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Donnerstag, 28. SsptemSer 1922.

Abend-Ausgabe.

Nr. 453. 70. Jahrgang.

Wankende Throne.

Sogleich noch der griechischen Niederlage in Klein­asien hatte man allgemein mit der Abdankung des Königs Konstantin gerechnet, aber eine Zeitlang hielt noch die Hoffnung auf eine tatkräftige Intervention Englands den schwankenden Thron des Königs auf­recht. Jetzt hat sich endgültig herairsgestellt, datz Eng­land Griechenland mit derselben Kaltblütigkeit fallen läßt, mit der es noch jeden Freund und Bundes­genossen im Stiche ließ, und datz es ihm nicht um Griechenland, sondern lÄiglich um den Schutz der Meerengen zu tun ist. Adrianopel, ganz Ostthrazien ist für Griechenland verloren, und angesichts dieses neuen und schweren Schlages ist es kein Wunder, datz sich die ganze griechische Nation in tiefgehender Er­regung befindet. Das Heer zeigt Spuren ernster revolutionärer Zersetzung. Es sind die üblichen Zeichen eines militärischen Zusammenbruchs, dem der politische auf dem Futze folgt. König Konstantin hat aus dieser Lage die Konsequenzen ziehen und zu­gunsten des Thronfolgers abdanken müssen. Es dürfe sich hier aber um eine ähnliche Abdankung handeln wie beim Zaren, der auch zugunsten eines anderen Mitgliedes des Herrscherhauses abdankte und auf dessen Herrschaft dann doch die Republik folgte. Schwere und vernichtende Niederlagen, wie sie das griechifcheKönigs- tum erlebt hat, verträgt eben heute die Monarchie nicht mehr und man wird auch in Griechenland wohl mit einer Republik unter der Herrschaft von Veni- zelos zu rechnen haben. Die Anhänger von Venizelos betreiben die Rückkehr ihres Götzen jetzt mit Hochdruck, aber der Kreter lätzt sich lange bitten.

Etwas weniger einleuchtend ist der Rücktritt des türkischen Sultans. Er wird nur erklär­lich, wenn man in Betracht zieht, datz die Regierung von Konstantinopel geneigt gewesen ist, den Vertrag von Stores zu unterzeichnen, während Kemal-Pascha mit seiner Ablehnungspolitik Erfolg gehabt hat. Der Sultan stand mehr auf der Seite des Konstantinopeler Ministeriums, obwohl man gerechterweise zugestehen mutz, daß er nicht in der angenehmen Lage war, fern vom Schutz zu sein, wie die Minister in Angora. Aber er hat eben aufs falsche Pferd gesetzt und so wird er dem Thronfolger Abdul Medschid Platz machen müssen, der wahrscheinlich die Vereinigung der beiden Regierungen dann in der Form vornimmt, datz er Kemal-Pascha zum Erotzwesir macht!

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König Konstantin von Griechenland aus dem Hause ScbEswig-H olstein - Sonderburg-Elücksburg ist geboren zu Alben am 21. Juli 1868 als Sobn des Königs Georg 1. (geb. 1845 zu Kovenbagen). Er folgte seinem Vater, der zu Salcniki am 18. März 1913 ermordet wurde, auf dem Tbrcne. Auf das Ultimatum vom 11. Juni 1917 bin ver­lieb er bekanntlich am 14. Juni Griechenland, wo ibm sein zweiter Scbn Alerander in der Regierung folgte, nach dessen Tode er zufolge des Volksbeschlusses vom 5. Dezember 1929 wieder zurückkebrte und die Regierung übernahm. Kon­stantin ist vermäblt mit der Schwester Kaiser Wilhelms II.. Sopbie Dcrotbea. geb. am 14. Juni 1870 zu Potsdam, die 1891 zum gnechisch-ortbodoren Glauben ihres Mannes übertrat. Kcnstantin bat sechs Kinder.

Die Folgen der Abdankung König Konstantins.

