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Freitags 29. September 1922.
Donnergrollen im Südosten.
Die Abdankung König Konstantins von Griechenland infolge einer Militärrevolution bestätigt sich. Vor noch nicht zwei Jahren hatte ihn das griechische Volk der Entente zum Trotz zurückgeholt, nachdem Venizelos vorher in den Wahlen völlig unterlegen war. Schon vor vierzehn Tagen wurde eine ähnliche Nachricht verbreitet, die sich aber nicht bewahrheitete. Diesmal teilt der König selbst die Abdankung in einem Aufruf an sein Volk mit. Es verlautet bisher nichts davon, datz der Umsturz venizelistischen Ursprunges sei. Vielmehr heißt es, daß königlich und venizelistrsch gesinnte Offiziere an der Spitze der Bewegung stehen, daß diese auf der Flotte in Chios und Mytilene ihren Ursprung genommen habe und einen rein patriotischen Charakter trage. Damit stimmt überein, datz man in Paris, wo König Konstantin als „Schwager Wilhelms II." gehaßt wird, zwar über den Sturz des Königs sehr erfreut ist, der Bewegung selbst aber mit großer Sorge gegenübersteht. Man erwartet eben von ihr keineswegs eine rasche Unterwerfung unter die Befehle der Entente, sondern im Gegenteil ' die Organisierung des nationalen Widerstandes gegen die Herausgabe Thraziens an die Türkei. Tatsächlich ist auch der in Paris vereinbarte Beschluß der Entente, den Türken Thrazien bis zur Maritza mit Einschluß Adrianopeis auszuliefern, eine wesentliche Ursache der neuen Bewegung gewesen.
Der Krieg ist auch an Griechenland nicht ohne Spuren vorübergegangen. Wie anderswo die Kriegsteilnehmer besondere Verbände gebildet haben, die, wie in Italien der „Fascio", in der Tschechoslowakei die „Legionäre" ein politischer Faktor geworden sind, so haben sich in Griechenland die „Epistraten", d. i. die früheren Heeresangehörigen, zu Verbänden zu- swmmengeschloffen und organisieren das Volk unter militärisch - nationalistischen Gesichtspunkten. Sie stellen nationale Forderungen auf und verlangen Einfluß auf die Regierung des Landes. Ihre Leitung haben sie wie in anderen Ländern in den Offizieren des Heeres. So kommt es, daß diese Epistraten- bewegung, die in erster Reihe einen nationalen Charakter hat — es sind die „erwachenden Hellenen" — sehr rasch eine große Bedeutung erlangt hat. Aber der Umsturz bedeutet in diesem Falle nicht, daß nun Venizelos wieder an die Macht kommt. Im Gegenteil, seine Rolle ist ausgespielt, und er müßte schon, um wieder Einfluß zu gewinnen, einen seiner gemäßigten Freunde vorschicken. Das Volk sucht einen Sündenbock. Das sind die alten Minister gewesen, oie in der Tat große Fehler gemacht haben, und das ist — Volksgunst ist vergänglich — der König, der vor allem den einen großen Fehler gemacht hat, daß er den kleinasiatischen Feldzug gegen die Angoratürken, den ja nicht er, sondern noch Venizelos begonnen hatte, nicht sofort abgebaut, sondern mit Einsetzung großer Mittel an Geld und Menschen fortgesetzt hat. Daß ein solcher Ausgang kommen würde, war sehr wahrscheinlich und die Gefahr für den König war sehr groß. Er baute auf seine Beliebtheit beim Volk, die in der Tat ungewöhnlich war, und auf sein Feldherrnglück. DieEriechen sahen ihn im Geist auch schon als neuen Kaiser Konstantin XIV. in Konstantinopel einziehen. Aber nachdem sein Kriegsglück zerronnen ist, zerflattert auch seine Volkstümlichkeit, und die Armee, deren Offiziere zu 90 v. H. königlich gesinnt sind, läßt ihn fallen, um dem Land Thrazien zu retten, nachdem Smyrna verloren gegangen ist.
