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Donnerstag. 10. August 1922.

Abend-Ausgabe.

Nr. 369. ♦ 70. Jahrgang.

Sie Seife Set»« «m.

Der Kampf im Foreign Office.

Grundsätzlich gab es für die in London beabsichtigte Neuregelung der deutschen Reparationsverpslichtung zwei Möglichkeiten:

1. Man konnte die Schuldsumme vermindern. Das hätte eine dauernde Entlastung sowohl der jähr­lichen Zahlungspflichten als auch des gesamten deutschen Kredites ergeben, wäre also die relativ ideale Lösung gewesen, vorausgesetzt, daß die Verminderung in richtiger Höhe erfolgt wäre.

2. Mau konnte die Schuldsumme selbst bestehen lasten, aber die nächsten Ratenzahlungen erlasten. Dies würde die Folge haben, dag, je nach dem Grade der Verminderung, eine augenblickliche Er­leichterung in den Abzahlungsmodalitäten ein- treten würde, daß aber die Schuldsumme selbst mit ihrer drückenden, kreditzerstörenden Finanzwir- kung aufrecht erhalten bliebe.

Die erste Lösung, zu der England bis zu einem ge­wissen Grade bereit war, wird nicht erfolgen, sie ist von französischer Seite strikte abgelehnt worden. Teil­weise ist daran die Weigerung Amerikas schuld, seiner­seits seine Schuldforderungen an die europäischen Alliierten zu annullieren oder zu reduzieren, teilweise wahrscheinlich der Wunsch der französischen Regierung, das politische Druckmittel, das sie in Form der Re­parationen wider Deutschland in Händen hält, unter keinen Umständen mit Dauerwirkung beeinträchtigt zu sehen.

Es bleibt also nur die zweite Lösung, die Ver­minderung der nächstfälligen Raten, also eine Stun­dung im eigentlichen Sinne, nicht ein Nachlaß, übrig. Hier erhebt sich nun die Frage:

1. Welche Summe soll gestundet werden? Die ge­samten fälligen Raten oder nur Teile davon?

2. Aus welche Zeit soll die Stundung erfolgen?

3. Sind etwa Gegenbedingungen mit dieser Er­leichterung zu verknüpfen?

Was den Moratoriumsbetrag anbelangt. scheint ziemliche Übereinstimmung zwischen den Regierungen zu bestehen. Man scheint zu der Überzeugung gelangt zu sein, daß für die Dauer des Moratoriums nicht nur eins Verminderung, sondern ein vollkommener Erlaß der Ratenzahlungen eintreten solle, mindestens der Barraten. — von den Sachlieferungen ist vorerst noch wenig die Rede gewesen. Die Bedeutung dieser Konzestion ist aber wesentlich davon abhängig, auf welche Zeit sie erfolgen soll. In dieser Beziehung scheinen die Meinungen schon weiter auseinander zu gehen. Die Forderungen Poincarss sind offenbar, daß die Dauer der Stundung nicht mehr -als drei Monate betragen dürfe, während die englische Re­gierung und mit ihr wohl auch die italienische, wie schon aus der letzten Rede -des Schatzkanzlers H o r n e hervorgeht, eine Moratoriumsdauer mindestens bis Jahresende verlangt.

Aber auch dies ist nicht der eigentliche Punkt des scharfen Konfliktes, der sich zwischen den Standpunkten Poincar^s einerseits und Lloyd Georges andererseits schon am ersten Tage der Londoner Konferenz ergeben hat. Dieser Konflikt bezieht sich vielmehr auf die Regle itbedinqungen des zu gewährenden Moratoriums. England vertritt den Standpunkt, daß neue Bedingungen überhaupt nicht zu stellen seien, — daß Deutschland eine Stundung gewährt werde und da­mit basta. Poincar^ aber verlangt, daß Deutschland als Entgelt. — gewissermaßen für das Moratorium — den Alliierten in verschiedenen andern Richtungen eine Entschädigung bieten müsse. Und zwar verlangt er , produktive Pfänder", die bisher noch nicht offiziell Umrissen worden sind, die aber, vertrauenswürdigen Pressenachrichten zufolge, aus folgendem bestehen

1. Aus einer sechsrmdzwanzigprozentigen Abgabe von den Rechnungsbeträgen jeglicher deutschen Aus-

2. Aus einer Beteiligung der Alliierten an den deutschen Staatsbergwerken und Staatswaldern auf dem linken Rheinufer.

3. Aus dem Übergang der Steuergerechtsame aus dem linken Rheinufer in die Hände der Alltterten.

4. Aus der Wiederaufrichtung einer >vollschranre

zwischen unbesetztem und besetztem Deutschland und der Übertragung aller dort einfließenden Zollbe­träge aus die Alliierten. .

