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Donnerstag, 17. August 1922.
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Abend-Ausgabe.
Ne. 381. » 70. Jahrgang.
Währung und Wirtschaft.
Die Nachricht, daß der Dollen den Kurs von tausend Mark überschritten hat, hat bis in die breiten Massen des deutschen Volkes hinein wie ein Blitzschlag gewirkt, der unsere fürchterliche Lage erhellt. Unsere Lage ist mit Recht als ein nationales Unglück angesehen und gewertet worden. In der französischen Presse hat man der Verwunderung Ausdruck gegeben, daß der Ausgang der Londoner Konferenz in Deutschland verhältnismäßig geringes Aufsehen erregt und daß man sich nicht allzusehr über die Uneinigkeit in der Entente gefreut habe. Tatsächlich hat der fürchterliche Marksturz die Gedanken des deutschen Volkes so vollkommen in Anspruch genommen, daß die außenpolitische Seite des Vorgangs ganz in den Hintergrund getreten ist. Man hat in Deutschland viel zu viel mit der eigenen Not zu tun. als daß man noch Zeit finden könnte, sich über die französisch-englischen Auseinandersetzungen zu freuen. Frankreichs hartnäckiges Festhalten an der Forderung der „produktiven Pfänder" hat in London das Zustandekommen des Moratoriums unmöglich gemacht und hat dadurch dis Mark ins Uferlose hinabsinken lasten. Darum ist der Meinungsstreit, der sich neuerdings in der französischen Presse darüber entsponnen hat. ob die deutsche Regierung oder die französische und englische Finanz durch Abstößen ihres Markbesitzes die Sintflut veraulaßte, die die deutsche Mark in den Abgrund geristen hat, vollkommen müßig. Die Dollarhauste an der Berliner und die Markhauste an der Londoner und New Parker Börse sind beides nur Folgewirkungen der Politik Poincarös.
' Uns Deutschen ist freilich jetzt das Hemd näher als der Rock. Uns kümmert die herannahende Weltkatastrophe nicht mehr, sondern nur noch unser eigener Kampf um die nackte Existenz. Das Unheil, das'diesmal über die Mark gekommen ist, ist mit den früheren Markstürzen nicht mehr zu vergleichen. Diese Wäh- rungskataftrophe muß sine Wirtfchastskatastrophe im Gefolge haben. Zunächst wird die allgemeine Teuerung. in deren Zeichen unser Wirtschaftsleben schon längst steht, unter dem Druck der Preisgestaltung der unentbehrlichen Einfuhrwaren einen Umfang annehmen, der die Grundlagen unserer Produktion revolutionieren muß. Schon' begnügen sich die Spitzenverbände der Arberternehmer — Arbeiter, Angestellte und Beamte - nicht mehr mit der Forderung gewaltiger Lohnerhöhungen. Auch daß die Beamten Gehaltserhöhungen verlangen, verlangen mästen, die alle Haushaltspläne über den Haufen werfen, die ein Loch in die Reichsfinanzen reißen, an dessen Zustopfung man nicht mehr zu denken wagt, ist nicht das Schlimmste, was uns ipr Augenblick bewegt. Die Umwälzung der Währungsgrundlagesi. die wir in den letzten Wochen erlebt haben, stellt uns vor .roch viel tiefere und schwierigere Probleme. Die Markentwer- tuug im heutigen Ausmaß muß in bezug auf unsere Rahrungs- und Rohstoffeinfuhr Wirkungen auslöfen, dis einer Blockade unserer Landesgrenzen gleichkommen. Wir müssen unsere Wirtschaft auf den Verzicht des größten Teiles unserer Einfuhr umstellen. In diesem Sinne ist es auch zu verstehen, wenn die gewerkschaftlichen Spitzenverbände zur Bekämpfung der Teuerung eine der Blockadewirtschaft während des Krieges entsprechende Einschränkung der freien Wirtschaft und eine teilweise Rückkehr zur Zw angs- bewirtschaftung verlangt haben. Die hier zugrundliegende Auffassung, daß mit Erhöhungen der Löhne und Gehälter die Lage für die deutschen Lohnempfänger nicht mehr zu retten ist, ist begreiflich. Ob der vorgeschlagene Weg zum Ziele führt, ob man in der Tat zu einer freiwilligen Blockade, zu einer Erdrosselung jeder irgend entbehrlichen Einfuhr übergehen muß, bedarf' natürlich eingehender Beratungen der Politiker und vor allen Dingen des Wirtschafts- Parlaments und unserer Wirtschsftsvertretungen. Selbst der Gegner jeder Zwangswirtschaft muß grundsätzlich zugeben, daß wie eine kriegerische so auch jede : andere Katastrophe, die völlig anormale Zustände schafft, auch besondere Maßnahmen begründet. Schon sehen sich zahlreiche deutsche Textilfabriken gezwungen, chre Betriebe einzvschränken, weil ihnen angesichts der Phantasiepreise, die heute die einzusührenden Rohstoffs, Wolle und Baumwolle, erreicht haben, das Kapital fehlt und das Risiko zu kolossal ist, um im bisherigen Umfange weiter produzieren zu können. Kein Wirtschaftssachverständiger kann mehr im Zweifel darüber sein, daß tiefgreifende Maßnahmen notwendig sind, um zu verhindern, daß unser Wagcungs- Mommenbruch. die ganze deutsche Wirtschaft in Trümmer stürzt, wodurch in politischer wie in sozialer Hinsicht chaotische Zustände hervorgerusen werden würden. Es ist Kar, daß man angefichts dieser der
Gesamtheit drohenden Lebensgefahr den grundsätzlichen Streit zwischen freier und gebundener Wirtschaft nicht austragen darf.
