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Nr. 421. Samstag, 9. SeptmLer 1921

Wiesbadener Tagblatt.

AZend-Ausgabe. Erstes Blatt. Seite 7.

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Gefunden.

Von Siegfried Berberich.

Die dicke Köchin Anna und das schlanke Zimmermädchen Gisse saßen mit überkreuzten Armen und ausgestreckten -oernen vor dem Heizkörper der im Souterrain des ge­räumigen Hauses gelegenen Küche ein wenigzerkriegt miteinander, weil Anna natürlich! nichts dabei fand, dag Elise freilich! die Fenster putzen sollte, während vsese grundsätzlich anderer Meinung war. weil sie naben könne und müsse.

Sie dösten vor sich hin ohne weiter zu denken an dieses Zerkriegtsein, das mit einem .das fette Tramvel'' und einem ..die eingebildete Gans'" in sich bineinempfunden. für ne erledigt war in der stillen Gewißheit, daß andere Lagen ne glatt als fest Verbündete antraien.

Anna dachte an den Wandel der Zeiten und manchen rrorvoral. den man früher kennen lernen konnte und auch U"en gelernt bat. während El'se bedachte daß neue Halb- miuhe. in Form und Farbe Ähnlich denen.,die sich die gnädige »rau angeschafft batte zu ihrem neuen Kleid ihr recht not Mkn und zweifellos Eindruck machen müßten auf den jungen Studenten, den üe übermorgen endlich wieder einmal sähe.

Ein kurzer schriller Klingelt»,, ließ sie beide zusammen- Vbren gemahnte an das Jetzt und Hier und lieb im Nu die Gedankenan vergangene und erhoffte Herrlichkeiten ver­loschen. Anna sah Elise an in dem schönen Gefühl, daß es ?H anderen Pflicht sei. ück um die Klingel zu kümmern, -ackelte also ein wenig über sich selbst, da üe gar nicht hätte ?.<5"r/"Ensabren müssen: während Elise aufstand. sich dehnte streckte, vielleicht auch gähnte, auf den Klingelschalter >av und .Saustor' sagte, dabei dachte, mag er nur warten.

es au $. lc, J Denn ne wußte, daß der Herr nickt schon wieder ziiruckgefahren sein konnte, weil das nie varkam. daß f.!5.^'L<'chllefe. d,e beiden Löhne im Gymnasium waren und die Kleine ück im Kindergarten tummelte. Also eilte 7 ,d iar nickt als üe jetzt hinaus- und binaufging. um zu sehen, wer der lästige Störenfried sei.

Its sie zurückkam. sagte sie kein Wort, denn es war nur -oettler gewesen, dem sie. der Anordnung des Herrn ge­mäß. nichts zu geben batte. Denn der Herr gab nie im Rtelnen. gab große «ummcn nur. die man ihm öffentlich in ^n^ ^^ung. bestaiigre ^ Elise fand das in Ordnung, jeden- das Tur-vor-der-Na'e-, uschlagen für das kürzeste Bcr- tahren und laß ichon wieder.

an wenig von der Seite an. denn sie dachte

^^sj!^Eeit. daß es der Briefträger hätte gewesen sein Tn?s J lii* n ! Ian0lt erwarteten Brief für üe gebracht bat. ank so war. erkannte üe gleich. Da sie aber stark

immerhin nach ihrer Ansicht sein können, daß Elise, da üe nun einmal zerkriegt R !£L~V? 0 £ e r :lt * ieIte - wenn er endlich ankäme, rückte ^n^rorem Stubl ern w-n,g naher heran an den Elisens t-Ä swttc ück d,e -ach» mit dem Fensterputzen iiber-

N ^ Müe nun selbst sagen, dag Elise eigentlich im Recht icl. Es sei kerne Art. ko etwas von ihr zu verlangen nack- ^?/oruckl,ck ^ansgemacht hätte . . Und üe'müsse

l arauk bestehen. und üe wolle ihr helfen und üe müßten uberhauvt zusammenbalten dann'täten üe üch beide leichter' ££}". man könne nie willm. was der Herrschaft alles noch ein- ^ iüberhaupt die Herrickatt. und wo üe früher war.

r° u !*M an3 oodcrs- und ob es Elise gefiele, und ob üe nicht auch schon gedacht bat . .

