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Donnerstag, 10. August 1922.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 368. ♦ 70. Jahrgang.

Ein deutscher Festtag.

Vcn Walter Schittkin«. M. d. R.

Bisher hat dem deutschen Volke der Nationalfeier­tag gefehlt. Der Klassenstaat von einst verstand über­haupt nicht, Volksfeste zu feiern. Was von der Obrig­keit ausging, war höfisch-militärisch. Unsere Enkel werden uns nicht glauben, wenn wir ihnen später ein­mal vom Katsergeburtstagsessen erzählen, wo die Plätze nicht nur nach dem Range, folgern gleichzeitig auch nach den Orden abgestuft waren, und wo tage­lang vorher darüber gestritten wurde, ob der Chef einer kleinen Cpezialbehövde wie ein Reichsbank- oder Archivdirektor einen Anspruch darauf hatte, an den Spitzentisch zu kommen, damit er ja nicht bei seinen eigenen Beamten zu sitzen brauchte. Anders war es draußen in der Welt. Die demokratischen Länder hatten einen nationalen Feiertag, den wirklich das ganze Volk beging. Man hat mir in Norwegen er­zählt, wie der große König der Geiger, Ole V u l l, von seinen Konzertreisen aus Amerika wiederkam, nur um diesen einen Tag daheim mit seinem Volke zu begehen. Und wie schön und tief ist die nordische Sitte, daß an diesem Tag die Schulkinder herausgeführt wer-' den, um auf den vielfach so kargen Höhen jedes einen Baum • zu pflanzen. Solch Brauch verknüpft mit der Scholle, der wir entsprossen. und gibt das wahre Ge­fühl der Heimat und der Zusammengehörigkeit. Jetzt da wir ein Volksstaat geworden sind, brauchen auch wir Gemeinschaftsgefühl in unserem Volke mehr wie je. Darum laßt uns einen Festtag einrichten, so trübe auch die Zeiten immer noch sind. Einen Tag, an dem sich das ganze Volk in einem großen Gedanken zu­sammenfindet, nämlich in dem an sein eigenes VoKs- tum. Und welcher Tag wäre dazu geeigneter als der 11. August! Denn dieser Tag ist gleichzeitig für Deutschland sozusagen der Tag der Geburt und der Tag der Wiedergeburt.

Der 11. August ist der Geburtstag des deutschen Volkes! Das wissen freilich die wenigsten Deutschen, auch nicht einmal diejenigen, die man die Intellek­tuellen nennt, und die auch in der Politik ihrem Namen nicht immer Ehre machen. Ja, wie kann denn ein ganzes Volk geboren werden, wird sich der freund­liche Leser fragen Diese Zeilen sollen es ihm sagen. Von all Len großen Stammreichen, die unsere ger­manischen Vorfahren im Zeitalter der Völkerwande­rung gegründet, die Ostgoten, die Westgoten, die Van­dalen. die Langobarden, die Burgunder!, war nur das der Franken übrig geblieben, das Karl der Große zu einem Weltreich gemacht hatte. Er selbst sprach Deutsch, wenn wir wissen, daß er auf seinem Totenbette immer wieder gerufen hatte: ,,Us, us!" Die bösen Geister sollten ausfahren, auf die er ferne Atembs- klemmungen zurückführte! Aber sonst gab es in seinem Reiche ein buntes Gemisch von Sprachen und Völkern. Unter seinen Enkeln jedoch wurde dieses große Reich geteilt Ludwig der Deutsche bekam den Teil östlich vom Rhein und der Aar, und dieser Teil bildete fort­an den Nahmen für die politische Geschichte des deut­schen Volkes. Das geschah in dem berühmten Vertrag zu Verdun 843, den jener Ludwig mit seinen Brü­dern Lothar und Karl dem Kahlen abschloß. Seitdem kann man in der Geschichte eigentlich erst von einem deutschen Volke sprechen. Denn hier wurden die über­wiegend germanischen Bestandteile des Frankenreiches gelöst von den überwiegend romanischen. Und dieser Vertrag von Verdun datierte vom 11. August. Des­halb hat man schon im Zeitalter der Romantik diesen lTag besonders gefeiert, und Friedrich Wilhelm IV. t stiftete den Verdunpreis, der an diesem Tag alle zehn Mahre verteilt werden sollt« für das beste Buch ans Pet deutschen Geschichte. Mein eigener Großvater — KJemricf) Deitzke — sollte ihn einmal bekommen für »seine Geschichte der deutschen Freiheitskriege, aber »dann wurde er vom König crbgelehnt. weil er fortschritt- klich war. Diese kleine Geschichte beweist, daß wir es 1 seitdem trotz aller inneren und äußeren Rot etwas Zweiter gebracht haben. Mit solcher Engherzigkeit des kDenkens mußten wir scheitern und sind wir ge- ! scheitert.