5. Aus einer Sonderbesteuerung aus die deutsche Kohle, die ebenfalls den Alliierten zuflreßen soll.

6. Aus einer sechzigprozentigen Beteiligung der

Alliierten an den chemischen Fabriken im besetzten

Gebiet.

Es kairn sein, daß in dieser Liste eines oder das andere noch weggelassen ist, es kann auch sein, daß der eine oder andere Punkt nicht ganz so schroff formuliert wurde. Im großen Ganzen aber sind die Forderun­gen sicher dieses Inhalts, und daß sie sehr scharf sein müssen, geht schon daraus hervor, daß die übrigen Alliierten und auch das Sachverständigenkomitee sie sofort auf das entschiedenste zurückgewiesen haben. Der Kampf im Foreign Office dreht sich im Augen­blick also tatsächlich um diese Begleitbedingungen.

Welchep Verlauf er nehmen wird, ist schwer zu sagen. Wir glauben aber, daß, trotzdem die Konferenz zurzeit in einer sehr kritischen Phase zu sein scheint, schließlich doch ein Kompromiß zustande kommen wird, denn, beide Parteien haben ein großes Interesse daran, es jetzt nicht zu einem Bruch der Entente kommen zu lasten!

Zusammenberufung des englischen Kabinetts.

W. T.-B. London. 10. Aus. Reuter erfährt: Angesichts der Tatsache, daß zwischen den Alliierten auf der Londoner Konferenz eine Einigung nicht erzielt wurde, wurde zu beute nachmittag 3 übr eine Sitzung des Kabinetts- r a t e s einbcrufcn. Die Minister, die sich auf Urlaub be­finden. werden in aller Eile, zum Teil aus dem Ausland und aus Schottland, zurückkebren. Es wird erklärt, daß die Lage zweifellos höchst ernst ist. und daß beute schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden, daß man endgültig über die von England zu befolgende Politik zu beschließen baten wird. Lloyd George. Poincard und Tbeunis batten in ihrer» dreistündigen Besprechung am gestrigen Donnittcg alle Seiten der Frage untersucht, doch wurde nicht viel Fortschritt erzielt. Die britische Auffassung ist. daß Deutschland jetzt unbedingt ein Morato­rium gewährt werden sollte. Die Alliierten sollten da­nach streben, die Frage so zu regeln, daß Geld hierbei her- auskomme. Die britische Regierung ist der Ansicht, daß es keine gesunde Politik ist. ein Moratorium von Bedingungen abhängig zu macken, die den Erfolg baden würden, das Er- zeugungsleben in Deutschland zu zerstören. Zu den Pariser Meldungen wird erklärt eine 26vro«. Steuer auf die deutsche Ausfuhr wurde letztes Jabr von den Alliierten beschlosten unü ist von England in Kraft gesetzt worden. Es ist voll­kommen unrichtig, daß Lloyd George der Beschlagnahme der deutschen Zolleinnabmen zugestimmt habe.

Reuter erfährt weiter, in politischen Kreisen werde der Beschluß, das Kabinett zusemmenzuberufen. als ein Zeichen für den Ern ft der Lage angesehen.

Auch der französische Ministerrat berät.

IV. T.-B. Paris. 10. Aug. Ministerpräsident Poin- c n 11 : bat gestern über den Stand der Beratungen dem Präsidenten der Republik M i l l e r a n d unterrichtet und ibn ersuckt. einen Mini st errat znsammenzuberufen. da Lleyd George seinerseits sich entschlossen babe. einen Kabi­nettsrat ubzubalten. Die französischen Minister werden sich deshalb beute vormittag unter Vorsitz des Präsidenten der Republik im Elysee zusammenfinden.

Millerand empfiehlt Festigkeit.

W. T.-K. Paris. 10. Au«. Wie dem ..Petit Parrsten" aus London berichtet wird, soll Poincarö gestern schon ein Telegramm des Präsidenten der Republik Millerand er­halten hoben, in dem dieser Festigkeit anemviieblt. übrigem erfahre man. daß heute nachmittag nach dem eng­lischen Kabinettsrat Poincarsund. Lloyd George ei'>e Unterredung miteinander haben wurden. Es fei also augenscheinlich, daß amFreitagvormittag die große Vollversammlung stattfinden werde, die end­gültig über den ausgebrochenen Konflikt entscheide.

Die englische Politik.