Man' rechnet dabei wahrscheinlich darauf, daß Frankreich nach der Abdankung Konstantins keinen Grund mehr habe, gegen Griechenland aufzutreten. Das könnte allerdings eine Fehlrechnung fein, denn Frankreich hat sich den Angora-Türken gegenüber zu weit festgelegt. Immerhin besteht die Möglichkeit, daß Frankreich einer griechischen Regierung, die keinen so ausgesprochenen Charakter hätte, wie gerade König Konstantin, aus Politik ein etwas milderes Gesicht zeigte. Rur kann es ebenso wenig wie seine Verbündeten England und Italien heute widerrufen, was diese drei Mächte vor fünf Tagen erst beschlossen haben. Sie haben der Türkei Thrazien bis zur Maritza zugesprochen. Vor zwei Jahren haben sie dasselbe Land den Griechen gegeben und Venizelos hat Thrazien rasch in aller Form annektiert. Es sind dort sogar schon Abgeordnete zur griechischen Nationalversammlung gewählt worden. Griechenland hat in der Zwischenzeit als Beauftragter der Entente große Opfer gebracht, um die kemalistische Türkei zur Annahme des Friedens von Säares zu zwingen. Frankreich stand freilich seit der Vertreibung Venizelos' nicht mehr hinter diesem Unternehmen, sondern half durch Waffen und Geld den Türken, es zum Scheitern zu bringen. Jetzt, nachdem Griechenland bei diesem
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unmöglichen Unternehmen unterlegen ist, wirft es die Entente, auch England, beiseite.
Aber die Politik der Alliierten wird schwerlich so glatt durchzusetzen sein. K e m a l - P a s ch a, den man zu einer Friedenskonferenz einladet und dem man Thrazien und Konstantinopel in Aussicht stellt, will zu einer solchen Konferenz nur kommen, wenn man ihm sofort Thrazien übergibt und Konstantinopel räumt. Der Kamm ist ihm geschwollen, und er hält sich für stark genug, Konstantinopel und Thrazien allein mit den Waffen zu nehmen. Die Entente kann ihm das nicht gestatten und auch wenn sie es tut, wird Griechenland, das 250 000 Mann seiner besten Truppen dort hat, nicht ohne Kampf herausgehen. Darauf eben ist der Sinn der nationalen Revolution gerichtet. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es einen neuen griechisch-türkischen Krieg geben. Kommt es aber dazu, so wird es schwer sein, ihn zu „lokalisieren". Gegen eine im Balkan wieder auftretende Türkei sind auch die übrigen Balkanstaaten eingenommen. Brennt einmal der Balkan, so wird auch Ungarn lebendig, und gegen Ungarn erhebt sich die Tschechoslowakei. Die Gefahr, daß das Feuer nach Mitteleuropa feine Funken herüberwirst, ist sehr groß, und da auch in Albanien gefährliche Brände schwelen und an sich eine starke Rivalität zwischen Südflawien und Italien besteht, wird auch dieses Land berührt. Sowjetrußland hat eben erst seine Forderungen an die Meerengen angemeldet. Der Himmel verdüstert sich schnell und die Gefahr, daß ein neues Kriegsgewitter aus dem entsetzlichen südöstlichen Wetterwinkel heraufzieht, ist riesengroß.
Deutschland ist an all diesen Fragen nicht unmittelbar beteiligt, und es gibt für uns nur eine Politik, ruhig abzuwarten. Die Arbeit, die wir im lebten Kriege geleistet haben und in der kein anderes Volk uns gleichkommt, ist nicht ganz vergeblich gewesen, wenn wir klug sind. Die Weltgeschichte wird für uns arbeiten, wenn wir uns nicht in Abenteuer stürzen!
König Konstantin gefangen genommen?
W. T.-B. Paris. 29. Sevt. Nach einer Havasmeldung aus 'Eens habe die griechische Delegation, an deren Spitze der ehemalige Minister Streit sich befindet. die telegraphische Mitteilung erbalten. König Konstantin sei am 28. September, nachmittags, von den revolutionären Truppen gefangen genommen und einer seiner Minister getötet worden. -
Eine Botschaft an das Griechenvolk.
