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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf, Laubacherstratze 35, Fernsprecher: llhland 318«.

Morgen-Ausgabe.

Sonntag, 1. Oktober 1922.

Die große Not.

Wenn die deutschen Parlamente jetzt ihre Herbst­arbeit wieder cmfnehmen, so findet in ihnen die grau­sige Wirtschaftsnot. in die wir hineingeraten sind, ihren. Widerhall. Der preußische Latzdtag hat bereits am Freitag mit der Notstandsdebatte begonnen. In dieser Aussprache hat der Zentrumsredner M e tz i n- g e r sich zweifellos keiner Übertreibung schuldig ge­macht, als er warnend darauf hinwies, daß im kom­menden Winter Zehntausende unserer besten Volks­genossen am Hunger zugrunde gehen würden, wenn nicht endlich Wandel geschaffen würde. So weit sind wir also gekommen, daß das Hungergefpenst in leib­hafter Gestalt vor uns steht. Auch im preußischen Landtag haben sich die Rechte und die Linke wieder gegenseitig die Schuld in die Schuhe geschoben und haben mit diesem unwürdigen Streit die kostbare Zeit vertrödelt, aber die Aufgabe selbst, die doch darin be? steht, sich über wirksame Hilfsmaßnahmen zu einigen, bevor es zu spät ist, keinen Schritt weiter der Lösung entgegengeführt. Richtig ist an diesen gegenseitigen Beschuldigungen nur das eine, daß nämlich sowohl die Unruhstifter der äußersten Linken wie die der äußer­sten Rechten durch ihr verantwortungsloses Treiben dazu beitragen, die ungesunde Entwertung der Mark noch zu beschleunigen, indem sie den deutschen Kredit im Ausland wie im Inland immer mehr schädigen.

Soeben hat der Forstrat Escherich in München über dieTragödie des Mittelstandes" gesprochen. Diese Tragödie ist seit langem bekannt, und wenn Herr Escherich insbesondere die Notlage der geistigen Ar­beiter betont, so spricht er damit eine alte Binsen­wahrheit aus. Was aber weiß der große Selbstschutz­mann an positiven Vorschlägen für die Behebung der Not anzuführen? Sein einziger Vorschlag ist der, daß man radikal mit der Erfüllungspolitik Schluß machen solle. Die Reichsregierung hat bekanntlich ihre Er- füllungspclitik nach dem Stande unserer Leistungs­fähigkeit oder vielmehr ihres Gegenteils modifiziert. Aber man höre doch endlich auf, dem Volke vorzu­erzählen, daß alles wunderschön wäre, hätte die' Re­gierung von vornherein jede Erfüllungszusage ver­weigert. Wer das behauptet, der ist entweder ein Ignorant oder ein bewußter Demagoge. Wenn seinerzeit dem Londoner Ultimatum die Zustimmung versagt worden wäre, so hätten die Franzosen das Ruhrrevier besetzt. Sie hatten damals dazu die eng­lische Einwilligung. Das Schicksal der Städte Düffel­dorf, Duisburg und Ruhrort beweist, daß die Fran­zosen auch heute noch im Ruhrrevier säßen. Seit anderthalb Jahren wäre das wichtigste Industriegebiet in ihren Händen. Über die Kohle verfügten nicht die deutschen Unternehmer, sondern die französischen Kom­missare. Deutschlands Wirtschaft läge heute jämmer­lich darnieder. Der Dollar stände wahrscheinlich auf 10 000, und wegen Kohlenmangels könnte, die In­dustrie nicht einmal unseren niedrigen Kursstand für den Export nutzbar machen. Millionen von Arbeits­losen würden die Städte bevölkern, und bei den dann noch viel höher gestiegenen Lebensmittelpreisen wür­den Plünderungen und Unruhen nicht abreißen. Jetzt verlangen Scharlatane, daß wir nachträglich diese Wir­kungen noch durch eine brüskierende Erklärung an die Adresse der Entente herberführen sollen. Welche Fol­gen das gerade für den Mittelstand und die geistigen Arbeiter haben würde, davon dämmert den Escherich und Eenoffen offenbar kein Schimmer auf. *

