Verlag Lnngzsss« 21
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Samstag» 22. Juli 1922.
Morgen-AusgaÄe.
Nr. 336. o 7». Jahrgang.
Der Sturz des Kabinetts Facta.
Der Sturz des Kabinetts Facta konnte nicht überraschen. Sein Todeskampf hat schon nach der Konferenz von Genua begonnen. Die Regierung ist jetzt über innerpolitische Fragen gefallen. Die geringen Erfolge in der Unterdrückung des Faszismus namentlich haben in der Kammer den Willen ausgelöst, eine unhaltbare Koalition zu befeittgen. Die Abstimmung — 283 gegen 103 Stimmen —, in der nur rechtsgerichtete Gruppen für Facta eintraten, hat gezeigt, daß man mit dem System der Beschwichtigung der Gegensätze aufräumen wollte. Allerdings könnten nur Neuwahlen die gegenwärtige verworrene Lage klären. Denn die Parteiverhältnisse im Parlament sind derart, daß eine energische Einstellung in die eine oder andere Richtung kaum möglich erscheint. Als Ende Februar Factas Ministerium in mehr als dreiwöchiger Krisis zustande kam, hatte man es mit den gleichen Schwierigkeiten zu tun. Sein Vorgänger .B o n o m i war freiwillig zurückgetreten, ohne ein Kammervotum abzuwarten. Nach einigen vergeblichen Versuchen, einen neuen Mann zu finden, gab der König Bonomi Auftrag, doch vor die Kammer zu treten und eine Abstimmung herbeizuführen, aus der einige Anhaltspunkte für die Gewinnung einer Majorität zu ersehen wären. Diese Hoffnung erfüllte sich sehr schlecht. Im Grunde schien eine vorherrschende Sttömung zu Eiolitti hinzulaufen. Bonomi fiel, wie man sich erinnert, weil er bei der Papstwcchl und bei der Inthronisation des neuen Papstes dem Vatikan eine sehr freundliche Gesinnung bewiesen hatte. Das wurde dem starken Einfluß der „Populari" in seinem Kabinette zugeschrieben und verursachte unter den alten Gegnern der., Aarikanischen Annühernngspolitik die Befürchtung, daß man in dieser Richtung mit forcierter Geschwindigkeit fahre. So dachte man an Eiolitti. Aber da dieser selbst zu viel Anfeindungen erfuhr, nahyi man seinen alten Freund Facta, der freilich im Innern keine sehr entschiedene Politik verfolgen konnte.
Im Februar gelang es, die Krise zu überwinden, hauptsächlich aus außenpolitischen Gründen. Die Konferenz von Genua stand bevor. Es war vorauszusehen, daß Italien als Gastgeberin und Facta als Präsident der Konferenz eine bedeutende Vermittlerrolle zu übernehmen haben würde. Von diesem Kredite hat Facta sozusagen bis jetzt gelebt. In Genua hat er und sein Außenminister Schanze r dieses Vertrauen vollauf gerechtfertigt. Ohne, die Italiener, °die auch durch ihre allgemeine Politik auf eine Mittellinie gedrängt werden, wären manche Klippen in Genua nicht umschifft worden. Diese Aufgabe des „ehrlichen Maklers" führte Schanzer allerdings zu einer starken Annäherung Italiens au England. Das Einvernehmen zwischen Rom und London >ollte zwar keine Spitze gegen Paris in sich bergen. Aber in Paris nahm man es doch übel. Denn es be- ^J 30 *?F em "nch in der Reparationspolitik g genuber Deutschland. In der Reparationskommission Wurden endlich nicht mehr die festen Kompromisse ge- ? an überstimmte Frankreich. Herrn jW ” to" 9 be l uf)te allerdings auf einem ber englischen Annäherung. SÜIs er nach London reiste, um in der glücklichen all-
die^Orttnt u^d"^-L7 Reihe Einzelfragen ?u lösen, die Orient- und Mittelmeerprobleme namentlich da
fand er kern rechtes Gehör. Und als er auf der Rück-
Küble^di?an' Ä™ 4 zeigte Voincars ihm eine
Er verzieh die italienische Schwenkung nach der englischen Seite hin nicht
SJÄ P ab. mit Italien über Lnger zu
«ä «u NH?, 7 h ff;
jjj.t:?: 0 » ba/ bo ® Kabinett Facta, das von der Außen- aewtt^vÄ ^e. rm Grunde auch außenpolitisch ab- stellen Ob die neue Regierung sich anders ein-