W. T.-B. Atben. 28. Sept. Die kurz gemeldete Botschaft des Königs Konstantin an das Griechenvolk lautet:
Entsprechend dem feierlich kundgeaebenen Wunsche der bellenischen Nation kebrte ich am 8. Dezember 1920 nach Griechenland zurück und übernahm wieder mein königliches Amt. Ich erklärte damals und beschwor, datz ich die Bestimmungen der Verfassung einbalten würde. Diese Erklärung entsprach ebenso meinem innigsten Wunsche wie demjenigen des Erieckenvolkes und den internationalen Interessen unseres Vaterlandes. In den von der Verfastun« gezesenen Grenzen tat ich alles, was mir als Mensch für die Verteidigung der Interessen der Nation möglich war. Heute brachten betrübende'Ereig- Nisse unser Land in eine kritische Lage. Aber Griechenland wird ebenso wie in so viel anderen Fällen in seiner jahrhundertelangen Geschichte auch diese Hindernisse überwinden und auf seinem ruhmreichen und glänzenden Wege fortschreiten, vorausgesetzt, datz es der Gefahr in voller Einigkeit begegnet und von feinen mächtigen Freunden unterstützt wird. Da ich nickt will, datz irgend etwas durch mein Verbleiben auf dem Throne der Einigkeit im Wege stebe. verzichte ich auf die königliche Gewalt. Mein ältester Sohn Georg ist von diesem Augenblick ab Eider König. Ich bin gewiß, datz sich die gesamte Nation um ihn scharen und ihn mit allen Kräften und um den Breis aller Ovser in seiner schwierigen Ausgabe unterstützen wird. Ich selbst bin glücklich datz sich mir eine neue Gelegenheit bietet, mich abermals für unser Griechenland aufzuovfern. Noch glücklicher werde ich sein, wenn ich sehen werde, datz mein Volk, das ich so liebe, in vollkommener Einmütigkeit zu seinem neuen König siebt und das Vaterland zu neuem Ruhme und zu neuer Grütze führt. Jedes Ovfer ist gering. Ick bin bereit, an der Svitze der Armee für die Interessen des Landes zu kämpfen, wenn die Regierung und das Volk Griechenlands glauben, datz dieser Dienst meinem Vaterlande nützen könnte.
Die Frage der Thronfolge.
W. T.-B. Paris, 28. Sept. Nach der Meldung einer Nachrickten-Agentur aus Athen, di« der „Matin" wiedec- gibt. mcitz man noch nickt, ob der Kronprinz die Thronfolge an Stelle seines Vaters annehmen oder ob nichl etwa die Thronfolge auf Prinz Christoph übergevsn wird. Es sei jedoch wahrscheinlich, datz der Kronprinz sich bewegen lassen werde, den Thron zu besteigen.
Straßenkämpfe in Athen?
D. Paris. 29. Sept. (Eig. Drabtbericht.) Die Erhebung m Atben soll zu b l u t i g e n S t r a tz e n k a m v f e n geführt haben. Die Bevölkerung verlangt stürmisch, datz Konstantin die Ausreise verweigert und er vor ein Kriegsgericht gestellt wird, um kick für seine Politik, die so viel Unheil über Griechenland gebracht babe. ru verantworten.
Der Ernst der La^e.
W. T.-B. London. 29. Sept. Die gesamte Morgenvreste weist auf den großen Ernst der Lage im naben Osten bin. Die „Times" schreibt, die vier bis., fünf Mimster- konferenzen. die unter Teilnahme der militärischen Berater der Regierung innerhalb der letzten 48 Stunden staitsesun- den hatten, seien ein genügender Beweis für me Schwierigkeiten der Lage im naben. Osten .Acke äiitzeien Anzeichen deuten darauf bin. datz dre Lase, wie ne die Regierung sehe, viel schärfer sei. als das grotze Publikum denke. _ • . „ ,
..Dailv News" meldet, datz die Minister gestern io gut wie den ganzen Tag mit Konferenzen iin Downmg- street verbracht Hütten. Die Lage im nahen Osten werde als bedrohlich angesehen. ^ ^
General Maurice drahtet der „Daily News, aus Kon- stantincvel. die Lase im T! ck a n ak - Gehre t werde ständig verwickelter. Immer mehr türkische Truvv.en überschritten die Grenze und ständen jetzt überall >.n Fühlung mit den britischen Truppen, in einem Halbkreis mit einem Ratnus von 10 Meilen, dessen Mittelpunkt Tichanak bilde. Es könne jetzi kein Zweifel mehr darüber bestehen, datz diese Truppen auf Befehl von Smyrna handelten. „ . . , t
Reuter erfährt, datz nach einer durch den natiormlist'.- sben Vertreter in Konstantinopel empfangenen -onior- mation Mustavba Kemal-Paicha sich auf dem Wege nach A n g o r a befindet, um dre alliierte Rote persönlich der Nationalversammlung zu unterbreiten Unter diesen Umständen sei es unwahrscheinlich, datz irgend eine Antwort vor nächster Woche ein- tr-sfe. Inzwischen sei in London keinerlei Bestätigung der Meldung über türkische Angriffe auk britische Truppen ein- gegongen. Admiral Brock ist ersucht worden, mit den natienal'stischen Vertretern in Fühlung zu treten und. wenn möglich, über die Verlängerung der am 30. September ab- laufeuden Frist kür den Abtransport von Flüchtlinsen aus Smyrna. deren Zahl Taufende betrage. Vereinbarungen zu treffen. Es sec w'cht wahrscheinlich, datz die britische Regierung bereits jetzt auf die Note der Sowietregierung über den naben £ stcu antworten werde. Sie werde während der nächst>u Tage die Ereignisse abwarten und auf reden Fall mit den Franzosen beraten, bevor sie eine Antwort entwerfe.