Anna war sehr im Schwung, und auck Elise rückte näher undschon war ein inniger Meinungsaustausch im Fluß und

gfaÄÄÄPÄill

^orr. darin waren üe beide einig, das war ein nobler Manm wenn er ,ich auch von unten herauf schön lang­em >n di« Hobe gearbeitet batte: und sein Name stand oit g>enug in der Zeitung. Wenn jemnnd beerdigt lvurd" dann war er dabei, und wenn es zu stiften galt dann war er dabei und er war dies, und er war das. ln die^m Vor­stand und m renem und nnm-r vorne dran in jedem Komitee- na m. er batte ra auch Geld genug und verdiene immer noch dazu und sei fleitzig und gar nickt bocknäsig ?ooar ver Du mit dem Kutscher, den er noch von früher her kenne »nd obr,, »bne Stolz und wenn »jetzt im Auto säße sähe hm n°e wand an. daß er früher Stadtreisender war- aber das sei ja auch ickon lange her. und er sei "ein Herr Neureich und hätte ichon vor dem Kriege recht viel Geld gehabt, jetzt freilich noch viel mehr, und er verschwende nichts und sei im Hause eher.knauserig und schimv»« immer, wenn er zahlen müsse ob es viel sei oder wenig: aber das meine er nickt ?o und täte cs nur aus Gewoonbett von frühe: her und zu Meibnackt/n sei er dock reckt nobel gewesen, und was er außer Hanse macke das ginge einen ni bts an. und es wäre »hm auch nicht zu verdenken bei. dieser Iran ... Der wäre schon reckt meinte Anna. Uno auch Elise stimmte ihr bei. obwobl sie üch schmablick ubersehen fühlte von dem Herrn und sie der letzt­erwähnte Punkt nickt beute zum erstenmal nachdenklich g->- sttmmt batte.

Dagegen die Frau -- die wäre nichts feines und ganz von unten herauf und fabe batte stc die schönen Kleider nickt an. wie eine Kramer,n n-beu ihm aus: Wer gefcke t war' üe und «am durchtrieben und kenne die Schliche all ihrer Dienst­loten, wer! üe selber einer war. Und man könne gar nickt begreifen, daß er üe genommen habe. Aber schließlich könne auch einmal Eine,br Gluck macken nur daß man es ihr der Gnädigen, nicht zu sonnen habe, darüber war man üch einig. Und daß man nickt gar zu sehr tun müsse vor ihr. wenn der Herr, nickt dabei war und üe immer merken lassen müsse, daß üe eigentlich auch nichts anderes sei als man selber wenn üe auch beute in Se.de ginge und Samt.

Und Elise dachte an die. neuen Sckube. die vorderhand nur in ihrer Vorstellung lebten, aber bereits im Schuhschrank der Herrin standen.

Und Anna fing an. daß üe neulich wohl gesehen habe wie der ältere der beiden Söhne um Elisens Kammer am Abend bcrumgeichlichen fei was Elise bewegte, ihn einen ..dummen Jungen und ..Grünschnabel" zu beißen d-r schleichen könne, so viel er wolle, aber bei ibr nie landen werde. worauf ück Anna nicht einlieb, weil üe's nickt glaubte und um die lchöne Einigkeit mit Elise, von wegen des Briefes, nicht arsss Loiel zu setzen. Ben wegen des Briefes, und weil das Geio-äch jetzt noch interessanter wurde so interessant, daß man nahe zusammenrückte und nur zu flüstern wagte, obwohl nicht damit zu rechnen war. daß je­mand borcken konnte.