W.T.-B. London. 9. Aug. Reuter meldet: In britt- schev amtlichen Kreisen wird erklärt, die britische Haltung werde ron mancher Seite als deutschfreundlich be­zeichnet. Dagegen sei zu bemerken, daß Großbritannien nicht die deutschen, sondern die gesamten Interessen der Alliierten vertrete. Die englische Politik wolle die h ö ch st m ö g - liche Revarotionssumme von Deutschland erlangen. D'e Frage gehe nicht um den Grundsatz der Repa­rationen. sondern um das beste praktische Mittel, sie zu er­langen. Man furckte. daß einige von den anderen Alliierten vorgeschlogene Maßnahmen nickt zur Bezahlung, sondern zur Zerstörung reder Ausstckt auf Bezahlung führen würden.

Der belgische Kompromitzvorschlag.

W.T.-B. Baris. 10. Aug. über das belgische Kompro­miß erfährt der Sonderberichterstatter des ..Ecko de Baris". Belgien würde zuerst empfehlen, sofort den Plan. betr. die 26vroz. Abgabe vrn der Ausfuhr und die Einziehung der Zcllkinnabmcu. duichzufübren. Sollten diese Maßnahmen nickt genügen, run Deutschland, wie sich das Blatt ausdrückt, auf den rechten Weg zu bringen, dann würde die Beschlag­nahme der Staatsbergwerke und Staats- wäldcr am linken Rheinuier erfolgen. In dritter Linie würde man alsdann, wenn auch das nicht zum ge­wünschten Ziele iübre. die Ausrichtung der beiden Zoll­barrieren im Rheinland und an der Rubr be­schließen. aber diesmal nicht als Mittel, um eine Zahlung berbeizusührcn. sondern als Sanktion. Belgien erkläre, man dürfe nicht zugleich von produktiven Pfändern, und von Sanktionen sprechen, sondern man müsse sagen: Heute pro­duktive Pfänder, morgen Sankttünen.

Die englisch-französischen Gegensätze.

D. London, 10. Aus. (Gis. Drahtbcricht.) Wie ge­meldet wird, besteht die Möglichkeit, daß besondere Entscheidungen von der britischen Regierung getroffen werden müssen. Lloyd George babe ferne Koliegen im Kabinett zu einer Besprechung nachmittags 3 übr zusammenberufen, auch jene Minister, die sich im Ausland oder in Schottland befinden. Eine Savasmeldmlg erklärt. Lloyd George habe von oen französischen Vor­schlägen felgende angenommen:

1. Die 26vroz Abgabe von der deutschen Ausfuhr.

2. Die Beschlagnahme der deutschen. Zolleinnabmen.

3. Die Kontrolle der Staatsgruben im Ruhrgebiet und der Domin ialforften im linken Rheinland.

Die anderen Vorschläge, wie die Zollschranke in dem Rheinland und im Ruhrgebiet, stießen auf festen Widerstand der englischen Regierung. Diese Haoasmekdung wird jedoch offiziell dementiert Die Sachverständigen hätten noch keine' Einigung erzielt. Wenn von seiten Frankreichs keine redu­zierten Forderungen vorgeicklagen würden, werde die Kon­ferenz abgebrochen.

Der Londoner Berichterstatter des ..Jntranimrant" schreibt über die Verhandlungen, die zwischen Lloyd George. Poincarö und Tbeunis gepflogen wurden, daß jeder am seinem Standpunkt geblieben sei. Dadurch sei die Lage ge­spannter als je und erscheine im Augenblick als boii- nuugslcs Man glaube. PoincarS werde die Kammer sofort einberufen, wenn die Me-nungsverickieden- berten in London nicht zu überwinden leien. Es heißt, die Sachverständigen sollten am Nachmittag des gestrigen Tages nochmals die Frage der Pfänder geprüft haben. — Eine weitere Meldung besagt schon, daß PoincarS beim Pariser Kabinett angefragt habe, ob er

ein neues Programm mit geringeren Fordernngen vorlegen darf. Man erfuhr ferner in vorgerückter Nack- n-tttogsstund«. daß der Sackverständiaenausfckuß fvIsenLs Vorschläge Poincarös abgelehnt babe:

1. Die Zollgrenze.

2. Die Beschlagnahme der Bergwerke und Wälder.

3. Die Beteiligung an der deutschen Industrie.

Der Plan zur Beschränkung der Paviergeldausgabe durch die Reichsbank und eine Art von Bankkonttolle wur­den günstig beurteilt.