Zwischen Legende und Wirklichkeit.
W T.-B. Paris. 29. Sept. Der „Petit Paristen" schreibt über die Lage, die Nachrichten aus London zeigten, datz man dort stark über die Haltung der Kemalisten gegenüber den britischen Truppen, die die neutrale Zone auf dem asta- iischen Ufer des Marmarameer-s besetzt halten, erregt sei. Die Tatsache datz die türkischen Truppen aufs neue in der Gegend von Zsmid die Grenzen dieser Zone überschritten hätten, werde als ein sch lech t e s Anzeichen betrachtet. Der Briefwechsel zwischen Mustapha Kemal und General Sarrrngton scheine jedoch anzudeuten, datz das türkische Oberkommando wohl einen Konflikt vermeiden werde. Was aus Athen berichtet werde müsse nach dem Blatte gesichtet werden, um zwischen Legende und Wirklichkeit zu unterscheiden. Nutzer der Abdankung des Königs sei einzig sickere Tatsache, datz die militärische A ui st an d s be - w e s u n g von dem ebenialigen Generalstabschef der griechischen Armee in Asten zurzeit als Venizelos an der Macht war nämlich von General V a n g a I o s. geleitet werde. Er lei bekannt wegen seiner antidynastischen Ee- stnnnungen. Es sei nicht unmöglich, datz. nachdem er die Abdankung des Königs Konstantin erlangt habe, die Revolutionäre bis zu einer konstitutionellen Umgestaltung geben würden. Das Blatt glaubt iedoch. datz die Venizelisten den Prinzen Georg als Monarchen annehmen würden.
Das Gleichgewicht auf dem Balkan.
v. Rom. 29. Sept. (Eig. Drabtbericht.) In diplomatischen Kreisen wird, die neue Phase der Orientsrage als reckt unerauicklick bezeichnet, da die Sonderinteressen Englands und Frankreichs einem Ausgleich zustreben. Italien verharrt auf dem Standpunkte, datz die Grenze zwischen der Türkei und Griechenland an ver Maritza festg«- Xest und Adrianovel den Türken zurückgegeben werden müsse. In der Anerkennung der berechtigten Ansprüche der Türkei hinsichtlich Konstantinovels sind die Mächte einig. tfüi die Kontrolle des Völkerbundes in den Meerengen und aus dem Marmarameer wird Italien Matzregeln vorseben.. die die volle Autorität des Völkerbundes verbürgen.
Französischer Ministerrat.
v Baris. 29. Sevt. (Eis. Drahtbericht.) Der Ministerrat 'der gestern in Rambouillet unter dem Vorsitz Millerands taste, hat stck hauptsächlich mit den griechischen Ereignissen beschäftigt. Das amtliche KommuniauS belast' Der Ministerrat hat beschlosten, datz die Ereigmste in Griechenland die Beschlüsse nicht ändern könnten, die Frankreich gemeinsam mit den Verbündeten gefaßt bat und die in den an Mustapha Kemal-Bascha übermittelten Vorschlägen enthalten find.'
Konstantinopel soll von den Engländern geräumt werden.
v. London. 29. Sevt. lEig. Drahtbettckt.) Lloyd George hat gestern nachmittag zusammen mit dem Ministerrat die Berichte, die aus Konstantinopel vorliegen, an Hand von Kartell geprüft, speziell die Nachrichten von der neuerlichen Zusammenziebung türkischer Truppen in der Nabe von Konstantinopel. Gleichzeitig wurde die Frage aufgeworfen. ob Konstantinopel gehalten werden könne, wenn Kemal-Pascha es angreife. Man war allgemein der Meinung, datz dies nickt möglich fein wird. Die britischen Truppen und die der Alliierten würden also gezwungen sein, die Stadt ru räumen und sich nur auf Gallivoli und Tsckanak ru stützen, um von dort aus die Freiheit der Meer, engen zu verteidigen.
Abdankung des Sultans.
W. T.-B. Paris. 29. Sevt. Nach Berichten au? Kon? stantinovel versickert man. obzwar die Nachricht noch nickt s e st st e b t. in gut unterrichteten Kreisen, datz der Sultan zugunsten des Thronfolgers Abd ul Medickid absedankt babe.
