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12 Ausgaben.

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Dienstag, 29. August 1922.

Abend «Ausgabe.

Nr. 401. * 70. Jahrgang.

Das Stadium der Sachlichkeit. |

.Die Einladung der Reparationskommission an die deutsche Regierung, bevollmächtigte Vertreter nach Paris zu entsenden, die den deutschen Standpunkt in der Frage des Moratoriums darlegen, läßt die Hoff­nung auskeimen, daß sich die politische Atmosphäre etwas gebessert hat und daß das ganze Problem der Reparationen in das Stadium der Sachlichkeit hinüber­geleitet worden ist. Offenbar sollen die Verhandlun­gen am Mittwoch in Paris sich in erster Linie um die Frage des Moratoriums drehen. Natürlich werden auch die deutschen Gegenvorschläge erörtert werden. Es ist sehr wohl möglich, daß Fordern agen kommen, die über unsere Zugeständnisse hinauxgehen. Man erfährt ja jetzt einiges aus der fremden Presse über den Ver­lauf der Berliner Verhandlungen. Danach hat die französische Regierung Herrn.Mauclöre tatsächlich an­gewiesen, das deutsche Anerbieten, 60 Millionen Eold- mark ins besetzte Gebiet zu überführen, zurückzuweisen. Erst als dann der englische Vertreter den zweiten Vor­schlag, die Holz- und Kohlenlieferungen durch Verein­barungen mir der deutschen Großindustrie vertrags­mäßig sicherzustellen, für sehr zweckmäßig erklärte, konnte Herr Mauclöre, ohne seinen Reisebegleiter schwer zu brüskieren, nicht nein sagen. Die Pariser Boulevardpresse möchte freilich Herrn Poincar6 dieses Nein noch nachträglich aufzwingen.

Zn der Sonntagssitzung der Reparationskommisiion aber hat man sich nicht an das Verlangen der Pariser Blätter gekehrt. Der Augenschein hat die Abgesand­ten der Entente offenbar doch eines anderen über­zeugt. Wenn Herr Poincar6 hundertmal erklärt. Deutschland könne zahlen, wenn es nur wolle, so stumpfen solche Versicherungen durch Wiederholungen besonders dann ab, wenn sich Politiker noch einen freien Blick für die Tatsachen bewahrt haben. Es ist überaus bezeichnend, daß der Berliner Vertreter der „Times" aus der Umgebung Sir John Bradburys zu berichten weiß, daß wohl der englische wie der franzö­sische Delegierte über den wahren Zustand Deutschlands einfach erschrocken gewesen seien. Beide seien sich darin einig, daß die Verwirklichung der Absichten des fran­zösischen Ministerpräsidenten die Gefahr von politischen und sozialen Revolutionen heraufbeschwören müsse. Offenbar haben diese persönlichen Eindrücke in der Re- paratwnskommission die Hauptrolle gespielt. Nimmt man hinzu, daß an der Beratung der Reparattons- kommission halbamtlich auch ein Vertreter Amerikas teilqenommen hat, so verstärkt sich der Eindruck und die Hoffnung, daß sich die neuen Verhandlungen im großen und ganzen auf dem Boden der Sachlichkeit be­wegen werden. Gleichwohl wird der deutsche Vertre­ter Staatssekretär Schröder, keinen leichten Stand haben Neben ihm soll inoffiziell noch Staatssekretär a D Bergmann nach Paris fahren. Ob die Kom­mission bereits am Mittwoch ihre Entscheidungen fällen kann, dürfte von dem glatten 3 Zerlauf der jetzigen Ver­handlungen abhängen. ,

Die neuen Nachrichten aus Paris haben einen Rück­schlag für den Dollar um fast 1000 M. gebracht. Es ist zu hoffen, daß diese Bewegung stch sortsetzt. denn selbst damit ist die deutsche Mark noch viel zu stark unterbewertet. Allerdings beträgt der Einfuhrüber­schuß im Juli wieder 10 Milliarden Mark, und der Geldumlauf hat sich abermals um 10 Milliarden Bank­noten gesteigert Dennoch steht die deutsche Wirtschaft in ungebrochener Kraft da. .Das darf man doch bei den Vergleichen mit Polen, Österreich.oder gar Ruß­land nicht übersehen. Es ist nur zu wünschen und zu hoffen daß es der deuffchen Regierung letzt gelingt, bei den Maßnahmen gegen die Wirtschaftsnot alles unge­sunde spekulative Treiben auszuscheiden. Es ist kem Zweifel daß der Veruhigungsprozeß durch eme aktive Reoieruna mit geschickten Mitteln wirksam gefördert wkann. Das ist auch darum notwendig weil der Vreisstandard in Deutschland noch nicht stabil wer­den kann, wenn es nicht gelingt, den Dollar weit unter 1000 berunterzudrücken. Wenn dies möglich ist, müssen die behördlichen Organe allerdings nnt größtem Nach­druck und geschärfter Aufmerksamkeit darauf bedacht sein daß die Preise auch wieder abebbem die man recht voreilig mit der Dollarentwicklung nach oben herauf­gesetzt hat! ---