EnlllavdnnT.^ namentlich das Verhältnis Italiens zu Nunnepn ^^an.reich sich ändern wird, auch nur in varatinn-s^b^te noch nicht abzusehen. In der Re- die Seit^ Enal^^r^ italienischen Interessen an daß Aber ganz sicher ist man nicht,
mit ve^mmaen Interessen sich nicht wieder da-
wird also ckbzuwarten sein, inneren außenpolitischen Mißerfolge die
liTn fftA SU voller Kraft aufleben Abstimmuna ne-^ ^ellung nach links ist durch die lick ^erscheint worden. obwohl es fast unmög-
Soüaliften haben Rkehrheit zu bestimmen. Die
sehr v el über die E^"^en Monaten unter sich
Ki L s-'-d-r d»? «-A
einer freien parlamentarischen Unterstützung als durch Entsendung von Sozialisten in die Regierung. Es wird nun darauf ankommen, wie sich die „Populari", die katholische Volkspättei, verhält. Von ihr war das Mißtrauensvotum gegen Facta beantragt worden. Sie müßte also in der neuen Regierung vertreten sein. Die größten Schwierigkeiten bestehen darin, zwischen den Populari und den linken und mittleren bürgerlichen Gruppen eine Brücke zu bilden. Die Schulfragen, das Verhältnis zum Vatikan, aber auch das sehr vorgeschrittene sozialpolitische Programm der Populari lassen sich kaum mit den Ideen des bürgerlichen Liberalismus unter eine gemeinsame Formel bringen. Jedenfalls müßte man die grundsätzlichen Programmpunkte wieder hinter den Bedürfnissen der Tagespolitik zurückstellen. Dazu kommt das noch immer brennende Problem des Faszismus, der das Land unter einem Terror hält, der jeden Augenblick zu blutigen Zusammenstößen mit den Sozialisten bereit ist. Die „starke Hand", die mit den Faszisten fertig würde, hat auch Facta nicht gehabt. Wird sein Nachfolger sie haben? Jedenfalls besteht die Gefahr weiter, daß der Faszismus auch die neue Regierung in allerhand Ver- leaenheiten stürzt. Da es meistens nicht ohne Tote abgeht, wenn die Faszisten auf die Straße kommen, sind sie freilich nicht als eine (juk>vtit6 zu be
handeln. Man wird mit ihnen vielleicht nur fertig werden, indem man die öffentliche Ordnung mit den schärfsten Mitteln sichert. Und vielleicht wäre das die nächste Aufgabe, die sich die neue Regierung zu stellen Hütte!
Avezzauo — italienischer Außenminister?
D. Seng, 21. Juli. (Eig. DrabGericht.) In Konferenz- kreisen rechnet man mit der Berufung des Barons Avezzono mm Außenminister in.dem kommenden ttaste- nllckei, Mimstettum. — Der Baron war. der Führer der italien'schen Delegation im Saas und ist ein oolttAcker und persönlicher Freund Nittis.
Oberitalien vor einem Bürgerkrieg.
D. Mailand. 21. Juli. (Eig. Drabtbericht.) . Die Kämpfe zwischen Sozialisten und Faszisten im Zusammenbange mit der Mrnnttttrise haben die Arber- tirschaft in Oberitalien ganz auß:r Rand und Rand gebracht. Es wurde sowohl in der Provinz Mailand als auch in Piemont der Generalstreik erklärt, der sich auch auf die übrigen Orte auszudebnen beginnt. In Mailand imd die Faszistenlemoneu mobilisiert worden. Der Vorstand der Faszisten in Mailand erklärt in einem Manifest an die Ve- rölkerunn. er nehme den F-hdehandihnb der Gegner auf und werde streng gegen jeden Angriff auf das Vaterland ein- schreiten. Der Präfekt non Mailand bat besondere Verordnungen zur Aufrebterbaltung der Ordnung erlassen. Die wichtigsten Gebäude stirb militärisch besetzt.
Wiedfeld dementiert.
v. Plymouth, 21. Juli. (Eig. Drabtbericht.) Der deutsche Botschafter in Washinatorr. Otto Wredfeld. bat stch bei stiner Durchfahrt von New Pott nach Deutschland in Plymouth interviewen lassen. Bei dieser Gelegenheit erklärte er. daß es nicht wabr sei, daß er als Nachfolger Dr Rathenaus als Außenminister in Aussicht genommen sei. Er werde vielmehr nach kurzem Auferrtbalt sofort auf sein«« Posten nach Washington zurückkebren.
Keine Rütkderufuug ber bayerischen Truppen von den Übungsplätzen.