Die Verantwortungslosigkeit von rechts wird leider aber durch eine schlimme Einsichtslosigkeit von links unterstützt. Für die Sozialdemokratie ist die ganze Wirtschaftsnot nur ein Konsumentenproblem. Die Kommunisten gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie verlangen die Beschlagnahme aller Lebensmittel und Wohnungen für die arbeitende Bevölkerung. Daß wir mit einem solchen Raubbau binnen kurzem die ganze Erzeugung zerstört und damit die Arbeiter dem Hungertode ausgeliefert hätten, stört die Urheber sol­chen wirtschaftlichen Unsinns nicht. In Wahrheit ist die Wurzel des Übels der Mangel an Ware. Wir haben zu wenig Lebensmittel, zu wenig Kohle, zu wenig Rohstoffe. Der Mangel steigert die Nachfrage. Es gilt also dm Mangel zu beheben. Man muß es be­grüßen, daß dieser Kern des Problems richtig erkannt wird in der großen Anfrage, die die demokratische Fraktion des preußischen Landtags jetzt gestellt hat. In ihr wird das Siaatsminifterium auch gefragt, ob es die nötige Aufklärung darüber verbreiten wird, daß durch eins künstliche Riederhaltung gewiffer Preise der Not unseres Volkes nur ganz vorübergehend und nur scheinbar gesteuert werden kann, und daß nur durch eine Steigerung der Arbeitsleistung jedes einzelnen und durch Intensivierung der Wirtschaft der

i völligen Verelendung unseres Volkes wirksam begeg- I net werden kann.

Das Schlimme bei der Behandlung des ganzen Teuerungsproblems ist, daß die Parteien ihm mit großer Einseitigkeit gegenüberstehen. Der Arbeiter schilt auf den Unternehmer. Der Unternehmer auf den Arbeiter. Stadt und Land machen sich wechsel­seitig Vorwürfe. Bei diesem Kampf aller gegen alle kommt gar nichts heraus. Soll es besser werden, so müssen sämtliche Kreise des Volkes sich einer Umkehr befleißigen. Zunächst ist es vollendeter Wahnsinn, wenn wir im Monat für 27 Milliarden mehr ein- als ausführen. Äußerste Beschränkung im Lebensgenuß ist daher geboten. Es ist verbrecherisch, wenn Deutsche ihr Geld in fremder Währung anlegen und ohne Not neue Devisen kaufen. Die Regierung hat hier aller­dings insofern eine gewisse Mitschuld, als ste den Devisenhandel nicht rechtzeitig in seine Bedarfsgrenzen verwiesen hat. Es ist unglaublich, daß wir im Juli 500 000 Tonnen und im August 1500 000 Tonnen eng­lischer Kohle einführen mußten. Indem sich die Berg­arbeiter solange weigerten, das Überschichtenabkommen zu erfüllen, schadeten sie sich und ihren Klassengenossen aufs schwerste am eigenen Leibe. Die Kommunisten werden mitschuldig an der Preissteigerung, wenn sie immer wieder dis Durchführung des Überschichien- abkommens hindern und damit Deutschland zum Be­zug englischer Kohle zwingen. Unsere Erzeugung muß aus allen Gebieten gesteigert werden. Insbesondere aber für Kohle und Brot. Darum muß vor allem auch die Intensivierung der Landwirtschaft gefordert werden, insbesondere durch eine unverzügliche, wirklich großzügige Ausschließung der Moor- und Ötzländereien, um neues Kulturland zu gewinnen. Neben diesen großen Aufgaben dürfen natürlich die kleinen nicht vergessen werden. Rentner, Kinderreiche. Qualitäts­arbeiter und Familienväter bedürfen besonderer Be­rücksichtigung. Nur wenn wieder ein E e m e i n s i n n im deutschen Volke erwacht, vermögen wir uns vor dem drohenden Abgrund zu retten?

Die Diskontierung der deutschen Schahwechsel.

W. T.-B. Baris. 29. Sevt. Der Brüsseler Korrespondent des ..Temvs" meldet, es verlaute daß die belgische Regierung die aui die Diskontierung der Sechsmonatswechsel Deutsch­lands bezüglichen Maßnahmen zu einem befriedigen­den Abschluß zesübrt haben. Die am 15. August und 15. September fällig gewordenen 109 Millionen Goldmark, die in »ebn Wechsel eingeteilt sind konnten in verschiedenen englischen, amerikanischen und schweizerischen Privat­banken diskontiert werden. Die Namen dieser In­stitute und der Diskontsatz sind noch nicht bekannt.

Keine Demission Bradburqs.

I>. Pons. 30. Sevt. (Em. Drabtbericht.) Dis aus flvnzösssckwn Blättirn stammende Meldung, nach welcher der englische Delegierte bei der Wicdcrgutmachungskommüiioa. £'t John Bradbury demissioniert habe oder demissio­nieren w«rde. icirt von der Londoner Regierung offiziell und energisch dementiert.

Eine weitere Erhöhung der Gütertarife am 1. November

Br. Berlin. 30. Sevt. (Eig. Drabtbericht.) Der preußische Landtagsab^eordnrte Riedel. Generalsekretär des Allge­meinen Eisenbahneroerbandes, teilte in seiner Rede in der gestrigen Sitzung des preußischen Landtages mit. daß für den 1. November eine weitere Erhöhung der Gütertarife um 100Prozentin Aussscht genommen ist.

