Verlag Langgasse 21 ^r-gblatth«,,".
Echalter-Salle geöffnet von 8 Uhr morgens bis S Uhr abends. P»stsche«»nt»! SranlfHrt a.M. Nr. 7405.
Wöchentlich
D^vgspreise: Iw Verlag abgeholt: Mk. 210.—, in den Ausgabestellen: Mk. 21S.—. durch die Trüger ins Haus gebracht Mk. 225.— monatlich. — Bezugsbestellungen nehmen an: der Verlag die Ausgabestellen, die Träger und alle Postanstalten. — In Fällen höherer Gewalt. Betriebs- störungen oder Streiks haben die Bezieher keinen Anspruch auf Lieferung des Blattes oder Erstattung des entsprechenden Entgelts, sssssssssssssssssvsssss,
6 Ausgaben.
Fernruf:
.Tagblatthons" Nr. #059-53.
2)on 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, anher Sonntags. Piftschecklmtt,: Franffnrt a. M. Nr. 7495.
Anzeigenpreise: örtliche Anzeigen Mk. 25 .—, Rnanz- and Lnstbarleits-An,eigen Mk.S#.— ausroSriiqe Anzeigr» Mi. 88.-. örtliche Reklamen Mk. 72.—. auswSrtige ReNamen Mk. >95.- für die einspaltige Koioneheile oder deren Raum. — Bei wiederholter Aufnahme unverminderter Anzeigen enttorechender Naa,Iasz. - Schluh der Anzeigen-Annahme: 10 Uhr vormittags. - Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgelchriedenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.
berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatt»: Berlin-Wilmersdorf, Lanbacherstratze 35, Fernsprecher: Ahland 3186.
Nr. 486.
Donnerstag, 2. November 1922.
70. Jahrgang.
Aktive Währungspolitik?
Das Verlangen der Vereinigten Sozialdemokratie, die Reichsregierung möge zu einer aktiven Währungspolitik mit dem Ziel einer möglichst schnellen Sanierung der Mark übergehen, hat erneut das grundsätzliche Problem der Währungsfragen in den Mittelpunkt der politischen Diskussion gestellt. Man wird von vornherein sagen müssen, daß dies für eine Bewältigung eines so schwierigen Wirtschaftsproblems keinswegs einen Vorteil bietet. Die internationale wirtschaftliche Verworrenheit kann nicht mit parteitaktischen und parteipropagandistischen Grundsätzen und Aktionsprogrammen überwunden werden. *
Der Plan der Sozialdemokratie, das Gold der Reichsbank zu einem gewissen Teil zur Ausgabe einer Goldanleihe zu verwenden oder mit dem Gold der Reichsbank das schon bei ded Stabilsierung von Währungen in früherer Zeit angewandte System der Kon- ^erftonskassen aufzubauen. steht und fällt mit der Stellungnahme der Reparationskommission zu solchen Eedankengängen und mit der Stellungnahme des Präsidenten der autonomen Reichsbank. Man mutz fest- stellen, daß die Pläne der Vereinigten Sozialdemokratie keinesfalls irgendwelche grundsätzlich neue Gedankengange darstellen. Es handelt sich vielmehr nur um die Aufnahme theoretischer Vorschläge durch die parteipolitische Macht der sozialistischen Arbeiterschaft, die schon auf den internationalen Finanzkonserenzen der letzten Jahre und in der ausgebreiteten Literatur über das Valutaproblem eingehendst. Beachtung" gefunden haben. Die Durchführbarkeit di^er Gedanken i?t von den beiden vorstehend schon genannten Voraus- setzungen abhängig. Wäre die Verwirklichung der Plane durchführbar ohne diese beiden Voraussetzungen, !v müßte gerade der Vereinigten Sozialdemokratie,'als dem Träger der augenblicklichen politischen Initiative auf diesem Gebiet, der schärfste und nachdrücklichste Vorwurf gemacht werden, daß sie so lange gegen ihre angeblich bessere Erkenntnis dem Zerfall der deutschen Mark zugesehen hat.
