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Nr- 498.

Donnerstag, 16. November 1922.

79. Jahrgang.

Vor dem Scherbenhaufen.

Von allen Überraschungen der letzten Tage ist der plötzliche Sturz des Kabinetts Wirth die größte; von allen Unbegreiflichkeiten ist sie die unerklärlichste. Eine Mehrheit. so stark, wie sie noch keinem Reichskanzler nach der Revolution zur Verfügung gestanden hatte, war bereit, die Regierung Wirth in ihren schwierigen außen- und innerpolitischen Aufgaben der nächsten Wochen und Monate tatkräftig zu unterstützen. Diese Mehrheit von Stresemann bis Breitscheid hatte sich be­reits auf eins genau formuliertes Programm geeinigt, das sich nicht in allgemeinen Redewendungen erging, ; sondern fest umrissene Aufgaben zu lösen versprach, f Der Reichskanzler Dr. Wirth hatte auf Grund dieses Programms eine der bedeutsamsten Roten an die Re- parationskvmmission nach Paris gesandt, die dem Aus­land und dem deutschen Volk weitgehende Hoffnungen auf eine wesentliche Entspannung der kritischen Lage gestattete. Die Regierung Wirth hatte sich zum ersten­mal zu aktiver Politik bekannt und dabei den Beifall weitester Kreise im In- und Ausland gefunden. Und in diesem Augenblick, als nur noch das Tüpfelchen auf das i gesetzt werden sollte, sah sich Dr. Wirth mit seinem Kabinett gezwungen, zurückzutreten!

Wen trifft die Schuld? Natürlich schiebt sie wieder ; einmal einer dem anderen zu. Man braucht indessen nur die Vorgänge dieser Woche kurz wieder aufzu­zahlen, um zu erkennen, daß lediglich und

ausschließlich die Einmischung der Parteien in die Regierungsumbildung verantwortlich zu machen ist. Zuerst war Dr. Wirth durchaus auf dem parlamentarisch einzig richtigen Wege, indem er an­kündigte. daß er eine Erweiterung seiner Regierung für nötig halte und auf eigene Verantwortung die ihm da- , für geeignet erscheinenden Kräfte heranziehen wolle. Aber dann begann er Einzelberatungen mit den Par­teien und ließ sich gleich von der Sozialdemokratie durch die Drohung einschüchtern, sie werde eine Kabi­nettsumbildung mit Hilfe der Deutschen Volkspartei nicht gutheißen. Darauf gab die Deutsche Volkspartei öffentlich kund, sie werde sich unter diesen Umständen an den weiteren Umbauversuchen Dr. Wirths in keiner Weise beteiligen. Run versuchte Wirth durch allerlei Druckmittel die Sozialdemokratie von ihrem ablehnen­den Standpunkt gegen die Deutsche Volkspartei abzu- ' bringen, ließ sich vom Zentrum und den Demokraten I. sowie von.der Bayerischen Volkspartei bescheinigen, daß sie auf Heranziehung der Deutschen Volkspartei

- zur verantwortlichen Regierung beständen und trat daraufhin persönlich in schärfster Form und gestützt auf das vorliegende Eemeinschaftsprogramm für sofortige Bildung der „großen Koalition" ein. Dadurch wurden die Sozialdemokraten zu erneuter Stellungnahme ge­nötigt, und sie beschlossen nun mit überraschender Mehr­heit, diese große Koalition ihrerseits abzulehnen. Da­mit war die Kanzlerschaft Wirths unmöglich geworden, and er zog notgedrungen mit dem ganzen Kabinett die

- Folgerungen. Aus dieser gedrängten Zusammen­fassung der Ereignisse ersieht jedermann, daß die Schuld mr dieser Katastrophe auf den Reichskanzler selbst, die Sozialdemokratie und die Deutsche Volkspartei verteilt werden muß. Wieviel Prozenrteile auf jeden dieser drei Beteiligten entfallen, mögen sie unter sich aus- Machen. Parteipolitisch ist diese Schuldverteilung ge­wiß van erheblicher Bedeutung, aber zur Überwindung

t der nunmehr geschaffenen großen Schwierigkeiten kann l ' pe nicht beitragen.

, Die wichtigste Frage lautet jetzt: Was soll werden?