Die Gegensätze.

w T B London. 29. Allg. Der...Timos"-Berichterstatter ftrUilAe Standpunkt fet klar: es muffe wenig­meldet.. Der brimm • j n i )res eine vollständige ^eps bis mm Ende »i« e u t f cS e n Zablu nge n statr- finV * f ■ odne üluferlesuns neuer Bedingungen.

Der

Siche MiMMkell !ät BetfiUiBU ies

D. Paris. 29. Aug. (Eis Drrbtberickt.) Die Reva- r a t i o n s k o m m i i s i o n hat am Montag die offiziellen Besprechungen fortgesetzt, die nach wie vor dem Versuch gelten, eine Kompromißlösung zu finden. Die Sitzung, xn der die deutschen Delegierten gehört werden sollen ist end­gültig auf Mittwoch festgelegt. Es wird hier mit Bestimmt­heit damit gerechnet, daß unmittelbar im Anschluß daran, aiw noch im Laufe des Mittwochabends die Kommission ihre end­gültige Entscheidung über das Moratorium fällen wird. -l>-e Beurteilung der Gelamtlagc ist seit beute optimistischer, was auch in einem nicht unbeträchtlichen Steiges der Mari an der Börse zum Ausdruck gekommen ist. .. . . ~

Der .Jntransigeant". der über die Vorgänge m der Re- varationskommisstvn in der Regel gut unterrichtet zu >em pflegt, versichert, man müsse angesichts des S t i m m u n g s - u m s ch w u n g e s. der in London. Paris und Brussel m den letzten Tagen eingetreten sei. mit 99 Prozent Wahrscheinlich­keit mit der Bewilligung des von Deutschland nachgesucknen Moratoriums rechnen. Dieses Moratorium, io iubrt das Blatt weiter aus. werde voraussichtlich bis zum onkrmttreoen der im Herbst von der Brüsseler Konferenz in Aussicht ge­nommenen Neuregelung des Nepar.atlons- Problems laufen. Man könnte bereits mit einiger Be- stimmtbeit sagen, daß diese Neuveselung endgültig den lon­doner Zahlungsplan und sodann auch den Versailler £iteöens= vertrag verlassen werde. Die durch die abermalige Berufung deutscher Delegierter nach Paris gewonnene Zeit sei von der Revarationskommijiton dazu benutzt worden, eine Einigung über den von der belgischen Regierung bereits in London ge­machten Vorschlag vorzubreiten. der darauf binauslaute. Deutschland die Begleichung der bis zum Ende des Sabres fälligen Raten statt in bar in 6 Monats-Akzepten der Dresdner Bank, der Deutschen Rcicksbank und der Drskcnto- gesellichaft zuzusckteben. Von belgischer Seite sei dieses An­gebot in der Revarationskommiiston nunmehr offiziell er­neuert worden. Es sei allerdings an die Voraussetzung ge­knüpft. daß die französisch: Regierung sich damit einverstan­den erkläre. Um eine Einigung zu erleichtern, batten sich die Belgier außerdem verpflichtet, die von Deutschland, zu be­gebenden Akzevte nicht außerhalb Belgiens diskontieren M lasten und sie batten versichert, daß die belgischen Banken stch bereit erklärt hätten, der Regierung die von ihr benötigten Kredite zur Verfügung zu stellen. Die Aussicht daß Frank­reich sich dieses Kompromiß zu eigen machen werde, werde von dem Blatt günstig beurteilt. Da Frankreich außerdem die von ibm gewünschten Garantien durch strikte Durchsübrung der Koblen- und Holzlieferungen erbalten bade, iei es möglich, daß die iranzöstsche Regierung dem belgischen Komvromißoorschlag. der ihren Forderungen wenigstens in den Hauptpunkten erfülle, ihre Zustimmung geben werde. Wie das Blatt weiter versichern zu können glaubt, sei in. der Revarationskommiiston auch bereits eine Einigung über die Erundzüge der von der Brüsseler Konferenz zu treffenden Regelung des Revarationsvroblems in seiner Gesamtheit er­zielt worden.

