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Nr. 486.

Donnerstag, 2. November 1922.

70. Jahrgang.

Aktive Währungspolitik?

Das Verlangen der Vereinigten Sozialdemokratie, die Reichsregierung möge zu einer aktiven Währungs­politik mit dem Ziel einer möglichst schnellen Sanie­rung der Mark übergehen, hat erneut das grundsätz­liche Problem der Währungsfragen in den Mittel­punkt der politischen Diskussion gestellt. Man wird von vornherein sagen müssen, daß dies für eine Be­wältigung eines so schwierigen Wirtschaftsproblems keinswegs einen Vorteil bietet. Die internationale wirtschaftliche Verworrenheit kann nicht mit partei­taktischen und parteipropagandistischen Grundsätzen und Aktionsprogrammen überwunden werden. *

Der Plan der Sozialdemokratie, das Gold der Reichsbank zu einem gewissen Teil zur Ausgabe einer Goldanleihe zu verwenden oder mit dem Gold der Reichsbank das schon bei ded Stabilsierung von Wäh­rungen in früherer Zeit angewandte System der Kon- ^erftonskassen aufzubauen. steht und fällt mit der Stellungnahme der Reparationskommission zu solchen Eedankengängen und mit der Stellungnahme des Prä­sidenten der autonomen Reichsbank. Man mutz fest- stellen, daß die Pläne der Vereinigten Sozialdemo­kratie keinesfalls irgendwelche grundsätzlich neue Ge­dankengange darstellen. Es handelt sich vielmehr nur um die Aufnahme theoretischer Vorschläge durch die parteipolitische Macht der sozialistischen Arbeiterschaft, die schon auf den internationalen Finanzkonserenzen der letzten Jahre und in der ausgebreiteten Literatur über das Valutaproblem eingehendst. Beachtung" ge­funden haben. Die Durchführbarkeit di^er Gedanken i?t von den beiden vorstehend schon genannten Voraus- setzungen abhängig. Wäre die Verwirklichung der Plane durchführbar ohne diese beiden Voraussetzungen, !v müßte gerade der Vereinigten Sozialdemokratie,'als dem Träger der augenblicklichen politischen Initiative auf diesem Gebiet, der schärfste und nachdrücklichste Vorwurf gemacht werden, daß sie so lange gegen ihre angeblich bessere Erkenntnis dem Zerfall der deutschen Mark zugesehen hat.

Aus den Verhandlungen, die vor kurzem beim Reichskanzler stattgefunden haben und über die teil- weise sAr undurchsichtige offiziöse Verlautbarungen an die Presse weitergeleitet wurden, ist zu ersehen, daß bre hervorragendsten Wortführer der Sozialdemokratie von einer durchaus verschwommenen wirtschasts- und handelspolitischen Betrachtung in ihrer Urteilsbildunq ausgegangen sind. Wenn man beobachtet, daß alle Auskünfte über die deutsche Exportwirtschaft ein fort­laufendes Herabsinken der quantitativen Güterausfuhr darstellen, während demgegenüber nur die Papier­markaufblähungen Exportsteigerungen vorgaukeln, muß es auffallend fein, daß ein so ernsthafter Wirtschafts­und Finanzpolitiker wie'Dr. Hilferding als Wort- iUhrer der Sozialdemokratie erklärt, die Äktivisterung der Handelsbilanz Deutschlands fei nicht möglich ohne vorherige Stabilisierung der Mark, d. h also,' das wahrungstechnische Moment gibt hier den Ausschlag für den internationalen Güteraustausch. Es trifft uurchous zu, daß das Problem der Handelsbilanz und unserer Exportwirtschaft eng verbunden ist mit dem Problem unserer Imvortmöglichkeiten. Es ist auch nchtig. daß die Entwertung der Mark nach sich zieht' Steigerung des Anteils der Nahrungsmittel und Sin­ke» des Anteils der Industrierohstoffe in unseren Im- öwrtzlffern. Man kann aber nun keineswegs etwa onnehmen. daß sich hieraus die Schlußfolgerung ergibt daß zwangsläufig durch eine Stabilisierung der Mark dieser Prozeß irgendwie umgestaltet werden kann be­vor nicht durch tiefgreifende wirtschaftspolitische Maß­nahmen dem Ausland gegenüber der Beweis dafür er- orckcht ist. daß der Nutzeffekt der deutschen Wirtschaft mit Energie gesteigert wird und daß durch Intensi­vierung der Arbeit die natürliche Voraussetzung für ' die Aktivisierung der Handelsbilanz geschaffen werden Es trifft selbstverständlich nicht zu, daß etwa mit den ffnanztechnischen Maßnahmen erst begonnen werden kann, wenn die Handelsbilanz aktiv ist. Wohl aber gehört zu derartigen Sanierungsaktionen als erste Vor­aussetzung alles das, was dem Ausland das Vertrauen gibt, in der deutschen Wirtschaft wieder einen erstar­renden und weltwirtschaftlich wertvollen Faktor anzu­erkennen.

