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Freitag, 25. August 1922.
Abend-Ausgabe.
Nr. 395. * 70. Jahrgang.
Panikstimmung.
Schon lange mußte es auffallen, daß die deutschen Devisenkurse sich fast regelmäßig beträchtlich über der New Yorker Parität bewegten. Die Differenz »lachte gelegentlich bis zu hundert Mark aus. Man mußte daraus den Schluß ziehen, daß der Pessimismus m Deutschland größer war als im Auslande. Wie soll aber das Ausland jemand Vertrauen schenken, der an sich selbst verzweifelt? Sicherlich hat die Wahrnehmung des Auslandes, daß in Deutschland Mutlosigkeit und Gleichgültigkeit die Oberhand gewinnen, viel zur Beschleunigung des Marksturzes beigetragen. Nunmehr hat diese verzweifelte Stimmung einen Grad erreicht, der nur noch als Panik bezeichnet werden kann. Die völlige Unsicherheit in bezug auf den Verlauf der Reparationskrise, die durch das Ausbleiben sicherer Nachrichten noch verstärkt wurde, gab den Boden für die Verbreitung von Gerüchten über einen Abbruch der in Berlin geführten Verhandlungen mit den Vertretern der Neparationskommission. Das genügte unter den heutigen Verhältnissen vollkommen, um einen uferlosen Fall der Mark hervorzurufen. Innerhalb weniger Stunden wurde bei dem Mangel jeden Deoisen- angebots ein Dollarkurs von fast 2000 erreicht. Tatsächlich sind die Gerüchte, die diese Panik hervorriefen, unbegründet. Von einem Abbruch der Verhandlungen kann um so weniger die Rede sein, als diese bis jetzt kaum wesentlich über eine Fühlungnahme hinausgelangt sind. Einem Vorschläge der Reichsrechorung, der den Ententevertretern und besonders natürlich dem Franzosen ungenügend erscheint, steht ein Gegenvorschlag der Reparationskommission gegenüber, der von der Reichsregierung als unannehmbar bezeichnet wird. Beide Vorschläge sind allerdings sehr weit voneinander entfernt. Aber solange die Verhandelnden selbst die Hoffnung nicht aufgeben, daß die Differenz durch weitere Fühlungnahme noch verringert werden kann, braucht man nicht einmal diese Berliner Verhandlungen als aussichtslos zu betrachten, obwohl sie doch auch von englischer Seite mit recht geringen Erwartungen eingeleitet worden sind.
Ohne daher den Ernst der gegenwärtigen Lage zu verkennen, die sich immer mehr zu einer entscheidenden Wendung zuspitzt, muß man es doch aufs schärfste verurteilen. wenn durch Verbreitung unrichtiger Nachrichten über ein vorzeitiges Scheitern der Verhandlungen die schwere wirtschaftliche Krise, in der wir uns befinden, noch in verhängnisvoller Weife verschärft wird. Gerade weil die Dinge schon so überaus ernst liegen, sollte jeder einzelne so viel Verantwortungsgefühl besitzen, um sie nicht durch Übertreibungen und unberechtigte Schwarzmalerei noch zu verschlimmern Ein Wunder ist es ia nicht, wenn die Rerven des deutschen Volkes wieder einmal zusammenbrechen. Aber geholfen wird ihm damit ganz gewiß nicht. Wir verlanoen in der gegenwärtigen Lage die Hilfe des Auslands, streben nach einer internationalen Anleihe und brauchen Kredit, um uns emporzuarbeiten. Wie sollen wir das alles erlangen, wenn wir nach außen hin das Bild eines seelisch zusammenbrechenden. Nicht mehr an unsere Zukunft glaubenden Volkes bieten.