D. Paris, 28. Sept. (Eig. Drahtbericht.) Die Nachrichten von der Abdankung Konstantins werden in hiesigen politischen Kreisen für zutreffend ge­halten, obgleich eine amtliche Bestätigung noch nicht vorliegt. Uber die voraussichtlichen Folgen der Abdankung äußert man sich einstweilen sehr zu­rückhaltend. Man interessiert sich in Paris vor allem für die Frage, welche Rolle England ge­spielt habe und scheint den Verdacht zu haben, datz England die Abdankung Konstantins durchgesetzt habe, um eine Regelung der Orientfrage nach den englischen Wünschen zu erleichtern. Deshalb wird in französischen politischen Kreisen nachdrücklichst betont, datz sich Frankreich durch den Umschwung in Griechenland keinesfalls von seiner bisherigen Orientpolitik ab­bringen lasse. Für Paris seien die Enthüllungen, die E u n a r i s dieser Tage in der Athener Zeitung Kathomarini" veröffentlicht hat, keine Überraschung. Die Nachricht bestätigt, datz die griechische Regierung vor einigen Monaten England mitgeteilt habe, datz sie nickt in der Lage fei, den Krieg gegen die Türken fortzusetzen und deshalb die Zurückziehung ihrer Truppen aus Kleinasien beschlossen habe. Die englische Regierung bat das Athener Kabinett daraufhin tele­graphisch ersticht, keine überstürzten Matznahmen zu treffen, sondern weitere Mitteilungen abzuwarten. In einer zweiten Depesche, die von Lord V a l f o n r unterzeichnet war, hat das Londoner Kabinett Grie­chenland aufgefordert, den Krieg fortzusetzen.

D. Paris, 28. Sept. (Eig. Drahtbericht.) Eine Havas-Meldung aus Athen bezeichnet als Ursache des Rücktritts des Königs Kvifftantin. eine Be­

wegung in der Armee und Flotte sowie die Forderung, durch eine Entfernung seiner Person ein besseres Verhältnis zur Entente herzustellen

Flucht Konstantins nach Amerika?

D. Paris, 28. Sept. (Eig. Drahtbericht.) Über das Schicksal des Königs Konstantin sind verschiedene Meinungen im Umlauf. Es wird behauptet, datz Konstantin, nachdem ihm die Schweiz die E i ir­re i s e verboten hat, sich wahrscheinlich nach Amerika begeben werde.

Demission der griechischen Regierung.

W. T.-P. sit&en. .28. Sevt. (Drabtbericht.) Griechische . tn 31enle ; terici von .Kriegsschiffen aus Mvtilenc und E h i o s sind im Laufe des gestrigen Nachmittags in Lc-uriont und an anderen Stellen der Küste in der Nabe v c n A t l, e n gelandet. Das Panzerschiff ..Lemnos" rat funkcutelegraphisch ein Ultimatum an die Reaie- iuns gcschnkt. worin gefordert wird, datz vor der Abdankung oie Bedingungen und das Programm des Obersten Gona- tv.s angenommen werden. Um 9 Uhr abends trat ein Mrmsterrat unter dem. Vorsitz des Königs zusammen, an dem General Kavulos teilnabm. Nach Schluß der Sitzung erklärte Ministerpräsident Triandavbylalos. eab me Regierung zurücktrete. General Kavulos wurde beauftrc-gt mit den Aufständischen zu unterhandeln.

.,, w T.; 3 - Athen. 28. Sevt. (Drahtbericht.) Gestern mittag ist General Kavulos. der sich zu den Aufständi­schen ccgtben hatte, mit den Bedingungen zurrickgekebrt: sie wurden angenommen. Sie fordern die Abdankung des Kenias und die Bildung einer neuen Regie- r U i 1 ^? n , n . ^'^d den Posten des Ministerpräsidenten wahrscheinl.ch dem General a. D. Rider anbieten. Dir Roponsien leisten der Bewegung anscheinend keinerlei Wideistand.

Die Ausstandsbcwezung in Griechenland.

W. T.-B. Paris, 28. Sept. Noch einer Havas-Mel­dung aus Athen wird die militärische Aufstands- bewegung von royalistischen und venizelistischeu Offi­zieren geleitet. Prinz Paul sei Gefangener an Bord des SchulschiffesElli".

Rach einer Meldung einer Nachrichten-Agentur aus Athen, die derMatin" wiedergibt, weiß man noch nicht, ob der Kronprinz die Thronfolge an Stelle seinesBeters annehmen oder ob nicht etwa die Thron­folge auf Prinz Christoph übergehen wird. Es sei je­doch wahrscheinlich, datz der Kronprinz sich bewegen lasse, den Thron zu besteigen.

Eine Proklamation Mustapha Kemals.

D. Paris, 28. Sept. (Eig. Drcchtbericht.) Mustaqcha Kemal hat im Hinblick auf die nach den letzten Mel­dungen bedingungslos erfolgte Abdankung König Konstantins folgende Proklamation an das türkische Volk erlassen:

Wenn der König der Griechen sich nicht unter unseren Gefangenen befindet, ist es nur deshalb, weil sein Charakter derart ist, datz er am Glücke seines Volkes teilnimmt, nicht aber an dessen Unglück »auf den Schlachtfeldern. Der König denkt nur an seinen Palast und seinen Hof. Die Soldaten der griechischen Armee bilden heute nur noch eine führerlose Hammelherde.