Reichskanzler Dr. Wirth hat in einer Erklärung an die ausländischen Pressevertreter die schwere Rot des deutschen Volkes mit erschütternden Worten geschildert. Gleichzeitig hat er eine ausführliche Antwort auf die Anklagen des französischen Ministerpräsidenten Poincarö erteilt und den Standpunkt der deutschen Regierung vor aller Welt auf das entschiedenste klargelegt. Das Reichskabinett hat sich mit vollem Recht in seiner ersten Sitzung nach dem Ausstiegen der Londoner Konferenz mehr noch als mit der außenpolitischen Lage mit den wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Währungsrevolution beschäftigt, in die wir nunmehr unrettbar verstrickt sind. Auch die Reichsregierung hat sich bereits ernstlich mit dem neuen Wirtschaftsprogramm der gewerkschaftlichen Spitzenverbände besaßt. Gibt es einen besseren Beweis dafür, daß die deutsche Regierung — weit entfernt, den Marksturz zu wünschen oder ihn zu fördern, wie ihr ja die Franzosen vorwerfen — in diesem ein schweres Unglück sieht, das Deutschland betroffen hat und das ihr dringlicher der Beratung wert erscheint als Ententezwietracht. Moratorium ' und produktive Pfänder! Für das deutsche Volk ist jetzt die erste Sorge die, zu verhindern, daß unsere Wirtschaft und unsere Produktion das Schicksal der Mark teilen müssen!
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licht ewe. Urhtr*"na?iin<5 B ‘?i^rinet Berickterkatk^mit mH A ' 1 Der Reichskanzler begann
mit der Erklärung. daß. obwohl keine übertriebenen Hoff- auf >die Loirdoper Kynierenl! gesetzt worden seien, doch niemand ein solches Ergebnis erwartet babe. Wenn die londoner Konferenz mtt einem Sieg des französischen Standpunktes- geendet batte, hätte sie. wie angenommen werden könne, das Ende der deutschen Währung bedeutet Das Ergebnis der Konferenz fei jedoch eine Katastrophe Deutickland habe keinesfalls die Absicht ftcr Jemen Vermlichtiniven zu. entziehen, und zum Nachweis de,für Hobe Deutschland abglerm unter den äußersten Schwierigkeiten. gestern e;nt Summe von 500 000 Dfund Sterling
1‘S'ÄtfÄ feÄ:"®*“ 2 »«»”“ «-»
Wir sind bereit, zu zahlen,
im Viibältiiis zu unserer Zahlungsfähigkeit. Diese Zahlungsfähigkeit nimmt von Tag z« Tag ab und der Augenblick des Z u s a m m e n b r u » s der Mark bedeutet ihre weitere Verminderung Diese Tat politischer Gewalt er- lckm.ttert lic Wirtschaftslage von ganz Europa, über die kunrtlge Volitik.. der deutschen Regierung betragt, erklärte der Kanzler: Wahrend der allernächsten Monate können wm unsere Verpflichtungen nur so weit durchführen, als es die Sicherung der Brot Versorgung und die Eristenz unteres Volkes zulaht.
Erft Brot für das Volk, dann Wiederherstellung.
Was wirtschaftlich unmöglich ist. muß von selbst zusammenbrechen.