Man kann selbstverständlich nicht den Markkurs ff dem Wege der Verordnung heben oder auch nur abilisieren. Wenn jetzt von den Gewerkschaften so was gefordert wird, so muß mit Recht daraus hin- ^wiesen werden, daß dieses untaugliche Mitte«, rn üßland den Währungssturz erheblich besihleumgt rt. Gegen die harten wirtschaftlichen Tatsache» kann AN nickt mit bureaukratischen Verordnungen an. twas anderes ist es. ob die Vorschriften über den aus von fremden Zahlungsmitteln.nicht noch eüvas rger und strenger gefaßt werden können, so daß es euten, die nicht in fremden Wahrungen ..zu zahlen rben, unmöglich gemacht wird, an der Börse sve.u- itw in die Erscheinung zu treten. Auch hier 'st die entrolle ungemein schwer, da fa selten sestzuste!.en i, ob jemand für den eigenen Bedarf oder für irgendwelche Hintermänner Devisen erwirbt, immerhin innten wir hier durch scharfe Verbote und die An- cohung erheblicher Strafen Wandel schaffen Man luß die Regierung auch mit aNer Deutlichkeit daraus rängen, daß sie nickt der uferlosen Pr-lS^..gernng
rtenlcs zuschaut. Die Auswucherung des Volkes
mnt bald keine Grenzen mehr. Auch Deutschland beispielsweise noch seinen Eigenbedarf an lucker, soweit es sich um den Volksverbrauch handelt, lobald natürlich ganze Industrien °ls Käufer auf dem luckermarkt auftreten, die vermöge ihrer Ausfuhr.be- uemAuslandszucker erwerben konnten, tritt Materiah erknappung ein. Ohne einer u eu e n Z>.vangswrM oft as Wort reden zu wollen, mutz doch S^t 've^en. ah der Staat sich keinesflflls mrt der berühmten Kacht-
wächterrolle begnügen darf, wenn es um Leben und Sterben eines Volkes geht. Gewisse Regelungen und eine geschäffte Aufmerksamkeit sind in dieser Zerr unerläßlicher denn je. Dabei ist auch festzugalten, daß in der Lebensmittelerzeugung die Dinge doch nicht >o liegen, daß wir hier die Preise einfach nach der Entwicklung der fremden Zahlungsmittel bemessen mußten. Der landwirtschaftliche Produzent kauft keine Rohstoffe in fremder Währung, es ist darum auch Wahnsinn, wenn er seine Getreide-, Kartoffel-^ Fleisch-, Vutter- und Eemüsepreife einfach munter nach b'en Kletterkunststücken der fremden Zahlungsmittel bemißt. Ganz ähnlich liegen die Dinge in vielen anderen Zweigen, die den deutschen Tagesbedarf in Nahrung und Bekleidung liefern. Wenn hier die Preise ins llferlose steigen, wenn in der Absicht einer noch stärkeren Auswucherung' Waren zurückgehalten werden, so liegt das einfach daran, daß unsere Wuchergesetzgebung und unsere Polizeiorganisation vollkommen, versagen. Die Regierung muß hier aus ihrer Passivität..heraus. Aber sie allein vermag das Übel nicht zu bändigen, sondern aus dem Volke heraus muß ein neuer Eemein- sinn erstehen, der Hamsterei ebenso ablehnt wie Wucherei und nur, wenn Bevölkerung und Behörden Hand in Hand arbeiten, kann dem Übel gesteuert werden.
Das Dunkel, das über den Berliner Verhandlungen liegt und das für ängstliche Gemüter immer furchterregend ist, wird sich in den nächsten Tagen lickten müssen. Daß derartige Verhandlungen, wie sie jetzt in Berlin gepflogen werden, nicht unter dem. Scheinwerfer der Öffentlichkeit stattfinden können, wird auch von denen zugegeben, die sich sonst als entschiedene Gegner der Geheimdiplomatie bekennen. Selbst wenn aber die Beratungen, was durchaus wahrscheinlich ist, diesmal noch nicht zu einer Einigung führen, braucht man noch nicht cm das Schlimmste zu denken. Es wäre schon viel erreicht, wenn eine Annäherung zwischen Forderung und Angebot erzielt werden könnte. Man hat sogar den Eindruck, als ob die französischen Forderungen bereits jetzt eine gewisse Milderung erfahren. Sie spitzen sich zu in dem Verlangen einer alliierten Kontrolle über die Einkünfte der deutschen Stakrts- bergwerke im Ruhrgebiet und die linksrheinischen Staatsforsten. Man weiß aber, daß in diesen Leiden Punkten auch England nicht zum Nachgeben bereit ist und daß Italien in dieser Hinsicht mit England vollkommen übereinstimmt. In der Reparationskommission können also Beschlüsse hierüber ohne die Zustim- mung der deutschen Regierung nicht gefaßt werden. Unter diesen Umständen können wir nichts Törichteres tun, als wenn wir durch eine ganz unangebrachte Panikstimmung selbst die Festigkeit unserer Abwehrfront gegen das unerfüllbare französische Programm als erschüttert erscheinen kaffen. Man soll seine eigene Sache nicht verloren geben, solange sie nicht verloren ist!
Die englische Presse zur deutschen Markkatastrsphe.