Man hat gegenüber den bisherigen Verhandlungen das außerordentlich peinliche Emvfinden, daß wir uns vier in Deutschland in diesen Dingen erneut in jene Blickemstelluna einspinnen, die schon stets der Aus­gangspunkt aller politischen und wirtschaftlichen Kata­strophen gewesen ist: die Welt als etwas um den deut- scken Mittelpunkt Kreisendes anzusehen. Es ist völlig irrig, einfach aus der finanzwirtschaftlichen Geschichte sanierungs- und Stützungsaktionen zerbrochener Währungen für Deutschland übernehmen zu wollen.

Katastrophen in solchen Arrsmaßen, wie wir sie jetzt durchleben, hat es in der Wirtschaftsgeschichte noch nicht gegeben. Vor allem war auch keines der hier als Bei­spiel in Frage kommenden Länder (Argentinien, In­dien) in feinen lebsnsnotwendigstenBedürfnissen so un­zerreißbar mit allen internationalen Wirtschafts- und Finanzströmungen verknüpft wie das heutige Deutsch­land.

Wir müssen in der jetzigen Situation unbedingt Ruhe und Sicherheit in der Behandlung der schweren wirtschaftspolitischen Gegenwartsfragen bewahren. Wir dürfen nicht, um eine angebliche Beruhigung zu schaf­fen, zu Maßnahmen greifen, die gewisse Unruhe­momente im Augenblick in unserem öffentlichen Leben ausschalten können, jedoch zwangsläufig die Folge nach sich ziehen, daß in kürzester Frist solche Unruhemomente in weit größeren Dimensionen wieder euftauchen. Die­ses Verschieben des krisenhaften Eefundungsprozesses der deutschen Wirtschaft von Tag zu Tag, von Woche zu Woche und von Monat zu Monat übersteigt tatsächlich die wirtschaftlichen Nöte des Volkes außerordentlich. Es wird und muß unsere Aufgabe sein, alles zu tun, um die internationalen Kräfte für unsere Gesundung in Bewegung zu setzen. Man muß den Ursachen der deutschen Wirtschaftsnot entgegentreten und darf sich nicht in der Bekämpfung der Folgen der Not zersplit­tern. Die Wirtschaft wird in dem Eesundungsprozetz, der sich vielleicht nun endlich als Folge der bevorstehen­den neuen internationalen Beratungen und Konferen­zen anbahnen wird, nochmals vor schwere Krisen ge- stellt werden und um ihre weltwirtschaftliche Existenz­berechtigung einen ungeheuren Kampf durchzufechten haben. Die Erfüllung ihrer volkswirtschaftlichen Auf­gabe, die lebensnotwendigsten Bedürfnisse der Gesamt­heit zu befriedigen, wird ibre Kräfte im Übermaß in Anspruch nehmen. Aber die Wirtschaft wird und muß bereit -ein, dann auch schwere Opfer auf sich zu nehmen, wicht zugunsten eines experimentellen Versuchs, son­dern zugunsten einer klaren, die Gesundung Deutsch­es. Europas und der Weltwirtschaft in sich schließen­den Wirtschaftspolitik!