Aus den Verhandlungen, die vor kurzem beim Reichskanzler stattgefunden haben und über die teil- weise sAr undurchsichtige offiziöse Verlautbarungen an die Presse weitergeleitet wurden, ist zu ersehen, daß bre hervorragendsten Wortführer der Sozialdemokratie von einer durchaus verschwommenen wirtschasts- und handelspolitischen Betrachtung in ihrer Urteilsbildunq ausgegangen sind. Wenn man beobachtet, daß alle Auskünfte über die deutsche Exportwirtschaft ein fortlaufendes Herabsinken der quantitativen Güterausfuhr darstellen, während demgegenüber nur die Papiermarkaufblähungen Exportsteigerungen vorgaukeln, muß es auffallend fein, daß ein so ernsthafter Wirtschaftsund Finanzpolitiker wie'Dr. Hilferding als Wort- iUhrer der Sozialdemokratie erklärt, die Äktivisterung der Handelsbilanz Deutschlands fei nicht möglich ohne vorherige Stabilisierung der Mark, d. h also,' das wahrungstechnische Moment gibt hier den Ausschlag für den internationalen Güteraustausch. Es trifft uurchous zu, daß das Problem der Handelsbilanz und unserer Exportwirtschaft eng verbunden ist mit dem Problem unserer Imvortmöglichkeiten. Es ist auch nchtig. daß die Entwertung der Mark nach sich zieht' Steigerung des Anteils der Nahrungsmittel und Sinke» des Anteils der Industrierohstoffe in unseren Im- öwrtzlffern. Man kann aber nun keineswegs etwa onnehmen. daß sich hieraus die Schlußfolgerung ergibt daß zwangsläufig durch eine Stabilisierung der Mark dieser Prozeß irgendwie umgestaltet werden kann bevor nicht durch tiefgreifende wirtschaftspolitische Maßnahmen dem Ausland gegenüber der Beweis dafür er- orckcht ist. daß der Nutzeffekt der deutschen Wirtschaft mit Energie gesteigert wird und daß durch Intensivierung der Arbeit die natürliche Voraussetzung für ' die Aktivisierung der Handelsbilanz geschaffen werden Es trifft selbstverständlich nicht zu, daß etwa mit den ffnanztechnischen Maßnahmen erst begonnen werden kann, wenn die Handelsbilanz aktiv ist. Wohl aber gehört zu derartigen Sanierungsaktionen als erste Voraussetzung alles das, was dem Ausland das Vertrauen gibt, in der deutschen Wirtschaft wieder einen erstarrenden und weltwirtschaftlich wertvollen Faktor anzuerkennen.
Man hat gegenüber den bisherigen Verhandlungen das außerordentlich peinliche Emvfinden, daß wir uns vier in Deutschland in diesen Dingen erneut in jene Blickemstelluna einspinnen, die schon stets der Ausgangspunkt aller politischen und wirtschaftlichen Katastrophen gewesen ist: die Welt als etwas um den deut- scken Mittelpunkt Kreisendes anzusehen. Es ist völlig irrig, einfach aus der finanzwirtschaftlichen Geschichte sanierungs- und Stützungsaktionen zerbrochener Währungen für Deutschland übernehmen zu wollen.
Katastrophen in solchen Arrsmaßen, wie wir sie jetzt durchleben, hat es in der Wirtschaftsgeschichte noch nicht gegeben. Vor allem war auch keines der hier als Beispiel in Frage kommenden Länder (Argentinien, Indien) in feinen lebsnsnotwendigstenBedürfnissen so unzerreißbar mit allen internationalen Wirtschafts- und Finanzströmungen verknüpft wie das heutige Deutschland.
Wir müssen in der jetzigen Situation unbedingt Ruhe und Sicherheit in der Behandlung der schweren wirtschaftspolitischen Gegenwartsfragen bewahren. Wir dürfen nicht, um eine angebliche Beruhigung zu schaffen, zu Maßnahmen greifen, die gewisse Unruhemomente im Augenblick in unserem öffentlichen Leben ausschalten können, jedoch zwangsläufig die Folge nach sich ziehen, daß in kürzester Frist solche Unruhemomente in weit größeren Dimensionen wieder euftauchen. Dieses Verschieben des krisenhaften Eefundungsprozesses der deutschen Wirtschaft von Tag zu Tag, von Woche zu Woche und von Monat zu Monat übersteigt tatsächlich die wirtschaftlichen Nöte des Volkes außerordentlich. Es wird und muß unsere Aufgabe sein, alles zu tun, um die internationalen Kräfte für unsere Gesundung in Bewegung zu setzen. Man muß den Ursachen der deutschen Wirtschaftsnot entgegentreten und darf sich nicht in der Bekämpfung der Folgen der Not zersplittern. Die Wirtschaft wird in dem Eesundungsprozetz, der sich vielleicht nun endlich als Folge der bevorstehenden neuen internationalen Beratungen und Konferenzen anbahnen wird, nochmals vor schwere Krisen ge- stellt werden und um ihre weltwirtschaftliche Existenzberechtigung einen ungeheuren Kampf durchzufechten haben. Die Erfüllung ihrer volkswirtschaftlichen Aufgabe, die lebensnotwendigsten Bedürfnisse der Gesamtheit zu befriedigen, wird ibre Kräfte im Übermaß in Anspruch nehmen. Aber die Wirtschaft wird und muß bereit -ein, dann auch schwere Opfer auf sich zu nehmen, wicht zugunsten eines experimentellen Versuchs, sondern zugunsten einer klaren, die Gesundung Deutsches. Europas und der Weltwirtschaft in sich schließenden Wirtschaftspolitik!