Zwischen den einzelnen Ministern fanden den ganzen Tag über Privatverband langen statt, um eine Grundlage für eine Einigung zu finden. Es beißr. Lloyd George babe erklärt, wenn Porncate London Hals über Kopf verließe und isoliert vorgebe, be­deute das das Ende der Entente. Darauf habe Poin- cax6 Llond George zum Frühstück einaeladen und dabei seine Bereitschaft betont, einige Punkte seines Programms aufzugeben.

Lloyd George wird heute die Mitglieder des englischen Kabinetts befragen. Wird ein Erfolg erzielt, so soll Deutschland ein kurzfristiges Moratorium erhalten, bis die große Konferenz, die im Oktober i;> Paris stattfinden soll, endgültige Beschlüsse fassen kann. Auf der Konferenz wartet inzwischen alles auf den. endgül­tigen Bericht der Sachverständigenkommission, die über die Vorschläge Poincarös berät. Man nimmt an. daß nach der Berichterstattung des Ausschusses Lloyd George die englischen Vorschläge vortragen wird, mit denen sich der Ausschuß zum Teil jetzt schon beschäftigt. In­zwischen bat der Redaktionscmssckuß der Konferenz seine Arbeiten vertagt Eine neue Vollsitzung der Kouterem ist noch nickt vereinbart.

W. T.-B. Paris. 10. Aug Der Berichterstatter des ..PeM Porisien" meldet: Die Regierungschefs wie die Sackveritan- digon haben sich dabin geeinigt, daß die Summen, die dem Earantieausschuß direkt überwiesen werden, also die 26prcz. Abgabe und die Zolleinnabmen. während der Dauer des Moratoriums von dem Ausschuß der deutschen Regierung überwiesen werden, anstatt für Revarationszwecke zu dienen. Man glaube daß man dadurch ein ener­gischeres Druckmittel gegen die Deutschen m Sauden höbe als irgend eine territoriale Besetzung. Dieses ro London erzielte Ergebnis sei nickt ohne Bedeutung. Warum müsse also über die Frage der Zollbarrieren, deren Swaffung die 'ranzesticke Delegation am Rbern und an der Ruhr rn- emrstble. ein Konflikt ausbrechen? Es sei klar, daß nicht

cbne ernsten Grund dieser Plan der Zollbarrreren auf dem srcnzösi'cken Programm f guriere. ^ Nicht damit zufrieden, die Beschlagnahme gewisser Einnabmeauellen Deutichlands. die nunmehr die Zustimmung der Alliierten gefunden habe, voizuscklagsn. halte es offenbar die französische Regierung für unerläßlich, inbireftuim Softem der Sankt ro- n e n zurückzukebren auf die Gefahr bm .die Finanzlage Deutschlands zu verwickeln. Man könne stch ledoch nickt ver­heimlichen. daß dieser Plan sämtlichen framostschen Alliier­ten antivathisch ist. Während sie rn der ersten Serre der Maßnahmen einen Fortschritt erblickten der. nickt nur Repa­rationszahlungen. sondern auch d,e. Stabilinerung der Mark bringen kenne, betrachteten ste Sie Aufrickttina der Zoll­barriere im Innern Deutschlands als einen Rückschritt der zu den größien Komplikationen führen werde. Die Belgier, die im übrigen entschlossen seien, an der Seite Frankreichs zu bleiben, welche Entscheidung es auch «treffen werde, ver-r heimlickten nicht, daß diese Maßnahme sie beunruhige für sich selbst und für ihren Hafen von Anttverven. Britischer- seit-' rahme d-e Ovvosition eine lebhaftere Gestalt an. Mit einem Wort, man könne sich nicht verbeimlichem daß die Er- richturg einer Zollbarriere am Rhein und um das Ruhr- gebier den Verbündeten Frankreichs als eins zweischneidige Waffe erschein:. Die Belgier würden sie wider Willen an- nebmen. cs sei aber unwahrscheinlich, daß die Engländer und Italiener das gleiche tun. Das Gerücht eines wahrschein­lichen Bruches laufe seit 24 Stunden aufs neue um. Ts sei zu hoffen, daß man nicht so weit komme. Unglück­licherweise aber bleibe'es bei dieser Zollbarr erdnfrag« sicher, daß man weder die Mehrheit der englischen öffentlichen Meinung noch die der Alliierten hinter stch habe. Es f« aber klar, daß die die die Verantwortung für die Geschick» Frankreichs tragen, eine derartige Tatsache nicht vernach­lässigen werden. Sie würden ihre endsültige Entsckejduan «rch reiflicher Erwägung uesieu.