W. T.-B. Berlin. 21. Juli. Die von den ^Münchener Neuesten Nachrichten" veröffentlichte Meldung von einer telegraphischen Rückberuiung des bayerischen Reickswehrkon- tinsents ist unzutreffend. Es bandelt sich darum, daß ein Teil der bayerischen Truppen seine Übungen beendet bat und auf dem Rückwege nach den Standorten begriffen ist. Ein anderer Teil bat die Übungen noch zu beenden. Für eine Änderung der Übungsplätze ist keinerlei Grund gegeben.
Haussuchung bei den Aufrechten in Münster.
Br. Münster. 21 Juli. ?Eig. Drabtbericht.) Wie von zuständiger Stelle verlautet, fand auf Veranlassung des Obec- vrästdenten auf Grund von Anzeigen über das Weiterbesteben des durch den Minister des Innern nach den Verordnungen vom 26. und 2k Juni verbotenen Bundes der Aufrechten am 18 . d. M. H-rusiuchung-n in Münster statt, bei denen verdächtiges Material aufgefunden und be- scklaanabmt wurde. Der Schriftfübrer der Ottsgruvve Münster wurde festgenomme» und na h seiner Vernebmung. da Fluchtverdacht oder Verdunkelungsgefahr nickt bestehen, wieder auf freien Futz gesetzt.
Der Bericht des GsraNtiekom tees.
D. Paris. 21. Juli. (Eigener Drabtbericht.) Über den voraussichtlichen Bericht des Laranriekomitees verlautet von zuverlässiger Quelle, die llnterkommissron iür die Ausgaben im deutickren Budget ist »u dem Schluß, gekommen, das eine Einschränkung der Ausgaben t m Bus get Nick t mebr mögltck ist D'e Komntiistoa glaubt besonders die Streichung der für Erkaltung der Volksgesundbeit vorge- sebeneu Summen uicf)t fordern zu dürfen und erkennt aum weiter an. daß das deutsche Eisenbahnnetz der neuen Erenz- ssibrung angevaßt werden müsse. Die Kommission für die Prüfung der Einnahmen bat «n Eindruck gewonnen, da» neue Steuern k'' um mehr möglichsind zumal nenn die bereits öestebenden Steuern gewissenbaft einge- triebeu werden. Auch die Z w a n,g s a n l e i h e soll möglichst rasch bis Jabresenre durcksekührt werden Die Kommission. die sich nnt der Kapitalflucht bekßie bat eine Reibe von Maßnahmen oorgercklasen. um die Devtsenweku- iotion zu vorbindern. Sie ja das Hauvtmittel zur Kavttal- fiuckt ist. Es wurde dabei aber betont, daß eine gänzliche Verhinderung der Kapitalabwanderung unmöglich ist Auch die Unterkomm,lston für wirtschaftliche Statistik bat bervor- geboben. daß sie immer das größte Entsegenkommen bei den deutschen Behörden gefunden babe und auf, ernsten Widerstand nickt gestoßen sei. Der Bericht, der für Deutschland günstig lautet, beweist, daß. wenn man st» lacklich und eingehend mit den deutschen Verhältnissen beschäftigt, man feitstellen kann, daß jegliches Mißtrauen gegemiber Deutschland unbegründet ist. D»r Kommission, bat sich ein- gebend mit der Materie besmäitigi. In zahllosen Sitzungen haben ibr die deutschen Lebörden und vor allem Reichsfinauz- n inister Dr. Hermes die gewünschten Auskünfte und Erlautr- runsen gegeben. Die Kommission konnte sich denn auch drs Eindrucks nicht verschließen, daß man in Deutschland ernstlich l cmübt ist. Ordnung in den finanziellen Verbaltmssen zu 'schaffen, um endlich eine stabile Grundlage für die wirtschaftlichen Transaktionen zu schäffen. damit diese nickt immer in Form von Spekulationen ^abgeschlossen und auch ausscmbri werden. Selbst der Vorsitzende der Kommission, der Franrose M o n c l e r e. bat die Anstrengungen der deutschen Regierung ,n den wockienlange« Verbandlunsen derausgcmerkt und be, seiner Rückreise nach Paris sehr günstige Eindrücke aus Berlin mttgebrackt. Er wurde loiori zu Pstncars beruk-n. um ihm einen ein- gibenden Bericht über die Vorhandlungen zu..