W. T.-B. Paris, 28. Aug. Wie die „Information meldet, hat der belgische Delegierte Delacroix Dubois nach der gestrigen Sitzung der Reparations­kommission eine Lösung vorgeschlagen, wie sie gestern der „Temps" als persönliche Anregung veröffentlicht hatte: Die Reichsbank solle durch monatliche Zah­lungen einen gewissen Geldbestand, der einen Wert von 210 Millionen Eoldmark darstellt, nach einer alliierten Bank schaffen, z. B. der Bank von England. Diese Bank würde der belgischen Regierung gleichwer­tig e K r e d i t e zur Verfügung stellen. Das deponierte Geld würde Eigentum der Reichsbank bleiben bis zur endgültigen Lösung der Frage der interalliierten Schulden und der deutschen Schuld, die nach den ame­rikanischen Wahlen im November stattfinden könnte. Nach dem „Journal des D6bats" hat der belgische Dele­gierte gestern nachmittag Dubois einen Besuch gemacht und ihm dabei diesen Vorschlag unterbreitet. Das „Journal des Döbats" ist übrigens der Ansicht, daß auch der im „New Bork Herald" erwähnte Vorschlag Bradburys tatsächlich erfolgt sei, und bemerkt da­zu: Es ist nicht zweifelhaft, daß diese beiden Anregun­gen von der französischen Regierung ernsthaft werden geprüft werden, die auch ihrerseits von dem Geiste höchster Versöhnlichkeit beseelt ist.

Besprechungen Dubois'.

W. T.-B. Paris. 29. Aug. Wie der „Petit Parisien" mit­teilt. bat Dubois gestern hintereinander lange Be­sprechungen mit dem englischen, dem belgischen und dem italienischen Delegierten in der Reparationskommission ab- sebalten.

Die deutschen Vorschläge.

Br Berlin. 29 Aug. (Eie. DrahtberiÄt.) Die deut­schen Vorschläge, betr. Garantien für die Kohlen - und Holzlieferungen, waren gestern abend Gmen­st and eingehender Beratungen zwischen der Reichsvegierung nnd den beteiligten Jndustriekreisen. Eine endgültige For­mulierung ist. wie wir erfahren, noch nicht erfolgt, wird aber beute scrtiggestellt werden, so daß sie der nach Baris M entsendenden Delegation zu den Besprechungen mit der Reparationskommission vorliegen wird.

Kommerzienrat Guggenheimer geht nach Paris.

Lr. Berlin, 29. Aug. (Eig. Drahtbericht.) Nach einer Blättermeldung ist Kommerzienrat Fritz Guggenheimer, der Inhaber der Seidenweberei Michel u. Eo., als Sachverständiger für die Seiden­industrie von der deutschen Regierung zu den Ver­handlungen nach Paris berufen worden.

Die Ansicht Bradburys.

