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Dienstag, 29. August 1922.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 400. * 70. Jahrgang.
Der Schiedsrichter.
Optimisten wiegen sich in Deutschland wieder ein- mai m der Hoffnung, daß der neue deutsche Vorschlag, t- er v- e Ätsche Kohlen- und Holzindustrien zu Bürgen für die Reparationslieferungen machen will, der Reparationskommission als Sicherung für die Gewährung des Moratoriums genügen werde. Ein Blick in die französische Presie zeigt heute schon, wie wenig ernste Beachtung dieser aus der Verlegenheit heraus geborene Vorschlag findet. Man verkennt die Mentali- tät der herrschenden französischen Parteien und ihrer Geschäftsträgerin, der Regierung Poincarö, vollkommen, wenn man glaubt, daß es ihnen auf dis Verankerung der Sachleistungen ankomme. Sie wisien selbst längst, daß Deutschland in den nächsten Jahren keine Zahlungen in dem für Frankreichs Finanzen notwendigen Matze wird leisten können. Deshalb kommt es ihnen nicht auf die Sicherung an, die keine oder doch höchstens eine, für kurze Zeit ist. sondern aus die Pfänder. Über diese Pfänder aber bestehen zwischen Frankreich und England tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, die durchaus politischer Natur sind. Man kann, daher auch nur mit politischen, nicht mit wirtschaftlichen Vorschlägen über den Berg hinweg- kommen. Die deutsche Regierung war sich dessen auch sicherlich bewußt, aber es konnte natürlich nicht ihre Sache fein, und sie durfte es auch nicht einmal versuchen, in dem französisch-englischen Jnteressenstreit, bei dem Lebensfragen der beiden mächtigsten Staaten Europas auf dem Spiel stehen, den Schiedsrichter zu spielen. Jedes kleinste Zugeständnis in bezug, auf Poincarös Pfänderforderungen konnte höchstens England neue Knüppel vor die Beine werfen und seinen Widerstand gegen die ganze Pfänderpolitik schwächen. Die Reichsregierung konnte also von vornherein nur daran denken, solche»Vorschläge zu machen, die die Re- paratiorskommisiron wenigstens zur Prüfung nötigten und so einen Abbruch der Verhandlungen verhinderten. 'Diese Aufgabe wird der neue Vorschlag voraussichtlich erfüllen und so genügend Zeit schassen für eine Lösung des politischen Konflikts mit politischen Mitteln.
Wenn der Ausgleich der bestehenden Gegensätze, um den sich Belgien vergeblich bemüht hat, ganz gewiß nicht non Deutschland ausgehen kann, wenigstens nicht unmittelbar und für die Öffentlichkeit erkenntlich, so richtet sich öer Blick aus der Suche nach dem geeigneten Schiedsrichter ganz von selbst nach Amerika. Sollte eine Schlichtung möglich sein, so kann sie nur von Amerika ausgehen, weil nur dieses Land den nötigen moralischen, und wenn es sein mutz, auch finanziellen Druck auf die Franzosen ausüben kann. So war es ein günstiger Zufall, daß sich gerade in diesen Tagen der Krisis und des beginnenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs Mitteleuropas Herr James Cox, der demokratische Gegenkandidat des jetzigen republikanischen Präsidenten Harding, in Deutschland aufhielt und sich hier durch eigenen Augenschein von dem Herannahe? der Weltkatastrophe überzeugen konnte. An ihn hat der deutsche Reichskanzler Dr. W i r t h in einer Unterredung, die vielleicht für die zukünftige Entwicklung der Dinge von großer Bedeutung sein wird in dringlichster Weise den Appell gerichtet, sich für ein aktives Eingreifen Amerikas zur Rettung Europas einzusetzen. Es scheint, daß die Beredsamkeit und die beweiskräftigen Argumente des Kanzlers auf Gouverneur Cox großen Eindruck gemacht haben. Denn es wird aus London nunmehr gemeldet, dag dort in einer persönlichen Unterredung ^.loyd George den Plan unterbreitet habe, H o o v e r, den ehemaligen amerikanischen Lebensmitteldiktator, zum Schiedsrichter für die Reparationsfrage zu bestimmen. Der rettende Vorickilaa von Eor erscheint keineswegs aussichtslos, l Erika bei den Republikanern.ebenso beliebt ist wie bei den Demokraten, und daher wohl ouck die Unterstützung Hardings finden wickd Wie es heißt liegen auch von französischer und englischer se.te bereit" grundsätzliche Zustimmungserklarungen vor. In jedem Fall zeigt sich hier ein Ausweg aus der sack- Mc Ul die die Reparationssrage hlneingetrieben worden ist denn eine glatte Ablehnung Hoovers wird,
SU nehmen ift (als Sozialisten gerichteten
mrglischen und ihrem eigenen Lande
Hilferufe, denn- diese sind tn greift nach jedem
völlig ohnmächtig. Der greife schon gehalten. Aber mancher..st lain
8e#te 9a " ,e “
Welt völlige Übereinstimmung — nur von Amerika kommen. Aber man darf nicht länger zögern, wenn man nicht zu spät kommen soll!
