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Samstag, 26. August 1922.

Morgen-Ausgabe.

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Nr. 396. ♦ 70. Jahrgang.

WeltpolM und Erdölfrage.

. Unter der Aufmerksamkeit der ganzen Welt filmen letzt die Besprechungen über die Neuregelung der Re­parationsfrage zwischen Deutschland und den Alliier­ten statt. So dringend notwendig und nützlich auch rm Augenblick eine Teillösung der weltwirtschaftlichen Probleme ist — und die Reparationsfrage ist ein solches — so aufmerksam müssen wir doch bei allen nächsten Ereignissen die wesentlichen Triebkräfte und Quellen des gegenwärtigen weltpolitischen Geschehens mit in Betracht ziehen. Können wir doch nur daraus die füx die Haltung der anderen Nationen wirkenden und mitbestimmenden Faktoren erkennen und zu rich­tiger, klarer Erkenntnis des Erreichbaren und Durch­führbaren gelangen. Von besonderer Bedeutung ist hier das Problem der Erdölpolitik, die im vierten Heft der Wiederaufbau-Ausgabe des „Manchester Guardian" eine besonders eingehende Darstellung gefunden hat. Die nachfolgenden Ausführungen sind einem dortigen Artikel über die politische Seite der Erdölfrage ent- nommeil.

Ein Mitglied des britischen Kabinetts hat in einer Rede kurz nach dem Waffenstillstand erklärt, daß das Petroleum den Krieg gewonnen habe, und daß ohne die ununterbrochenen Erdöllieferungen, die die Ver­einigten Staaten den Flotten und den Heeren der Alliierten über den Ozean sandten, der Krieg ver­loren gegangen wäre. Von diesem Standpunkt der nationalen Verteidigung oder Kriegsbereitschaft aus begannen Frankreich mä> Großbritannien in der Zeit nach dem Waffenstillstand eine kommerzielle Kontrolle des Erdöls als politisches Prinzip für die Alliierten anzufshen. Frankreich ging daran, wie sich aus einem balboffiziellen, in Paris im Mai dieses Jahres heraus­gegebenen Bericht ergibt, feine Stellung in Galizien zu konsolidieren, sowie seine Vorkriegsanteile in rumä­nischen Unternehmungen zu erhöhen und die Erdöl- prodstlktion auf seinem eigenen Gebiete durch Bohrun- geu und Destillierungen aus Schiefer und Kohle zu entwickeln. Großbritannien war immer für eine Politik der „nationalen" Kontrolle der Erdölfelder durch Auf- rechterhaltung der Nationalitätsbefchränkungen in allen Teilen feiner Kronkolonien, wo das Erdöl ge­funden wird, eingetreten — zum Beispiel in Trinidad, Barbados und Indien. Außerdem war Großbritannien viele Zahre vor dem Ausbruch des Krieges in eine imperialistische Erdölpolitik unter demDrucke der Erd­ölnachfrage der Admiralität Hineingetrieben worden. Bereits i'm Fahre 1904 hatte Lord Fisher voraus-

0 , daß die britische Flotte Brennöl an Stelle von gebrauchen werde. Churchill war als Chef der Admiralität imstande, das Kabinett für eine Politik der staatlichen Beteiligung an der Erdölindustrie zu gewinnen. Durch eine Parlamentsakte wurde die Kontrolle der Angloperfischen Erdölgeselstchait er­worben.

Zur selben Zeit haben in Amerika zwei populäre Ansichten an Boden gewonnen. Erstens, daß das Erdöl ein für den nationalen Wohlstand in Friedenszeit wichtiger Besitz fei. Zweitens, daß die Vereinigten Staaten ihre eigenen Erdöldepots auf eine unver­nünftige Weife durch die Belieferung der Welt m Friedenszeiten und der Alliierten im Kriege erschöpft hätten, und daß man daher in fremde Lander auf die Suche nach neuen Erdölquellen gehen muffe um In­dustrie und Handel aufrecht zu erhalten Zu dieser Zeit wurde eine Schätzung des Bureau op Mrnes der Vereinigten Staaten offen zitiert, aus der heroorgrng, daß die Vereinigten Staaten, die territorial mehr als zwei Drittel der tatsächlichen Weltprodultion des Erd­öls kontrollieren, politisch nur etwas mehr als ein Achtel der übrigen Petroleumguellen der Welt unter ihrer Aufsicht haben. Es war daher zu erwarten, daß die Washingtoner Regierung sich für eme" allgemeine Anerkennung der Politik der Offenen Tur in bezug vrif die Entwicklung der Erdolproduktlon erklären

