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Mittwoch. 9. August 1922.
Abend-Ausgabe.
Nr. 367. » 7V. Jahrgang.
Bit einem Bum
Produktive Pfänder.
Die politische Terminologie wird fortgesetzt reicher. Bor einigen Tagen haben wir's zum ersten Mal mit Retorsionen zu tun gehabt, heute haben wir uns mit „produktiven Pfändern" auseinander zu setzen. Dies Wort ist vom französischen Ministerpräsidenten schon in der ersten Sitzung der Londoner Konferenz als Forderung Frankreichs verkündet worden. Zm entscheidenden Satze seiner Rede erklärte PoincarS, ein Moratorium, ein Zahlungsaufschub müsse Deutschland zwar gewährt werden. Aber, wie kurz der Aufschub auch sei, er müsse an die Bedingung geknüpft sein, daß die Alliierten als Gegenleistung produktive Pfänder erhalten, z. B. Beteiligung an den Erträgnissen der staatlichen Bergwerke und Wälder, Beteiligung an großen deutschen Industrieunternehmungen, Beteiligung an der Kohlensteuer und dergleichen mehr. Über die einzelnen Arten dieser produktiven Pfänder will Poincarö-, wie aus seinen Worten hervorgeht, mit sich reden lassen. Zm Prinzip aber lehnt er jedes Nachgeben ab und drohte sogar mit der Bemerkung, daß, im Falle dies von den übrigen Alliierten nicht anerkannt werde, Frankreich seine Handlungsfreiheit gegenüber Deutschland zurückverlangen müsse. Lloyd George warf auf diese Bemerkung ziemlich lebhaft ein: Soll dies ein Ultimatum fein? und es bedurfte einiger Vermittlerkunst Chamberlains, um dis Debatte nicht hier schon in einen offenen Konflikt treiben zu lassen.
Es hat fast den Anschein, als ob Poincarck diesem Konflikt mit Vorbedacht zusteuere, mindestens ist er offenbar entschlossen, seinen Willen im wesentlichen diesmal durchzusetzen. Lloyd George hat zwar in der letzten Unterhaussitzung erklärt, zwischen England und Frankreich gäbe es nur die Alternative „Kompromiß oder Bruch", aber er hat sehr deutlich zu erkennen gegeben, er seinerseits wolle nichts vom Bruch wissen, sondern nur vom Kompromiß. Heute scheint es nun trotzdem tatsächlich, als ob die Meinungsverschiedenheiten zwischen Lloyd George und Poincar6 so unüberbrückbar seien, daß ein Bruch unvermeidlich ist. Aber es scheint sicher nur so und wir sind überzeugt, daß es doch noch gelingen wird, ein Kompromiß zwischen London und Paris auf Kosten Deutschlands her- zustellen. ,
Produktive Pfänder verlangt Poincarch und nach Lage der Dinge ist unglücklicherweise nicht daran zu zweifeln, daß er mindestens mit einigen feiner Forderungen bei den übrigen Alliierten durchdringt. Aus den kurzen, programmatischen Äußerungen, die bisher vorliegen, ist noch kein Schluß darüber möglich, was unter den einzelnen, von ihm angedeutsten Spezialpunkten zu verstehen ist, und es wird notwendig fein, zu gegebener Zeit noch genauer daraus zuruck zu kommen. Im ersten Augenblick aber lassen sich zu den einzelnen Punkten folgende Bemerkungen nicht unterdrücken : Kontrolle der Reichsbank: was
darunter verstanden fein soll, müßte erst noch näher erklärt werden. Vermutlich handelt es sich um die Aufnahme von Reichsschatzscheinen und um die Notenausgabe, die sich aber beide in so vollkommener Öffentlichkeit vollziehen, daß schwer einzusehen ist, was eine Kontrolle hier eigentlich noch kontrollieren sollte. Sie wird jedenfalls nichts zu kontrollieren finden, und deshalb ist dieser Punkt eigentlich ziemlich bedeutungslos.
Was die beiden Punkte „Kontrolle der Ausfuhrgenehmigung und Überwachung des Marktes in Auslandsdevisen" anbelangt, so handelt es sich hier wahrscheinlich um die gleiche Sache. Die Deviseneingänge aus dem Export sollen nachkontrolliert und es soll verhindert werden, daß Bezahlungen für Export im Ausland stehen bleiben. Die französischen Sachverständigen, die
Poincarck zu dieser Forderung geraten haben, scheinen zu glauben, daß sie mit dieser Kontrolle mehr erreichen werden, als die deutsche Regierung selbst erricht hat. Das darf bezweifelt werden.
