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Ne. 499.
Freitag, 17. November 1922.
70. JkhrzKNg.
Reichskanzler Dr. Cuno.
Ein Kabinett der Arbeit.
W. T.-B. Berlin, 16. Nov. Der Reichspräsident hat Geheimrat Cuno, Generaldirektor der Hamburg- Amerika-Linie, mit der Bildung des Reichskabinetts beauftragt. Eeheimrat Cuno hat den Antrag angenommen und ist in die erste Besprechung mit den Parteiführern eingetreten.
äs. Berlin, 17. Nov. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Wir hoben zwar noch kein neues Kabinett, aber wir haben wenigstens bereits eine Bezeichnung für dieses kommende Kabinett, das als Kabinett der Arbeit angesprochen sein Will. Die Verhandlungen mit Generaldirektor Cuno haben so weit eine Klärung geschaffen, daß er offiziell mit der Bildung des neuenKabinetts beauftragt werden konnte, und wir haben nun doch die begründete Aussicht, daß dieses neue Kabinett mit dem vielversprechenden Namen zustande kommt. Dr. Cuno hat gestern nachmittag, unmittelbar nachdem seine eingehenden Besprechungen mit dem Reichspräsidenten die Grundlagen für die Verhandlungen mit den Parteien geschaffen hatten, einzeln mit den Abgeordneten Müller- Franken (Soz.) und Dr. Stresemann (Vpt.) lange Unterhaltungen gehabt. Besonders ausgedehnt gestaltete sich die Unterhaltung mit dem Führer der Sozialdemokraten, die zwei Stunden währte. Abends um V a 9 Uhr empfing der neue Kanzler die Vertreter der Demokraten. Ferner hatte er eine Unterredung mit dem Präsidenten des Reichstags Lobe, als deren Ergebnis di« wahrscheinliche "
Vertagung des Reichstags
bis zu dem Zeitpunkt zu betrachten sein dürfte, an dem Herr Cuno vor das Parlament mit seinem Programm und dem vollständigen Kabinett treten kann. Der neue Mann hat bis dahin erklärt, daß er die Bezeichnung eines „Kabinetts der Persönlichkeiten" für seine Regierung ablehne und sie viel lieber als „Kabinett der Arbeit" bezeichnet sehen will. Wie verlautet, verkennt Dr. Cuno die Schwierigkeiten nicht, die sich durch den Rücktritt der Regierung Wirth sowohl für die Deutsche Volkspartei wie für die Sozialdemokratie ergeben haben. Die Sozialdemokratie nimmt die Berufung Cunos nicht gerade mit Begeisterung auf, doch hat ibre Fraktion auf Grund des Berichtes, den der Abgeordnete Müller-Franken über seine Verhandlungen mit Cuno erstattete, beschlossen, keine Einwände gegen den Versuch einer Kabinettsbildung durch Herrn Cuno zu erheben. Herr Cuno selbst verkitt offenbar die Auffassung, zur Stunde könne nur
eine Regierung auf parlamentarischer Basis der fünf Mittelparteien,
die sich dieser Tage erst auf den Wottlaut der Rote an die Reparationskommission geeinigt hätten, in Frage kommen. Irgend eine andere parlamentarische Partei- kombination würde er unter keinen Umständen als tragfähige Grundlage für eine von ihm verantwortlich geleitete Regierung ansehen können. Der neue Reichskanzler will aus diesen und anderen Gründen
die Personenfrage in aller Ruhe und ohne jede ilberstürzung
in Angttff nehmen. Er war gezwungen, gestern abend Berlin zu verlassen, um nach Hamburg zu gehen, wo er sich mit der Leitung der Hamburg-Amerika-Linie über die Konsequenzen seines eventuellen Übertritts in die Regierung auseinanderzusetzen gedenkt. Er wird frühestens heute gegen Abend von Hamburg zurückkommen, um die Verhandlungen mit den Parteien fortzu setzen. Dabei vertritt er den Standpunkt, dah nicht die Fraktionen die Männer ihres Vettrauens vor- zuschlo.gen baben. sondern er wird vielmehr nur mit den Persönlichkeiten selbst in Besprechungen eintreten, die ihm als für sein Kabinett der Arbeit geeignet erscheinen, und es dann ihnen überlassen, sich mit ihren Fraktionen ins Benehmen zu setzen.
