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Nr. 491.
Mittwoch, 8. November 1922.
70. Jahrgang.
Mahnung zur Ruhe.
Das Wort von der Bürgerpflicht zur Ruhe soll in Deutschland ganz gewiß heute nicht in demSinne gepredigt werden, in dem es geprägt wurde und dem es seinen üblen Klang verdankt,' wohl aber erfordern die Dinge, die sich gegenwärtig abspielen, eine ernste Mahnung zur Selbstbesinnung und zu klarer Prüfung der tatsächlichen Verhältnisse. Der Sturz der Mark und die politische Nervosität, die mit diesem wirtschaftlichen Niederbruch Hand in Hand geht, haben ihren letzten Anstoß von außerhalb der deutschen Grenzen erfahren. Di^e deutsche Öffentlichkeit ist für ihr Urteil über die Verhandlungen, die zurzeit in Berlin gepflogen werden, bedauerlicherweise auf Informationen von außerhalb angewiesen. Die Berichte in der Pariser Presse über diese Verhandlungen' waren durchweg auf einen Ton gestimmt, der schlimme Befürchtungen erwecken mußte. Das selbstverständliche Gebot, diesen französischen Nachrichten eine Darstellung entgegenzusetzen, die ohne sede Schönfärberei doch den tatsächlichen Verhältnissen gerecht wurde und der Allgemeinheit des deutschen Volkes ein Bild von den Aussichten gab, die vor uns liegen, ist von den zuständigen deutschen Stellen in einer Weise vernachlässigt worden, die die schärfste Kritik herausfordert. Die Rücksicht auf schwebende Verhandlungen in allen Ehren, aber es mußte sich ein Weg finden, wenn nicht offiziell oder offiziös, so auf andere Weise ein Gegengewicht zu bieten gegen die nrederdrückenden Einflüsie von gegnerischer Seite, denen das deutsche Volk in diesen schicksalschweren Tagen ausgesetzt ist. Und es mußte sich auch eine Möglichkeit bieten, dem betrüblichen Schauspiel entgegenzuwirken, daß mnerdeutiche Meinungsverschiedenheiten Unstim- migkeiten und Intrigen auf dem Umweg über die fremdländische Presse ausgetragen werden.
Die Antwortnote der Reparationskommission auf die ersten deutschen Vorschläge ist nicht veröffentlicht worden und soll wohl auch überhaupt nicht bekannt- gegeben werden. Man kann aus dieser Tatsache sehr verschiedenartige Schlüsse ziehen, und der richtigere scheint der zu sein, daß der Fortgang -der Verhandlungen und namentlich die m Aussicht gestellten weiteren deutschenBorschläge augenscheinlich die Antwortnote oer Reparationskommission als überholt erscheinen Weu. so daß ihre Bekanntgabe überflüssig wird. Dieser Auffassung hätte sich die deutsche Öffentlichkeit gewiß oereitwlllig und mit einiger Zuversicht angeschlossen, ßud? nur das Geringste geschehen wäre, sie in meser Richtung zu orientieren. Statt dessen konnten sie Kommentare der französischen Presse ungehindert und unkorrigiert mehr als 24 Stunden lang ihre Wir- ‘H9 tun, und diese hat sich politisch bis zu den Gerüchten von dem schroffen Abbruch der Berliner Veredlungen und, von dem Rücktritt des Reichskanzlers -vr. Wirth, wirtschaftlich bis zu dem bekannten Dollarstande an der Dienstagbörse gesteigert.
Erfreulicherweise bestätigt sich wenigstens keines v Lutftiichen Krisengerüchte. Von einem Rücktritt Reichskanzlers ist keine Rede, und ebensowenig von ernem vorzeitigen Abbruch der Verhandlungen mit der Asparationskomyission. Das Reichskabinett hat am ^lenstagvormittag die neuen erweiterten und speziali- *rrr*n Erschlüge durchgearbeitet, die am heutigen --iittwoch der Reparationskommission unterbreitet wer- » n M en - Auf der Grundlage dieser neuen deutschen ^orschiage wird dann am Donnerstag wieder eine Aussprache zwischen Reichsregierung und Reparations- Immission erfolgen, so daß von einer Abreise der Kommission am Donnerstag schon nicht mehr die Rede s5su kann. Damit aber, daß die Kommission Ende der -uwche Berlin verlassen wird, war von Anfang an zu rechnen. Die Aussichten für die neuen Besprechungen l^emen nicht absolut ungünstig zu sein.