Zu einer Sonderbesteuerung der Ruhrihle müßte wahrscheinlich das Ruhrgebiet besetzt >er wenigstens umspannt werden und vielleicht ist es die hauptsächlichste Absicht. Denn daß an Geld el herausspringen könnte, ist unwahrscheinlich. Die ohlensteuer ist ohnedies schon außerordentlich hoch ld hat den Preis der Ruhrkohle bereits sehr nahe l den der Auslandskohle Herangetrieben. Erhöht an diesen Tarif noch mehr, so schaltet man den Ab- i der deutschen Kohle aus und verweist die deutsche
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Industrie aus englische Lieferungen, dann aber wird das Pfand nicht produktiv, sondern, im Gegenteil, es beeinträchtigt sogar die jetzigen Einnahmen.
Wenn weiter versucht werden würde, das besetzte Gebiet durch eine Zollgrenze vom übrigen Deutschland abzuschneiden, so wäre die erste Folge, daß die französische Industrie von der nunmehr durch Zollunion mit ihr verbundenen rheinischen Industrie wahrscheinlich ruiniert werden würde. Für Deutschland aber würde die rheinische Produktion im wesentlichen ausschalten. Die Erträgnisie dieser Zollgrenze wären wahrscheinlich geringer als ihre Kosten.
Mas aber die Beteiligung an der deutschen Industrie anbelangt, so würde auch sie aller Wahrscheinlichkeit nach schwerlich die Kosten decken, die mit der Transaktion verknüpft sind. In Goldwerten stellt die deutsche Industrie ohnehin kein sehr großes Kapital mehr dar, weil auch ihre Erträge nur in Papiermark fließen; und der Ertrag wäre noch geringer, wenn durch sonstige Maßnahmen die Produktivkraft dieser Industrie erheblich geschädigt würde.
Es ist die alte Erfahrung, daß das Unmögliche unmöglich ist, an welchem Ende man es auch immer hochzuwinden trachte. Die produktiven Pfänder würden nicht entfernt produkftv genug fein, um die Forderungen Frankreichs auch nur zur Hälft« zu decken, aber sie könnten wirksam genug sein, um die deutsche Einkommens- und Leistungskraft um weitere fünfzig Prozent zu ruinieren!
Tie Londoner Konferenz.
D. Lands». 9 Aug. (Erg. Drabtbericht.) Wie uns gemeldet wird. war die Spannung am ersten Ksn- f e r e v 1 1 a g fcbr airfc. Als BoincarS den Plan über die Finanzkontrolle entwickelte, batte ibn Sckanzer mit den Worten untevkiockrn: ..Ick, leugne nickt, daß Ihr Plan Geld bringen wird, aber 'ick habe Bedenken in politisther. sozialer urck mmalischer Hinsicht." Mit Lloyd Georg« erfolgte ein Zu kommen st ob. als Lloyd George Poincarö darauf aufmerksam mochte, daß sich Boincar« Funktionen der Ent- 'ckäkig v ngskomm ti 1 1 o n anmaße. Boincar« babe geantwortet, ei hätte ibm Ähnliches sckon öfter oorbalten wollen. Man glaube in London, daß der K o n f l i k t ü b e r d i e S ch u lS- fräse auf einer
weiteren Konferenz
bcfvrocken werden soll. Man glaubt, daß der Erfolg der Besprechungen am Montag in der Gewährung eines Moratoriums kür einige Monate zu leben sein wird. Obwobl sick die Teilnehmer zur Geheimhaltung der französischen Vorschläge verpslicktet baben. bringt ..Mesiagero" die brdkutcnd gemäßigteren Bedingungen der italienischen und englischen Vertreter. Nutzer der be st ebenden Kontrolle leben sie noch die Kontrolle der Zolleinnabmen des Pavieraeldumlaufes. die Einstellung säst iämilicker begonnener öffentlicher Arbeiten bei Eisenbahn. Wosierläufen und Televbonlinien vor. Poim cnr« dagegen wünscht eine Generalkontrollmaß- n ab me.
Rach einer Harasmelduns ans London ist die Sitzung der Sachverständigen gestern um 1.15 Uür zu Ende gegangen. Bekanntlich batten die Sachverständigen über Poinoarös Vorschläge zu beraten. Sie baben sich nur darüber geeinigt, datz die voraeichlac-enen Maßnahmen eine im Bergleich zu den deutschen Verpflichtungen geringe Summe einbrächten und zugleich die Erfahr mit sich brächten, die deuische Wirtschaft zu zerrütten. Der Widerstand Englands babe sich besonders gegen die Bestelle- r u n g der aus dem Ruhrgebiet abaefördert-n Waren gerichtet. England babe besonders eingeivendet. daß die Alliieiten auf Grund der früheren Abmachungen schon über produktive und vräzise Pfänder verfügen. Im übrigen bat der im Mai vorigen Kahres eingesetzte Earantieaussckuß die Machtbefugnis. Maßnahmen zu ergreifen, wenn er es ?ür notwendig erachtet.