Die Berfassungzebende Kirchenversammlung beendet.

Br. Berlin. 30. Sevt. (Eig Drahtbericht.) Gestern abend fand die letzte Sitzung der oersassungsgebenden Kirchenver- sammlun» statt. Die Verfassung wurde mP 126 gegen 77 Stimmen angenommen. Das Wahlgesetz wurde am 3. September und die westfälische Kirchenverordnung in der ersten, zweiten und dritten Lesung angenommen.

Die 27. Hauptversammlung des Bundes deutscher Bodenreformer.

W. T.-B. Knrlsruhe. 29. Sevt. Die 27. Hauptversamm­lung des Bundes deutscher Bodenreformer wurde von Dr. Damaschke beute vormittag 9X- Uhr im kleinen Fest­ballensaal eröffnet. Über 600 Personen aus allen Teilen Deutschlands haben sich eingesunden. Staatspräsident Dr. Hummel begrüßte die Versammlung namens des Landes Baden und der Staatsregierung. Das Reichsarbeitsministe­rium. das Reichswirtschattsministcrium und die großen Re­ligionsgemeinschaften. Einzelländer. der Deutsche Gewerk­schaftsbund. die.freien Gewerkschaften, das Heimstattcnamt in deutschen Beamten, der Landesarbeiterverband Nieder- und Oberschlefirn. die Stadr Danzig Deutsch-Österreich, wissenschaftliche und landwirtschaftliche Institute baden Ver­treter entsandt. Nach den Begrüßungen sprach der Vorsitzende Dr. Damaschke über Boden refo rm-Arbelt und -Hoffnungen. Ts gelte, alle arbeitenden Stande Knpf- und Handarbeiter, zusammenzuschließen, damit sie gemeinsam eine gesunde Verteilung des Bodens fordern. Der Bund deutscher Bodenreform er verlangt Steuer nach dem gemeinen Wert, die gestaffelt werden müsse nach der Güte des Bodens und der wirtschaftlichen Lage. Um der Überfremdung des deutschen Bodens zu entgeben. brauchen wir ein Bodensoerrgrietz. Die Bodenreform sei eine Krage der Ge­sundung Deutschlands.,

Nr. 458. 70. Jahrgang.

Die Kriegsgefahr im nahen Oftrsk.

W. T.-B. London. 30. Sevt. (Drabtbericht.) Die ..Times" schreibt: Sollte England der Krieg aufge-

zwungen werden, io werde das Land ibn mit äußerster Abneigung und nur in der Hoffnung, dadurch ein nock größeres Übel zu vermeiden, führen. Das Mißtrauen gegen die Regierung, deren Politik zu einem so großen Dilemma geführt habe, könnte die nationale und dir Reichsaktion hemmen. Es fei fraglich, ob den Leuten, die das Friedensvroblem im naben Ollen und in Europa so schlecht angefaßt hätten, die Führung der nationalen Ange­legenheiten weiter anvertraut weichen könne. Das Blatt ichließt seine Ausführungen. Sollte der Krieg kommen, so werde die Nation zweifellos die Regierung unter­st» tz e u. insbesondere wenn sie eine Negierung habe, die des Vertrauens würdig sei. aber das Land müsse klarer als bis­her den Grund uns die Notwendigkeit für neue Ovier er­kennen. Die Minister müßten einzeln und gemeinsam jede Anstrengung unternehmen, um womöglich die Feind­seligkeiten zu vermeiden.

Die Türken bleiben in der nentralen Zone.

W. T.-B. London. 30. Sevt. (Drabtbericht.) Reuter er­fährt von gut unterrichteter Seite, daß Kemal-P-A.ö« dem französischen Oberkvmmissar in Konstautinovel. General Pellet, der vor kurzem in einer Mission in Smyrna war. mltaeteilt habe, daß er nicht die Absicht habe, die türkischen Streitkräfte »on der neutralen Zone r«- rückzuziehen. Die letzten in London eingetroffenen Be­richte besagen, daß seine Streitkräfte beträchtlich zugenom-nsn haben, sic werden heute auf mindestens 4LSS Mann geschätzt.

