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Mittwoch, 30. August 1922.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 402. ♦ 70. Jahrgang.

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Der Wiederaufbau Europas.

(Ein Nachwort zum Weltwirtschaftskongreh der Hamburger Übersee-Woche.)

Von unserem W. ^..-Sonderkorrespondenten.

Der Weltwirtschaftskongretz, das Kernstück der Ham­burger Übersee-Woche, hat am letzten Samstag nach 8 Verhandlungstagen mit einem Referat von Pro­fessor Keynes über Deutschlands Reparationspolitik sein Ende erreicht. Die Parole war, wie hier schon einmal gesagt wurde, „Wirtschaftler an die Front". Nach dem Versagen der Politiker aller Länder — denn alle politischen Konferenzen haben Europa nicht zur Gesundung zu führen vermocht — sollten hier die Wirtschaftler die Diagnose stellen und Mittel _imi) Wege aufzeigen, die schließlich zum Wiederaufbau Europas führen müssen. Dabei war man sich natürlich von vornherein klar darüber, datz damit kein Umbruch der gesamteuropäischen Politik verbunden sein würde, so datz morgen etwa die Politiker die Ergebnisse dieses Weltwirtschaftskongreffes zum Leitstern ihrer Hand­lungen machen würden. Die Wahrheit und die Ver­nunft brechen sich nur sehr langsam Bahn. Noch ist die Zeit der Fachleute, der Wirtschaftler nicht ge­kommen, und cs wird wohl vielen als sehr-optimistisch erscheinen, wenn Keynes meint: „Datz der Tag für die Kunst der Sachverständigen, des Organisators und Fachmanns anbricht, wenn nicht dieses Jahr, so doch nächstes Jahr, und wenn diese Phase erreicht ist. ist es durchaus möglich, datz die Besserung im Geschrvind- schritt kommt " Man kann nur hoffen, datz Keynes mit dieser Prophezeiung recht behält, datz der Tag des Wirtschaftlers so bald kommt, datz der Politiker nicht mehr eine Vogelstrautzpolitik betreibt, denn, wie Keynes an anderer Stelle fagje: „Für den Sachver­ständigen. den Fachmann und Gelehrten ist erst der Zeitpunkt gekommen, wenn die Politiker sich auf den Boden der Wirklichkeit berabbeaeben haben."

Klarheit über diese Wirklichkeit zu schaffen, hat man sich in Hamburg redlich bemüht und man hat sich euch durch die schweren Ereignisse der letzten Tage nicht entmutigen und nicht irre machen lassen. Gerade weil das Barometer der Weltwirtschaft auf Sturm stebt, ist es um so nötiger, sich nicht treiben zu lassen, sondern den Kurs, der zu lichteren Gestaden führt, zu kennen Im einzelnen wird man an den Vorträgen Kritik üben können. Man wird auch dem Programm geaenüber nicht unkritisch zu sein brauchen und man wird vielleicht bedauern können, datz bei einem so um­fangreichen. vielleicht zu umfangreichen Programm die österreichische Frage keine Berücksichtigung fand. Im ganzen aber war dieser Weltwirtschaftskongretz doch zweifellos eine verdienstvolle Tat, die auch Früchte tragen wird.

Auch dieser Kongreß mutzte freilich nach einem Wort von Professor Harutz-Kiel auf Therapie ein­gestellt sein. Wer heute aber heilen will, kann das nicht ohne das Erundübel zu erkennen, und so war es ohne weiteres klar, datz aus allen Vorträgen — offen ausgesprochen oder zwischen den Worten verborgen — herausklang: der Vertrag von Versailles ist die Wurzel der gesamten weltwirtschaftlichen Zerrüttung. Und wenn e-st der letzte Vortrag offiziell dem Reparations- vrobiem gewidmet war, so klang dies Problem doch oinentlich in allen Vorträgen mit, denn wie will man schließlich über die „Weltwirtschaft und Gegenwart", über die .Rohstoffversorgung" ufw. reden, ohne die sdraae der Sachleistungen und Zahlungen zu streifen? Kermes hat dann in der ihm eigenen offenen und weitsichtigen Art das Problem der deutschen Repara- tionsvolitik behandelt, nicht etwa von einem deutsch­freundlichen Standpunkt aus, denn Keynes ist Eng- drtaifl und allein Engländer. «Her vom Stand- wmkt 'der Vernunftmenschen, vom Wirtschaftsstand- nüvkt aus Er warnte vor zwei Arten der Zahlungen, L n1tr -u«Irrtum und Enttäuschung führen wür- ^." iind dos sind die Zahlung durch Sachleistungen w gaülunq der nächsten Raten aus dem Erlös