Düs dsulschen Vertreter für Par iS.
Br. Berlin. 28. Slug. (Eig. Drabtberickt.) Das Anbeim- Nellen an Deutschland, in letzter Stunde noch einmal seinen ^.iandvunkt durch Vertreter darlegcn zu lassen, ist für iiu trimer Regierungstreue nicht überraschend gekommen, uoerralcht ist man nur von dem naben Termin für diele Verbandlungen. Die Ausarbeitung für die Durchfübrung des Gedankens von Lieferverträgen ist noch nicht beendet, und es tragt sich, ob man damit vor der Abreise der deutschen Delegation noch fertig werden wird. Jedenfalls wird die deutsche Delegation in den für Mittwoch angesetzten Verhandlungen mit der, Revarationskommisiioi: im Besitz der ausgearbeiteten Vorschläge sein, die ibnen evtl, noch drabtlich zugeben werden. Das Reichskabinett hat sich nach Eintreffen des Wunsches der Revaratlonskominisston na 5, Entsendung deutscher Ber- ireter versammelt. Als Vertreter der Reichsregierung, der der Revarationskommission den deutschen Standpunkt in der Rerarationstrage. bezw. Moratoriumsfrage Mitteilen soll, wird Staatssekretär Dr. Schröder nach Paris geben. Ihm werden verschiedene Referenten brigegeben werden r-n^le ..N. B. Z." erfäbrt noch, von unterrichteter divloma- tischer Seche, daß der Entschluß zum Anhören eines deutschen Vertreters auf einen Antrag Bradburvs zurückzu- iuhren ist. Wie es beißt. waren am Samstag die Verhandlungen der Revarationskommission bereits zu einer kri- tiswen Phase gediehen und ein Beschluß stand unmittelbar bevor. Der standvunkt Belgiens war nicht eindeutig, ^zedenialls lag die G e r a b r einer Ablek, nu üjl des Morat,oriums vor. Mit dem Hinweis, daß ein nicht einstimmiger Beschluk der Revarationskommission unter den obwaltenden llmitänden. wenn möglich vermieden werden mukte gelang es Bradbury. den Aufschub der Entscheid u n g bis zur nochmaligen Slnbörung deutscher Vertreter zu erzielen. Es muß aber gesagt werden, daß nach den lisberigen wärlicken Mitteilungen über die Verhandlungen der Revarationskommission es «n Irrtum wäre anzunebmen. daß Bradbury den letzren deutschen Vorschlag bereits für befriedigend halt. Dahrn gehende Meldungen sind ungenau. Es kann keinem oweiiel unterliegen dak auch der englische Vertreter von der deutschen Regierung weiters Zuge- ÜS* n ® n t i i e verlangen wird Das ist die Schwierigkeit der Situation, die mcht unterschätzt werden dari und mit der die Reichsregierung sich heute ebenfalls beschäftigen werden wird.
B"lm. 28. Slug. (Drabtberickt.) Die Reva- ratronskommrssron hat der Krrogslaftenkommission in Paris am 87. Auault mittags.folgende Note übergeben' Wenn die deutsche Regierung wünscht, hinsichtlich ihres Stundungsge- iuckes vom 17. Juli von ihrem Reckte aui Gehör Gebrauch zu machen, das ihr Artikel 234 des Vertrages gibt, so wird die Revarationskommission bereit sein, ihren bevollmächtigten Vertreter am 30. Slugust zu hören.
Die beste Lösung.
v Baris. 28 Aug.. (Eig,. Drabtberickt.) ..New Bork meldet: Die „beite Lösung des Moratoriumsvro- blems. um e:ne unabhängige Aktion der französischen Regierung zu vermeiden, besteht darin, dak die deutschen Finanzen durch eine Kommission kontrolliert wer- den. m^der vor allem Amerikaner vertreten sein sollen, m der Frankreich aber keine Stimme hätte. Dem genannten Blatt zufolge rührt dieser Verschlag von der deutschen Regierung her die ihn Bradbury unterbreitet habe, der ihn seinerseits in einem längeren Vortrag vor den Mitgliedern der Reva.ratlmiskomnnsilon entwickelte. Es wäre der Wumch per deuische n Regierung. dak diese Kommission, die kaunt- sachllch aus Amenkancrn besteben sollte und zu deren Mitglied vor allem Vondxrliv zählen mükte. die deutschen >. n a n z e n vollständig kontrolliert, insbeion- rvng der^ Mar? träfe ^ ättÄ Maßnahmen zur Stabilisier
. Banderlip über Sie Reparationskrise..