W. T.-B. London. 25. Aua. kDrahtSerickt.) Die .Times" mackt in einem Leitartikel, der die ganze m London berrschende Besorgnis wiedergibt, der britiscken Regierung wegen der Baliournote und Poincars wegen ferner Haltung ..auf der Downing-Street-Konierenz und wegen seiner Rede in Bar- le-Duc Vorwürfe und aibt der Hoffnung Ausdruck daß der französische Ministerpräsident setzt nickt die Interessen Europas aufs Spiel setzen wird rm Namen der Konieguenz des Irrtums. Die ..Times" sagt, die von mrschiedenen Pariser Blättern gewünschte deutliche Warnung an Deutschland müßte nicht nur nach Berlin gegeben werden. Das Blatt sagt dann weiter: ..Sind denn die französischen und die britiscken Politiker von allen guten Geistern verlassen?" Sie mögen nur erwägen, was etn weiteres Fallen der Mark bedeutet. Es ist dann möglich, daß innerbalb der nächsten Woche die deutschen Banken dir Finanzierung der deutschen Industrie einstellen. Hunderte von Fabriken würden schließen muffen und soziale Unruhen würden dann nicht zu verhindern sein. Die Sanduhr ist ab- aelausen und die nock vorhandene Zeit für eine gemeinsame Anstrengung, um die ungeheuere Gefahr abzuwenden, die nicht nur den euroväischcn Kontinent, sondern auch England bedroht. kann mit Wecken bemessen werden. Die ..Times" schließt wörtlich: Wir halten es für die Pflicht Frankreichs, sich jeder Aktion zu enthalten, die dazu angetan ist. die be- stMende Krise überbauvt nickt mehr gut zu machen, und die zu einer Katastrophe führen könnte und wir halten es cbenio sür die Vilicht der britischen Negierung, ihren falschen Standpunkt zu verwerten und rasch ein positives Übereinkommen mit Frankreich zu suchen das sich auf Bedingungen gründet, die Deutschland anzunebmen veranlaßt werden kann.
..Daily News" schreibt. Deutschland hat bereits das Stadium erreicht, wo das Volk aufhört, stck um die Drohungen der alliierten Regierungen zu kümmern. Deutschland g«be den Berg hinunter, so schnell die Mark es trage und die Deutschen glauben nickt mebr. daß irgend welche weitere Hoffnungen aus das Mitleid oder das eigene Jntereffe begründet werden könnten. Sei es da zu verwundern daß B r a d b u r v und sein französischer Kollege bei ihrer Mission in Berlin weder Versprechungen noch Garantien von einer Regierung erhalten könnten, dir in Versprechung«, und Garantien nickt mebr als leere Warte leben müßte.
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Br. Berlin. 25. Aug. (Eig. Drabtbericht.) Die gestrigen Verhandlungen de? Reichskanzlers und des ReiÄsimanz- ministers Dr. Hermes mit den Vertretern des Wcederber- stellungsausschuffes Bradbury und M a uclere bauerten 154 Stunden. Von deutscher Seite wird über die ganzen Verhandlungen strengstes Stillschweigen bewahrt. Heute mittag werden die Herren Bradbury und Mauclere nochmals der Aufforderung zu einer Besprechung beim Reichskanzler Folge leisten, an der vorausstcktlick auch Reichsnnanzmunster Dr. Hermes und Statsiekretar a. D. Bergmann teil- i.ebmen werden. Anregungen, die gestern noch sehr ernsthaft zur Debatte standen, sind inzwischen ffallengelaffen worden, neue sind aufgetaucht »nick in einer Kabrnettssltzung in später Abendstunde eingebend besprochen worden. ,
Nach in London vorliegenden Informationen wird in der Downing Strset angenommen, daß die Unterhändler der Revarationskommiffion am Samstag nach Paris zurückkebren werden. Die nadiite Vollsitzung der Re- parationskommiffion soll für Montag in Aussicht genommen
Der Reichskanzler bat bei dem Empfang der Gewerkschaften eine Darstellung des augenblicklichen Standes der Verhandlungen zwischen der Reicksregierung und den Vertretern der Revarationskommiffion gegeben. Der Kanzler führte aus: „Es sei einer der bittersten Tage. me.das deutsche Volk durchleben müsse, an dem der Dollar einen Stand von 2060 Mark erreicht bade. Die Verhandlungen mit den Mitgliedern der Revarationskommiffion hatten sich bisher um die F o r d e r u n g e n n a ch K o b l e n u n d H o l z bewegt. Die Regierung habe der Kommission das Angebot gemacht.
Reservefonds in Friedensvaluta
anzulegen, auf die die Entente zurücksreisen könne, falls die deutschen Leistungen in Holz und Koblen nickt emgebalten werden sollten. Dieser Vorschlag sei von den Vertretern der Revarationskommiffion zurückgewiesen worden Die ReiÄs- regierung stehe vor einer schweren Entscheidung. Wie diese auch ausiallen werde, sie werde der Notwendigkeit Rechnung tragen müssen, daß die Erfüllung da eme Grenze findet, wo
die Brotverjorgung für das Volk in Gefahr kommt." „ .