Anleihe von nicht weniger als vier Mil- Ä« Länwrf - wenigstens ist dies die geringste ^ im allaemeinen ins Auge gefaßt wird - * ,,«Lr feinerlei annehmbaren Bedingungen unter*

kann unter kemerw^ ^^mdet die grotze Illusion

gebracht me d-n- Zwecke der Reparations-

c'ner J' f J^erften zwei oder drei wahren. Not­zahlungen in ^.^eidlich aber ist im Augenblick ein wendig UN-- um Deutschland Zeit zur Erholung Moratori , Milliarden Eoldmark, um 1930 zu lassen, -aus fet)ne5 bie Gesamtschuld Deutsch­berum fälligem ^ ^ wirkten Zahlungen, fest-

^^^Heute^da PoincarS nach „produktiven Pfändern"

verlangt, will uns der im einzelnen von Keynes wei­ter ausgearbeitete Zahlungsplan als fast unerreich­bare Grundlage erscheinen^ obwohl auch dieser Plan die Kräfte des deutschen Volkes bis auf das Äußerste anspannen wtzrde — ja vielleicht noch immer nahezu Unmögliches fordern würde. Wie aber soll heute eine Verständigung erreicht werden? Keynes glaubt, datz Poincarä in großem Matzstabe nicht vorgehen werde. Aber auch er sieht eine wirkliche Gefahr, wenn Frankreich aus ganz anderen als finanziellen und wirt­schaftlichen Gesichtspunkten z:, dem Entschluß t an Vv oatz chaotische Zustände in -Deutschland ihm xoUtisty von Vorteil wären. Läßt sich eine solch; frauzostsche Einstellung ganz von der Hand .weisen? Und ooch ist wie auf dem Wirtschaftskongretz der amerikanische Pro­feffor Coar betonte, die erste Voraussetzung dafür, daß Amerika tätigen Anteil am Schicksal Europas nimnit, die, datz Europa im eigenen Hause Ordnung schafft. Mit anderen Worten, Europa ist auf sich allein angewiesen.

Die großen Fragen dieses Wiederaufbaus, wie die „Bedeutung eines ungehinderten internationalen Ver­kehrs fiir den Wiederaufbau", „die natioualökonomi- fchen Voraussetzungen für den Wiederaufbau", ebenso das ruffische Problem und manch andere brennende Angelegenheit, die im einzelnen hier aufzuzählen zu weit führen würde, wurden in Vorträgen erster Auto­ritäten behandelt. Daneben kam der deutsche Wieder­aufbau nicht zu kurz. Hier klang wiederholt die Mahnung aus den Reden: Steigerung der Pro­duktion! Es scheint tatsächlich, als ob man in Ar­beiterkreisen sich heute solcher Erkenntnis auch nicht mehr verschließt. Es war aber intereffant. datz der Vorsitzende der Handelskammer F. H. Wi t t h ö f f t auf die Parallele hinwies, datz auch in der Zeit des Niedergangs des römischen, Reichs die Zahl der Men­schen, dieKost undLohn vomStaate erwarteten und emp­fingen, sich derart vermehrt hatte, datz hierbei eine der stärksten sozialen Ursachen des Zusammenbruches er­blickt werden mutzte. Auch heute betreibt das Reich noch die kostspielige Form der Arbeitslosenfürsorge, indem es mehr Beamte beschäftigt, als für die Durch­führung der Arbeiten notwendig sind. Gerade in dem Deutschland von heute aber heißt die Losung: Arbeit! Diesen Arbeitsgedanken spann der frühere preußische Ministerpräsident Stegerwald in einem Vortrag über die Bedeutung der deutschen Wertarbeit weiter aus, in dem er als einen Schaden für diese Wertarbeit .die zu weitgehende Vereinheitlichung der Lohnpolitik nach dem Kriege bezeichnete: Leider ist ja in der Tat die Frage der differenzierten Entlohnung ungelöst ge­blieben.

Auch wenn in Deutschland heute unter Aufbietung aller Kräfte gearbeitet wird, und wenn eine vernünf­tige Regelung des Reparationsproblems hurchgsführt würde, sind damit keineswegs alle Gefahren beseitigt. Keynes erklärte, er sei in bezug auf Deutschlands nächste Zukunft nicht optimistiisch, ein folgenschwerer Rückschlag nach der trügerischen Hochkonjunktur scheine unvermeidlich Und auch W i s s e l l verneinte die Frage, ob Deutschland bei einer stabilisierten Valuta wetttiewerbsfäbig bleiben werde.