Man sieht, daß noch eine ganze Reihe von Problemen im Fluß sind, und zwar in einer Richtung, we mancherlei Aussichten auf einen günstigen Ausgang ?>ien läßt. Zu optimistischen Voraussagen oder zu be- Ani"s hoch gespannten Erwartungen ist freilich kein r-5 la B> und es wäre ebenso töricht wie unverantwort- wenn man in der gegenwärtigen Lage Deutsch- Jrr 55 den Versuch machen wollte, ein Bild in rosen- Farben zu malen. Nicht minder unverantwort- uch aber ist es, wenn in diesen kritischen Tagen irgend erwas unternommen wird, was geeignet ist, den Rest rf n zu erschüttern und zu lähmen, den das dsut- heute nötiger braucht als je. Auch durch M-itSt kann in dieser Richtung außerordentlicher schaden gestiftet werden, das haben wir in den letzten unden mit tiefstem Bedauern erleben müssen, -^ossev.ncy wird aus dieser schmerzhaften Lehre wenig- rens rur den weiteren Gang der Dinge die notwendige Folgerung bei allen denen gezogen, die es angeht!
ns. Berlin, 8. Noo. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Die deutsche Antwortnote wird voraussichtlich, wenn nicht unvorhergesehene Verzögerungen eintreten, heute der Reparationskommission übergeben werden. Es ist nötig, bei dieser Gelegenheit erneut zu betonen, daß die Note der Reparations- rommission nicht auf Abbruch der Reparationsverhand- lungen abgestimmt war, sondern daß vielmehr das Entscheidendste in dieser Note gerade der Satz ist, der von der Reichsregierung mit Berufung auf das Gutachten der ausländischen Sachverständigen einen Vorschlag über die Maßnahmen verlangt, welche die deutsche Regierung ihrerseits zur Stützung der Mark Vorschlägen und ergreifen will.
Nun ist gestern abend der deutschen Regierung das
Gutachten der Herren Brand, Cassel, Penks und Keynes
zugegangen, das voraussichtlich heute veröffentlicht werden wird. Man erwartet ein zweites Gutachten der anderen ausländischen Sachverständigen im Laufe des heutigen Tages. Beide Gutachten werden auf die endgültige Formulierung des zweiten deutschen Vorschlages an die Reparationskommission von Einfluß sein. Di« zuständigen Ressorts haben sich gestern nach- nnttag bis spät abends mit der Ausarbeitung dieser Vorschläge befaßt und es ist anzunehmen, daß nach -der Beschlußfassung des Kabinetts die Antwortnote der R e i ch s r e g i e ru n g im Laufe des heutigen Tages der Reparationskommission übergeben werden kann. Im Mittelpunkt dieser neuen Vorschläge stehen - positive Anerbietungen
aus den Kreisen der englischen Bankleute, die an der Sachverftändigen-Beratung über die Stabilisierung der Mark teilgenommen haben. Es handelt sich für die Regierung im wesentlichen darum, ob und unter welchen Bedingungen ausländische Bankvor- I 4 u s s e in Höhe von mindestens 500 Millionen Goldmark zu erhalten sind. Die Bedeutung der erwähnten Anerbietungen liegt darin, daß sie nicht rein privaten Charakters sind, sondern sich auf bestimmte Zu- s a gen ausländischer Regierungen stützen können. Genüge es, ein internationales Syndikat zu bilden, -das Eröffnung ausländischer Bankkredite übernehmen .onnte, so wäre auch die Möglichkeit für eine Mitwir- .ung der Reichsbank bei dieser Finanzoperation ge- geben. Dah der Vorschlag der deutschen Regierung über diesen Gegenstand in allen 'Einzelheiten ausae- arbeitet sein muß, versteht sich von selbst, und die Absicht der Regierung begegnet sich in diesem Punkt auch durchaus mit den Wünschen der Reparationskommis- ston, die in ihrer vorgestrigen Antwortnote auf den ersten deutschen Vorschlag um solche Einzelheiten gebeten hat. Man glaubt zu wissen, daß die Reparations- tommission ihre Bereitwilligkeit bekundet hat. einen solchen detaillierten Vorschlag nicht nur ernsthaft in Erwägung zu ziehen, sondern auch bei seiner Durch-
Der Gegensatz Wrrth-Hrrmss.