Ob Anna nickt auch glaube . . ? Sie hätte üch's wobl überlegt! Das mitem kleinen Mädcken. dem angenom­menen Fratz, der ,o viel Arbeit macke und so viel Geld koste und dom nickt zur Familie gehörte! Und wie er immer

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ßlaußt. daß nur das oure Mitleid im Spiel gewesen wäre. Das mit der verstorbenen Tochter von dem alten Werkmeister könne ja stimmen, ui.d üe mag auch die Mutter gewesen ietn . . . Und man könne ück denken, wer der Vater sei . . . und es wäre ja auch ganz schön non ihm. daß er das Kind zu üch genommen habe' Aber ste. die Gnädige, dürfe es bei Gott nicht wissen! Da wäre :ie giftig! Die kenne kein Er- oarmen! Die brächte cs wieoer aus dem Saus. Und üe batte üch neulich schon überlegt, als ste bei Wind und Wetter ras Kind holen mußte. ob üe nicht ganz wie so nebenbei der »rau etwas sagen sollte von wegen der Haare, der Augen '» dann baüe üe dock nedacht es ginge üe schließlich n.ckts an und üe könne ja immer noch . . . Wenn man ibr Unrecht tat und üe geben müsse . .. Das habe noch Zeit . .

... . und üe schwiegen Seide, lächelnd und durchaus macht vewugl: die schonen Seelen batten sich gefunden! lind als cs zweimal klingelte, non oben, schnitt Elise, üch mächtig ucerlegen fühlend, gar ulkige Grimassen und ging, üch wich­tig in den Hüften wiegend, hinauf, .üe" nach dem Wunsch zu 'ragen, und Anna wagte shon. schritt ja-jaja zum Herb, das Wasser auszustellen für den Tee.

und doch nickt zur Familie gehörte! Und wie er immer P, schön tue mit vem Bui-del u»o es verhätschele, als ob es «ein genösse

einziges wäre! Und ob es vielleicht nicht dieselben 6r- 1 bätte rot* er und dieselben Augen! Sie batte noch nie

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Berübintheiten, die nie gelebt haben.

(Von Mi losch bis Raf-ke.)

Von Dr Ma? Prels.

Es gibt Originale deren Erlebnisse und Ausiorücke be­rühmt geworden sind :>nd die doch nie gelebt haben. Irgend ein Witzbold bat üe einmal erfunden und die Überlieferung hat ihnen soviel Leben »ingebrucht. üe >o vovulär gemacht, daß man üe schließlich für wirkliche Personen hielt und ihre Erfinder ganz vergessen bat.

. Wer bat Mikssch erfunden? Mikosch. von dem einst un­zählige. niemals stubenreine Witze die Luft durckichwirrten? Mikosch. dessen Einfülle stnndcnfüllendes Programm von Lerren-Abenden gewesen ünd und dessen Tischunterhaltung nur von Herrn zu Herrn ganz leise weitergeflüstert werden lonnte? Wo ist Mikosch geblieben? Sang- und klanglos trat er von der Bühne ab als die Tage des dummen Zeit- totscklagens einer sorgenvolleren Evocke wichen. Mikosch. der nie gelebt hatte, war tot als die Politik anfina alle Geister einzufangen. Satire folgte auf Zote. Serenissimus und Kmdermann lösten Mikosch ab. Alle Witze zu denen das im ?0. Jahrhundert grotesk wirkende Monarchentum heraus­forderte. wurden dem Sckoten von Serenissimus und feinem allzeit getreuen Hofmarschall in. den Mund gelegt. Alle Dummheiten und Geistlosigkeiten. die ein ..geliebter Monarch" nur immer sagen tann. Seren.iümus faste sie. Er war ur­plötzlich geboren und war in seiner Dußlickkeit der berühmt« Zeitgenosse, war Tages- und Ballgespräch und Kindergespött zugleich. Von wo er gekommen, niemand weiß es. Dock was er sprach und tat. wußte und belachte die Welt. Die Type war io eckt, daß mancher leibhaftige Landesvater bei ihrer Erschaffung Pate gewesen sein konnte. Man tuschelte üch's zu. welcher von tonen üch hinter Serenisstmus verbarg, und ec batte einen prickelnden Reiz, dieser an lebende Vorbilder erinnernden Maieirät im Simvlizisümus oder in der Loge der Reinbardtbüvne ..Sckall und Rauch" zu begegnen. ..Sagen Sie. äb. lieber Kindermann . . . unterbrich er die Vor­stellung der ..Weber": ..Was jammern denn die Leute da immerfort?"Hoheit, üe haben kein Brot zu essen!"Sollen Kucken nehmen!" entschied er Oder er besichtigte ein öfien»- lickes Institut, dessen Architektur ihm sehr imponierteJroß- crti». lieber Kincelmai-n. einfach irobartig! Alles hier :ebaut?"