! kZMch der Verfassung hat, wie in allen parlamentarisch j . Agierten Staaten, der Reichspräsident jetzt die Auf­gabe, einen ihm geeignet erscheinenden Mann mit der Reubildung der Regierung zu beauftragen. Herr 'Lbert hat diese Aufgabe sofort richtig erfaßt und' zu­nächst mit den Führern der Parteien einzeln die Lage besprochen, um sich volle Klarheit in sachlicher und per- I." stmeller Hinsicht zu verschaffen. Von den Parteien hat S' «r s Zentrum bereits öffentlich erklärt, daß es nach dem : Bergefallenon keine Veranlassung habe, seinerseits

j Ettten Nachfolger für Wirth zu benennen. Dir Demo-

[ traten haben ihren bisher stets vertretenen Stand-

1 M'nkt aufrechterhalten, daß es nicht ihrer und der

! Fraktionen Aufgabe sein könne, dem Reichspräsidenten

rix ijj in j, on der Verfassung auferlegten Obliegenheiten Einnahmen und ihrerseits Vorschläge für den neuen rk oder gar für einzelne Minister zu machen. Die

! OHsiald-mokratis und die Deutsche Volkspartei haben

t Mb:' vorläufig in Schweigen gehüllt und verharren also ' zunächst au? ihrem zuletzt bekundeten Standpunkt,

rsichspräsident Ebert bat vorerst noch niemand mit der Kabinettsbildung neu beauftragt. Auf Erund der bis- i | Besprechungen besteht indessen der Eindruck,

, i2B Herr Ebert nicht in den gleichen Fehler wie Dr. «MtÜj verfallen und sich von den Parteien den künf­

tigen Regierungschef empfehlen lassen, sondern auf eigene Verantwortung und streng parlamentarisch Vor­gehen wird. Das künftige Negierungsprogramm ist ja bereits vorhanden. Das erleuchtet die Aufgabe Eberts wesentlich. Vermutlich wird er jetzt einen Politiker suchen, der bereit ist, auf Erund dieses Programms ein überparteiliches Kabinett zusammenzustellen, mit dem er dann vor den Reichstag treten und sich das Vertrauen aussprschen lassen wird!

W'rlhs Glück und Unfall.

Daß Dr. Joseph Wirth nach dem raschen Aufstieg seiner Laufbahn ge, ade durch die Sozialdemokratie zum Straucheln gemacht wurde, ist wieder ein Beweis für die widerspruchs­volle politische Haltung und für die politische Ungeschicklich­keit der hcutigen Führer der sozialdemokratischen Dartei. u.enn nicht nur politisch mußte ihnen Dr. Wirth wegen seines enllchiedinen Eintretens für die politische Mitarbeit der Arbeiterpartei und wegen seiner scharfen Frontstellung gegen den „Feind von rechts" unter allen bürgerlichen Politikern der sympathischste sein, sondern auch in rein per­sönlicher Smiicht liegen die Ursprünge der Laufbahn dieses Kanzlers in nächster Nachbarschaft der deutschen Arbeiter- nasse, Er ist als Sohn eines Maschinenmeisters in kleinen uierhaltnilsen geberen wovdcn und ist in seiner mühevollen: von der Not des Lebens oi. genug beschatteten Lehrzeit mit dem Ringen des klein«.n Mittelstandes in engst« persönliche Berührung gekommen.

Dr. Joseph Wirth war allezeit ein warmer Befürworte: aller axialen Reformen. Er stand innerhalb der Zentrums­partei von rorrhercin auf dem linken Flügel, der in feinem Heimatland« Boden seit jehed überwog. Als Oberlehrer der Mathematik im höheren Schuldienst tätig, wurde er 1913 rn die Zweite badische Kammer und im darauffolgen­den Jahre, erst 35 Jahre M. in den Reichstag gewühlt. H:er ist er während der Kriegs zeit verbältnis- niäßig wenis- hervorgetreten. Aber bei seinen engeren Parteifreunden genoß er ein nicht geringes Ansehen, so daß er nach dem Ncrcmberumsturz zum Finanrminister der vor­läufigen badischen Regierung gewählt wurde. Politisch schleck er sich den Zentrumskreisen um Errberser an und murre nach dessen Rücktritt sein Nachfolger als Reichs- fnianzministcr. Seine Tätigkeit in diesem Amte war weniger durch neue und originelle Ideen als durch große Aktivität. Rührigkeit und taktische Geschicklichkeit ausge­zeichnet. Diese letzte Eigenschaft ließ ihn der Zentrums­partei nach dem Rücktritt des Kabinetts Fehrenbach als den me-gneten Reichskanzler für die schwierige Aufgabe der Durch mbrung des uns aufgezwunsenen Londoner Ulti­matums ersawinen. Durch diese ihm übertragene Aufgabe ist er zum Erfüllung-,kanzle: gemacht und als solcher von seinen politischen Gegnern am der Rechten mit steigender Erbitterung und tiefem .daß bedacht worden. Aber er bat von rcrnhe'.ein immer erklärt, die übernommenen Ver­pflichtungen erfüllen zu wollen, so weit Deutschlands Kräfte re-chten. Als diele bei der Durchführung der Erfüllungs- Politik aufs äußerste erschöpft waren, hat gerade Dr. Wirth mit größter Energie auf die Unerfüllbarkeit des Londoner Ultimatums und auf die Notwendigkeit einer Reviston der Zahlungsbedingungen hingewiesen. Und er hatte stch !m Ausland durch icin »rnstes. in der ganzen Welt anerkanntes .Bemühen, zu erfüllen, was erfüllbar ist. eine Summe von persönliche in Vertrauen und politischem Kredit geschaffen.