Bankerattserklärung Deutschlands als neuer Man znr Rettung.
v. Paris. 2. Nov. (Erg. .Drabtbericht.) Ein neuer Plan zurfmanzreNev Rettung Deutschlands wird in der "fischen Kammer im Laufe der nächsten Woche zur Sprache komme». Der frübeve französische Wie- eu diesen Plan im Rabmen
d-! wnsdcbatt« Vorbringen und er gebt dabei von
der Aniicht aus. dah Deutschland, wie auch die anderen entwertetem Geld, in Europa sofort bankerott zu «.klaren und rbre Wahrung auf vollständig neuer Grund- §err Loubeur bespricht im ..New York «m« b,e angeblich auch von englischen nnd
aawrikaviscken Bankiers vertreten wird. Er drückt die Ansicht Meae das deutsche Finanz- L-W 2auf,e - des Jahres gebessert werden könnte. Fwse Frist von ernem Jahre wurde notwendigerweise einen Si 1 ® ^ id u b für D e u tsckland bedeuten
??adle sich darum. . die deutsche Geldinflation. die
über^ af»' e|n4. H^ 3 knrÄn« Ö ®eÜMlä& Ur S:
Ȁfcf bet * uin Landes wurde.
Hauenstein über die Goldbestände.
-Br. Berlin, 2. Nov. (Eig. Drabtbericht.) In der S'bung des Zentralausschusses der Reichsbank legte Präli- Havevsteln nochmals die Auffassung des Reichs- benkdiritroriuins binsichtlich der Verwendung des Goldbestandes der Rerchsbank und hinsichtlich der Ausgabe von ^genannten Goldschahanwetsungen eingehend dan. -Das D-rcktcrium habe sich gegen dre Verwendung des Gold- btstande.s ausgesprochen und Savenstein selbst verspricht sich auch Nichts von. der Ausgabe sogenannter Goldfchatzan- we-suupcu. So dringend es aber auch für Deutschland wäre, den Nie der »an? «nierer Wahrung zu hemmen und wieder zu emem stabilen Markkurs, zu kommen, so halte es doch das Ne.'chsba.vkdirektor'um für aussichtslos und u „- mos l: ck für uns aus eigener Kraft heraus dieses Ziel zu erreichen, d. h. ehe wir nicht ein a u s r e i ch e n des Me r a t o r tu tr erhalten und eine für uns ertragbare Lokung des Nrvaraticnsvroblems m sicherer Aussicht steht. Unsere Handels- und Zahlungsbilanz sei noch viel ungünstiger. als die bisher veröffentlichten ftatlftifchei, Wahlen es crfevr.cn lassen Das Passivialdo und die Zabl^ngs" bilanr . könne nur durch fortgesetzte und erkchreckeud grobe En r ! au l c % n W aTt °y ausländischen Märkten gebessert werden. Im Sommer dieses Jahres habe die Reichsbank einem dringenden Wunsche der Regierung folgend mit starken Mitteln von rund 250 Millionen Reichsmark auf den Devisenmärkten .interveniert: Die Abrvsirtsde- weming unserer Valuta sei. aber dadurch keineswegs ver- bindert. sondern nur um ewige Wochen ^verlangsamt worden. Der. Go i d b e tt and der R e i ch s b a n k liege gegenwärtig nicht, wie vielfach bebauvtet werde brach sondern
Ki«r<fc it in Urbar. J VX 'v ü . l ,rT. WTOJeiTT
Wirksamkeit, und Aktionskraft.der Retchsbank. Die lung der Ern- und Avsll.hr sei bisher mir deshalb möglich gewesen, wett >.e Re-chsbank. auf Grund ihres Golidbe- üandes. noch cm,gen Kredit nn Ausland habe, der den Verkauf der Mark rm Ausland zwecks Devisenbeschaffuna gestatie. Mit dem Verlust des Goldbestandes fei der Kredit und die Aktronskrait der RerchAank verloren.