Obschon nach dem eben Gesagten in bezug auf die Personen noch keinerlei Beschlüsse vorliegen, wurden gestern trotzdem wieder verschiedene Namen angeblicher Kandidaten Cunos laut. Das alles sind lediglich müßig? Kombinationen. Man muß überhaupt erst ab- warten. wie die Einzelbesprechungen im Laufe des l)eutigen Abends ausgehen. Denn bis zur Stunde märe es noch einigermaßen kühn, wenn man behaupten Wollte, daß Cunos Kabinett der Arbeit bereits vollständig gesichert sei. Als feststehende Einzelheit sei nur dre Tatsache verzeichnet, daß Dr. Stresemann der
| Posten des Außenministers nicht angeboten worden ist.
Dr. Wilhelm Cuno
sst ein groß und schlank gewachsener 47jähriger Mann. Im parlamentarischen Leben ist er nicht unbekannt. Er hat wiederholt Porlagen der Regierung im Parlament vertreten, denn bereits 1907 trat er als Regierungsassessor in das Reichsamt ein, durchlief die übliche Karriere und wurde 1916 Geheimer Oberregierungsrat. Zu Anfang seiner Tätigkeit im Reichsdienst bearbeitete er Ernährungsfragen. 1916 übernahm er dann im Reichsschatzamt das Generalreferat für Kriegs- und Wirtfchaftsfragen. Parteipolitisch ist er niemals hervorgetreten und Systematiker zerbrechen sich augenblicklich den Kopf darüber, ob sie ihn unter den Begriff der Angehörigkeit zur Deutschen Volkspattei einordnen sollen oder zum Zenttum. Der Volkspartei gehörte Cuno eine Zeitlang an. bis er nach dem Kapp-Putfch aus der Hamburger Ortsgruppe dieser Partei wegen ihrer unentschlossenen Haltung gegenüber Kapp austrat. Für den Posten eines Reichsfinanzministers präsentierte ihn bekanntlich später das Zentrum. Gehvimrat Cuno erklätte sich damals auch zur Annahme bereitz machte jedoch zur Bedingung, daß die Mehrheitsparteien geschlossen hinter ihn treten müßten. Dem Zenttum steht er als gläubiger Katholik nahe. Am 1. November 1917 ist Cuno aus dem Reichsdienst ausgeschieden und in das Direktorium der Yamburg-Amerika-Linie eingetreten, wo er nach dem Tode Ballins Generaldirektor wurde. Ob er sich nun als der starke Mann erweisen wird, den die Situation erheischt, muß abgewartet werden. Es ist aber anzuführen, daß die Leitung der Hamburg-Amerika-Linie eines organisaiottsch begabten und energischen Mannes bedarf. Da Dr. Cuno die Führung dieses großen weltumspannenden Instituts unbestritten anvertraut wurde, muß er diese Eigenschaften, die auch für den Posten des Reichskanzlers vom größten Wert sind, besitzen. Dr. Cuno kennt ferner aus seiner Tätigkeit den höheren Verwaltungsdienst. Bekannt geworden ist Cuno besonders auch durch seine Verhandlungen mit Amerika, die schließlich zu einem Abkommen mit dem bedeutenden Unternehmen Harriman führten, dessen Wert unbestreitbar ist und das später auch als Vorbild zu weiteren Abmachungen diente. Dr. Cuno hat erst kürzlich in einer großen und vielbeachteten Rede seinen Standpunkt zu dem Versailler Vertrag und seinen Folgen dargelegt. Seine Politik ist daher bekannt und er wird sie auch nach seinem Amtsantritt als Kanzler des Deutschen Reiches weiterhin verfolgen, indem er hauptsächlich das Ziel verfolgt, die schweren Schäden des Weltkrieges zu beseitigen durch ein gemeinsames Zusammengehen mit den früheren Feinden. Man wird ihn darum als
Berständiguagspalitiker im besten Sinne des Wartes
bezeichnen dürfen. Innerpolitisch steht er ruf dem Boden der einmal gegebenenTatsachen. Er ist im übrigen ein glänzender Sprecher, und bereits dieTeilnehmer an der Hamburger Überseewoche haben wiederholt Gelegenheit gehabt, seine vortreffliche Rhetorik, in der er zu allen Problemen in freier Rede Stellung zu nehmen wußte, zu bewundern. Wenn es ihm jetzt gelingt, sein Kabinett der Arbeit zustandezubringen, so wird das auf die Stimmung des Auslandes, vor allem auf England und Amerika nicht ohne günstigen Einfluß bleiben.