j, Aber dann kam der 11. August 1919 als der Tag der deutschen Wiedergeburt beinahe 11 Jahrhunderte ! nach dem Tage von Verdun. Welch eine Svanne Zeit - ^iegt zwischen jenen Tagen! Wie einst im Mittelalter das Kaiserreich unter den Staufen zu höchstem Glanze ausgesticgen und dann an der staufiscken Weltpolitik Zugrunde gegangen war, so hatte sich dieses Schauspiel unter den chohenzollern noch einmal wiederholt. In romantischer Begeisterung für das Kaisertum des Mittelalters hatte das deutsche Volk zu viel erwartet ur-n der Wiederkehr dieses Kaisertums. Aber auch Mein Glanz und seine Macht war vorübergehend, und dann kam das Ehaos der Revolution. In dieser Not

gab es nur einen Weg: das war der alte narurrecht- liche Gedanke von der Souveränität des Volkes. Unter dem Zeichen dieses Gedankens wählte sich das deutsche Volk feine Nationalversammlung, und unter dem Zeichen dieses Gedankens schuf sich das Volk seine neue Verfassung. Diese Verfassung ist nicht wie die Bis­marcks ein Meisterwerk diplomatischer Kunst, indem unter dem trügerischen Schein einer Souveränität von 25 verbündeten Regierungen heimlich eine yohen- zollernsche Monarchie in Deutschland aufgerichtet wurde. Solche Künste verschmäht die Verfassung von Weimar. Dafür ist sie aus dem einen großen und guten Gedanken der Demokratie geboren. „Alles für das Volk und alles durch das Volk". Und in dem Ab­schnitt über die Grundrechte und Grundpslichten der Deutschen enthalt sie das Programm für den Staat des sozialen Rechtes, wie noch keine andere Verfassung der Welt solch Programm ausgestellt hat. Ein so edler Menschenfreund wie der verstorbene Sozial­politiker Pros. Franke hat mir einmal erzählt, wenn er sich schwach und elend fühle, dann lege er sich aufs Sofa und läse diesen Abschnitt der Verfassung, um daraus geistige und damit auch körperliche Kraft zu gewinnen.

Noch ist unser Volk von außen her zu bedrückt, um das Programm der sozialen Demokratie, wie es unsere Verfassung enthält, überall in die Tat umsetzen zu können. Aber doch sollen wir uns dieses Programms freuen und sollen stolz daraus sein, wie schnell uns im Vergleich mit den anderen großen Revolutionen der Geschichte, die Verfassung von Weimar aus dem furcht­baren nationalen Zusammenbruch aus den Boden des Rechts zurückgeführt hat. Darum ist der 11. August, der Tag, an dem diese Verfassung ausgefertigt und unterzeichnet wurde, der Tag unserer nationalen Wiedergeburt. Wir sollen ihn feiern aus frohem Herzen und wollen uns dabei erinnern, welche Tiefen und Höhen Wischen diesem Tage und dem Tag von Verdun gelegen haben, damit wir wissen, daß die Kraft unseres Volkstums unverwüstlich ist und einst' wieder bessere Tc^e kommen werden, als die von heute sind!

Ae »MM taMrtlntumtiift

Der bayerische Ministerpräsident Gras Lerckenfelo bat sich für di« jetzt beginnenden Verhandlungen m Berlin ..Richtlinien' mibleben laben, di« in Bayern als Mindest­forderungen bezeichnet werden. Natürlich erschwert eine sclcke Bindung auf bestimmte Forderungen die Ver- ständisufls. die ohnedies sehr schwer sein wird, noch mehr. Daß dgs Ziel der Berliner Aussprache die Beseitigung de: verfassungsrechtlich und juristisch unhaltbaren bayerischen Vererdnung sein must, wird nachgerade auch in Bayern all­mählich eingesehen. Aber Gras Lerchenfeld soll für dieses Zuacständnis ganz bestimmte Zickazen der Reichsreaieruua einbandeln und mit zurückbrin«n. Man glaubt allen

Ernstes in Bayern folgendes ..berarrskblrnen" zu können' eine Erklärung der Oderreichsanvaltes. >aß.er die Straf­

verfolgung der in Bayern begangenen Delikte gegen das Reichsschusaefetz ausnahmslos den bayerischen ordentlichen Gerichten überweisen zu wollen, bildend Waat: dast der

Reichsminister des Innern bei Meimrirasvepkckiodenbeiten zwischen Reichs- und Landesregierung nickt den Staats- gkricktsbof anzurufen. sondern stch bei der Tn.ticheiduna der Landesregierung zu berubiaen verspricht: dast die Bollzugs- beamten des Reickskriminalpolizeiamtes nickt unmittelbar, sondern nur nach besonderer Vereinbarung in Bauern tätig werden: dast die Reichsregierung eine Bemaffunasändrruna im Sinn« eines erhöhten Schnitzes der Länder gegen Beein­trächtigung ihrer staatlichen Reckte etwa dahin Mast, dast Berfa»ändern ngen künftig erschwert und dast Sckmäle- run«en der Hcbeitsrechte der Länder nur mit deren Zu­stimmung befchlcsten werden dürfen.

