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Dienstag» 8. August 1922.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 364. ♦ 70. Jahrgang.

Der Moskauer Prozeß.

Seit dem 1. Jzmi wird in dem Gebäude des ehe­maligen Moskauer Adelklubs ein Prozeß verhandelt, auf den immerhin nicht nur die Augen der gesamten Arbeiterwelt gerichtet find. Es ist das Gerichtsver­fahren, das die russische Sowjetregierung gegen 34 seit drei Jahren in den Gefängnissen sitzende. Mitglieder der Sozialrevolutionären Partei angestrengt hat und das in diesen Tagen seinem Ende entgegengeht. Auf der Berliner Konferenz der drei Internationalen, die - der Herstellung einer -Sozialistischen Einheitsfront galt, bildete dieses Gerichtsverfahren einen wichtigen Gegenstand des Streites. Die Vertreter der nicht kommunistischen Internationalen forderten, daß die Todesstrafe nicht ausgesprochen werde, und R a d e k machte damals die Zusicherung, daß das Heben der Angeklagten nicht angetastet werden solle. Den Be­schlüssen dieses Kongresses hatten es die Angeklagten zu verdanken, daß ihnen westliche Verteidiger: Pander- velde, Liebknecht und Rosenfeld, beigegeben wurden, die freilich schon nach wenigen Tagen mit Zustimmung der Angeklagten Moskau wieder verließen, weil sie einer ausgesprochen feindseligen Stimmung des Ge­richts wie der bolschewikisch beeinflußten Massen be­gegneten und weil das Gerichtsverfahren ihre Vertei­digung in einer ihnen unerträglich scheinenden Weise beengte. Denn es handelt sich im Grunde nicht um ein Gerichtsverfahren im engeren Sinne, sondern um. einen rein politischen Mt, den allerdings die Sowjet- regierung in Anlehnung an revolutionäre Tra­ditionen in die Form eines Rechtsverfahrens kleidet. Daher kommt es, daß dieses Verfahren durch Reso­lutionen von sowjetistischen Zentralkomitees cinge- leitet wurde, die offenbar nach einem bestimmten Plan im Gegensatz zu der Berliner Konferenz alle die Todesstrafe für die Angeklagten forderten. Man wollte eine starke Stimmung der Massen gegen die Angeklagten, zugleich aber natürlich auch gegen die noch immer lebendige Sozialrevolutionäre Partei, die ärgste Feindin der Bolschewiken, sichtbar mackuui.

Im Grunde kommt der ganze Prozeß, recht unzeit­gemäß. Wer wußte denn überhaupt noch außer den Nächstbeteiligten und Politikern der verschiedenen Internationalen, daß da in Moskau feit mehr als drei Jahren drei Dutzend Sozialrevolutionäre in den Ge­fängnissen der Sowjetregierung sitzen und auf ihre Aburteilung warten? Man hatte eigentlich angenom­men, daß die unheimliche „Tscheka" mit all diesen Ele­menten längst kurzen Prozeß gemacht habe. Man kann auch zweifelhaft sein, ob die Sowjetmänner von An­fang die Absicht gehabt haben, in einem öffentlichen Verfahren die Verbrechen und Vergehen, die den Sozialrevolutionären zur Last gelegt werden und. die sie gar nicht leugnen, zur Aburteilung zu bringen. Es hätte ja kaum etwas gehindert, die Angeklagten ohne förmlichen Urteilsspruch in den Gefängnissen festzu- batten, um sie allmählich in Vergessenheit geraten zu lasten. Daß sie es nicht getan haben, ist doch offenbar unter der Einwirkung des internationalen Sozialis­mus nicht kommunistischer Richtung geschehen, der eine Aburteilung verlangt hat. Aber eben'diesen inter­nationalen Sozialismus braucht das sozialistische Ruß­land, um die „Einheitsfront der Arbeiterschaft" für die große Weltrevolution herzustellen, und eben des­wegen ist es auch trotz den blutrünstigen Resolutionen der Räteversammlungen, der wilden Reden von leiten­den Bolschewiken und Artikeln ihrer Blätter nicht wahrscheinlich, daß man es zu einer Mastenabfchlach- tung der Angeklagten kommen lasten wird. Das würde die Kluft im internationalen Sozialismus für lange Zeit unüberbrückbar machen. Es gibt natürlich in der kommunistischen Partei schon eine Gruppe, die etwa den Pikenmännern von 1792 entspricht. Diese wird sicherlich buchstäblich die Köpfe der Angeklagten for­dern. Aber die Regierung kann kein Jntereste daran haben, in dem Augenblick, da sie dis. Anerkennung und das Kapital des Westens sucht, sich noch einmal im vollen Glanze des roten Schreckens zu zeigen. Eine Verurteilung- ist. da die Angeklagten gar nicht leug­nen. und da es sich durchweg um verbrecherische Unter­nehmungen gegen den bolschewikischen Staat, also «Hochverrat" handelt, selbstverständlich. Es wird ver­mutlich auch in den meisten Fällen auf den Tod er­kannt werden, aber vollstrecken wird man die Strafe Ichrverlich