Zu der Frage des Moratoriums erklärte der Kanzler Es hätte, wenn es von praktischem Wert sein soll sich auf viele Monate erstrecken müssen. Sechs M-nate wären vor kurzer Zeit noch ganz wirksam gewesen. Mit dem Fallen der Mark wird das Moratorium immer wenige» ucrtr-lll. Der Reichskanzler berührte sodann die Vorwürfe. die gegen die deutsche Regierung wegen der Kapitalflucht
aus Deutschland erhoben würden, und wies darauf bin da» die Kapitalflucht eine internationale Frage sei Der beste WIg. die alucht des Kapitals aus irgend einem Lande zu verhindern sei. es der Mllbe wert ru machen das Kiwital im Lande zu bKalten. Was wir brauchen, erklärte Wrrtb zum Schluß, ist Vertrauen. Diese augenblickliche Katastrophe der Mark beruht bauutsäcklich auf der Furcht daß Frankreich. Deutschland nach dem Leben trachte. Soll Deutickland nicht leben dürfen? Geben wir den Wea Rußlands? _ „
Der Zusammenbruch Deutschlands würde ohne Beispiel dostehen. und nichts würde damit verglichen werden können. Aber wenn der gute Wille da ist dann kann Europa und Deutschland noch gerettet werden. 51
Das Ech« iw der englischen Presse.
w. T.-B. London, 16. Aug. Die Abendmesse briuat in Sperrdruck Reichskanzler Mirtbs Worte: .Erst Brot für das Volk, dann Rcvaratioven . und werft besorgt auf den un»r- börten Sturz der Mark und das ständige Steigen der Brett- in Deutschland bin. ..Ball Mall anb 6® ta*f © e = m - cl ii n L l ?Ä n a 11 S 1 f n werden mit einen moralischen und wrrtschaitl'chen Zusammenbruch m Deutschland herbA- iubren und den Ausbruch des Bolschewismus und eine Er- ncneiuug^der Kriegsbedingungen in ganz Mitteleuropa mx
, . > Dastck Erpreß'' schreibt. Frankreich würde außerstande felN. selbst Virtschartliche Ctrafmaßnabmen gegenüber Deutschland zu erzwingen, ohne dabei den Friedensmertrua von Versailles zu verleben. -rrieoensvertrag
Auch ..Westminster Gazette" schreibt Boinrar» stme beabstchtiocke unabbänaiae Aktion nicht zur Ausfükm^ bringen, ohne dm Fnedensvertraa auf den sich alle Forderungen Frankreichs gründen, m Stucke zu reißen.
Ä'^ngen^^trIcn^l^'^il^^^utzumach^^n Entt
Dr. Wirth gegen PorncKrs.
Be. Berlin. 17. Aug lEig. Drabtbericht.) Der Reichskanzler Dr. Wirth empfing gestern ab mh eine Anzahl Vertreter ausländischer Zeitungen und erklärte ihnen über dev Stand des Revarationsvroblems u. a. folgendes:
Die Konferenz in Londin
ist unter Umstünden zu Ende gegang-rn. die nicht nur die dringend notige Klärung der europäischen Lage gebracht hotten, sondern vielmehr eine noch größere Unsicherheit zurückließen. wie sie vorher bestanden bat. Bor der ersten Note der französischen Regierung vom 26. 7. 22 stand der Dollar noch aui 450. nachher stieg er Vis auf 800. Stach der zweiten Note vom 5. 8. 22,stieg er fast bis aui 000 und nach dem ergebnislosen Abbruch der Londoner Konferenz auf 1050. Diele Etappen zeigen die wirklichen Gründe für den Markfturz. Wenn der französische Ministerpräsident demgegenüber in seiner Rede in London versuchte. Deutschland die Schuld an dem Marksturz zuzuschreiben und bebauvtet. Deutschland habe den Beweis geliefert, daß es eine systematische Entwertung der Mark verfolge. Io wird er wenig; außerhalb der Grenzen Frankreichs finden, die ihm das glauben und auch in Frankreich gibt es viele Einsichtige, die solche unwahrscheinlichen Behauptungen nicht mehr ernst nehmen. Hat doch selbst der ..Temvs" vor wenigen Wochen feftgestellt. daß die deutsche Regierung erst vor kurzem eine ernsthafte Anstrengung gemacht bat. um. die Mark zu beiestigen. Allerdings knüpft der ..Temvs" daran die Beschuldigung, daß die deutsche Regierung zu dieser Stiitzungsaktton unberechtigterweise Devisen verwendete. die sie der Reparationskommission entzogen bat.
Welche Folgen dieser Markftnrz für Deutschland hatte, liegt auf der Hano. Weitere Verelendung breiter Volksschichten. Zerstörung des Bndgetgleichgrwichtes. Absperrung der notigen Lebensmittel und Robftoffz»- fubrrn und Verkauf der Layrrbrftände. Verzweiflnnss- ausbruche der Massen. Verhinderung jeder Regirrungs- autorrtät und speziell kür die deutsche Industrie Vernichtung des Betriebskapitals und Erlahmen der Vroduktion.