«statten und auch diesem gegenüber bat er sich sehr günstig über die Verhältnisse in Deutschland ausgesprochen. Durch dieses Zeugnis des Franzosen wird bosfeuilick ein berubigendes Moment m die französische Presse geiragen und das Märchen..von dem deutschen schleckten Willen und den böswilligen Vergeben ein Ende finden. Der Pariser ..Eclaire bemerkt in einer Besprechung der Berlautbenmgen über den Bericht, daß. wenn bas endgültige Dokument diesen VK- zeicken entspräche. England ein gutes Mittel in die Hand bekomme. um das von Deuisck'land geforderte Moratorium Frankreich gegenüben durckzuwtzen. Die Entscheidung wird jedenfalls in der Be-forechung zwischen Llood George und Voincarö fallen die dann ibrerscits ihre Vertreter in der Reoarattonskoministion insttuieren weiden, da zwischen ilmen -auch die mit dem Reyarationsvroblem Mt» sammenbänseuden anderen Probleme besprochen werden, r. B. die interalliierten Schulden an Amerika, die franzö- ssschen Schulden an England usw. Auf englischer Seite bofn wan jedenfalls, daß man zu einer Einigung gelangt. Selbstverständlich werden für das neue Moratorium gam genau wie für das oorbersebend« kleinere Garantien verlangt werden, die von Frankreich ziemlich ßbarf angejetzt werden. Dotncars erklärte in einer Besprechung mit den Prefseoertretern am Quai d'Orsay, daß die Kontroll- waßnabmen ausgefübri werden, die bei Eeleaeubeit des ersten Moratoriums iw März d. I. von Deutsüiland verlangt wurden, und betonte, daß auck ein. neues Moratorirrrp dre Zustckerurig von Garantien notwendig mache.
Amerikanische Kriegsmillionäre.
O. London. 21. Juli. (Eis. Drabtbericht.) In einer Rede, die der Vertreter der amerikanischen Gewerrschaften. Gay. aus der Zusammenkunft der englischen Bergarbeiter in Vlackvool hielt, erklärte er. daß während des Krieges i>, den V«reinigten Staaten nickt weniger als 20 000 Leute zu Millionären geworden wären.
Mmisterkrise in China.
W..T.-B. Paris, 20. Juli. Di« ..Chicago Trtbime" meldet aus Peking: Das chinesische Kabinett ist »urück- getreten. Der Prästdent lehnte es jedoch ab. die Demission anrunehmen, bevor das Parlament ruiammenttltt. Darauf, bin ist zunächst der Lina ns minister von seinem Amt zurückgetrete» ,
Br. Berlin. 21. Juli. (Eia. Drahtbericht.) Der Auswärtige Ausschuß des Reichstags. <m dessen Beratungen neben Reichskanzler Dr. D t r t h auch Vizekanzler Bauer. Reicksiinansminister Dr. , Hermes. Reichswirtschattsminisder Dr. Schmidt sowie zablreicks Mitglieder des Buswättigen Ausschusses des Retchoraiks tettuekmen. setzte am Freitag seine vertraulichen Besprechungen über die Verbau dl ungen mit dem Garant iekomitee fort. Die Sitzung aalt vor allem einer Aussprache der einzelnen Parteien zu dem Ergebnis der Verhandlungen.
Die Msrganbauk und KarÄntiekommisiion.
Br. Berlin. 21. Juli. (Ei». Draütbericht.) Wie dos „V. T." von gut unterrichteter Seite eriabrt. batte die Moreanbaitt Mssker S ck u e t t e. <e>nen »ürer bervor- roacndsten D-rektoren. zu den Verbandlunaeu der Garantie- komm'ssion noch Berlin entsandt. Schuette .batte sowohl die Ausgabe. Morgan alle wicktigen Einzelheiten der Ber- bandlungrn mitzuteilen. als auch di« Stellunguabme Vtvr- gons zu twn we^ntlichen Punkten der GarantieverchLnd- lungen bekairrtzugebon. Swuette. der im Lauf« srines Aufenthalts auch mit der Derliuer Sochfinam mck Grotz- irckusttie durch Unterredungen Fühlung nahm, wird voraussichtlich beute Berlin wieder verlassen.
Bekbehalttmg der Kontrolle über die Zölle mkd die Ausfuhr.
v. Paris. 21. Juli. (Eis. DrrcktLeriM.) Wie d« .T'emos" mitteilt, bat das S a r a n t i«k o m r tee durch- säetzt, daß di« beftebende Konttolle über die Zolle und die Äusrubr aufrechterbalten bleibt. Das Garau- tieknmitee werde seinen Bericht an die Revaratwno- kommission nicht vor nächsten Dienstag uberrnchea. — Poin.arö überreichte gestern dem Präsidenten der Reva- rattvnskommsssion Drtbois «in Memorandum, das er mit dem Finanzminister ausgearbeitet bat und rn welche m die Verantwortlichkeit Dein tick l an ds kur leime