Für Deutschland heißt die Losung: Arbeit und wieder Arbeit! Arbeit auch für das Ziel, das diese Lbersee-Woche sich gesteckt hatte und das ganz knapp vielleicht als richtig oexstandenes Weltbürger­tum bezeichnet werden kann. Daran mitznarbeiten wird vor allem auch, wie Ständerat W e t t st e i n sausführte, Sache der Preffe fein, defnn Zeitung ist Leitung. In all diesen dunklen Tagen soll uns drum jener Vers leiten, der am Schluß der Übersee-Woche ge­sprochen wurde, und der über dem ganzen als Motto hätte stehen sollen:

Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben. An deines Volkes Aufersteh'n,

Latz diesen Glauben dir nicht rauben Trotz allem, allem, was gefcheh'n,

Und handeln sollst du so. als hinge Von dir und deinem Tun allein Das Schicksal ab der deutschen Dinge Und die Verantwortung wär' dein!

Die amerikanischen Bankiers über den Wiederaufb« Europas.

Paris. 29. Aua. Nach einer Meldung d „Chicago T.lbune' ans New Jork hat die inoffizielle Ko lU"z der amerikaniMrn Bankiers in Williamston: tj^püochusetts) den Wiederaufbau Eurovas und die inte cumrten Ert-ulben erörtert und t r t dahin übereingekomme allgemein für Eurova nichts zu gewinnen wä möeNoe,? 00n motzen Anleihen unter den geae

; S3erbaItmlTen. es seien radikale Reformc sn Eurova erforderlich. In der Schlusssitzung .bab« d „ rf tc . ^ <n r Ti<L 0 '? > ^emg-es. Phllivo Korr, einen Ei ^ltbunLes elngebracht. fiir den das ame: gkbe!^llün soll ** er ^ selbst regierenden Staaten mo

lic «»all Mc Mifltn Kettelet ia Müs

Br. Berlin. 29. Aus. , (Eis. Drabtberickit.) Der als deutscher Vertreter für die Revarationsverbanciunc-eri. be­stimmte Staatssekretär Dr. Schröder ist in Paris ernge- troffcn. Die deutschen Vorschläge über die Lieferungs- vertrage befinden sich noch im Stadium der Ausarbei­tung. In einer beute mittag stattfindenden Cbelbesvremnng wird der endgültige Text festgesetzt und dann sofort drahtlich nach Paris zu Länden des Herrn Schröder übermittelt wer­den. Dr. SchröSer hat d-.e letzten Stunden fernes Aufent­haltes in Berlin dazu benutzt, um ftc& m*t der Materie gründlich vertraut zu machen, da seine Hauvtamgabe dann besteht,-' die Fragen der Revarationskommission. betr. vre Lrererur-gsverträge. zu beantworten und besonders die letzten von der deutschen°Regierung gemachten Vorschläge, be­sonders diejenigen tür die Garantien der Sackil'.eferungsn. zu erläutern und gegebenenfalls zu ergänzen, «.crne Mf- gabs wird es ferner sein. Lücken in den deutschen VoriLlagsn. die sich vor allem nach den Befvrechungen mit den Mitglie­dern der Reoaratic.nskrmmMon ergeben sollten, auszusullen. Zu dieseni Zweck begleitet Dr. Schröder je ein Vertreter der Koblcnprod Aktion und des Holzbandeis. Auf die!« Wallache durfte auch die Meldung zurückznfübren fern, datz Hugo Stinnes an den Beratungen teilnebmen wird.

In Berliner nichtamtlichen volitiscken Kreisen be­urteilt man b>e Lage beute jedenfalls etwas dofs- nungsvoller So viel scheint sicher ru sein, der nmn zcsische Standpunkt hat einige Schärfen aufgegeben. Von einem Umschwung ru reden, wird dagegen übertrieben fern- Andererseits deuten gewiss« Anzeichen darauf bin. datz noch andere Momente als die offiziellen Unterbandlungen der Revarationskommiffion auf den Gans der Dinge «inwirten. Es scheint, datz man zur Verständigung dieser Situation bis cuf die Londoner Konferenz zurückgreifen müsse. Auch hrer war die Regelung der interalliierten Schul­den. d. h. einerseits die Sckmlden Frankreichs an England, andererseits dagegen Englands an Amerika, die Kerntrase. P o i n c a r 6 hat danach. So viel man weitz. feine Bereit­willigkeit zur vnföbnlichen Lösung der Revamtionsfrage für den Fall verbrochen, datz in dem englisch-fran­zösischen Schuldenverbältnis eine greifbar« Erleichterung eintc'tt. Nun weitz man. datz in dijjer Stunde zwischen Lloyd George und Cor Befvrechungen rm Gange find, die allerdings von der Seite des Herrn Cor einen n'cktamtkichcn Charakter tragen. Ein Ertrakt aus diesen VeGrechungen gebt dt'.rch die Preffe und es scheint danach, datz eine Einigung angeregt wurde, die England und Amerika eine Milderung ihrer Gläubigerrvsition gegenüber Frankreich ermöglichen könnten. Es wird betont, datz Endaiilt'ges darüber erst nach Wochen erzielt werden könnte Cs fei aber nicht ausgeschloffen, datz Frankreich sich bei der Aussicht auf eine derartige Regelung vorläufig von jedem endgültigen S-hrit^ zurückhält und somit am Akitt- w o ch von seiten der Revarationskommiffion ein Provi­sorium geschaifen werden könnt«.