W. T.-B. London. 30. Sevt. (Drabtbericht.) ..Daily Mail" meldet aus K o n st a n t i n o v e I von gestern nack- mittaa 6.10 Ubr. daß Kemal -Pascha in seiner Antwort auf das Ersuchen des Generals Harrington. die nationu- lillischen Truvven aus der nentralen Zone zurückzuziehen, erklärte wenn Harrington bereit sein würde, seine Streit­kräfte nach dem Vorbild der Franzosen und Italiener von de: asiatischen Küste »urückzuziehen. so sei er bereit, seinen Streit- krüften an der Küste der Meereugen zu befehlen, daß Fte etwas zurückgehen und fick mit der Wiederker st ellung der Zivilverwaltung und der Polizei begnügen sollten. Kemal-Pahcha erklärte obgleich er nach Anaora zurückgebe, um in Fühlung mit der Nationalversammlung zu tieten. werde er die erste Gelegenheit ergreifen, um eine Zu­sammenkunft mit General Harrington zu haben. Dem Be­richterstatter zufolge wird die Antwort Kemal- Paschas in Konstantinopel nicht iebr versöhnlich angesehen.

W. T.-B. London. 30. Sevt. (Drabtbericht.) Der Ober­befehlshaber des griechischen Heeres in Thrazien meldet, daß die Türken in den Strandbezirken ange­kommen sind und daß sie S a l a d a n besetzt bab-n. Sie wurden daraus vertrieben und ließen einen Offizier und 25 Soldaten tot zurück.

Englische Grotzkampfschiffe vor Konstantinopel.

W. T.-B. London. 30. Sevt. < Drahtbericht.) Reuter berichtet, daß das Schlachtschiff ..König Georg" beute aus Malta nach Konstantin» vel abiabren wird. Ein anderes Schlachtschiff wird in wenigen Tagen folgen. Die Zabl der englischen Großkampfschiffe wird dann neun betragen.

Riesige englische Ansgaben für den Orient.

W. T.-B. London. 30. Sevt. (Drabtbericht.) . West- mintter Gazette" berichtet, daß in der City bereits beträcht­liche Besorgnis über die wesen der Schwierigkeiten im Orient ausaegebenen Summen herrscht. Gerüchtweise verlautet, daß die bisher unternommenen Schritte eine Ausgabe von etwa 20 Millionen Pfund verursacht haben. Sollten die Feindseligkeiten ausbrechen, so würden die Kosten riesenhafte werden, selbst wenn die Schwierigkeiten bald überwunden sein sollten.

W. T.-B. London. 30. Sevt. (Drahtbericht.) Mehrere englische Unterhausmitglieder haben eine Erklärung ver­öffentlicht. worin sie die dringende Notwendigkeit einer so­fortigen Einberufung des Parlaments be­tonen. da große Summen öffentlicher Gelder von der Regie­rung ohne Ermächtigung des Parlaments ausgegeben worden seien.

Festnahme ehemaliger griechischer Minister.

W. T.-B. Paris. 29. Sevt. Nach einer Savasmeldung aus Athen sind die Minister des ehemaligen Kabinetts Gunaris. Stratos. Protop.rvadakis. Gudas und Tbeotokis feftgenommen worden. Die öffentliche Meinung macke st« für die Vorgänge in Kleinasten verantwortlich und ver­lang« ihre Aburteilung. Eine Militärkommission unter Lei­tung der Obersten Placitirrs und Gonatos habe vorläufig die Regierunssgewalt übernommen. Sie habe mit den venizelistsschen Führern Fühlung genommen, ohne daß cs ge­lungen wäre, stch mit ihnen über die Bildung eines neue» Kabinetts zu verständigen.

Der 11. deutsche pazifistische Kongress.

Br. Berlin, 30. Sevt. (Crß. Drahtbericht.) Am 1. 10. wird unter Lertuna des deutschen Friedenskartells in * 1 Ätsche pazifistische Kongreß mit dem

Motte: ..National und International" eröffnet.

Die 4. internationale Arbeitskonferenz.

IV. T B. Genf. 30. Sept. Die 4. internationale Arüerls- konfeienz tritt am 18. Oktober in Genf zusammen. Aut der Tagesordnung stehen u. a. Auswanderunasiraaen. Reform des Berwaltungsrates des Internationalen Ar- bkltsrates. Revision des auf die Ärbeitsorsanrlaticn be­züglichen Alsschnstts 13 des Friedensvertraaes im Hmbl'ck auf ore stärkere Lertretuua außereuroväischer Staaten im Berualtungsrot und der .gepeirwartioe Stand der Ratz- nkatrcn der verschiedenen Abkommen durch die Parlamente, darunter vor allem das Abkommen über den Achtstunden­tag. Außerdem werde die Arbeitslosenfrage, dcke das Internationale Arbeitsamt bei der Arbettskvniereuz van 1921 und der Geuseser Käufer««, eingehend besprach, im Lause der Debatte eine bojyüdere Rolle ivietaa.