Ae Kittet MmkÄMchMlMW.
as. Berlin, 2. Nov. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Die Beratungen zwischen der Reichsregierung und der Reparationskommission, die ihren Fortgang nehmen, wobei der Reichsfinanzminister Dr. Hermes gestern einen ausführlichen Vortrag über den deutschen Standpunkt zur Frage der Markstabilisierung gehalten hat, haben zunächst noch — das muß allen möglichen Kombinationen, die in deutschen und ausländischen Blättern auftauchen, gegenüber betont werden — den Charakter unverbindlicher Vorbesprechungen, so daß es voreilig wäre, aus ihrem Verlauf irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Man befindet sich durchaus noch im Anfangsstadium der Entwickelung der zu erörternden Fragen, d. h. im Stadium der vorläufigen Orientierung über die drei Grundfragen, deren erste die Stabilisierung der Mark bildet, mit der man sich gestern vornehmlich beschäftigte. Heute dürfte der Haushalt für 19 2 3 in den Vordcrgrurü» der Besprechungen treten, daran wird sich die Erörterung der chwebenden Schuld schließen.
Wie man erfährt, haben den Ausführungen des Reichsfinanzministers Dr. Hermes über den deutschen Standpunkt zur
Frage der Markstabilisierung ungefähr folgende Gedanken zugrunde gelegen: Eine Aktion zur Stärkung der deutschen Währung könne nur aus der Basis eines E o l d f o n d s durchgcführt werden. Da eine Inanspruchnahme des Goldschatzes der Reichsbank nicht in Frage kommt, so bleibe nur übrig, zu diesem besonderen Zwecke — also nicht für allgemeine Reparationszwecke — eine Eoldanleihe im Ausland aufzunehmen. Über diese Möglichkeit hat, soviel wir wissen, Reichskanzler Dr. Mirth vor kurzem schon mit maßgebendenVertretern ausländischer Negierungen gesprochen, wobei allerdings auf die Schwierigkeiten hingewiesen wurde, die sich vorläufig noch besonders in amerikanischen Finanzkreisen gegen einen solchen Plan geltend machen. Zur Behebung dieser Schwieriakeiten beizutragen, dürfte eine der wichtigsten Ausgaben der diesmaligen Berliner Re- parationskonferenz sein.
In unterrichteten Kreisen rechnet man mit einem Aufenthalt der RevorationskomMission in Berlin bis Ende der nächsten Woche. Man vermutet aber, daß die Reparationskommission irgendwelche Entscheidungen in Berlin selbst nicht treffen wird. Der informatorische Charakter ihres Besuches ist ja auch von Anbeginn hervorgehoben worden. Über st>ie Frage einer internationalen Renarationsanleihe und eines Moratoriums
im besonderen wird die Reparationskommission diesmal wahrscheinlich gar nicht verhandeln, vielmehr die Diskussion dieser Probleme der großen Brüsseler FinanzkönfeFenz überlassen.
Inzwischen werden die letzten Vorbereitungen für die Beratungen der ausländischen Finanzsachverständigem
getroffen, die im Finanzministerium unter Beteiligung erster deutscher Sachverständiger wie des Reichsüank- präfidenten, des Staatssekretärs Schröder und führender Bankleute stattfindsn werden. Bis jetzt sind in Berlin eingetroffen: Herr Brand, der Teilhaber des bekannten Bankhauses Lazzarie in London, Professor Cassel aus Stockholm, der Präsident des Schweizer Bankvereins Dubais mit seinem Sekretär S t e i ch. Professor Penks von der Universität New Port, der Präsident der Asowschen Bank Boris K a m e n k a, Professor K e y n e s und der Präsident der Niederländischen^ Bank V i s s e r i n g aus Amsterdam mit seinem Sekretär De Beaufort. Diese Herren werden morgen vormittag um y ?t 10 Uhr vom Reichskanzler empfangen werden. Am Nackmittag beginnen die sachlichen Verhandlungen.
Alle diese Beratungen lassen naturgemäß die innerpolitischen Fragen stark zurücktreten, so daß auch mit einer
Verschiebung des Wiederbeginns der Reichstagssitzungen
zu rechnen ist. Der Ältestenrat des Reichstags wird am Freitag darüber beraten, wann der Wiedcr- zusammentritt des Reichstags stattfinden soll. Man ist der Ansicht, daß. solange die Reparationskommission m Berlin weilt, Regierung und Abgeordnete so stark beschäftigt sind, daß die Reichstagsarbeit eins Be- lastung bedeuten würde. Ferner rechnet man damit, daß am 9 November, dem Wunsche der Sozialdemokraten entsprechend, die Sitzung ausfallen müßte und dag der Reichstag dann wieder vertagt werden müßte.