Frankreichs Haltung.

W.T.-B. Paris, 29. Aus. Wie der ..Matin" mitteilt. wird sich der für Donnerst am riih einberv.fene M i n i ft e r - rat. der unter dem Vorsitz Millerands in Rambouillet stattfinden wird, mit der Prüfung der Entscheidung der Reuccratirnskvmmiffion beschäftigen.

D. Paris. 29. Aus. (Erg. Drabtbericht.) ..Echo de Paris" meldet: Da die Revarationskommiffion wahrscheinlich am Mittwoch ihre Entscheidung fällen wird fft für Donnerstag­vormittag ein M i n i ft e r r a t unter dem Vorsitz des Präsi­denten der Republik Millrranü in das Elvsse eircherusen worden. Das Blatt fügt der Meldung hinzu, die Revara- tionskommiffion wird zweifellos diese G e st e. datz kurz nach ihrer Entscheidung der französische Ministerrat tagen wird, verstehen. Die französische Regierung hat ihre Bedin­gungen angegeben, von deren Erfüllung sie die Gewährung eines Moratoriums abhängig machen wird. Wenn diese Be­dingungen nicht angenommen würden, könne Frankreich nur roch eine Entscheidung annehmen, nämlich die Ab- lebnung des Moratoriums. Jede andere Lösung mützte die unabweisbar; Folge haben, datz Frankreich sich Seit« Sa ndlungs frei beit zurücknimmt und ohne Auffchud bandelt.

Ein Kabinetterat in Lenden.

D. London, 29. Aug. (Eis. Drabtbericht.) Gestern fand ern eiliger Kabinettsrat statt, über dessen Vec- lauf kerne Mittelungen auseegeben wurden. Indessen er­fährt „Daily Telegravb". datz dem Kabinettsrat Brad- burvs Betrachtungen über die finanzielle Lage Deutschlands Vorgelegen baden, die er während seines kürzlichcn Aufenthaltes in Berlin gemacht habe. Dre grotzen sozialen und volitllchen Folgerr. die Bcadbury in dem Falle geichilbert habe, datz keine schnelle Hilfe für Deutschland erfolgt, batten tiefen Eindruck auf die Minister ge­macht. Es !e: ,'emlich schwer, die Haltung der fran­zösischen M r n r st c r zu verstehen, wenn man in Bet-«Ä» ziehe, datz Belgien, das serechtrrweife alle BarrakNr'r- gen Deutschlands für den Rest des laufenden Jahres *«» langer kcnnte. selbst erklärt habe bereit zu sein, anstatt «r Barzahlungen langfristige Wechsel anzunehm.en.

Die englisch-amerikanische Gläubigerpolitik.

D. London. 29 Aug. (Eig. Drabtbericht.) ..W«S- Mlnstcr Gazette" schreibt: Oberst H o u s e. der von Versa»«» her bekan.nte Freund und Berater Wilsons, der zwei Mo>»te in Frankreick weilte, ist heute früh bei Lloyd Geor«« zum Fiubstück emgeladen worden. Seinem Besuch, der « mittelbar nach dein des Senators Cor folgte, wird »rose Be d e u tu n g beigeineffeu. — Der New Parker Berts erstattet des „Manchester Guardian" meldet. - das englü Interesse an den: Besuch des Senators Cor finde in j _ Vereinigten Staaten kein Echo. Die Blätter und das Piibft- kum N'dwen fern wenig Aufmerksamkeit. Der Berichter­statter berichtet autzerdem. Großbritannien werde wabe- scheml-.chi mt den Vereinigten Staaten eine gemeinsame Politik betreiben im Hinblick aui die den beiden Lan­de- rn geschuldeten Beträge. Sie würoen eine Vecmindernn« der Heere beiurworten und ein« Herabsetzung de» Heeresetatr vorlchlese».

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