zwar auf die Dauer bestätiaev. in einer Form, die den Parteien nickt erlaubt, sich selbst weiter von Fall zu Fall auf ibre Borbebalte zu berufen.
Auch in England wurde durch das Ergebnis der Wahlen an den durch Notwendigkeit vorgezeichneten Grundlinien der Politik wohl nicht viel geändert: aber auch dort erhofft man, mit unmittelbarerem Recht als in Deutschland, eine Stetigkeit der Regierung als solcher. Wissen die britischen Konservativen nur selbst was sie wollen, so brauchen sie bei der Durchführung keinen inneren Widerstand zu gewärtigen: sie haben
die Mehrbeit. Dass sie sich gewissen französischen Wünschen nachgiebiger zeigen als Lloyd George, braucht man nicht zu befürchten und erwartet es. nach neueren Erfahrungen, auch in Frankreich nicht: und dass sich, be- «onders in den Reparationsfragen, die britische Politik nicht nationalistisch verengt, dafür sorgt wobl das Gegengewicht der 140 Arbeiterparteiler im Unterhaus.
Mel schwerer berechenbar ist Frankreich Nach meiner neuen Kammerrede am Freitag scheint PoincarS durch die Ereignisse der letzten Zeit nichts hinzugelernt -u haben und nach wie vor auf seinen Reparationsforderungen und eventuell auf Zwangsmatznabmen zu besteben. Vorläufig fast unberechenbar ist das Italien Mussolinis. In Rom hat der neue Diktator eine Kommerrede gehalten, deren aussenpolitischer Sinn die Ankündigung eines Handelns' von Fall zu Fall ist Könne die „Entente" als Gesinnungsgemeinschaft weiter bestehen, um so besser: nötigenfalls könne aber Italien auch ohne sie auskommen. Die Reparationen hingen eng mit den Schulden der Siegerstaätsn zusammen: Das ist nichts Neues! Wenn aber Mussolini, in dem von Deutschland handelnden Teil seiner Rede! auf die Gefö''rlichkeit des „deutsch-russischen Bündnisses" hinwies, so klang das dock stark nach der Verlegonbeits- lormel dessen, der eioentlich über den Gegenstand nichts zu saaen- bot. Zwischen Deutschland und der Sowset- republik besteht kein Bündnis, nickt einmal etwas Biind- aisähnliches: aber bestände es selbst: was hätte Italien davon zu fürchten? Man kann wobl annehmen, dass Mussolini zur hergebrachten Vortäuschung eines gemeinsamen Gegners nur griff, um den Begriff des ..Verbandes", mit dem er vorläufig zu arbeiten gedenkt. nicht ganz ohne Inhalt su lassen.
as, Berlin, 18. Nov. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Eeheimrat Cuno ist gestern abend von Hamburg kommend wieder in Berlin eingetroffen. Einem übereifrigen Journalisten, der ihm von Berlin aus entgegengefahren war, um ihn im Zuge zu interviewen, hat der neue Mann die kurze und inhaltsreiche' Antwort erteilt: „Noch liegt die Kabinettsbildung
durchaus im unklaren." Und in der Tat kennzeichnet dieses Wort die ganze Situation. Wenn Berliner Blätter gestern schon wieder alle möglichen und unmöglichen Männer als Minister des neuen Kabinetts nannten, so hat man dieses übliche Spiel vorläufig wieder aufgegeben, und der Optimismus, der gestern zutage trat, ist heute etwas gedämpft.
Die Schwierigkeiten
liegen einmal bei der Sozialdemokratie, die immer wieder betont, dass sie in kein Kabinett eintreten wird, in dem Mitglieder der Bolkspartei Posten innehaben. Und in diesem Sinne schreibt auch eine sozialdemokratische Korrespondenz:
„Die Sozialdemokratie wird nach wie vor ihre Bedenken gegen eine Zusammenarbeit mit der Volkspartei aufrechterhalten, während die Volkspartei keine Neigung zeigt, eine Regierung zu unterstützen, in der sie nicht offiziell vertreten ist. Mit wirtschaftlichen Persönlichkeiten zusammenzugehen, die die Gewähr für eine gute Zusammenarbeit bieten, war die Sozialdemokratie immer bereit. Soweit wir informiert sind, hat Herrmann Müller bei dek gestrigen Unterredung mit Dr. Cuno aus dieser Auffassung der Sozialdemokratie keinen Hehl gemacht, so dass keine Rede davon sein kann, dass in den bisher geführten Vorbesprechungen von einem Kabinett Euno-Stresemann gesprochen wurde."