Wern dies, wie wir anrnnehmen Grund haben die Vsc- haNdlunssgrundlaae der bayerischen Delegation in Berlin darstellt, so wird man kaum annehmen dürfen, dast alle For­derungen durckaeietzt werden. Denn man darf trotz des zweifellos vorhandenen guten BerstLndigunasmillens beim Reichspräsidenten und der Reichsresierun.a nicht versessen dast hier auch eine Mitwirkung des Reichstags verlangt wird, dnc sich bei der einmal vorhandenen Parteieinstellung kaum f'rden wird, über manche Einzelheiten der bäueri­schen ..Richtlinien wird sich reden lassen, aber die restlose Bewilligung ist undenkbar. Bayern bat es sich selbst »uzu- schre'ben. wenn infolge seines überstürztey rücksichtslosen Dorgehens jetzt eine so ernste Lage geschaffen ist. Vielleicht hätte auch d-e Reicksregierimg selbst nach Verabschiedung der Schungefetze praktisch nock einiaes tun können. um den scharfen Konflikt zu vermeiden. Nun must man durch beidec- se-ttges Nachsehen die verfahrene Lage wieder zurechtrücken.

llr. Berlin. 9. Aus. (Ei« Dcabtbericht.) Der bayerische Ministerpräsident Graf L e r ch e n f e l d. der heute früh um acht Uhr in Begleitung der Minister Dr. Sckweyer und Gürtner in Berlin «ingetroüen ist. hat stch um 10 Uhr zur Reichskanzlei begeben. In Berlin legt man vor allem sehr groben. Wert auf die b a l d i g e L ö s u n g des unhaltbaren Zustandes zwischen Bayern und Reich. Reichs­präsident Ebert und Reichskanzler Dr. Mirtb werden persönlich die Verhandlungen mit der bavertfchen Delegation führen. Auch der bayerische Gesandte von Preger wird an den Verhandlungen noch mit teilnehmen.

Ae AMÄ« Mk »ie Mionet fionieteaj.

D. London. 9. Aug lEig. Drabtbericht.) Lloyd George liest am gestrigen Abend durch seinen Sekretär. Sir Erigg, den Pressevertretern Mitteilen, dast er dw Vorschläge der französischen Regierung in ihrer Gesamtheit of-Icf.ner müstte. Falls Poincare auf seinen Forderungen bestehen sollte, so bedeute dies den Bruck der Entente. Der englische Premierminister will jedoch alles veAuckea. um einen Bruch zu vermeiden und um zu einem Kompromiß mit Frankreich zu kommen, denn man ist stch klar darüber, dast der Abbruch der Konferenz, ohne zu ernem klaren Er­gebnis gekommen zu sein. Komplikationen beram- beschwören würde, die unhaltbare Zustände schaffen wurden. Llord George wird seinerseits der Pollsttzun« der Konferem Vorschläge unterbreiten, die von denen der framönstchen Delegation bedeutend abweichen. Er hofft, dast Deutschland doch noch ein Moratorium wenigsten^ bis zum Zu­sammentritt des Obersten Rates gewährt werden kann. In diesen,Kampf stehen zwei verschicbeneAnschauunaen. von denen di« eine dahin hinousläuft. dast England der Anstcht in. man bekomme am besten Zahlungen von Deutschland. wen» man ihm .

eine Atempause Lewabre.

damit es in dieser .Zeit Ordnung in lein* Finanzen schaffen

und Anstrengungen mit Hilf« der Alliierten unternehmen könne, um seine Währung

..zu stabilisieren und endlich einmal

eine feste Basis zu schaffen. Die Franzosen denken aber dem- gegenük-er. rast, je länger »ewartzet wird. Deutschland stch »m so mehr seinen Verpflichtungen enckrreben wird und da» Deutschland überhaupt

ein widerstrebender Schuldner

ist. In diesem Kampf werden die Franzosen vcm den .Bel­giern unterstützt, während die Italiener vorbehaltlos bmter den Engländern stehen. Die Entscheidung über die Kon­ferenz dürfte in der heute nachmittag stattfmdenden Voll­sitzung fallen, die Zusammentritt. um über den Bericht der Sachverständigenkommission Beschluß zu fasten. Es beißt weiter, daß in der Sitzung