Um was es sich bei diesen Angeklagten handelt, ist schon kurz angedeutet worden. Die Sozialrevolutionäre Partei ist zu einem wesentlichen Teil diezemge, me rm Februar 1917 das Zarenregiment stürzen half. Sie bat dann im Sommer 1917 unter K e r e n s -1 die Macht an sich geristen, aber der gleißnerischeAdvokat Kerenski war wie vorher der demokratische, Professor Miljukow ein Phrasenheld, der vollständig ver«

sagte, als es sich für Rußland darum handelte, aus dem Kriege herauszukommsn. Er ließ sich ganz von den Westmächten für deren imperialistische Politik einfangen, während das Land nichts anderes als Frieden begehrte und das Heer schon anfing, ausein- anderzulaufm. So konnten die Bolschewiken, deren Führer die deutsche Heeresleitung ins Land gelassen hatte, mit der Parole: Frieden, Land und alle Macht den Räten, das Regiment der Sozialrevolutionäre, das sich von dem Bourgeoisregime der ■ Kadetten kaum unterschied, fast unblutig über den Haufen werfen. Als dann die Bolschewiken die konstituierende Na­tionalversammlung durch ihre Matrosen auseinander­jagen ließ, begannen die Sozialrevolutionäre ihr System des individualistischen Terrors, mit dem sie früher den reaktionären Zarismus bekämpft hatten, gegen die neuen Machthaber anzuwenden. Es folgten Mordattsntate gegen Lenin, Trotzky, Sinowjsw und andere Führer des Bolschewismus, und nicht alle 'mißglückten, wie die Ermordung Wolodarstis und Uritztis zeigen. Auch die Ermordung des deutschen Gesandten Grafen Mirbach fällt den Sozialrevo­lutionären zur Last. Mit den gegenrevolutionären Unternehmungen zaristischer Generale, wie der „tschechischen Legion", sind sie nach der Anklage Hand in Hand gegangen. Dabei ist es das Bestreben der bolschewikischen Anklage gewesen, nachzuweisen, daß alle diese Straftaten nicht Verbrechen einzelner ge­wesen, sondern im Einverständnis mit dem fozialrevo- lutionären Partervorstande geschehen sind. Die bol- schewikische Regierung hat auf alle diese Unter­nehmungen durch blutigen Mastenterror geantwortet. Sie hat dabei die alte Bourgeoisie wie auch die sozial- revolutionären Arbeiterschichten, soweit sie ihr ge­fährlich erschien, rücksichtslos und mit einem wilden Fanatismus dezimiert. Gerade diese Angriffe gegen bas Sowjetregime, die diesem- manchmal recht gefähr­lich zu werden drohten, sind es gewesen, die durch ihre Rückschläge Hunderttausende von Menschenleben und Ströme von Bl.ut gekostet haben. Ein letzter Ausklang dieser Greuel ist der gegenwärtige Prozeß.

Für demokratisches Denken gebietet keinerlei poli­tisches, wohl aber das rein menschliche Jntereste, einen unblutigen Ausgang zu erwarten. Bolschewiken wie Sozialrevolutionäre stehen j uns gleich fern. Die Sowjetregierung hat bei einer Amnestierung nicht viel zu befürchten. Die Sozialrevolutionäre werden sie schwerlich stürzen, auch wenn sie in Rußland, Paris oder Prag donnernde Reden gegen die Tyrannen halten. Bei den Bolschewiken wird kaum ein anderer Gesichtspunkt als der der politischen Zweckmäßigkeit den Ausschlag geben. Ev ist ein Machtkampf. Der bolschewikifche Staat ist heute in seinem Bestand auf absehbare Zeit nicht gefährdet. Eine unnötige Ab­schlachtung von Leuten, die schlechte Politiker und in ihren Methoden üble Gesellen, auf östliche Art doch Idealisten sind, wäre eine Abscheulichkeit, die sich rächen würde. Nur eine nervöse und um ihr Dasein zitternde Regierung hat es nötig, politische Blut­urteile vollstrecken zu lasten, die dann immer gegen sie wirten. Die Sowjetgewaltigen brauchen heute nicht mehr nervös zu fein, es wäre von ihrem Stand­punkt eine Dummheit, wenn sie dennoch so verführen, als feien sie ihrer Sache nicht sicher'

Kabmettsberatrm^en über die neue

Note Porncar6s.