Wenn es trcckdem nach den leckten Verhandlungen der Revarationskcmmission in Berlin den Anschein hatte, als sei auch dieser persönliche Kredit Dr. Wirths aufgebraucht und als winden die Franzosen lieber als mit der für zu schwach gehaltenen Regierung Wirth mit einem Vertreter der deutschen Schwerindustrie über das Revarationsvroblem vcrhai-deln. so darf man sich nickt darüber täuschen, daß hierbei vor ollem das. taktisch« Bestreben maßgebend war. die deutsche Großindustrie für die deutsche Reparations- Ickuld zu verpflichten. So weit aber das Ausland gegen Wirths Kanzlerschaft Einwendungen erhob, bezogen st« sich «usschlüßl'ch auf Wirths enge politische Freundschaft mit der Sozialdemokratie, von der man glaubt, daß ste nicht stark und nicki vertrauenswürdig genug sei. um mit ihr allein rolitische Geschäfte zu macken. Gerade diele Sozial- dimokratie aber, auf deren Mitarbeit und Unterstützung der Kanzler stets so entscheidenden Wert legte, hat ihm nun ein Bein gestellt

Der Reichsbürgerrat für sine überparteiliche Regierung

8r. Berlin, 18. Nov. tEig. Drabtber.) Der Reichs­bürg e r r a t hat an die Fraktionen der bürgerlichen Par­teien folgende Aufforderung gerichtet:

Der Beschluß der Vereinigten Sozialdemokratischen

f arteten. Deutschlands gegen die Bildung der großen calition ist der deutlichste Beweis dafür, daß die Politik der sozialdemokratischen Partei nickt auf die allgemein vaterländischen Ziele und auf die Errichtung eines iach- lick-n. politischen und wirtschaftlichen Fortschritts, sondern auf die Durch letz ung der egoistischen partei­politischen Interessen gerichtet ist. Durch die ganzen Vorgänge der letzten Tage ist die Schwäche einer nur parteipolitisch gestürzten Regie,mng deutlich aufgedeckt worden. Es tritt deshalb an, alle Fraktionen des Reichs­tags die Aufgabe heran, endlich dem deutschen Volke jene von parieipolitmrben Interessen freie R e g i e r u r. n von Männern zu geben, die auf Grund ihrer praktischen Erfahrungen und ihrer besonderen Sach­kenntnis zur Fühlung der.. Regierungsgeschäfte berufen sind. Der Kreis dieser Männer darf durch parteipoli­tische Rücksicht nicht oeengit werden. Sollte die fojia!« demokratische Dartei gegen er ne solche Regierungsbildung Stellung nehmen, so müssen ,sämtliche bürger­lichen Fraktionen allein die Verantwor­tung für ein lolcoes Kabinett übernehmen, um da» deutsche Vaterland vor weiteren Wirren zu behüten und um die Würde der deutschen Volksvertretung zu wahren. Die Welt wartet darauf, daß das deutsche Volk sich eine solche Regierung gibt und das deutsche Volk selbst ist be­reit. eine sticke Regierung vor den Wühlereien einer mn aaitair rischen Partewolitik tu schützen.

Die Neubildung der Regierung.