IV. T.-B. London, 29. Aug. Der Pariser Bericht­erstatter der „Times" meldet: Der britische Delegierte in der Reparationskommission, B r a d b u r y, spricht^ seine Ansichten nicht häufig offen aus. Angesichts der Dringlichkeit und des Ernstes der augenblicklicher Lage habe er .sich jedoch bereit erklärt, dem Berichr erstatte! gegenüber folgende wichtige Exklärung abzu­geben: Der unparteiliche Beobachter, der alle Faktoren < in Betracht zieht, kann keinen Zweifel darüber haben, daß die Lage in Deutschland derart ist. daß die Alliier-f ten, wenn sie irgend einen ernsten Wunsch haben, Re­parationszahlungen zu erhalten, verpflichtet sind, der' deutschen Regierung ein gewisses A^e.r- trauen und eine gewisse Gunst zu erweisen und nach zu streben, die Bedingungen zu erhalten, untei denen der deutsche Kredit wiederhergestellt werden^ wird. Ich habe stets im Interesse Frankreichs ebenso wie auch Großbritanniens gehandelt. Ich hege diet tiefgehende Überzeugung, daß uns nur zwei Weg es offen stehen. Der eine ist, Deutschland Zeit zur Erholung zu gewähren. Dies würde ■ unsere einzige Aussicht auf die Verwirklichung unserer Forderungen an Deutschland sein. Der andere Weg ist, zu drohen und schließlich zur praktischen Aktion zu greifen. Dieser würde das sichere Ergebnis haben, daß jede Hoff­nung auf Reparation verschwindet. Wir sind zweifellos an dem kritischen Punkte ange­langt. wo wir entscheiden müssen, ob wir ein Deutschland wollen, das künftig in der Lage sein wird, seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, oder ob wir ein ruiniertes, hilfloses Deutschland wollen, von dem wir, ganz gleich mit welchen Mitteln, vollkommen außerstande sind, weitere Zahlungen zu erhalten. Jeder Druck, der dazu bestimmt ist, die guten Absichten der deutschen Regierung zu stärken, könnte möglicherweise vom Standpunkt der Reparationen versechtbar sein. Aber jede Aktion derart, wie sie vorgeschlagen worden ist, würde zweifellos die Mark noch weiter herabdrücken und wenn sie einen gewissen Punkt erreicht hat. wird es ihr schwer sein, wieder zu steigen. Die Folgen einer Forderung von Barzahlungen im gegenwärtigen Augenblick oder eines Verlangens nach Garantien, die für Deutschland unmöglich sind, sowie die Anwendung von Sanktionen zur Erzwingung solcher Zahlungen und Garantien werden vielfach nicht nur verhängnis­voll für Deutschland sein, sondern eine unmittel­bare Auswirkung in anderen Ländern haben. Der wirtschaftliche und finanzielle Zustand der Welt ist derartig, daß keine weiteren Stöße ertragen werden können. Vom politischen Standpunkt würde zweifellos viel zu sagen fein. Aber meine Funktionen gestatten mir augenblicklich nur, die Lage von der finanziellen und wirtschaftlichen Seite zu betrachten, und als einer, der sorgfältig die Frage der Repara­tionen studiert hat, bin ich jetzt gezwungen, die W a r- nung zu geben, daß der einzige Weg. von Deutsch- land etwas zu erhalten, der ist, Deutschland eine Zahlungsfrist zu gewähren und der Wieder­herstellung seines Kredites kein Hindernis in den Weg zu legen, während der sichere Weg, nichts zu erhalten, der ist, ohne Bewußtsein der ungeheuren Erschütte­rungen zu handeln, die den Krach, der jetzt droht, be­gleiten und auf ihn folgen werden.

Am Vorabend des Wirtschaftlichen Zusammenbruchs.

D. London. 29. Aug. (Eig. Drabtberickt.1 Die ..Times" schreibt in emem Leitartikel: Eine furchtbare finanzielle Gefahr hängt über der Welt. Deutschland befindet sich allem Anschein nach am Vorabend des wirtschaftlichen Zusammenbruchs /und zwar innerhalb einer Periode der nächsten Wochen. Der französische und englische Delegierte sind zu dem Schluß gekommen, daß die Laixe Deutschlands entsetzlich ist. Senator Cor. der wahrscheinlich in zwei Jahren wieder demokratischer Präsidentschaftskandidat in den Vereinigten Staaten sein wird. iÄeint eine ebenso ernste Ansicht über die Lage Deutschlands zu baden. Er er­klärt. daß die augenblickliche deutsche Regierung. an deren veriöiil:chen Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, wie die „Times" schreibt. B r a d b u r y und seine französischen Kollegen glauben, bei dem wirtschaftlichen Zusammenbruch Deutsch­lands auch stürzen wird. Die Unruhen, die daraus werden, werden für einen langen Zeitraum jede

felgen An-.sich

tu-ficht «ui Äarlieferungen oder Sacklieferungen zerstören. Dies wird jedoch nicht die einzige Katastrophe sein. Es wird wahrscheinlich zum Krieg führen. Alle Länder werden darunter leiden, am meisten die Länder, die Deutschlands Hauptgläubiger sind. Es ist sicher, daß Brad- bury vor der Reparationskommission für ein Moratoriuin bis Ende des Jahres für die Barzahlung und ohne Pfänder eintretev wird. Leider ist aber kein Anzeichen vorhanden, daß die französische Regierung eine Änderung ihrer bis­herigen Pol'tik beabsichtigt.

Amerikanische Wirtschaftsstudien in Europa.

D. Paris. 29. Aug (Eig. Drahtbericht.) In Eber- b v n r g ist die aus Bankier- und Wirtschaftsiiolitikern zu­sammengesetzt« fiter nationale Kommission ein- getroiien. di« im Auftrag amerikanischer Banken- und Sau- delsgesellschaften den Kontinent bereifen wird, um tue Han- delrmögl'chkeiten mit Eurona zu „nterinckm.