Bankerattserklärung Deutschlands als neuer Man znr Rettung.

v. Paris. 2. Nov. (Erg. .Drabtbericht.) Ein neuer Plan zurfmanzreNev Rettung Deutschlands wird in der "fischen Kammer im Laufe der nächsten Woche zur Sprache komme». Der frübeve französische Wie- eu diesen Plan im Rabmen

d-! wnsdcbatt« Vorbringen und er gebt dabei von

der Aniicht aus. dah Deutschland, wie auch die anderen entwertetem Geld, in Europa sofort bankerott zu «.klaren und rbre Wahrung auf vollständig neuer Grund- §err Loubeur bespricht im ..New York «m« b,e angeblich auch von englischen nnd

aawrikaviscken Bankiers vertreten wird. Er drückt die Ansicht Meae das deutsche Finanz- L-W 2auf,e - des Jahres gebessert werden könnte. Fwse Frist von ernem Jahre wurde notwendigerweise einen Si 1 ® ^ id u b für D e u tsckland bedeuten

??adle sich darum. . die deutsche Geldinflation. die

über^ af»' e|n4. H^ 3 knrÄn« Ö ®eÜMlä& Ur S:

Ȁfcf bet * uin Landes wurde.

Hauenstein über die Goldbestände.

-Br. Berlin, 2. Nov. (Eig. Drabtbericht.) In der S'bung des Zentralausschusses der Reichsbank legte Präli- Havevsteln nochmals die Auffassung des Reichs- benkdiritroriuins binsichtlich der Verwendung des Gold­bestandes der Rerchsbank und hinsichtlich der Ausgabe von ^genannten Goldschahanwetsungen eingehend dan. -Das D-rcktcrium habe sich gegen dre Verwendung des Gold- btstande.s ausgesprochen und Savenstein selbst verspricht sich auch Nichts von. der Ausgabe sogenannter Goldfchatzan- we-suupcu. So dringend es aber auch für Deutschland wäre, den Nie der »an? «nierer Wahrung zu hemmen und wieder zu emem stabilen Markkurs, zu kommen, so halte es doch das Ne.'chsba.vkdirektor'um für aussichtslos und u „- mos l: ck für uns aus eigener Kraft heraus dieses Ziel zu erreichen, d. h. ehe wir nicht ein a u s r e i ch e n des Me r a t o r tu tr erhalten und eine für uns ertragbare Lokung des Nrvaraticnsvroblems m sicherer Aussicht steht. Unsere Handels- und Zahlungsbilanz sei noch viel un­günstiger. als die bisher veröffentlichten ftatlftifchei, Wahlen es crfevr.cn lassen Das Passivialdo und die Zabl^ngs" bilanr . könne nur durch fortgesetzte und erkchreckeud grobe En r ! au l c % n W aTt °y ausländischen Märkten ge­bessert werden. Im Sommer dieses Jahres habe die Reichs­bank einem dringenden Wunsche der Regierung folgend mit starken Mitteln von rund 250 Millionen Reichsmark auf den Devisenmärkten .interveniert: Die Abrvsirtsde- weming unserer Valuta sei. aber dadurch keineswegs ver- bindert. sondern nur um ewige Wochen ^verlangsamt wor­den. Der. Go i d b e tt and der R e i ch s b a n k liege gegen­wärtig nicht, wie vielfach bebauvtet werde brach sondern

Ki«r<fc it in Urbar. J VX 'v ü . l ,rT. WTOJeiTT

Wirksamkeit, und Aktionskraft.der Retchsbank. Die lung der Ern- und Avsll.hr sei bisher mir deshalb möglich gewesen, wett >.e Re-chsbank. auf Grund ihres Golidbe- üandes. noch cm,gen Kredit nn Ausland habe, der den Verkauf der Mark rm Ausland zwecks Devisenbeschaffuna gestatie. Mit dem Verlust des Goldbestandes fei der Kredit und die Aktronskrait der RerchAank verloren.

Ae Kittet MmkÄMchMlMW.

as. Berlin, 2. Nov. (Drahtmeldung unserer Ber­liner Abteilung.) Die Beratungen zwischen der Reichsregierung und der Reparationskommission, die ihren Fortgang nehmen, wobei der Reichsfinanz­minister Dr. Hermes gestern einen ausführlichen Vortrag über den deutschen Standpunkt zur Frage der Markstabilisierung gehalten hat, haben zunächst noch — das muß allen möglichen Kombinationen, die in deutschen und ausländischen Blättern auftauchen, gegenüber betont werden — den Charakter unverbind­licher Vorbesprechungen, so daß es voreilig wäre, aus ihrem Verlauf irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Man befindet sich durchaus noch im Anfangsstadium der Entwickelung der zu erörternden Fragen, d. h. im Stadium der vorläufigen Orientierung über die drei Grundfragen, deren erste die Stabilisie­rung der Mark bildet, mit der man sich gestern vor­nehmlich beschäftigte. Heute dürfte der Haushalt für 19 2 3 in den Vordcrgrurü» der Besprechungen treten, daran wird sich die Erörterung der chwebenden Schuld schließen.