Bor einer Umbildung der Reichsregierung.
.g8. Berlin. 8. Noo. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilurig.) Die ..Germania" nimmt beute zu dem Kon Ulkt Sermes-Wirtb mit folgenden Worten Stellung:
Der Träger der Politik, die wir seit Mai 1921 verfolgen und zu der die Verbandlungen mit- der Revarations kommission einen wesentlichen Teil bilden, ist der Reichs kanzler Dr. Wirth. Das Zentrum stützt diese Politik und betrachtet den gegenwärtigen Reichs .ranzier als seinen Vertrauensmann, was die zu- ständige Instanz der Partei kürzlich noch in einer Ent schlick ung Par und deutlich zum Ausdruck gebracht bat. War
Erfinder und Verbreiter der in der Regierung und ihren mögen. >ie werden gut tun. Faktor in ihre Rech-
praktische Hilfe
Kl leisten überhaupt würde es naturgemäß besonders darauf ankommen, daß bald die Frage der Garantie für die erwähnten Bankkredite angeschnitten würde. Vorläufig ,st noch keine Vereinbarung darüber getroffen wann die nächste Sitzung der deutschen Regierungsver- "wf/- Mitgliedern der Reparationskommission
stattfinden wird.
Gestern vormittag Z411 bis y 2 12 Uhr ist die Beratung über
die Kohlenlieferungen Deutschlands
an die Alliierten abgehalten worden. Der Reichs- k^lenkommissar schilderte an Hand eines ausführlichen statistischen Materials die Lage Deutschlands. Es steht lest, ob diese Beratungen in Paris oder in Berlin fortgesetzt werden. Dagegen werden wahr- icheinlich die Verhandlungen über die Holzliefe- rungen Deutschlands zunächst vertagt werden Ursprünglich bestand die Absicht, dieses Thema heute zu diskutieren. Die deutsche Regierung ließ jedoch erklären ihre Vorbereitungen seien noch nicht abgeschlossen. Sie wäre nicht imstande, den erforderlichen Bericht schon heute zu erstatten. Herr Barthou hat daraus der deutschen Regierung nahegelegt die Beratungen über die Holzlieserungen zweckmäßigerweise demnächst in Paris abzuhalten.
Zusammenfassend ist also zu sagen, daß die Ber- »andlungen mit der Reparationskommission andauern, daß .sie n i ch t f r u ch t l o s sind und daß vor allem noch keinerlei negative Entscheidungen
weder bezüglich der Anleihe noch bezüglich eines Moratoriums gefallen find!
für Pläne und Absichten die Gerüchte über die Differenzen ewigen auch immer bezwecken das Zentrum nicht als unied nunii einzüstellen
. Im übrigen fei nochmals beroorgeboben. datz in bezun aus die Formulierung der deutschen Vorschläge an die Reva ratirnskommiffion während der ganzen Dauer der Berliner Vci Handlungen mit der Revarationskommission bei bei Remisregrerung rollige Einmütigkeit bestanden bat. Trotzdem wird es aber als eine Selbstverftändlrckkei i angeseben. daß die Erwägungen über eine Umbildung der Regierung unmittelbar nach Abschlub der Ber Handlungen wieder ausgenommen werden. Es besteht allgemein die Auffasiung. datz sehr bald eine Neuorientierung der deutschen Politik erfolgen müsse. Beritts vor den Reichstagsferien hat der Reichskanzler in einer Parteifübrerbefvrechung erklärt, das Kabinett müsse vc-räudert und so gestaltet werden, dass es eine Konzentration aller aufbauenden wirtschaftlichen und volitifchen Kräfte in Deutschland darstelle. Es idle ein umfassendes nutzen- und innervolitlsches Programm aufsestellt werden, zu dessen Durchführung das ganze deutsche Vdk auiserufen werde.