I). London. 9 Aus. (Eis. Draht bericht.) Die offiziellen Vertreter der Alliierten batten am Dienst«« ihre erste Ruhepause Der Tag war, ,nnt den Beratungen der inzwischen eingesetztrn Sachverständigenkommission zur Prüfung der Ertrogsfähmkeit der französischen Vorschläge avs- gefrillt. Am Nachmittag verhandelt« die Kommission mit den Finanzministern der vermiedenen Länder. Obwohl in Konferenzkreisen verlautet. Poincart sei cntschlosien nicht nachzngekcn. d.utet olles auf ein Kompromiß hin. Dazu ist es Erfordernis, daß dr« gegenseitigen Standpunkte so deutsch wie möglich umschrieben «erden. Dies sei inzwischen geschehen. In der Kompensationsfrage bandele cs sich um eine D fferenz von ly. Millionen Pfund Sterling. Diese Summe «erde von Frankreich wöchentlich für seine Armee ausgegeben. Praktisch «esorochen
und Deutschland ausgefockten werden soll Die nächsten Tage werden die Spannkrart der Entente auf eine schwere Prob« stelle n. Mit ziemlicher Sicherheit lästt sich schon letzt sagen, daß die Kontrolle der deu timen Großindustrie und die Errichtung einer Zollgrenzeim besetzten Geb-et keine Aussichten auf Verwirklimring haben, da sich England diesen beiden Forderungcn widersetzt. Von enalrscher Seite wird ansge- fübrt bitte Maßnahmen wurden nur ein geringes Resultat bringen. Sie würden dagegen das Wirtschaftsleben Denück- lands desorganisiere».
ErnstL M-'inungsverschisdenheite^.
W. T.-B. Paris. 9. Aus. Der Sonderberichterstatter des ..Petit Parisien" meldet, er glaube zu wissen, daß infolge der gestrigen Unterredungen und namentlich der Erklärungen. die Pcincar« während des in der bels'scken Botswatt stattgefundenen Frühstücks gemacht habe, in besten Verlauf P o i n c a r 6 gegenüber Lloyd George wiederum davon sprach, eventuell seine Handlungsfreiheit »uruazu« nehmen Lloyd George gestern abend ziemlich frei seine Meinung üabin äußert«, daß ein Bruch unvermeidlich sei. Der britische Premierminister hätte binzugefugt. ein Bruch sei vom englischen wie vom französischen Standpunkt aus gleich bedauerlich, aber o:e nun einmal von PcincarS eingenommene Stellung scheine ihm keinen ander:» Ausweg als den Bruch zuzulasten. Dieser Eindruck ler übrigens gestern abend auch bereits einer Anzahl von Vertretern der drstilcken Presse mitgeteilt worden. .
W. T-B. Paris, 9. Aua. Pertinar telephonierte dem ..Echo de Paris" um 1 Ubr vormittags aus London, man versichere ihm. daß Sir Edward Erigg. der Brroatsekretar des englischen Picmierministers. gegen 9.30 Ubr abends in der Downingstreet die meisten englischen Journalisten empfangen habe. Er bube ihnen erklärt, daß Lloyd George entschlossen sei. das Programm Poincar 6 s zuruckzu- weisen. Er habe binzuacfügt. daß. wenn dieses Programm nicht geändert weide, die Eateate cordiale nur schwierig fortge'etzt werden könne. _ .
W. T.-B. Paris, 9. Aus. Havas berichtet aus London, in britischen Kreisen habe man heute nacht einen mehr pessimistischen Eindruck. Man erkläre offen, da» die englucke Regierung beute, am 9.. den gesamten Plan Pmncares zurückweisen werde, und man gebe zu verstehen, daß der heutige Tag eine ganz besondere Bedeutung haben werde, ja sogar «ine Rückwirkung auf die Zukunft der Beziehungen zwischen England und Frankreich.