Das Programm seiner Regierung liegt in den Hauptsachen bereits in der letzten Rote an die Reparationskommission vor; Dr. Cuno bringt für sein Amt »inen energischen Willen und eine festgefügte Überzeugung mit, vor allem aber auch sehr ausgedehnte internationale Kenntnisse und Beziehungen, die >n den jetzigen Zeitläuften fraglos ein Aktivüm von besonderem Wert darstellen!
Br. Berlin. 17. Rov. (Eig. Drahtbericht.) Bei den Parteien der Arbeitsgemeinschaft hat der Kandidat Cuno günstige Aufnahme gefunden, über die Haltung der Sozialdemokratie wird berichtet, daß die Fraktion beschlossen habe, gegen den Versuch einer Kabinettsbildung durch Cuno keine Einwendungen zu erheben Der „Vorwärts" äußert sich dahin, daß Cuno für die Sozialdemokratie nicht von vornherein ein unannehmbarer Kandidat sei, daß aber eine endgültig« Stellungnahme der Partei erst erfolgen könne, wenn sein Programm und das vorgeschlagene Kabinett endgültig fest- ständen. Was die Zusammensetzung des neuen Kabinetts anlangt, besteht — laut „Vossischer Zeitung" — die Absicht, neben einer Reihe parlamentarischer auch einige Fachminister zu berufen.
rer rni Mm not las u» initial.
Zwei Zusagen, die der Reichspräsident E b e r t gleich in den ersten Besprechungen nach dem Sturze Wirths den Parteiführern gegeben hat. haben sich erfüllt, einMann des praktischen Wirtschaftslebens ist mit der Regierungsbildung beauftragt worden, und er persönlich, nicht die Fraktionen, stellt sein Ministerium zusammen. Der neuberufene Reichskanzler, Gsheimrat Cuno, veranschaulicht durch seine Person vor allem die Bedeutung, die in der heuttgen Lage Deutschlands der wirtschaftlichen Führerschaft beigemessen wird. Aber der Leiter der Hamburg-Amerika-Linie ist darum nicht der „unpolitische" Kanzler, den unpolitische Köpfe, des Parteitreibens müde, herbenvünfchten. Er hat den Verbindungsweg zwischen Staat und Wirtschaft schon einmal in umgekehrter Richtung zurückgelegt; denn er kam zu der Hamburg-Amerika-Linie aus einem Reichsamt. Mindestens die Technik der Staatsverwaltung ist ihm also bekannt. Der jetzt auf der Höhe des Mannesalters stehende neue Kanzler bringt als Wirtschaftspolitiker Beziehungen mit, die ihm in seiner künftigen Tätigkeit von großem Nutzen sein werden.