Die Parteiführer beim Reichskanzler.
W.T,-B. Berlin, 8. Noo. Gestern nachmittag empfing der Reichskanzler die Parteiführer, und zwar zunächst die Führer der Regierungsvarteien. der Deutschen Bolksoartei. »er Bayerischen Volksvartri und daran an- schliehend die Führer der Deutschnationalen Volksvartei, um sie über die bisheris-en Verhandlungen der Reichs- rezicrung mit der Revarationskommission sowie über die Anssprache mit den interalliierten Finanzsachverständigen zu verständigen. _
Eine erhebliche Entspannung.
lickt. Berlin, 8^ Rov. (Eig. Drahtbericht.) Es steht heute fest, daß die Reparationskommission erst am Freitagabend Berlin verlassen wird. Es hat sich feit gestern eine erhebliche Entspannung vollzogen.
Das Gutachten der ausländischen Währungssachverständigen.
Ucit. Berlin, 8. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Der Hauptvorschlag des gestern dem Reichskanzler übergebenen Gutachtens der ausländischen Sachverständigen Keynes, Brand, Penks und Eassel läßt sich folgendermaßen zusammenfassen, die Stabilisierung der Mark habe auf der Basis eines Dollarstandes von 3000 bis 3500, also im Durchschnitt von 3250 zu erfolgen. Das Gutachten führt aus, ohne Markstabilisierung könne das ganze deutsche Schulden-, Währnngs- und Wirtschaftsproblem überhaupt nicht gelöst werden. Der zweite Hauptpunkt des Gutachtens bezieht sich auf die Mi tverw endung der Goldreserven der autonomen Deutschen Reichsbank für die Markstabilisierung. Die Devisenrückkäufe durch Gold sollen sich nur aus Banknoten, und zwar vor allem aus die Posten im Auslande erstrecken, aber nicht auf die Schatzwechsel. Bei der angenommenen Basis von 3250 pro Dollar würde weniger als die Halste der Reichsbank-Eoldreserven beliehen. Die „B. Z." kann hinzufü-gen, daß die Opposttionspolitik des Reichsbank- prasidenten Havenstein und des Hilfspräsidenten E l a s e n a p p gegen die Mitwirkung des Reichsbankgoldes gestern endgültig fallengelassen wurde, allerdings nur unter der Voraussetzung einer äußeren E o l d a n l e i h e. Der dritte Hauptpunkt des Gutachtens der vier Sachverständigen fordert ein M o r a- rorium von 2 Jahren mit Prolongationsmöq- lichkeiten.
Eine zweite Bankierkonfereuz?
8. Rov (Eis.. Drahtbericht.) Aus Mt unterrichteiev dwlomatischen Kreisen erfährt das ..B. T.". das Piervont Morgan, der sich gegenwärtig in Rom auf- lalt. ipatestens am 26. November nach Amerika »nrückni- DE Nachricht kommt darum Ää*£e WÄ"."« *“•. weil bekanntlich seit geraumer Zeit schon Bestrebungen im Gange sind, eine zweite Bankier- 5"' Diskussion .der RevarationsiE nach ' «* * « r Baris einzuberufen. Morgan hätte wurerum den V^rntz zu ubevnehmen und es singe darum, ijw fiftäu Inch u ödrend feines diesmaligen Äuienidalls itt Europa zu.bewegen, da sonst die Einbernsiina einer ill^it^ ^^d^^^^renz erhebliche Verzögerungen erleiden mütztr.
voraussichtlich erst aii- erff-r ^Eurden kann wurde wohl Paris in
..^ur bic Konferenz m Frage _ceJW«ifionbfijli waren auch diesmal umfang- notig dies ist auch de: Grund, wes- zurückkebren^möchte^^o^^Eisn möglichst rasch nach Baris