Die türkischen Truppen in der neutralen Zone.

W.T-B. Paris. 27. Sevi. Nach einer HavasMeldung aus Konstarttnovel hält eine 2000 Reiter starke kemalistische Abteilung nvch immer Drenköy in der neutralen Zone von Tsckanak besetzt. Vorgestern sei eine weitere Abteilung von 1090 kemalistischen Reitern rn den nörd-' llchen Teil der neutralen Zone eingedrungen und habe Btgba besetzt. Geitern morgen habe der Vertreter von Angora. Hamid-Bei. «ine Unterredung mit General a> r. x r i n ß t o n gehabt, bei der dieser ibm höflich ausein- aNdsagesetzt habe, wie wünschenswert die schleunige Räu­mung der neutralen Zone durch die türkischen Truvven wäre. Sannd-Bei habe erklärt datz er den Wunsch des Generals sofort an das kemalntrsche vauvtauartier über­mitteln weide.

Ein neuer Kabinettsrat in London.

I). London. 28. Cent. (Eis. Drabtbericht.) Lloyd George ist gestern nachmittag nach London zurückgekehrt um einenneuen Kabinertsrat abzubalten. England bat die griechisch; Regierung informiert, datz die Aussicht auf eine friedliche Losung der Dardanellensrase dadurch zweifel- baft kt. datz nach wie vor Kriegsschiffe in den türkischen Ge­wässern sich aufbalten. Wie aus K o n st a n t i n o v e l ge­meldet wird sind 10 Schiffe der englischen Atlantikslotte in Konstantinovel emgetrosfm.

Rußland und das Orieutproblem.

D. Paris, 28. Sept. (Eig. Drahtbericht.) Zu der mutmaßlichen Forderung der Türkei, datz Rußland zur Friedenskonferenz zugezogen werden müsse, erklärt man hier, datz die russische Regierung selber im Laufe des gestrigen Tages in einer Note bei der englischen Regierung die Anwesenheit Rußlands, der Alwine und Georgiens verlangt habe, mit der Be­merkung, datz Rußland, das die türkffche Souveräni­tät über die Meerengen und Konstantinopel aner­kenne, einen Befchlutz, hinsichtlich der Meerengen, der ohne Beffein Rutzlands gefatzt werde, nicht billigen würde.

M MMlkMg der kW!A Rim!.

D. Paris. 28. Sevt. (Eig. Drabtbericht.) Die Nach­richten aus dem Orient erweisen sich bei weitem nicht als günstig für eine Lösung des griechisch-türkischen Konfliktes und eine befriedigende Antwort Kemals auf di« alliierte Note. Die Vorgänge, die gestern abend aus Athen gemeldet wurden, sind nicht geeignet. Kemal zu einer entgegenkommen­deren Haltung zu bewegen. Sie werden vielmehr den Sieges­taumel bei der türkischen Armee noch stärken. Obwohl, die Revolte der griechischen Armee und Flotte, die Abdankung des Königs Konstantin und die Demission der griechischen Regierung offiziell noch nicht bestätigt sind, scheint, über die Richtigkeit dieser Meldung wenig Zweifel. Es wird von ver­schiedenen Seiten berichtet, datz General Eonatos tm Namen der griechischen Landarme« und der griechischen Flotte gestern über Athen durch ein Flugzeug eine Proklama­tion verteilen lietz. in der die Abdankung des Königs/ die Bildung eines neuen Ministeriums, die Auflösung der legis­lativen Versammlung und die sofortige Entsendung von Ver­stärkungen an die tbrarische Armee gefordert wurde. Dies bedeutet also ein Ultimatum sowohl für den König als auch für die griechische Regierung. In Athen herrscht überall Erregung. Die aufständischen Truvven sollen bereits vom Kav Sunium. das in der Luftlinie urigefäbr 50 Kilometer südwestlich Athens liegt, auf die Hauptstadt marschieren. General P a v u l e s soll zum Zwecke von Verhandlungen den Aufständischen entsegengeschickt worden sein. Die Stel­lung Kemals bat auf jeden Fall eine neue Stär­kung erfahren. Er bat noch keine Order zum Rückzug der neuerdings in das neutrale Gebiet vorgedrungenen Kavallerietruvven. allerdings auch noch leine Antwort auf die alliierte Rote erteilt. Der mutmaßliche Inhalt seiner Erwiderung gebt nach den letzten Berichten dabin. datz Kemal

1. die Forderung stellt, datz England alle neuen Truvven- und Militärteansvorte nach dem Orient einftelle.