Der liebe Kindermann hatte alle Borniertheit zu b-ant- worten, die dem Gehege des allerhöchsten Mundes ent­schlüpfen. Sie sind Uns noch allen im Ohr. dock war's nicht schon vor tausend Jahren, daß wir üe hörten? Verklungene Zeiten! Serenissimus batte gelebt, solange seine Vorbilder och lebendig auf dem Mokierstuhl der Weltgeschichte saßen.

Wer bat uni abgelöst^ Raffktt Raffke, das jüngste Kind der Zeit, bat namenlos schon vrr seiner Geburt gelebt Man i ann.te ihn Kriegsgewinnler neuen Reichen. Schieber und was weiß ick. Bis eines Tag>-s .einer illustrierten Zeilichrift einfiel, daß er Rance hieße. Wie konnte er anders beißen^ Es war fein natürlicher dtame. und dock war bis dabin nie- mcnd darauf verfallen. Auf einmal nannte ihn die ganze Welt io. Und von Zeit zu Zeit erschien er im Bilde, er der Berühmte, in irgend einer Situation, in der er Gelegenheit butte, ück zu blamieren, ück in seiner Unbildung zu orodu- zieren. Ein Zeichner bat sein Konterfei gesckaffen uns zeigt ihn nebst Gatttnn Angeückt irgend einer Kulturstätte die ibm klassische Worte abvreßt. Was sagt Raffke?" ist dann die immer wiederkebrende Frage an die Leser, die aufgefor­dert werden, ibm charakteristische Worte, deren beste preis­gekrönt werden, in den Mund zu legen. Raffke ist seitdem so l:erübmt geworden, daß er schon aller Orten auftritt. Eh' der Herbst üch neigt. w>rd er Held einer Operette und einer Revue sein und zugleich tm Film die Welt erobern Bald ist er Allgemeingut, und die Vaterschaft der Zeitung, die ihn schuf, wird vergessen sein. Sckon hat ihn auch Roda Roda c-m Wickel, der ibm eine Einladung" andichtete, die Herr und Frau Raffke an ihre Freunde verschicken. Sie beehren üch. Herrn SoundsoGefälligst" aufIhr Schloß" einzuladen.

. Herren ,m Smoking. Damen legere".

Auch Raffke ist wie Serenissimus der berühmteste Ver­treter seiner Zelt. Seine, Gattin batte eine Vorgängerin, die Frau von Pollack in Wien. >ae ebenfalls so himmlisch Un­gebildetes sprach und üch so bochb'deutend und vornehm vor­kam. Auch »rau von Pollack bat als Typ jahrzehntelang ge­lebt. und wo einem Witzbold eine Kulturlostgkeit einfiel tue eine Parvenusgatttn begeben konnte schob er sie Frau von Pollack zu. die scklicßlib Allgemeingut aller Witzblätter l-urde. Frau von Pollack oetrrt eine Kunsthandlung-Ist möchte ein Pendant! Sie batte von guter Pendantwirku"g schon so mcl gevorüPendant?" fragte der Verkäufer. .Wozu?Was gebt das Sie an^ gab üe beleidigt zurück Oder eine Freundin erzählte ihr von ihren Abonnements- vlätzen in der Over:Wir batten Sonnabend Rigoletto mit Bohnen. Das »and üe gar nicht vornehm:Bei uns" state üe.gab es Gunstleber mit Trüffel!" Und eines Tag>s zeigte üe derselben Freundin ibr SchloßDas ist mein Salon, das-mein Muükzimmer und hier beginnt die Flucht meines Mannes. Die gute, »rau von Pollack ist tot. seitdem Frau Raiike lebt. Alle Auyeruugeu der Unbilkung und des Mangels an Kultur, für die c,nst »rau von Pollack kerbalten wußte, ünd beute Renerroirestuck: der Gattin Raffkes, die wie Roda Roda sagt. ,bre Gurr in: vormittags 11 Uhr zum live o'elook tea einladt. Mit dem Nachsatz:Der Diener­

schaft ist dre Annahme von Trinkgeldern versagt. Wir tragen es ielher."