28. Slug. (Eig. Drahtbericht.) Der ameri- Banderliv. der sich gegenwärtig klarte Blattermeldungen zufolge gestern bei einer. Bemrechung uoer die R ev a r at i o ns kr i s e . dast M ome Beobachtungen Frankreich überzeugt habe dak die ^taatsipanner d i e Entente als beendet betrachten wurden. Man beschäftige sich in Frankreich da- mit. wie maa ZU umud- einer d i r e.k t e n V e r st ä n - s ni r ^ ^but?ä-land gelangen könne. Ick» fürchte, '^te Vanderlir, dakdemu n u b e r w i n d l i ch e tzchwie- I, c '/ L^enuüerstel^n. Einerseits ist der wirtsckait-
i I i 0 iortgeschritlen. dak es nur k-?nntze.. was sofort vroduktiv sei. Andererer? en? s^VEi-eich seinen eigenen Regierungskredit sehr nark flir di, Revaratlonsarbeiten in Sinivruch genommen da es Kck, einer fuekenden schuld von 90 Milliarden Franken ^nubersicbt. Man glaubt,vielfach, dak es die Pflicht der amerilanüchen Regierung sei. in die volitische ' Situation Lu remis einzugreiscn. Es ist die allgemeine Ansicht dak i'ic £dMilben an Amerika als Druckes l t .e l „ benutzen wollten, um unserer Sckuldnernation -itigere Politik vorzuschreiben. Die Tatsache, dak tlrH - S*itß)en an England, in dieser Be-
ziehung so wenig Erfolg gehabt bat läkt mich daran zwei- GlstüNio-rnnn^dNka lediglich wMen seiner Position als .."Dmlich Ware. Europa eine Politik zu die^zu"tun ^menka fühlt im übrigen auch keine Neigung.
Ein Vertreter der Angora-Regierung bei Poincaröe
T-'®- Baris. 28. Slug. Poincar 4 hat den SZer- Fetbi-Bei. emv sangen. u ,s? r ( v~ l öert6 hat sich die Unterhaltung auf die bevor- o e rl n 5 ’ 11 Venedig bezogen. Feihi-Vei -«/V- Zusicherung gegeben, dag leine Regierung alle annebmen wolle, die mit der Unab» barig-.gkert der Türkei vereinbar seien.
Die Wirtschaft! chö Not.
Br. Berlin. 28. Slug. (Eig. Dräbtbericht.) Am Montag? vormittag begannen die Verhandlungen der Ministerpräsidenten der Länder in denen zimachst der Reichskanzler einen Überblick über den Stand der Nevarutioiisfrage gab. Im AnsthluK daran wurden von den Ministerpräsidenten über die zu ergreiienden Maßnahmen gegen die Teuerung und die immer schwieriger werdende wirtschaftliche Laae beraten. Die Beratungen werden sich sehr ergiebig zeigen, da nickt nur die von oer Reichsiegierung in ihren Sitzungen beschlossenen wian- nabmen. .die zum grökten Teil schon veröfientlicht worden sind, im Mittelpunkt der Erörterungen iteben,,werden, sondern die einzelnen Ministervräsidenten der Lander, werden auch ihrerseits mehr oder weniger s e st um s ch r i e b e n e Pläne zur B e k ämv fu n g deF W uck er s. der Spekulation uiw. Vorbringen. Man darf annebmen. daß die Verhandlungen beute noch nickt zum Abichlutz gelangen werden. Nachmittags. 5 Uhr wird das Reicks- kabi nett ebenfalls zu einer Sitzung zusammentreten«»um sich mit der wirtschaftlichen Lage zu befassen Man darf annebmen daß in dieser Sitzung der Reiwskanzler Bericht über die Verhandlungen mit den Ministervräsidenten erstatten wird. Rach Schluß der Sitzung des Relcksk-<ylnetts werden dann die Beivrechunsen mit den Mmistervrandenten fortgesetzt weiden.
Die Rückwirkung des Marksturzes auf die Reichsbahn.