Br. Berlin. 7 Aug. (Eia. Drabtbericht.) Die Note Pomcarös. die gestern in Berlin einging und d-ren Wort­laut im einzelnen nickt unwesentlich von der vorgestern ver- offentliichten Savllsfossung abweickt. bat der Reicksreaie- rung Veranlassung gegeben, heute nachmittag ntn 5 Uhr zu emtr Kab tne ttssitzung zi-sammsnzutreten. Bereits heute mittag 12 Uhr haben in dem Reichskanzlei Cbef- Lesvreckungen stattgeiunden. die sich ebenfalls mit der le§ten No1e Frankreicks befaßten, Anschließend an diese Cbefbewrcckunaen die streng geheim geführt werden wird dann die angeknndigte Kabinettssitzung stattfinden, um be­sonder Beschlüsse zu fassen Man nimmt an. das, der Reichspräsident den Vorsitz rn der Sitzung führen rorrD.

Br. Berlin.. 7. Aug (Eig. Drabtbericht.) Zu der Mit­teilung. das; die Recktsabteilung des Auswär­tigen Amtes gegenwärtig die Rechtslage der französischen Retoifionsmabnahmen eingehend prüft, erfahren wir von unterrichteter Seite, deck Metes der übliche Weg ist Dar- über ob ein KamniumouS über das Prüfungseraebnis heute veröffentlicht wird, ist noch nichts bekannt.

Ein Moratorium von zwei Zähren.

W.T.-B. London. 7. Aug. * Der volitische Mitarbeiter der ..Westminster Gazette" schreibt: Wie ich höre, hat man britischerseits vorgeschlagen, ein Moratorium von zwei Jahren zu verlangen. In der Zwischenzeit müßten die Naturalleistungen in unvermindertem Umfang statt» suchen-

Die Londoner Konferenz.

v. London, 7. All«. (Eig. Drahtbericht.) Man hält es hier für ein absichtliches Arr ansement von Lloyd George, daß er P o i n c a r 6 und Schänder nn gleichen Hotel die Belgier aber anderwärts emauarttert bat.

Der bekannte VolkswirMaftler K evnes bat gestern in einer längeren Rede ausgLsübrt. das einzige Mittel die augenblickliche Finanzlage Eurovas zu retten, iei die An­wendung folgender vier Punkte:

1 Lin sofortiges Moratorium fu: Deutschland von mindestens einem Jahr. . . , „

2. Einberufung einer r Mer nationalem Kon- s e r e n 3 . um das Probl-ein der Neuara-tronen und der interalliierten Schulden zu diskutieren.

3. Aufgabe des Plan« der Verbündeten, dre Ve n - sions schulden Deutschland zahlen zu

4. Sofortige Räumung der besetzten Ge-

1V^D.-B?London. 7. Aug. ..Daily Telegraph" schreibt in einem Leitartikel, es bestehe kein Grün d zu der Annahme, daß irgend eine wichtige Entickeidun so er den gegenwärtigen Verhandlungen Hera us- komme. Aber damit sei noch nickt gesagt, «atz sie kerne ernst« Bedeutung haben. Sie können sogar rm höchsten Grade ve- diiutungsvoll werden, sei es wegen ihrer Rückwirkung auf die Beziehungen der beteiligten Regierungen oder die vorläufigen

^^Ein diplomatischer Mitarbeiter des ..Daily Telegraph" schreibt: Bis zum Samstag erschien dre vorausstcytlicke

Atmosphäre alles andere als bokmungsooll: aber die lem

milden, etwa negauoen. um nickt zu sagen nominellen Sank­tionen des Herrn Poineurö haben oie Spannung zwischen London und Paris merklicher leich­tert. Wegen der Dauer des Moratoriums (em kurzes Moratorium wird von beiden Kreisen für zwecklos gehalten) und der Sicherheiten wird -ine lebhafte Aussprache erwartet. Die Franzosen haben weitgehendere Kontrollmab- nahmen über die deutschen Finanzen vor. als, sie all seinem vrn den Alliierten gebilligt rveroen. inn Anickluh an die Balfour-Rote werden die Hauoriragen der Wiederherstellung und der Schulden wohl eber unrersucht als entschieden werden.