Lloyd George feine« grobe« Renarationsula». der dem Veincarös so gut wie entgegengesetzt sei. rum Vor­trag bringen wird. Ferner verlautet, daß Lloyd George..des weiteren Vorschlägen wird, die ganze Sachverstän­digenkommission nach Deutschland retfen zu lasten, damit ste stch dort selbst von der wahren Wirtschafts­lage überzeugt. Ein solcher Vorschlag würde natürlich aut ein vorläufiges Kompromiß binauslaufen und auf

die Einberufung einer zweiten Konferem im Kerbst

hindeuten Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so dürfte cs dock noch irgendwie zu einem Kompromiß kommen, denn die Entschlossenheit Englands, aber -ruck Italiens (Sckamn.r sprack noch energischer als Lloyd George), bat die Framoien zu «mein Wechsel ihrer bisherigen Taktik bewogen, Vorn- care selbst bat den belgischen Ministervrästdenten Tbeunis ersuckt. zwischen ihm und Lloyd George zu vermitteln, und in den Kreisen des Variier Auswärtiaen Amtes bringt man e ; n< zuversichtlich« Opposition zur Schau und man er­klärt. daß trotz der heftigen Londoner Debatten

von einem Bruch der Entente keine Rede sctn könne sondern eine baldige Lösung durch ein Komoro- mitz sei das W-ahrfcheinlichste. Die Konferenz wird wabr- töx inlich schon beute auf einen D e r m i t t l.u n a s v o r - schlag von Tbevnis bin ein provisorisches Moratorium für Deutschland beschließen. Für dieses Moratorium werden als Termin die vier letzten Monate dieses Jobrrs genannt. Einem solchen Moratorium wird sich auw Ppincare nickt widersetzen und die ein« oder die andere seiner Carantieforderungen dürste dabei wobl an­genommen werden Mit diesem Kompromiß wird dann d'e Kauvtercrtiiung über die Revarationsfraae

bis Ende September oder Anfnn» Oktober vertagt weiden.

Die Ansicht der Pariser Presse.

W.T.-B. Baris. 9. Aus. Die Sonderberichterstatter. der Pariser Blätter bourteilen die Lage, dir durch die gestrigen Sachverständmonberatungen stck ergeben bat. Uuntljffl als kritisch. Der Berichterstatter des ..Echo de Daris fast, man sei in London ermüdet wegen all dieser Streitiakroten. deren Ende man nickt abfebe. Man spreche Nicht mehr vom französisch-englischon Pakt und auch nickt, mehr von drm Programm von Genua. Man wolle abseits von Europa, den Dominions und Amerika zuaewandt. leben. Pomcars stkbft wolle fest bleiben, rvas feine gereckten Forderuimcn anbetrene. Aber er weigere stch nicht, vrrnunftiar Ab­änderungen anzunibmen.

Der Berichterstatter des ..Oeuvre" fast: Wir find tat­sächlich am zweiten Tag einer Konferenz, die ein so großes Ergebnis'zeitigen sollte, sc weit, dast die Regrerunaen nur einen Gedanken hegen, ihre Handlungsfreiheit stck vorzubebalten. Aber was wird uns dann bleiben? Der große Plan von Poincars lmt stch ickon an de: Note Balfours seftrsten. Jetzt scheint es. daß die Rettung durch die Be- schlasnabme der Staatsbergwerke und eotaatswälder uns euch entgehen wird. Wird Poinonrs mit leeren Sängen »uriilkkedren? Die belgischen Minister haben einen Plan. Vorst,htiaerweise haben ste den ersten Zusammenstoß vor- übergeben lasten. Aber wenn stch morgen die Widersacher beide mit leeren Sänden cugenübersteben. wird es Zeit sein, eine Vermittlung anzubieten. Diese Vermittlung ist nach Ansicht des Berichterstatters schon im Gange. Sie soll bezwecken, zwücken der iuristischen Auffassung Poincarös und der politischen der Engländer eine Brücke zu Wiloaen dadurch, dast man die Jnieresten ^vielen laste. Lloyd George babe den Plan. letzt Deutschland von einer oder mehreren Zah­lungen zu berreien und den Wiederzusammentritt der Kon­ferenz für den Monat September oder Oktober vorzuschlaaen, damit alsdann das Problem gründlich behandelt werden

^"^Der Bel'chteistatter des ..Petit Paristen" «laubt. daß von jetzt ab di« Diskussion stck aus zwei wesentlich« Punkte beschränken wü-be. In erster Linie werde es stch dcnnm handeln, welche produktiven Pfänder die Alliier­ten von Deutschland fordern sollten, in zweiter Linie aber, nne die durch di« Ausbeutung der Pfänder erzielten Summen verwendet werden sollen. Wenn inan annebme. daß diese Summen srfort für Reparationszahlungen zur BcMgung