Wie man erfährt, haben den Ausführungen des Reichsfinanzministers Dr. Hermes über den deut­schen Standpunkt zur

Frage der Markstabilisierung ungefähr folgende Gedanken zugrunde gelegen: Eine Aktion zur Stärkung der deutschen Währung könne nur aus der Basis eines E o l d f o n d s durchgcführt werden. Da eine Inanspruchnahme des Goldschatzes der Reichsbank nicht in Frage kommt, so bleibe nur übrig, zu diesem besonderen Zwecke — also nicht für allgemeine Reparationszwecke — eine Eoldanleihe im Ausland aufzunehmen. Über diese Möglichkeit hat, soviel wir wissen, Reichskanzler Dr. Mirth vor kurzem schon mit maßgebendenVertretern ausländischer Negierungen gesprochen, wobei allerdings auf die Schwierigkeiten hingewiesen wurde, die sich vorläufig noch besonders in amerikanischen Finanzkreisen gegen einen solchen Plan geltend machen. Zur Behebung dieser Schwieriakeiten beizutragen, dürfte eine der wichtigsten Ausgaben der diesmaligen Berliner Re- parationskonferenz sein.

In unterrichteten Kreisen rechnet man mit einem Aufenthalt der RevorationskomMission in Berlin bis Ende der nächsten Woche. Man vermutet aber, daß die Reparationskommission irgendwelche Entscheidun­gen in Berlin selbst nicht treffen wird. Der informa­torische Charakter ihres Besuches ist ja auch von An­beginn hervorgehoben worden. Über st>ie Frage einer internationalen Renarationsanleihe und eines Moratoriums

im besonderen wird die Reparationskommission dies­mal wahrscheinlich gar nicht verhandeln, vielmehr die Diskussion dieser Probleme der großen Brüsseler FinanzkönfeFenz überlassen.

Inzwischen werden die letzten Vorbereitungen für die Beratungen der ausländischen Finanz­sachverständigem

getroffen, die im Finanzministerium unter Beteiligung erster deutscher Sachverständiger wie des Reichsüank- präfidenten, des Staatssekretärs Schröder und führender Bankleute stattfindsn werden. Bis jetzt sind in Berlin eingetroffen: Herr Brand, der Teil­haber des bekannten Bankhauses Lazzarie in London, Professor Cassel aus Stockholm, der Präsident des Schweizer Bankvereins Dubais mit seinem Sekretär S t e i ch. Professor Penks von der Universität New Port, der Präsident der Asowschen Bank Boris K a m e n k a, Professor K e y n e s und der Präsident der Niederländischen^ Bank V i s s e r i n g aus Amster­dam mit seinem Sekretär De Beaufort. Diese Herren werden morgen vormittag um y ?t 10 Uhr vom Reichskanzler empfangen werden. Am Nackmittag be­ginnen die sachlichen Verhandlungen.

Alle diese Beratungen lassen naturgemäß die innerpolitischen Fragen stark zurücktreten, so daß auch mit einer

Verschiebung des Wiederbeginns der Reichstags­sitzungen

zu rechnen ist. Der Ältestenrat des Reichstags wird am Freitag darüber beraten, wann der Wiedcr- zusammentritt des Reichstags stattfinden soll. Man ist der Ansicht, daß. solange die Reparationskommission m Berlin weilt, Regierung und Abgeordnete so stark beschäftigt sind, daß die Reichstagsarbeit eins Be- lastung bedeuten würde. Ferner rechnet man damit, daß am 9 November, dem Wunsche der Sozialdemo­kraten entsprechend, die Sitzung ausfallen müßte und dag der Reichstag dann wieder vertagt werden müßte.