2. datz England leine Truvven auf das europäische Ufer zurückziehe, ferner die griechischen Truvven Thrazien räumen, und datz Rntzland an der Friedenskonferenz teilnebmen müsse, wenn nicht die türkische Offensive ani 30. September wieder ausgenommen werden soll.

Eine optimistische Auffassung der Lage ist unter diesen Um­ständen nickt gut möglich. Datz die Alliierten den Forderungen der griechischen Armee auf absolute Beibehaltung Thraziens keine Folge geben werden, gebt aus dem Schritte der alliier­ten Oberlommissare beim Kommandanten des griechischen Fo^s Averoff bervor. Von englischer Seite wird versucht, das Verbleiben der türkischen Truvven im neutralen Gebiet dabin zu deuten, datz eine Entscheidung auch in dieser Frage erst in der Antwort aus die alliierte Rote erfolgen werde, weil dieser Punkt von Kemal schon vor Erhalt der alliierten Rote genannt worden sei. Es ist aber unverkennbar, datz man in Lond on über die letzten Nachrichten sehr beun- r u b i g t ist. Das Eintreffen einer Antwort Kemals. die verschiedentlich schon für gestern angesagt wurde, scheint vor der Unterredung Franclin Bouillons wenig wahr­scheinlich. Franclin Bouillon ist gestern abend in Smyrna eingetroffen. Eine Londoner Meldung aus Sinnrna behaup­tet übrigens aus der Umgebung Mustavba Kemals zu wissen, datz dieser vor den Besprechungen Franclin Bouillons keiner­lei Antwort auf die alliierte Einladung erteilen werde.

Kemals Bedingungen.

O. Mailand. 28. Sept. (Eig. Drabtbericht.) Sental- Pascha erklärte in seinem Hauvtauartier in Burnabav. bevor er von der Rote der Alliierten Kenntnis hatte, dem Berichterstatter desEorriere della Sera", er wolle um reden Preis nach Konstantinovel gelangen und habe das unbedingte Vertrauen, datz England feine unver­söhnliche Haliung ändere. Keine europäische Mackt könne die türkische Ration auf dem Wege zum Siege aufhalten. Er glaube, datz die Freiheit der Meerengen unter türkisch«: Herrschaft gesicherter sei als unter der einen oder anderen Nation. Die Türken mützten Konstantinovel und Tbruzicn bis zur Maritzalinie einfchlietzlich Adrianovel erhalten.

v. London, 28. Sevt. (Eig. Drahtbericht.) Wie der Berichterstatter des ..Daily Ehronicle" aus Konstantinovel erfahren haben will, bat Kemal sein« Haltung g e - ändert uiid gedenkt sich zu weigern, unter den in der Rote der Alliierten gestellten Bedingungen die Verhand­lungen zu beginnen. Die Antwort sollte noch am Mittwoch an die Alliierten abgesandt werden. Es wird von einer anderen Seite weiter versichert, datz Kemal folgende Gegenbedingungen aufstellen wird:

1 . Teilnahme Rußlands und Bulgariens an jeder Konferenz, die den Frieden im naben Orient vorbereitet.

2. Kemal-Pascha lehnt es ab. sich von vornherein zur Entmilitarisierung der Dardanellen zu verpflicktenl.

8. Festsetzung des Rechtes der Türken, das Küsten­gebiet der Meerengen und gewisse strategische Punkte in Thrazien zu befettisen.

Die Antwort Kemals besage ferner, datz die Einstellung, der Feindseligkeiten der türkischen Truvven davon abhängig gemocht werden müsse, datz die militärischen Vorbereitungen der Gegner stfort etngeitellt werden.

Der Berichterstatter des ..Daily Ehronicle" meldet ferner, ergliiche Truvven seien nach der Küste unterwegs. Ihr Eintreffen an der ottvmanischen Küste würde höchst­wahrscheinlich den Krieg Hervorrufen.

Deutschlands Eintritt in den Völkerbund.

, Br. Berlin. 28. Sevt (Eig. Drabtbericht.) Aus Genf wnd gemeldet, datz di« Bemühungen. 'Deutschland tzum Eintritt in den Völkerbund zu bewegen, in aller Stille eifrig fortgesetzt werden. Wie das ..Acht-Uhr-Abendblatt" aus Paris bört. mißt man dort der Abreise des Berliner rscheclnschen Gesandten Tusar. der in Genf allgemein als der Mittelsmann zwischen der deutschen Reicksregie-- rung und dem Völkerbund ansesehen werde, große Bedeu­tung bei. Mit allem Vorbehalt sei das Gerückt wieder­gegeben datz Deutschland noch vor dem 1. Oktober lein Aufvahmegesuch beim Genemllekretariat d« Völkerbundes einreicken werde.

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