Mikosch bis Raiike. welche stolze Reihe von Zeit- enossen! Sie alle badra nicht gelebt und lebten dock, in Zausenden von Eremplaren. Ihre Erfinder sollen in Mar­mor ausaebauen werden!

Episode inr wiener Wald.

Von Sa«s Ratonek.

(Nachdruck verboten.)

_ An Früblingssonntag Nachmittagen kommt der Wiener Wald ganz tief in die Stadt hinein. Er macht fernen Gegen­besuch in den leeren Varstadtbezirken, die zu ihm binaus- strömen. An solchen Conntagnuchmittagen gibt es nichts Traurigeres als dr- Straßen draußen in den Vorstädten, Dre Mischung der Waldluit mit dem Geruch der Klernbürger- bäuser macht einen ganz melancholisch. Da flieht man aus dem Hauke wie aus einem Kerker . ,

Es ist seltsam, wie so eine gevflasterte. steinbäuserernge- soßte. babndurchrasselte Straße plötzlich in einem Dorsweg mundet. Mein Weg steigt in den Wald emvor. der mrr ent­gegenrauscht. Da wächst plötzlich auf der abendlichen Hohe, violett umdunstet, eine prachtvolle Villa vor mir auf.

Ich lebne mich an einen Baum, gegenüber dem Haufe: ich gebe auf und ab. Und da. mir stockt das Herz: rn der Loggia erscheint eine Gestalt. Sie streckt fien in einen Lrege- surbl und liest. Ich stehe und starre. t , Starre unermüdlich. Sie ist wundervoll blond, iomel kann rck sehen. ob. und vornehm! Aus dem roten Seiden- schlafrock leuchtet ihr Körper meinem träumenden Auge blütenweiß. ^

Da ein neuer elektrischer Scklag durchzuckt mich er­bebt üe ück und tritt ans Fenster. Sie erblickt mich, ick fühl's und glaube zu sinken Ich starre emvor: unverwandt, wiewohl ick lieber fliehen, fliehen, fliehen möchte. O ge­schieht ein Wunder sie nickt und lächelt, üe wendet irageiid das Köpfchen und lächelt noch mehr. Was tu ich nur? O ich Beseligter! Meine Äugen sprühen Hymnenzu ihr emvor. O welch ein Tag ist dies! Sonne sinkt und Frühling dunstet blau.

Ich reiß« ein Blatt aus meinem Notizbuch und schreibe lm Fieber- . .

Holdseligste Fürstin. Gräfin, gnädigste Komteß wie nenne ich Eure Lieblichkeit? Ich stebe beglückt und verzaubert vor Eurem Schloß. Alle Wunder und Selig­keiten dieses Frühlingswaldes durchrauschen mich. Der Abend macht mich trunken. O unvergeßliche Vrinzesün meiner Seele, wenn ick je Euch Wiedersehen dürfte. ... so zürnt dem Knaben nicht, wenn er glücktrunken den Saum Eures Gewandes küßt, Dies ist feine einzige Sehnsucht. Ich küsse Eure Fingerlvitzen."

Und nun Namen und Adresse.

So. und in ein Kuvert gefaltet, und in den Kasten am Tor gesteckt. (Solche Briefe kann man nur im Wiener Wald schreiben, wenn der Früblinasabend duftend vergebt . . . und wenn man sehr jung ist.) Sie winkt und lächelt. Nock einen Handkuß emvorwerfen und dann davonstürmen. gepeitscht vom Übermaß des Glücks. Wie werden mir nach diesem Er­lebnis je noch die Wiener Mädchen gefallen können?!