Die erste politische Ursache der ReibunMN zwischen England und den Vereinigten Staaten ,n der Offrage war der Vertrag von San Remo. ^ et 1! ^0

zwischen Sir John Lad man als Vorsitzenden der britischen Petroleum - Executive und PhiliMe Berthelot als Vertreter der Umzofifchen. runa obaeschlosien wurde. Dieses Abkommen sah eine vereinte politische Aktion Zur Unt^stutzung der beider­seitigen Staatsangehörigen bei ,der Cntwlcklung der Erdölprodultion in Mesopotamien Galizien Rumä­nien Klein-Asten in den Gebieten des früheren rufst- L ZÄ- d°n fwnzvsischee Kolonien und don tisLen vor. E§ deduiste keines <Inst^ßes

von seiten derStandardOil. um die *2??

einigten Staaten zu einem Protest gegen ttes.n Ver­

trag zu veranlassen. Bei der sich daraus ergebenden Korrespondenz zwischen Lord Curzon und Colvy wurde jener gezwungen, sich zum Prinzip der Plenen Tür zu bekennen. Außerdem wurden die Ansprüche der Standard Oil Company auf eine Konzession m Palästina auf derselben Rechtsgrundlage bewilligt. Auf diese Weise gewann die Standard Oil Company ihren ersten Handelssieg infolge der politischen Inter­vention der Regierung der Vereinigten Staaren.

Die Bemühungen der Standard Oil Company wurden dann wieder energisch durch eine politische Aktion bei dem Djambi-Streit unterstützt. Der Ge­sandte der Vereinigten Staaten im Haag üoerre.chte der holländischen Regierung am 9. April 1921 eine Note, die dagegen protestierte, daß alle Rechte im dem reichen Petroleumgebiet von Djambi in Hollandisch- Ostindien der Royal Dutch zugesprochen wurden Die Standard Oil konnte keine stärkere politische Unter­stützung finden als diese, und trotzdem passierte das Gesetz, das die Arbeiten in den Ölfeldern von Diamoi der Batavia Oil Company, einer Tochtergesellschaft der Royal Dutch, übergab, EndeApril 1921 die Zweite niederländische Kammer.

In diesem Moment erhob sich ein Streit über Öl­felder in Nordpersien. Die persische Regierung be­willigte der Standard Oil Company eine Konzession auf einem Gebiete, das die Anglo-persifche Erdöl- Gesellschaft für sich in Anspruch nahm. Klugerweise erklärte die britische- Regierung einen WaffenftiWand. Es gelang, eine Vereinbarung über die gemeinsame und gleichmäßige Ausbeutung von Rord-Perstsn durch die Standard Oil und die Anglo-Perfische Oil Com­pany zu treffen. Es wird auch angedentet, daß mit der Standard Oil eine gemeinsame Richtlinie für die Bchandluna der russischen Konzessionen gefunden sei.

Frankreich und Großbritannien müssen den Irrtum der Doktrin anerkennen, wonach die kommerzielle Kon­trolle der Ölbestände für die Kriegsbereitschaft wesent­lich sei. Frankreich würide auch der ausschließliche Besitz der rumänischen Felder in FriedensKeit nicht nützen, wenn es im Krieg mit seinem Heer und feiner Flotte Rumänien und den Bosporus nicht beherrschte. Die Kontrolle der Anglo-Petstschen Erdöl-Eompagnie hätte Großbritannien nichts genützt, wenn ferne Flotte nicht den Persischen Golf und die Transportwege beherrscht hätte. Das Erdöl sichert nicht die Herrschaft zu Lande und zur See — das Umgekehrte ist der Fall. Die Vereinigten Staaten müssen gleicherweise anerkennen, daß, wenn einmal das Prinzip der offenen Tür ange­nommen und angewandt wiÄ. eine politische Unter­stützung der kommerziellen Unternehmungen im Ans­lande nicht mehr möglich ist.