Es ist fraglich, ob Herr Poincarö seinen Plan unter­breiten wi:o. Grotzbr'tiinnien und Frankreich kommen beute zusammen mit sehr weit a n se in and er gehenden Ansichten: dock braucht man nicht, zu verzweifeln, das; nicht noch, wie bei früheren Gelegenheiten, eine ge­meinsame Formel gefunden wird, die für reden Teil annehmbar ist. wenn nicht von den beiden. Staaten, dann von der belgischen Regierung. Italien und die Donau­mächte werden, nenn sie ersucht werden sollten, am ihre An- svrüche zu verzichten, auf die Suspension.ihrer Anspruch«: für 20 Jabre Hinweisen. Der Mitarbeiter 'ugt limzu. em Ver­zicht Grokbritanniens oder Italiens am Anteile an den Wiederbeistellungen würden zur Folge haben. dah,der Ww- derberstellungsausschus; in eine sehr delikate Lage kommt, denn da sie nickt länger Gläubiger Deutschlands, waren, würde ihre Intervention als eine lästi » e Einmischung anglsehen. Ferner würde es unerwummt lern. Frankreich in. London zu lagen, seinen Wrederherstellungsanteil aus dein Versailler Vertrag nach seinem freien Ermessen anzuleaen. Diese Seite einer Politik des Verzichtes wurde auf keinen Fall übersehen,werden. ,, . .

W T-B London. 7. Aug. ..Observer schreibt IN einem Leitartikel zu den heutigen Verhandlungim u. a.: Frank­reich werde sich bei den Verhandlungen sehr hartnäckig zeigen. Voincarö habe nck mit einer Waffe versehen, mit der er sich gut auskenne. Er antwortete auf dre Rote Bal- fours mit einem Ultimatum, dessen rechtlime Zu- läMakeit in diesem Augenblick zweifelhaft sei. Es in be­dauerlich. dal; die Erorterungrn auf das Niveau des Kubbandels gebracht würden aber daran trage die Schuld der Starrsinn Poincarös. Er wisse, daß Sanktionen den Markkurs nicht wiederherstellen sondern gründlich zer­stören würden und dainit auch die Reparationen rn der ,n Aussicht genommenen Form. Rack vier Bahren wisse Eng­land nock nickt — Frankreich wisse es vielleicht auch nicht — ob die französische Politik die Wiederherstellung der zerstörten Gebiete oder den Ruin Denischlands anstrrbe. Lloyd George habe am jeden Fall seinen festen Entschlutz kvndgegeben. sich jedem derartigen Plan zu wider'etzen. Der beste Beweis, für eine ehrliche Revarationspolitik würde die Annahme eines Moratoriums sein, sowohl für die Rev-rrationen als auch für die Vorkriessschuldeu. Wenn das heute erreicht werden sollte, würde dies bereits mehr Ertrag einbri-igen als alle früheren Reoarationskonferenzen. , , „

Die Festsetzung der gesamten Revaratlons- iumme werde vielleicht noch nickt zu erreichen sein. Als­bald werde auch die Frage der i n t e r a l l i e r t e n S ck, u l - , den akut. In diesem Zuiammenbang bilde die Balfour-Rote nur schembrr ein Hindernis. In Wirklichkeit sei sie vielmehr eine Festsetzung der Grenzen, bis zu denen Erotz- k-iitannien geben könne und ein Hinweis darauf, daß die bri­tischen Ansprüche an Deutschland nicht ohne Gegenleistung aufgegeben werden könnten. Die brilische Regierung sei wohl sogar bereit, ein gröberes Opfer »u bringen für eine solide endgültig: Regelung der Revarationssrage und für den Ver­zicht aus Sanktionen: aber es würde noch immer besser sein, sie überhaupt fallen zu lasten, statt sich mit weniger zu ge­nügen. Die Balsournot.» versperre reden Weg zu einer end­gültigen Regelung. Wenn die Türe geschlossen werde, habe Voincars den Scklusstl dazu: aber durch das Ultimatum werde sie nicht geöffiiet.

W. T.-B. London. 7. Aug. Erawsord Brice schreibt in der ..Sunday Times' zu de-> sranzöstichen Retorsionsmatz- i.ahmcn. dis isolierre Aktion eines Landes, während allge­meine alliierte Jntereisen in Frage kämen, sei nicht io sehr geeignet, eine Haimo ni: me Atmosphäre für die Konferenz zu ickafie». Poincarö wolle offenbar seine Kollegen im Obersten Rat vor die vollendete Tat­sache stellen. Es müste genügen, darauf hinzuweisen dab eine Nichterfüllung durch Deutschland erst in 10 Tagen fest- gestellt werden könne, und datz. wenn auch die Vorkriegs- schulden nimt unter das Revarationskoato fielen, dre Alliier­ten gemeinsames Anreckt auf oie deutschen Äkrioen Latten. Was den von Pariser Blättern verössentlickten Plan betreffe, so sei es klar, datz er für die Franzosen viel Anziehendes be- sitze. aber er weiche sehr von der oritijchen rnd italienlichen Aufsaiiun» ab.