Habe ich je glücklichere Stunden erlebt, als nach jenem Abend? O diele beseligte Hoffnung: ob üe mir eine Zeile nur schreiben wird?

Und üe bat mir geschrieben: hier ist der Brief- Sehr geehrter Herr!

Warum ünd s' denn so damisch davong'laufen? Ra. und über den Brief habe ich nicht schleckt gelacht. Na so was! Eigentlich ist er sehr nett, so sehr poetisch. Leider bin ick gar keine Prinzeiün nicht, sondern bah' nur den Scklafrock von der gnädigen Komtesse angezogen, weil allemitsamt verreist waren. Wir konnten uns ein paar schöne Stunden machen: sckad:. nun ünd die Herrschaften wieder zurück und da bab ich keinen Ausgang Na. viel­leicht trifft stch's ein andermal. Aber dann müssen Sie's g'fcheiter machen, runaer Herr. B'-s dahin grüßt Sie (bitte unter der Marke nachfeben. da steht noch was!) Ihre

Lina Sckallinser.

Vorn purnp.

Man schreibt uns:Pumven tun Lumpen", sagt grob eine im Volksmunde gebräuchliche Redensart. Ganz so schlimm ist's nicht. Aber:Borgen macht Sorgen" und zwar für beide Teile: es fragt üch nur. für wen am meisten. Stebt der Schuldner freilich auf dem Standpunkt:Alte

Schulden bezahle ick nicht, und neue lasse ick alt werden", dann weiß man. woran man ist Es beißt auch:Wer Schul­den bezahlt, vervlemvert sein Vermögen " Das bat etwas für ück. und mancher ist geneigt, der wackeren Art zu huldigen. Man beißt ibn nicht mit Unrecht dann einPumvgenie".

Eeldleiben oder sonstiges Ausborgen von Gegenständen von Freunden und Verwandten bat zwiefach einen Haken. So iaat man im Volksmnnde tretend, ein Schuldschein zwischen zwei Freunden sei eine verbriefte Feindschaft. Freunde in der Not geh n angeblich tausend auf ein Lot. aber: ..Freundickaitsvumv zu jeder Stund ist Mahnung."

Überhaupt wendet ück alles sckarf gegen die Borger und Sckuldenmacher. So beißt es:Bocher und Prahler ünd

schleckte Zahler" undWer da borgt zu jeder Frist, nimmer­mehr der Beste ist." r . .. . _

Zahlreich ünd auch oie Sck-lder. d,e vor dem Entnehm«, on Ware gegen Pumv warnen oder mit dem mit Recht so beliebten Zaunpfabl. wie z. B, in Wirtschaften, mehr oder minder böslich und deutlich winken. Da gibt es harmlos- fachlich den Svruck:

Borgen ist ein zwiefach Pech:

Die Ware los. der Kunde weg!"

Oder auch ungleich deutlicher

Borge» tu 'ch nickt.

Denn ick bab' emvfunden.

Erst werd' ich die Ware los Dann auch noch den Kunden.

Oder in Wirtschaften:

Borgen tu ick nickt.

Denn das ist das Beste

Erst wero' ick die Ware los.

Dann auch noch die Gast".

Es gibt noch mehr derart harmlose Reimereien in Laden und Wirtschaften kleimr und mitklerer Städte: je nach Ver­anlagung des Inhabers oder nach Eigenart der Beoölkerun« verschieden böslich oder deutlich.

f röblich-offenherzia ist ein oberbayerischer Gastwirt, der vruck wählte

Ich borge nickt.

Und wem's nicht paßt.

Der schere ück!

Aber was ein wabcbaftes. unerschrockenes Pumpgenie ist. schert üch nicht, im Gegenteil, es schert sich nickt a, Warnivrucke und alle »uguten Redensarten, sondern vumvt lustig und ungeniert wie und wo es nur kann und wandelt das SvrichwortFehler sind da. um gemacht zu werden. linnaemäß um in:Schulden stnd da. um gemacht zu wer­den." X_ L.