Eine allgemeine Annahme der Politik der offenen Tür würde wahrscheinlich das Erdöl nicht völlig aus dem Bereiche der Politik ziehe». Fn erster Linie ist die Tendenz zur Nationalisierung der Erdölguellen schon ein Grund für politische Reibungen. Das tritt am aLltesten in Rußland in die Erscheinung. _ In Mexiko hat es Streitigkeiten zwischen den Ölgesellschas- ten und der Republik in bezug auf die Auslegung >des Artikels 29 der. Caranza-Konstitution gegeben, der 'dem Staate „das unmittelbare Eigentum an allen Mineralien, an Petroleum und an Hydrokarbon" zu­spricht. Abgesehen von dieser Frage der Rationafffie- rung würde die Politik der offenen Tür, auch wenn man sie allgemien anwendete, zurzeit die großen Erd- öllonzerne nicht an einer Beeinflussung ihrer Regie­rungen hindern können. Die Stimme des Öltrusts ist so mächtig, daß sie gehört werden muß. Dieselbe Ge­fahr zeigt sich auch in Europa. Fm Royal-Dutch- Shell-Konzern kontrollieren die »holländischen Inter­essen 60 Prozent und die britischen 40 Prozent der Anteile. Ist es nicht gesunde Politik in Holland, daß die niederländische Regierung der Royal-Dutch-Shell eine „Meistbegünstigungs-Behandlung angedeihen läßt? Es wäre schwierig für die >mneri konische Regie­rung »der das amerikanische Volt, die Überzeugung zu gewinnen, daß bei irgendwelchen notwendig werden­den diplomatischenVorstellungen, die irgendwie enffernt mit de,m Öl zusamme» -hängen, das britische Foreign Office sich nur von einer n unparteiischen Gerechtigkeits­gefühl für die britischen Untertanen oder das Wohl der Bevölkerung ihrer Mandatsgebiete leiten läßt, wenn die britische Regierung der größte Anteilbesitzer der Anglo-Perstschen Ölkompagnie ist. Und doch wäre die Erkenntnis der Vorteile einer ehrlichen Anwen­dung der Politik, die leine nationalen Einschränkungen in bezug auf die Ausbeutung und Produktion des Erdöls duldet, und die Erkenntnis der Nachteile einer direkten Unterstützung der vorhandenen großen Öl- interesien durch die Regierung ein großer Schritt zur Verbesserung der auswärtigen Beziehungen aller am Öl interessierten Länder!

mM!««» lit S«LWM«M»W».

Vor der Veröffentlichung einer gemeinsamen Kundgebung.

Br. Berlin, 25. Aug (Eig. Drahtbericht.) . Der diplo­matische Mitarbeiter der ..23. 3 ‘ schreibt: Die Verhand­lungen der Reparationskommission mit der ReichsreslLrUNg haben auch gestern den ruhigen, geschaiffichen Verlaus ge­nommen. in dem sie sich bisher bewegt haben. Es liegt lern Anlass vcr. irgend welchem Övtimismus Vorschub, zu leisten. Die Lage ist nach wie vor ernst, aber ne nt nickt ver­zweifelt. Es wird noch im Laufe des heutigen Iiases eine Erklärung von deutscher amt i r ck e r ü e i te erfolgen, die die Unterschrift auch der Vertrete: der.Repa­rationskommission tragen wird. Es handelt sich hierver nicht um endgültige Vereinbarungen, sondern um Vermittlungs- rorschläge. die gestern nachmittag in einer mehr, ats rrmi- itürck-iscn Besprechung mit dem Reicksfinanzmen iit-er Dr. Hermes gemacht wurden und an welcher in letzter Stunde auck Staatssekretär a. D. Bergmann teilgenommen hat. Diese Vesprechungen haben das Ergebnis gezeitigt, das es nicht zu einem Bruch kommt, sondern da« inan vielleicht in einer heute vormittag noch zu tertrerenden Form die.er- iwäbnte gemeinsame Kundgebung erlaum wird, aus der bervorgeht. datz die Vertreter der Reoarattonslsm- missjon die Anregungen, die gestern vormittag von. einem von ihnen zur Ankabnung einer mittleren Lrnie gemacht woiden sind, nach Paris mitnebmen. wo dre Entfcheisima getroffen werden soll. Zn Berlin sind redenfalls alle Mög­lichkeiten einer 2?erständigung besckritten und.erschöpft wor­den. In den gestrigen 2lbendstunden rand ern reger Tel«- grammrerkehr zwischen den Verttetern der Revarattons- towmisllnn einerseits und ihren Regierungxn wwre der Roparation-ckommillion andererseits statt. .Es wird ange­nommen. daß Bradbury und Mauclere m diesen Tele- grc-MM-en am weitere I n st r u k t i on e n geEluber. d.n letzte« deutschen Borschlägen ersucht haben. Ruck die bmt= scheu Unterbäichler babm in der Zeit, in.der keine Be» sprechungen stattfanden, ihren Kollegen. berichtet und m.r ihnen die Möglichkeiten ein er Einigung beraten So ist von beiden Seiten .geschehen, was geschehen konnte^.um vorhandene Gegensätze zu uberbrncken... so weit dies möglich war Was redenralls retzt an der Dorse g.- schiebt. ist einfach Hnsterie. Die realen Tatsachen rechi- fertigen diesen Berrweiflungszustand und Rervenrulanuuen» bruw der Börse inkeinerWeise.