Kann auch heute kein hervorragender Wirtschaftspolitiker ohne intensive Beschäftigung mit der allgemeinen Politik und der Weltpolitik auskommen, so ist doch Herr Cuno auf diesen Gebieten bisher nicht handelnd hervorgetreten. Daher erklärt es sich auch, daß er nach vorübergehender Zugehörigkeit zur Deutschen Volkspartei heute parteipolitisch nicht gebunden ist und lediglich als dem Zentrum nahestehend — er ist Katholik — angesprochen werden Harf. Der Mangel an parteipolitischer Gebundenheit ist natürlich gerade in diesem Fall ein Vorteil. Am so leichter wird es ihm werden, mit einem Kabinett zusammenzuarbeiten, das Männer aus allen Parteien enthält, die sich dem Wiederaufbau des neuen Deutschen Reiches mit Ernst und Nachdruck widmen. Er selbst gedenkt kein Ressort zu übernehmen, sondern alle Kraft für die Leitung der Eosamtpolitik frei zu halten. Die Wahl seines Staatssekretärs, der als sein nächster polittscher Berater zu wirken haben wird, ist unter diesen Umständen von besonderer Bedeutung.
Neben den Männern, die er in seine Regierung beruft, ist aber vor allem das Programm von größter Wichtigkeit, das dem Kabinett Cuno zur Grundlage dienen wird. Dieses Programm ist bereits vorhanden. Es kann nämlich nach Lage der Sache kein anderes sein als dasjenige, das am vorigen Sonntag Vertreter der 5 Parteien, des Zentrums, der Bayerischen und der Deutschen Volkspartei, der Demokraten und der Sozialdemokraten, formuliert und protokollarisch festgelegt haben. Auf diesem Programm beruhen ja bekanntlich bereits die letzten deutschen Reparationsvorschläge an die Alliierten, deren Beantwortung noch aussteht. Jenes Eemeinschaftsprogramm sieht ein Jneinandsr- greifen von währungs-, finanz- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen vor. „Im Vordergründe der wäh- rungspolitischen Maßnahmen steht die Stabilisierung der Mark." Von finanzpolitischen Maßnahmen werden folgende aufgezählt: Ausgabenverminderung durch
Aufhebung nicht notwendiger Behörden, Verringerung der Zahl der Ministerien, Vereinfachung des ministeriellen Apparates, Abbau überflüssig gewordener behördlicher Stellen, Verminderung der Zahl der Beamten und Angestellten. In bezug auf diesen letzten Punkt beißt es: „Die Verminderung ist in bestimmten Prozentsätzen zu bestimmten Terminen durchzuführen; neue Stellen dürfen grundsätzlich nur geschaffen werden bei gleichzeitiger Streichung entsprechender Stellen in anderen Verwaltungszrveigen."
Reben der Ausgabenverminderung soll eine Ein- nahmevermehrung erzeugt werden durch Erhöhung der Tragfähigeit der Steuern unter besonderer Berücksichtigung der Quellenbesteuerung. Vereinfachung der Steuergesetzgebung, -Veranlagung und -Erhebung'; durch Beschleunigung des Anlageverfahrens und der Steuereinziehung und Festlegung wirksamer Verzugszinsen bei Nichteinhaltung des Fälligkeitstermines oder bei Stundung; durch produktivere Gestaltung der Reichsbetriebe, durch Erzielung der Rentabilität unter voller Wahrung des Reichseigentums. Länder und Kommunen sollen zu gleichen Maßnahmen zwecks Ausgleichs ihrer Haushalte angehalten werden.
Unter den prodüktionspolitifchen Maßnahmen verlangt das Eemeinschaftsprogramm in Verbinduna mit der Stützungsaktion für die Mark „wirksame Mittel zur Hebung der Produktton. zur Hebung der Ausfuhr, der Qualitätsarbeit und zur Einschränkung unnötigen Verbrauches." Im einzelnen wird aefordert: Schleunige Verabschiedung des Arbeitszeitgesetzes unter Festlegung des Achtstundentages als normalen Arbeitstag und unter Zulassung gesetzlich begrenzter Ausnabmen und Tarife oder behördlicher Wege zur Behebung der