W.T.-B. Berlin. 28. Slug. In der ..Von. 3tß.“ behandelt Staatssekretär Stiel er vom Reicksoerkebrsmmistr- rium die Rückwirkung der wirtschaftlichen Lage und des Macksturzes aus die Reichsba . Das^ erste Vierteljahr brachte der ReichL-babn einen trievsüber^chutz von 2.5 Milliarden: die Berkebrseinnabmen im Juli konnten die Tc-ueiungswelle dieses Monats noch aunangen. Slber das fortgesetzte Herabgleiten der Mark zwang die Reechsoabn. die Gütertarife aus 1. Eevtember der Geldentwertung anzu- vassen, um eine Wiederkehr der eben erst beseitrgtzen,Deslzit- wirtschast zu reimeiden. Hinzu kommt, daß die Reichsbahn ein Drittel ihres Kel lenbedaris aus dem Slusland decken und mit Devisen bezahlen mub. Auch Erlvarnrsmannabmen können nicht das ausgleicken. was rmolse der Geldentwertung an Ausgaben zinväM.
Dreihundertfache Erhöhung des Zeitungspapieres.
Bb. Berlin. 28. Aug. Wie der ..Zeitungsverlag" mitteilt. wird die Forderung der Z e i tun gs druck v av i er erzeugenden Verbände für September 70 M. vro Kilogramm betragen. Das würde gegenüber dem Breis im August eine Verteuerung um 150 Prozent bedeuten, gegenüber dem Friedenspreis e:ne Erhöhung auf das D r e > ü u n d er t - sacke. Die endgültige Preissestlsetzung soll am 1. Sevt. erfolgen.
Ter ^Zeitungsrerlag" betont, es sei klar, dab die geforderte Preiseihöbung ..das Ende fast aller deutschen Zeitungen" bedeuten würde. Der Verein Deutscher Zeitungsverlcger werde in einer am 2. Sevt. itatt- iindenden Sitzung des Vorstandes und der Kreisvereinsdelegierten sich darüber schlüssig zu machen haben, welche Motznabmen in dieser Lage zu treffen sind.
Ein Plan der amsrikanischen Bankiers zur Wisderherstelluuq Europas.
W.T.-B. London. 26. Aug. ..Daily Telegravb' meldet aus New Bork: In W i I l i a m s t c w n (Massachusetts) findet eine n'chtoffizielle Konferenz amerikanischer Bankiers statt auf welcher ein Plan zur Wiederherstellung Europas erörtert wird. Dieser Plan stellt die Streichung der Schulden der kcntinentalen Staaten an Amerika in Aussicht. die Schulden Englands müßten aber bezahlt werden. Es wurde vorgeschlasen. daß Slmerika dann gemeinsam mlt Großbritannien den wirtschaftlich schwächeren Ländern andere Sledingungen auferlegen würde, die die Wiederherstellung 'des Handels und des wirtschaftlichen Gleichgewichts bezweckten. Tie Reformen auf dem Kontinent, auf denen bestunden werden müßte, umfaßten:
1. Reform der Staatsfinanzen einschließlich der Steuererhöhung. Verminderung der Heeresausgaben.
2. Wiederheistellung der Goldbasis auf einer neuen und viel niedrigeren Goldvarität.
3. Wirtschaftliche Regelung der deutschen Reparations- frase. d'e eine große Herabsetzung der Forderungen
' an Deutschland umfaßt, sowie ein Moratorium oon 3 oder 5 Jahren, falls keine ausländische Anleihe « Deutschland ermögliche, einen Teil der Reparationen zu zablen
4. Beseitigung der zahlreichen künstlichen Handels-
S ranken, die verschiedene Länddr errichtet haben., er Plan, der von dem Wirtschaftler Dr. Anderson von der Trade National Bank in New Bork stammt, protestiert auch gegen die hohen amerikanischen Sckutzzolltarise. die ein Hindernis für den Wiederausbau der Welt bildete»
Die internationale Nechtskonferenz.
W.T.-B. Paris, 27 Slug. Nach einer HavasMeldung aus Buenos Slires bat die internationale Rechtskon» serens den Vorschlag des englischen Delegiecten angenommen, der die Verwendung und Herstellung von giftigen Gasen verbietet. Der deutsche Delen-.erte Do. Simons bat für den Vorschlag gestimmt. Ein ameci» kanischer Vorschlag, e-nen Sondergerichtsbos zu ick,affen, wu'de grundsätzlich gebilligt und an eine Studienkommissioa oerwiesen. In den Slusschnßberatunnen wurde beschlossen, die Prüfung des Vorschlages, der auf eine Änderung des Vclkerkiindsstatuts binansläuft. auf das Jahr 1923 zu vertagen.
Polen und Ostgalizien.
W T.-B. Paris. 27. Aug. Nach dem ..ELo de Part»" übermittelte die polnische Regierung den bei ibr akkreditierten Mächten eine Note, worin sie die Großmächte bittet, möglichst bald den Rechtsstand Ostgaliziens, der erst vrovisorisch geregelt worden ist. iestzusetzen. Die volnüch« Regierung erklärt daß in Bolen, wo die allgemeinen Wahl«» der Tür strhen. Ostgalizien davon ausgeschlossen werd« muss«. ,