Man weiß nun authentisch, betont die „Voffnche Zeitung". welchen Inhalt die deutschen Vorschläge gehabt haben. In französischen Blättern ist von einer Summe von 56 Eold- millionen die Rede gewesen. Dicker Behauptung ist. von deutscher offizieller Seite widersprochen worden. Es mag dabei die Frage aufgeworfen werden, wer das Geheimnis or«s- gab. trotzdem zwischen beiden verhandelnden Parteien strengste Wahrung der Vertraulichkeit vereinbart war. Es muß auch gefragt werden, aus welcher Quelle eigentlich rene an Vertreter der Auslandspreise und auch deutschen Rachrlnsten- Agenturen gegebenen Mitteilungen stammen, die die Ber- bandlungen über die M ora t ori um sfra ge als b oif- nungslos darstellen. Daß diese Meldungen nickt ,u der Abstcht lanciert werden, die Verhandlungen, bei denen es doch
um das Schicksal Deutschlands seht, zu fördern. liegt auf der Hand. Geheimnisvolle Brunnenvergifter sind wieder einmal am Werke, während nicht nur bei den Vertretern der deutschen Regierung, sondern offenbar auch bei denen der Reparationskommission das amrichtige Bestreben nach einem Übereinkommen besteht. Denn damit, daß die deutschen Earantievorschläge von den Vertretern der Revarationskommiffion abgelehnt wurden, ist die Diskussion keinesfalls geschloffen. Nack der gestrigen Unterredung. die Reickssinanzminister Dr. Hermes und Staatssekretär a. D. Bergmann mit den beiden Delegierten der Revarationskommiinon batten, hält man es nickt für ausgeschlossen. daß v
die Basis für einen neuen Vorschlag gefunden ist. Das Reichskabinett bat gestern abend darüber beraten., Poincars verlangt produktive Pfänder. Die deutsche Regierung verlangt, daß das Moratorium bei einem. Dollarstanü von 2888 Mark unbedingt gewährt werde. Poincars habe es wesentlich leichter zu fordern, als Mirtb zu gewähren. Man könne aber nickt daran zweifeln, daß eine Lösung gefunden wird, die beiden Verbandlungsvarteien anaebmbar erscheint. Daß die deutsche Regierung aber bereit ist. schwere Garantien zu geben, damit wir dieses Moratorium bekommen, beweist die Tatsache des AngÄots oer 50 Millionen Eoldmark der Reichs- bank als Reservefonds, auf die die Alliierten dann bei Nickt- crfüllung der Bedingungen nach dem Moratorium zurua- sreifen könnten. Dieses Devot wird jedock als nickt genügende Garantie für die Gewährung eines Moratoriums angesehen, sondern höchstens als Garantie für die etwa ungenügenden Solz- und Koblenlieferungcn. Für die Gewährung, «ne» Moratoriums aber will die französische^ Regierung nach wie vor aus der Übermittelung produktiver Pfänder bestehen.
Zu der Frage der Beietzung ds°s Ruhrgebietes durch Frankreich soll stck Bradbury geäußert haben er zweifle an der Möglickkeit einer Besetzung des Ruhrbeckens durch Frankreich. Er babe aber gleichzeitig milgeteilt, daß England keine Maßnabmen treffen würde, um eine etwaige Besetzung des Ruhrgebietes zu verhindern. , ^
Rack einer E. P.-Meldung aus Paris will auch „Daily Mail" aus gut unterrichteter iraizosücker Quelle erfahren haben, daß Frankreich und Belgien unverzüglich die Garantie n ergreifen würden, die Loincarö in London forderte wenn die Mission der Revarationskommiffion unverrichteter Sacke aus Berlin zurückkebre. Der „Eclair" teilt mit. daß alle franzosiläfen Firmen benachrichtigt worden stien. gegenwärtig fällige Beträge nickt nach Deutschland zu bezahlen, sondern str ihren Banken als Guthaben d«r betreffenden deutschen Finnen zu deponieren.
Der amerikanische Batschaster bei« Reichskanzler.
Br. Berlin. 25. Aus. (Eig. Drabtbericht.) Nack einer Meldung des „Berliner Tageblattes" bat der amerikanische Botschafter in Berlin. Houghton. gestern abend dem
Reichskanzler einen Besuch abaestattet. um iüb über die vali-
tiicke Laae m unterricht»».