Auf der anderen Seite macht das Zentrum Schwierigkeiten. In einer Äusserung des Berliner Zentrumsorgans, der „Germania", wird nochmals betont, dass die Partei inner- und aussenpolitisch hinter der Politik des Reichskanzlers Dr. Wirth steht und es wird besonders hervorgehoben, dass auck hinsichtlich der Ostpolitik für eine Regierung, an der das Zentrum teilnehmen kann, nur die Politik der bisherigen Regierung in Betracht komme. Hier wird in der Tat ein sehr wichtiger Punkt berührt und im Augenblick geht anscheinend der ganze Streit um
die Grundlagen der kommenden Auslandspolttik, und zwar, wie man weiter annehmen darf, aus dem Grunde, weil man Geheimrat Dr. Cuno nach seiner ganzen bisherigen Einstellung als ausgesprochenen Anhänger der sogenannten Westpolitik kennt. In der letzten Zeit des Regimes Wirth hatte dagegen der Osten einen gewissen Vorrang. Es liegt nun auf der Hand, dass diese Frage ihrer Bedeutung nach gewürdigt werden muss und dass eine Klärung auf diesem Gebiet notwendig wäre, bevor man über die tatsächlichen Aussichten eines Kabinetts Enno mit einiger Bestimmtheit urteilen kann. Zn den Auseinandersetzungen mit dem Zentrum dürfte aber auch die Tatsache eine Rolle spielen, dass Dr. Euno Herrn Dr. Hermes ein Portefeuille angeboten hat, und zwar hat er ihm das Ministerium des Äußern in Aussicht gestellt. Angesichts dieser Tatsache tritt aber sofort hindernd in den Weg, dass die Berufung Dr. Hermes' in gewisser Beziehung eine Abkehr von der Politik Dr. Wirths bedeutet haben würde und es ist klar, daß das Zentrum die Politik die es unter der Kanzlerschaft Dr. Wirths wiederholt durch ein Vertrauensvotum gebilligt hat, heute nicht verleugnen w<ll. So wird auch davon gesprochen, daß das Zentrum- Dr. Hermes den Eintritt in ein Kabinett Dr. Cuno verboten habe. Unter solchen Umständen haben
die verschiedenen Verhandlungen,
die gestern sofort wieder ausgenommen worden sind, noch zu keinem Ergebnis geführt und man wird natürlich weiter verhandeln, wobei es zweifelhaft bleibt, ob man heute zu greifbaren Resultaten kommen wird. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß die nächste Woche hereinbricht, ehe eine Entscheidung fällt, denn in der Tat ist es keine ganz einfache Aufgabe, ein Kabinett der Arbeit zu bilden, das sich auf die Parteien der grossen Koalition stützen soll, ohne dass jedoch diese grosse Koalition nach aussen in Erscheinung tritt So lässt sich jedenfalls heute vormittag die Situation nicht besser kennzeichnen, als mit dem Wort Dr. Cunos, das jener übereifrige Journalist von seiner Bahnfahrt heimbrachte: „Roch liegt die Kabinettsbildung durchaus im unklaren!"
Br. Berlin. 18. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Der vorwärts" schreibt heute, seitens der Sozialdemokratie »«7» nichts geschehen, was eine Belr «"g der Kabi
nettsbildung durch unausführbare Bedingungen bedeuten würde. Die Sozialdemokratie habe Verständnis dafür, dass Deutschland heute innere Wirren, die au> einer ratlosen Krise entsprängen, nicht ertrage.
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" weist auf die grosse Gefahr einer Verzögerung der Krisis hin und schreibt, unsere Parlamentarier sollten einmal d i e Scheuklappen der Partei ablegen. Es handle sich in dieser ernsten Stunde nicht darum, den Wünschen der Parteien zu entsprechen, sondern darum, schnell einen Mann, der drinnen und drauhen Vertrauen genieste, ans Ruder zu bringen. Andernfalls werden aber der Hunger und die Entente die Ruder des Schiffes ergreifen. Den Parteien,- die durch ihre taktischen Quertreibereien uns dazu verholfen hätten, wäre der Fluch des Landes gewiss.
W. T R. Berlin. 18. Nov. Die Berliner Funktionäre der Vereinigte" sozialistischen Partei nahmen nach Ausfübrungen des Abgeordneten B r e i t s ch e i d über die politische Lage eine E n t s ch l i e ss u n a an, in der die bisherige Haltung der sozialdemokratischen Reichs- taasfraktion in der Frage der Regierungsumbildung gebilligt wurde. Es wurde die Erwartung ausgesprochen, dass die Fraktion bei den weiteren Verhandlungen nur der Regierungsbildung zustimme, die die Forderungen der Fraktion, namentlich bezüglich der Markstabilisierung und des Achtstundentages, übernehme und in der die Sozialdemokratie massgebenden Einfluss besitze.