W.T-B. Paris. 9. Ans Nack dem Bericht des ^Matin" aus Lenden bat gestern nachmittag der belgisch« Mrnist^- vräsident Tbeunis den Versuch gemacht, eine .Überbrückung der frauzösisch-englisck>en Gegensätze. herbe,»ufubrem Er habe eine lange Unterredung mit Boincar« gehabt und sich alsdann zu Lloyd George begeben. Di« Stellung Belgiens sei eine belondere. Bekaien batte wie die französische Regierung selbst gewollt, daß das gesamte Revarationsorobstm in London angeschnitten wurt^. aber ihm 1<>* es sehr schwer gewesen, di« Frage der Kriegsschulden aukzurollen. weil es aus Grund des Friedeirsorrtrases seine Schuld in deutschen Cckmtzbons bezahle. Belgien wolle aber den Bruck zwilchen Paris und London ^ vermeiden Das Brüsseler Kabin-ti lege sich Rechenschaft davon ab. daß bei der augeiibl.cklichen Lase zwe- verschiedene Arten von Politik miteinander in Gegensatz geraten sind: die eine, die < p liscke. die die Entschuldigungen Denüchlands annehme. d,e andere, di« Frankreichs. d?e an Deutschlands schleckten Willen glaube. Die Grundlagen^ der beiden Arten von Pol-tik seien verschieden. Wenn Deutschland für ferne anscheinende Zahlungsunfähigkeit verantwortlich.ier. musie es darunter leiden, um zu erfahren, welches seine Pflichten seien. Wenn die wirtschaktlicken Fatalitäten verantwortlich 'eien, dann habe Deutschland einzig und allem Zeit und Suite notwendig. Der belaäcke Standpunkt i«i vermittelnd zwischen dielen beiden sich «eaenüberstehenden Theken, und seine Regierung könne kostbare Dienste für das so mühevolle Einverständnis der Alliierten leckten.
W T.-B. Paris. 9. Aug. Um Mitternacht will der Sonderberichterstatter der Sarasasentur erfobren haben. daß PoincarS spat aber.ds mit dem belgischen Ministerpräsidenten Tbeunis verhandelt bat. Heute sormrtt-g werde der französische Ministerpräsident eine Unterredung mit Llond George und Tbeunis haben.. Daraus -onne man schließen, daß der belgr-cke Ministerpräsident «me vermittelnde Lösung vorgeschlaMN habe, die trotzd«n iw dem von Po-nc«r6 ausgestellten Grundsatz:. Kern Moratorium ohne neue Pfänder, entspreche zweiielsobne d'-e verschiedenen Aussübrungsmittel betreffe. Unter diesen Umstanden werde die Prüfung des Revaratwnsvroblems aus ihrer technischen Phase hcraustre.ten um am das v o litt ich e Gebiet überzugchen. Die Zustrmmenkunft der Premierminister. die für beute vormittag vorgesehen sei. sei «utee» schvben worden.
Eine deutsche Denkschrift.
Br. Berlin. 9. Au«. (Eis. Drahibericht.) Wir erfahren, daß die deutsche Regierung im Hinblick auf die Londoner Konteren» den Regirrunsen der alliierten Machte ejiie Darstellung der politischen und wictschafilichen Situativ« Deutschlands übermittelt bat. Eine Berliner . Korrespondenz min dazu erfahren haben. Deutschland batte darauf hingewiesen, sckon die*Verhandlungen in Genua batten einwandfrei ergeben, daß die gegenwärtige Wirtschaft«- und Finanzlage Deutschlands einen schweren Schoden für die übrige Welt mit sich bringe. Auch ohne Entschädigungslei st ungen ^ und Ve- satzunaskosten übersteige der Bedarf Deuckchkanids an Eolddrvrsen di« Einnahmen Deutschlands an GolÄoevcken. Sivsowicien wird auf den Verlust der Ernährungsgebiete. wodurch eine starke Einfuhr von Lebensmitteln notwendig würde. Deutschland habe aus seinem mobilisierbaren Vermögen und Güter insgesamt 45 Milliarden Goldmark aus Grund des Friedensvertrases geleistet. Rechne man den Goldwert der Gebietsverlutte und den Verlust der Kolonien dazu so ergäbe das eine Summe von mehr als 106 Milliarden Coldmark. das ist ein Drittel des ursprüng- li«ben deutschen Volksvermögens. Die Kohlenförderung. Robchienerzeiigun«. TertilproduiMon. Produktivität ver Lovdwiickckaft und die Leistuna der deutschen Eiieubab» seien stark rurückaegangen. Ein großer Teil des Staates fei ruiniert Die Krecke ver höheren Angestellten und Beamten seien verelendet. Ein deutscher Reicksminister babe in englischer Währung ausgedrückt ?5fl Wund Sterling Jabrrs-
8 «halt. Der Fleischverbrauch lei aus 50 Vroz.. der Brotvrr- rauck au' 07 Proz. berabgesangen. Deutschland habe eine Viillion Wohnungen weniger. Die Einricktunaen der Gesundheitspflege könnten kaum noch aufrechterhalten werden. Die Wiede'gclundun« Deutschlands sei keine innerdeutsche Angelegenheit. Hingewiesen wird auf die vielen Kommissionen. di« tas entwaffnete Deutschland bewachen. Die Souveränität der deutschen Regierung wird nicht beachtet. DeutschlLüds LeistunssfäLigkeit wird weit nber- •i schritte».