Heute rormittag um 10 Uhr. wurde di« Kabinetts­sitzung iortgesetzt die gestttn in ^vater Nachtstunde abge­brochen werden mutzt«. Die Herren von oer Schwerindustrw und die Führer der Deutschen Volksvartei..stnd offenbar ge­willt. mttzubelfen. um das Äußerste zu verhüben. Weun «an sich im Kabinettsrat geeinigt balzen wird, daim dunte um die Mittagszeit eine 3 u f.amm enkun f t «nt den, beiden Mitgliedern der Revarationskomm'ssion erfolgen, um den Text der nemeinsamen Kundgebung femusetzen ^ie beiden Herren der Reoarattonskommlsnon patten, von Anfang an m Aussicht genommen, am oreitasnachmittag n'a ch V a r i s z u r ü ck z u k e b r e n. Bon emem lanserni Verweilen war nie die Rede gewesen. Es liest daher durch­aus auf der Liuie des oorgs,ebenen Programms, datz d:e ibeiren Bradbury und Mauclöre den 3ua um 2 Uhr nach Paris benutzen, falls sie bis dahin den Wortlaut des ge­meinsam zu vsröffentlichendsii Komrminiauss festgeietzt baden. Wei-n also die Herren beute abreüem so bedeutet das nicht nur keinen Äbb.ruch der BexbanÄlunWi. ww von gewisser Seite immer wieder zu durchsichtm^n 3wecken ausaestreut und. sondern im Gegenteil ibre FortfSb- r u n g Do die beiden Mitglieder^ der Nevarattonskom- mission morgen in Paris eintreffen. .so wird die Sitzung der Reoaratiourkomwission voraussichtlich nicht vor Montag stattsinden so datz vor Mitte nächster Docke kaum eine enligiiltlge Entscheidung zu erwarten ist.... Wesentlich für die Verbandlur.aen der Reoar.ationskommission wird de Umstand sein, ob es gelinst, eme Einstimmigkeit io der Entscheidung hcrbeizufübren.

Die Ansicht der englischen Presse.

W T-B London. 25 Aug. (Drahtbericht.) SU „West - m inst er Gazette" schreibt, die RevarationskommiMon werde durch die Haltung Poivcards gezwungen. Deutschland schwere Bedingungen zu macken Deutschland könne in feiner aeoenwärtigen Lage weder etivas garantieren llpch etwas nersyrecken Nur die Verminderung der Entschä­digung auf eine solche Summe, die Deutschland ^ bezahlen könne, könnte irgend welchen Nutzen stiften Das Blatt weist auf die verbängmsvolle Lehre bin. dis Österreich den Alliierten gäbe. Bctzt muyten ste mcht. was ste tun sollen nnd beschränken sich auf die Feststellung, datz der ^ ob des volittfcken Gebildes Österreich die Gesundung Europas aufs schwerste gefährde.

Poincarös Bericht im Ministerrat.

rv. 1 .-L. Paris. 25. Aug. Wie das „Petit Zournat" mittelst bat P o i n c a r e im gestrigen Mnnsterrat einer» Überblick über die Revarationsverbandlungen in Berlr»

gegeben. pariser Presfestimmen.

v Bari«. 25. Aus. (Eig. Drahtbericht.) Die biestsen Blätter fahren in ihrem P e s! i m i .s m u s über den Aus- gang der Berliner Verhandlungen fort und bringen beute früh beinabe kommentarlos die Nachricht, datz die iVerband- mnsen in Berlin als abgeschlossen betrachtet werden, können. Der allgemeine Eindruck ist hier, datz auch der heutige Ta« keinerlei gümtige Entscheidung bringen weroe. trotzdem man bebauvtet, datz die deutsche Regierung neue Vorschläge dw» Delegierten der Wiedergutmachnngttommlsiion unterdret«» «erde. Es ist zwar möglich, schreib! der „Petrt Part- sien". datz morgen die deutsche Regierung stm entschliede. i« letzter Stunde neue Vorschläge zu unterbreiten, aber über de« Ausaang dieses letzten Schrittes darf, man veMmrstisch sein. Zn jedem Falle ist es sehr w-rhricheuilich. oatz die neuen Bor- schläae den französischen W>inschen keinerlei Genugtuung be­reiten werden. Zm übrigen glaubt das Blatt, datz die deutsche Regierung selbst sehr wenig von dem Enolg dieses letzten Schrittes überzeugt sei. Der französische Standvunkr in dieser Äage des Moratoriums und ipeziell in der. »rage i des Anerbietens der deutschen 50 Millionen-Garantte «t de»