äs. Verli«, 16. Nov. (Drahtmeldung unserer Ber­liner Abteilung.) Die Regierungskrise nimmt den üb­lichen Verlauf. Es zeigt sich, daß- man auch diesmal wieder den führenden Mann beseitigte, ohne einen an­deren in Bereitschaft zu halten, und ohne sich auch im entferntesten darüber klar zu fein, auf welcher Grund­lage die neue Regierung gebildet werden soll. So ist man denn

auf der Kandidatensuche

und mutz dabei schon die Erfahrung machen, daß bei keiner Partei besonders große Geneigtheit besteht, einen Kandidaten zu präsentieren. Das Zentrum wünscht sich diesmal im Hintergrund zu halten. Es hat gestern eine Erklärung veröffentlicht, dis ein neues Vertrauensvotum für Dr. Wirth bedeutet, und in der es u. a. heißt:

„Dis einmütige Auffassung der Zentrumspartei geht dahin, daß nach der innenpolitischen Entwicke­lung der letzten Tage der Zentrumsfraktion keinerlei Initiative bei der Neubildung des Kabinetts zu­kommt. Dem bisherigen Kabinett haben die Zen­trumsfraktion des Reichstags und die übrigen In­stanzen noch kürzlich das V e r t r a u e n ausgespro­chen. Darin hat sich nichts geändert. Viel­mehr hat die letzte außenpolitische Tat der Regierung Wirth, nämlich die letzte Rote an die Reparations-- kommission vom 13. November, wieder die unge­teilte Zustimmung der Zentrumsfraktion wie überhaupt die Billigung der Fraktionen von der Sozialdemokratie bis einschließlich der Deutschen Volkspartei gefunden."

Die „Germania" unterstreicht diese Ausführungen noch in einem Leitartikel, aus dem sich klar ergibt, daß die Entscheidung des Zentrums in dem Sinne gemeint ist, daß, wenn das Zentrum bezüglich eines Kandidaten gefragt werden sollte, für die Fraktion und die Partei nur Dr. Wirth in Frage kommen würde. Dieser Auffassung entsprechend hat stch auch Dr. Marx namens seiner Fraktion gestern vormittag bei der Mitteilung der Entscheidung seiner Fraktion dem Reichspräsidenten gegen­über ausgesprochen, und er hat diese Einstellung auf weitere Fragen des Reichspräsidenten in dem Sinne ergänzt, daß überhaupt kein anderer vom Zentrum aus, wie Dr. Wirth. nominiert ryerden würde.

Dis Rückkehr Dr. Wirths

scheint nun aber im Augenblick kaum möglich. Es liegt ja eine gewisse Tragik darin, daß der Reichskanzler, der im Reichstag erklärte, bei einem Konflikt zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft werde er sich stets auf die Seite der Arbeiter stellen, ausgerechnet von der Sozialdemokratie gestürzt wurde. Dr. Wirth hatte einst sebr gute Beziehungen zur Sozialdemokratie. Diese haben sich in der letzten Zeit indessen sehr ver­schlechtert. Dies lag hauptsächlich daran, daß die Mit­glieder der Sozialdemokratie sich so stark auf die Devisenordnung festlegten, die sich in der Praxis so wenig bewährt batte. Dieser Ordnung stand der Reichskanzler skeptilch gegenüber und er hatte bei ihrem Erlaß auch nicht aktiv mitgewirkt. Cr stimmt dem Reichsbankpräsidenten zu. der solange wie möglich das Gold der Reichs bank als letzten Rettungsanker hüten wollte. Die nächsten Freunde Dr. Wirths in der Zentrumspartei bestärkten ibn in feiner Haltung. Für die Sozialdemokratie kam endlich noch hinzu, daß Dr. Wirth in der richtigen Erkenntnis der Lage zusammen mit der bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft das PrsduktionsprsSkem

als das entscheidendste deutsche Problem in den Vor­dergrund rückte.

So spricht sich denn auch heute der „Vorwärts" er­neut gegen eine Wiederkehr Dr. Wirths aus. „Herr Wirtb"/so meint das sozialdemokratische Blatt, „könnte in diesem Augenblick nicht als Besieger der Sozialdemo­kratie. sondern nur als Besiegter wiederkehren. Er ist sicherlich zu klug, um das eine oder andere zu wollen. Das Zentrum sollte es sich daher aus dem Kopf schlagen, daß der nächste Reichskanzler Dr. Joseph Wirth beißen kann. Man muß also nach einem anderen Kandidaten suchen, zumal nach der oben wiedergegebenen Erklärung der Zentrumsfraktion die beiden meist genannten Kan­didaten Dr. Mancr. Botschafter in Paris, und Dr. Adenauer, Bürgermeister in Köln, als erledigt gelten müssen, obne daß es überhaupt zu einer Auf. forderung zur Kabinettsbildung an die beiden genann­ten Herren gekommen wäre. Dr. Adenauer scheidet als Mitglied der Zentrumspartsi aus und Dr. Mayer als Mitglied der Vaverisck-n Volkspartei, deren Beteili­gung an den Reichsgeschäften nicht so weit gehen soll, daß sie Mitglieder in das Reichskabinett entsendet. Rach der Lage der Dinge würde also nur ein Ministe»