Daß angesichts dieser Folgen eine Regierung oder die Führer der Brivatwirtschast auf den Sturz der Mark binarbeiten sollten, ist so unsinnig, daß der französische Ministerpräsident damit bei niemanden, der die Wahrhert ieb-n ivill. Glauben rinden wird. Er bat bei dieser Gelegenheit auch behauptet. Deutschland habe der Tschechoslowakei eine Anleihe von 4 Milliarden Mark angeboten. Daran Wort. Weder von der deutschen Reichsbank, noch von den deutschen , großes Finanzgeschäft in Betracht kommen könnten, ist ein solches Angebot gemacht worden. An keiner dieser Stellen ist auch nur von Verhandlungen darüber irgend etwas bekannt- Ebenso unrichtig ist die Behauptung, daß Deutschland Banken in Dänemark. Rumänien und Holland gegründet .
habe mit der Absicht, den Verkehr der Mark im Auslande zu erleichtern. In Dänemark und Rumänien sind von deutscher Seite Banken nicht gegründet worden, und wenn die deutsche Finanzwelt stch in Holland an einigen Bankunternehmungen beteiligt bat. so lag für Deutschland einfach der Zwang vor. nackstrem es 5 Jahre von dem Wirtschaftsverkehr mit dem Auslande abgeschnitten war und seine Bankniederlassungen in den Ländern der Alliierten liauidiert und geschlossen worden waren, auf diesem Wege den Anschluß an die internationale Wirtschaft -viederherzustellen. Wenn die deutsche Regierung die arglistige Absicht g-babt hätte, durch einen systematischen Verkauf im Auslande den Markkurs zu vernichten, so wäre es recht naiv gewesen, dies durch die zu diesem Zweck besonders errichteten Auslandsbanken zu tun. Wenn oer französische Ministerpräsident behauptet. Frankreich brauche eine Beteiligung von 88 Brozent an der deutschen chemischen Industrie.
um die Herstellung von Giftgasen zu verhüten, so muß demgegenüber darauf bingewieken werden, daß der Friedens- vertra» den alliierten Mächten Möglichkeiten ge-nua gibt, diese Betriebe daraufhin zu kontrollieren, daß keine Giftgase hergestellt werden, und daß von dieser Kontrollmöglichkeit wahrhaft mehr als genug Gebrauch gemacht wird. Dies« Behauptung ist einfach der Vorwand dafür, daß man in das Geschäitsveriabren der deutschen Industrie eindringe und ihre Konkurrenz beseitigen wolle. Um dieses Ziel zu erreichen, wird auch vor dem sonst io heilig gepriesenen Vri- vateiseittum nicht Halt semachr. dessen Nichtanerkennung man anderen Ländern als ein Verorechen gegen die europäische Zivilisation anrechnet.
Herr Voincarö hat es abgelebnt. zur Entscheidung einer iuristischcn Streitfrage, wie dies Herr Lloyd George vorschlug. den Völkerbund anzuruien. Wieviel Zutrauen kann das deutsche Volk zu der Unparteilichkeit eines Völkerbundes haben, dem der französische Ministerpräsident selbst die Autorität zur Entscheidung adivricht. weil in ihm neutrale Mächte vertreten sind? Heute ist die Mark auf 1 wo ihres Friedenswertes gesunken. Diese Tatsache macht es unmöglich, für Barzahlungen an die Alliierten Auslandszahlungsmittel auf dem Devisenmarkt einzukaufen. Hätte London zu einem vernünftigen Ergebnis und zu dem unumgänglichen Moratorium geführt, ioann stünde der Dollar beute nickt auf 1050. sondern vielleicht wieder auf 400 oder auf 500. und
das Vertrauen der Welt in die deutsche Kreditsäbiakeit wäre teilweise wiederbergestellt Nun aber ist auch zunächst die internationale Anleihe zerschlagen, die allein Frankreich schnell in den Besitz groser Barmittel hätte bringen können. Durch eine solche Politik schiebt Frankreich das Ziel, von Deutschland Barzahlungen zu erhalten, immer weiter hinaus. Nack den negativen Ergebnisten der letzten drei Jahre bat der iranzostsche Muiistervrästdent den Beweis erbracht, daß mit Drohungen und wirtschaftlicher Vernichtung das gesamte euroväilcke Problem nicht gelöst werden kann, unter dessen Druck Deutschland und Lsterreich am meisten, aber mit ihnen auch die anderen Volker Europas leiden. Dafür gibt es nur einen Weg. am den der ermordet- Minister Ratbenau auf seiner letzten Rede in Genua bingewiesen bat- »Den Weg der freien und gutwilligen Verständigung »ou Voll ,» B olk."
E» Ist etwa X Jahr vergangen fett der Koujereuz von