Eine weitere Resolution ersucht die Reichstags- f r a k t i o n, bei der bevorstehenden Neubildung der Regierung daraufbin zu wirken, dass der Posten des Reichswehrministeriums aufgehoben und die Geschäfte der Reichswehr als besonderes Dezernat dem Reichsministerium des Innern unterstellt werden sollen. _
Staatss-krstär Bsr^moirn fn Par's.
Br. Berlin, 18. Nov. lEis. Drabtberickt.) Staatssekretär Bergmann ist wiederum in Daris eingetrofieu. wo er zunächst ble'bcn wird, uw erforderli^er.folls kür Ver- bandlnngcn zur Verfügung »u sieben. — Di« Revarations- kommüssin hat bereits gestern mit den ans Berlin kommenden dentlkben Dclegierten die Frao« der Holzliefer un- a e n beraten. Die /lveratunaen über die letzten deutschen Bcr^chläa« zur Stabilisierung der Mark bleiben bis zur Bildung des neuen Kabinetts dahmaesiellt
Eine mahocbeade niDtfran.zöstfche Persönli-bkeit der Ninaratilrskemmiüion erklärte, datz der Eindruck der lebten dcnischen Not« euch bei genauer Prüfung durch die Remr- raticnskommülion nickt ungünstig sei. Namentlich bcbe das Ersuchen um ein drei- bis vieriäbriges Mora- tcrinm nickt so verstimmend gewirkt, wie die französische Prelle es gern Dauben macken möchte.
Auch die Aussichten für das Zustandekommen der internationalen Bankierkonferenz sind in den lebten Tagen erbebli-b günstiger geworden. Es bänae allerdings in erster Linie von Morgan ab. ob die Konferenz zustande kommt oder nicht.
Kaliforderungen der Reparationskommission?
Br. Berlin. 18. Nov. fEig. Drabtbericht.) Zu der Nachricht, die Revarationskommisiion babe von Deutschland di« Li<sirung von einer Million Zentner Kali auf Nenarationskonro geiordert, erfahren wir von zuständiger Stelle, dasi eine solche Forderung in Berlin noch nickt e i n g e t r o f f e n ist. An sich wären die Alliierten auf Grund des Friedensveriraqes und des Londoner Illiimaiums zwar berechtiat. solche Forderungen zu bellen, aber selbstverständlich ist die deutsche Regierung zu solchen Lieferungen nur veroflicktet. so weit sich dies mit unserer Produktion und unseren eigenen Bedürfnissen vereinbaren labt. Die Ernäbrungslage Deutschlands ist zurzeit io ungünstig dasi seine eigene Diinge- mtttelnrodukticn zur Ausrechterbaltung leiner landmirt- schastlichen E"zengung unbedingt lelbst notwendig bat. Wenn tatsächlich die Revarationskommisiion mit derartig boben Kal-fonderungen an das Reich berantneten würde, io müsiten diele Forde-unaen von diesem GesiMsonnkt aus einer ernsten. Prüfung unierzooen werden. Jedenfalls bot Deutschland. das schon setzt 30 Tonnen Ammoniak iäbrlich für R'varationszwecke zu leisten bat. die ibm verbleibenden Düngemittel so nötig, dasi es nicht mehr als bisber an das Ausland atgkben kann.
Die deutschen Reparationsfarbstoffe für Amerika.
W.T.-B. Washington. 18. Nov. Das Staatsdepartement hat den Sachverständigen für Farbstoffe, D i ck s e n s, beauftragt, die Frage der Anrechnung des Amerika zustehenden Anteils an den deutschen Repara- tionsfarbstoffen. auf die Verpflichtung Deutschlands zum Unterhalt der Amerikanischen Be» satzungstruppen am Rhein einer Prüfung zu unterziehen. Bis zu einer befriedigenden Lösung gilt das gegenwärtige System der Farbstoffoerteilung.
Streik des Druckereipersonals der Reichsbank.
Br. Berlin, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Laut „Vorwärts" ist gestern das Druckereipersonal der Reichsbank in den Ausstand getreten, weil, entgegen der bisherign Übung, der Bedarf anBureau- personal nicht aus den Kreisen der Arbeiter gedeckt wurde.
